Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Araṇyakāṇḍa

Sarga 33: Śūrpaṇakhā Rāvaṇa Bhartsanam Śūrpaṇakhā schilt Rāvaṇa als nachlässigen König

tataḥ śūrpaṇakhā dīnā rāvaṇam loka rāvaṇam | amātya madhye saṃkruddhā paruṣam vākyam abravīt || 3-33-1

Da sprach die elende Śūrpaṇakhā, inmitten der Minister voller Zorn, zu Rāvaṇa, dem Schrecken der Welt, harte Worte:

Wort für Wort
tataḥ śūrpaṇakhā dīnā
da die elende Śūrpaṇakhā
rāvaṇam loka rāvaṇam
zu Rāvaṇa, dem Schrecken der Welt
amātya madhye saṃkruddhā
inmitten der Minister, voller Zorn
paruṣam vākyam abravīt
sprach harte Worte

pramattaḥ kāma bhogeṣu svaira vṛtto niraṃkuśaḥ | samutpannam bhayam ghoram boddhavyam na avabudhyase || 3-33-2

„Berauscht von sinnlichen Genüssen, eigenwillig lebend, unbeherrscht – die entstandene furchtbare Gefahr, die man erkennen müsste, erkennst du nicht.

Wort für Wort
pramattaḥ kāma bhogeṣu
berauscht von sinnlichen Genüssen
svaira vṛtto niraṃkuśaḥ
eigenwillig lebend, unbeherrscht
samutpannam bhayam ghoram
die entstandene furchtbare Gefahr
boddhavyam na avabudhyase
die man erkennen müsste, erkennst du nicht

saktam grāmyeṣu bhogeṣu kāma vṛttam mahīpatim | lubdham na bahu manyante śmaśāna agnim iva prajāḥ || 3-33-3

Einen an gewöhnlichen Genüssen hängenden, seinen Begierden folgenden, gierigen König schätzen die Untertanen nicht sehr, wie sie das Feuer auf dem Leichenfeld nicht schätzen.

Wort für Wort
saktam grāmyeṣu bhogeṣu
an gewöhnlichen Genüssen hängend
kāma vṛttam mahīpatim
den Begierden folgend, den König
lubdham na bahu manyante
den Gierigen schätzen sie nicht sehr
śmaśāna agnim iva prajāḥ
wie die Untertanen das Feuer auf dem Leichenfeld

svayam kāryāṇi yaḥ kāle na anutiṣṭhati pārthivaḥ | sa tu vai saha rājyena taiḥ ca kāryaiḥ vinaśyati || 3-33-4

Ein König, der seine Aufgaben zur rechten Zeit nicht selbst erfüllt, geht mit seinem Königreich samt jenen Aufgaben zugrunde.

Wort für Wort
svayam kāryāṇi yaḥ kāle
seine Aufgaben zur rechten Zeit, wer
na anutiṣṭhati pārthivaḥ
nicht selbst erfüllt, der König
sa tu vai saha rājyena
er geht mit dem Königreich
taiḥ ca kāryaiḥ vinaśyati
und mit jenen Aufgaben zugrunde

ayukta cāram durdarśam asvādhīnam narādhipam | varjayanti narā dūrāt nadī paṃkam iva dvipāḥ || 3-33-5

Einen König ohne geeignete Kundschafter, schwer zu erreichen, sich selbst nicht beherrschend, meiden die Menschen von Weitem, wie Elefanten den Schlamm eines Flusses.

Wort für Wort
ayukta cāram durdarśam
ohne geeignete Kundschafter, schwer zu erreichen
asvādhīnam narādhipam
sich selbst nicht beherrschend, den König
varjayanti narā dūrāt
meiden die Menschen von Weitem
nadī paṃkam iva dvipāḥ
wie Elefanten den Flussschlamm

ye na rakṣanti viṣayam asvādhīnā narādhipaḥ | te na vṛddhyā prakāśante girayaḥ sāgare yathā || 3-33-6

Könige, die ihr Reich nicht schützen, sich selbst nicht beherrschend, leuchten nicht durch Wachstum, wie Berge nicht im Meer leuchten.

Wort für Wort
ye na rakṣanti viṣayam
die ihr Reich nicht schützen
asvādhīnā narādhipaḥ
sich selbst nicht beherrschend, die Könige
te na vṛddhyā prakāśante
sie leuchten nicht durch Wachstum
girayaḥ sāgare yathā
wie Berge im Meer nicht

ātmavadbhiḥ vigṛhya tvam deva gaṃdharva dānavaiḥ | ayukta cāraḥ capalaḥ katham rājā bhaviṣyasi || 3-33-7

Wie kannst du, in Streit geraten mit selbstbeherrschten Göttern, Gandharvas und Dānavas, ohne geeignete Kundschafter, unbeständig, ein König sein?

Wort für Wort
ātmavadbhiḥ vigṛhya tvam
mit den Selbstbeherrschten in Streit geraten, du
deva gaṃdharva dānavaiḥ
mit Göttern, Gandharvas, Dānavas
ayukta cāraḥ capalaḥ
ohne geeignete Kundschafter, unbeständig
katham rājā bhaviṣyasi
wie wirst du ein König sein

tvam tu bāla svabhāvat ca buddhi hīnaḥ ca rākṣasa | jñātavyam tu na jānīṣi katham rājā bhaviṣyasi || 3-33-8

Du aber bist von kindlichem Wesen und ohne Einsicht, Rākṣasa – was zu wissen wäre, weißt du nicht; wie kannst du ein König sein?

Wort für Wort
tvam tu bāla svabhāvat ca
du aber, von kindlichem Wesen
buddhi hīnaḥ ca rākṣasa
und ohne Einsicht, Rākṣasa
jñātavyam tu na jānīṣi
was zu wissen wäre, weißt du nicht
katham rājā bhaviṣyasi
wie wirst du ein König sein

yeṣām cāraḥ ca kośaḥ ca nayaḥ ca jayatām vara | asvādhīnā narendrāṇām prākṛtaiḥ te janaiḥ samāḥ || 3-33-9

Könige, o Bester der Sieger, deren Kundschafterwesen, Schatzkammer und Staatskunst nicht in eigener Hand liegen, sind gewöhnlichen Leuten gleich.

Wort für Wort
yeṣām cāraḥ ca kośaḥ ca
deren Kundschafterwesen und Schatzkammer
nayaḥ ca jayatām vara
und Staatskunst, o Bester der Sieger
asvādhīnā narendrāṇām
nicht in eigener Hand, der Könige
prākṛtaiḥ te janaiḥ samāḥ
sie sind gewöhnlichen Leuten gleich

yasmāt paśyanti dūrasthān sarvān arthān narādhipāḥ | cāreṇa tasmāt ucyante rājāno dīrgha cakṣuṣaḥ || 3-33-10

Weil Könige durch Kundschafter alle fernliegenden Angelegenheiten erkennen können, werden sie deshalb ‚die mit dem weitreichenden Blick‘ genannt.

Wort für Wort
yasmāt paśyanti dūrasthān
weil sie die fernliegenden sehen
sarvān arthān narādhipāḥ
alle Angelegenheiten, die Könige
cāreṇa tasmāt ucyante
durch Kundschafter werden sie deshalb genannt
rājāno dīrgha cakṣuṣaḥ
Könige mit weitreichendem Blick

ayukta cāram manye tvām prākṛtaiḥ sacivaiḥ yutaḥ | sva janam ca janasthānam nihatam na avabudhyase || 3-33-11

Ich halte dich für einen ohne geeignete Kundschafter, umgeben von gewöhnlichen Ministern – dass dein eigenes Volk und Janasthāna vernichtet sind, erkennst du gar nicht.

Wort für Wort
ayukta cāram manye tvām
ich halte dich für einen ohne geeignete Kundschafter
prākṛtaiḥ sacivaiḥ yutaḥ
umgeben von gewöhnlichen Ministern
sva janam ca janasthānam
dein eigenes Volk und Janasthāna
nihatam na avabudhyase
vernichtet, erkennst du nicht

caturdaśa sahasrāṇi rakṣasām bhīma karmaṇām | hatāni ekena rāmeṇa kharaḥ ca saha dūṣaṇaḥ || 3-33-12

Vierzehntausend Rākṣasas von furchtbarem Tun wurden von dem einen Rāma erschlagen, samt Khara und Dūṣaṇa.

Wort für Wort
caturdaśa sahasrāṇi
vierzehntausend
rakṣasām bhīma karmaṇām
Rākṣasas von furchtbarem Tun
hatāni ekena rāmeṇa
erschlagen von dem einen Rāma
kharaḥ ca saha dūṣaṇaḥ
samt Khara und Dūṣaṇa

ṛṣīṇām abhayam dattam kṛta kṣemāḥ ca daṇḍakāḥ | dharṣitam ca janasthānam rāmeṇa akliṣṭa kāriṇā || 3-33-13

Den Ṛṣis wurde Sicherheit gewährt, die Daṇḍaka-Wälder wurden befriedet, und Janasthāna wurde von Rāma, dem in seinem Tun Unermüdlichen, überwältigt.

Wort für Wort
ṛṣīṇām abhayam dattam
den Ṛṣis wurde Sicherheit gewährt
kṛta kṣemāḥ ca daṇḍakāḥ
und befriedet die Daṇḍaka-Wälder
dharṣitam ca janasthānam
und überwältigt Janasthāna
rāmeṇa akliṣṭa kāriṇā
von Rāma, dem Unermüdlichen

tvam tu lubdhaḥ pramattaḥ ca parādhīnaḥ ca rāvaṇa | viṣaye sve samutpannam yo bhayam na avabudhyase || 3-33-14

Du aber, gierig, berauscht und von anderen abhängig, Rāvaṇa, erkennst die in deinem eigenen Reich entstandene Gefahr nicht.

Wort für Wort
tvam tu lubdhaḥ pramattaḥ ca
du aber, gierig und berauscht
parādhīnaḥ ca rāvaṇa
und von anderen abhängig, Rāvaṇa
viṣaye sve samutpannam
die in deinem eigenen Reich entstandene
yo bhayam na avabudhyase
die Gefahr erkennst du nicht

tīkṣṇam alpa pradātāram pramattam garvitam śaṭham | vyasane sarva bhūtāni na abhidhāvanti pārthivam || 3-33-15

Einem harten, wenig freigebigen, berauschten, hochmütigen, hinterhältigen König eilen in seiner Not alle Wesen nicht zu Hilfe.

Wort für Wort
tīkṣṇam alpa pradātāram
einem harten, wenig freigebigen
pramattam garvitam śaṭham
berauschten, hochmütigen, hinterhältigen
vyasane sarva bhūtāni
in seiner Not eilen alle Wesen
na abhidhāvanti pārthivam
dem König nicht zu Hilfe

atimāninam agrāhyam ātma saṃbhāvitam naram | krodhinam vyasane hanti sva jano api narādhipam || 3-33-16

Einen überheblichen, unzugänglichen, selbstgefälligen, zornmütigen König erschlägt in seiner Not sogar sein eigenes Volk.

Wort für Wort
atimāninam agrāhyam
den überheblichen, unzugänglichen
ātma saṃbhāvitam naram
selbstgefälligen Menschen
krodhinam vyasane hanti
den zornmütigen, in Not erschlägt
sva jano api narādhipam
sogar sein eigenes Volk den König

na anutiṣṭhati kāryāṇi bhayeṣu na bibheti ca | kṣipram rājyāt cyuto dīnaḥ tṛṇaiḥ tulyo bhavet iha || 3-33-17

Wer seine Aufgaben nicht erfüllt und sich in Gefahren nicht fürchtet, wird rasch seines Königreichs beraubt, elend, gleich einem Strohhalm hier.

Wort für Wort
na anutiṣṭhati kāryāṇi
wer seine Aufgaben nicht erfüllt
bhayeṣu na bibheti ca
und sich in Gefahren nicht fürchtet
kṣipram rājyāt cyuto dīnaḥ
wird rasch seines Königreichs beraubt, elend
tṛṇaiḥ tulyo bhavet iha
wird hier einem Strohhalm gleich

śuṣka kāṣṭhaiḥ bhavet kāryam loṣṭaiḥ api ca pāṃsubhiḥ | na tu sthānāt paribhraṣṭaiḥ kāryam syāt vasudhādhipaiḥ || 3-33-18

Mit trockenem Holz, mit Erdklumpen und selbst mit Staub kann man noch etwas anfangen; mit aus ihrer Stellung Gefallenen aber, mit Erdherrschern, lässt sich nichts mehr anfangen.

Wort für Wort
śuṣka kāṣṭhaiḥ bhavet kāryam
mit trockenem Holz kann man etwas anfangen
loṣṭaiḥ api ca pāṃsubhiḥ
auch mit Erdklumpen und Staub
na tu sthānāt paribhraṣṭaiḥ
nicht aber mit aus ihrer Stellung Gefallenen
kāryam syāt vasudhādhipaiḥ
lässt sich mit Erdherrschern etwas anfangen

upabhuktam yathā vāsaḥ srajo vā mṛditā yathā | evam rājyāt paribhraṣṭaḥ samartho api nirarthakaḥ || 3-33-19

Wie ein abgetragenes Gewand, wie eine zerdrückte Blumengirlande, so ist ein seines Königreichs Beraubter, selbst wenn er fähig ist, nutzlos.

Wort für Wort
upabhuktam yathā vāsaḥ
wie ein abgetragenes Gewand
srajo vā mṛditā yathā
oder wie eine zerdrückte Girlande
evam rājyāt paribhraṣṭaḥ
so ist ein seines Königreichs Beraubter
samartho api nirarthakaḥ
selbst wenn fähig, nutzlos

apramattaḥ ca yo rājā sarvajño vijitendriyaḥ | kṛtajño dharma śīlaḥ ca sa rājā tiṣṭhate ciram || 3-33-20

Ein König aber, der unachtsam nicht ist, allwissend, seine Sinne bezwungen hat, dankbar und der Rechtschaffenheit zugetan ist, ein solcher König besteht lange.

Wort für Wort
apramattaḥ ca yo rājā
ein König aber, der unachtsam nicht ist
sarvajño vijitendriyaḥ
allwissend, mit bezwungenen Sinnen
kṛtajño dharma śīlaḥ ca
dankbar und der Rechtschaffenheit zugetan
sa rājā tiṣṭhate ciram
ein solcher König besteht lange

nayanābhyām prasupto vā jāgarti naya cakṣuṣā | vyakta krodha prasādaḥ ca sa rājā pūjyate janaiḥ || 3-33-21

Selbst wenn seine Augen schlafen, wacht er mit dem Auge der Staatsklugheit; ein solcher König, dessen Zorn und Gnade offenkundig sind, wird von den Menschen geehrt.

Wort für Wort
nayanābhyām prasupto vā
selbst wenn mit den Augen schlafend
jāgarti naya cakṣuṣā
wacht er mit dem Auge der Staatsklugheit
vyakta krodha prasādaḥ ca
dessen Zorn und Gnade offenkundig sind
sa rājā pūjyate janaiḥ
ein solcher König wird von den Menschen geehrt

tvam tu rāvaṇa durbuddhiḥ guṇaiḥ etaiḥ vivarjitaḥ | yasya te aviditaḥ cāraiḥ rakṣasām sumahān vadhaḥ || 3-33-22

Du aber, Rāvaṇa, von schlechtem Verstand, dieser Tugenden beraubt – dir ist durch deine Kundschafter nicht einmal die überaus gewaltige Tötung der Rākṣasas bekannt geworden.

Wort für Wort
tvam tu rāvaṇa durbuddhiḥ
du aber, Rāvaṇa, von schlechtem Verstand
guṇaiḥ etaiḥ vivarjitaḥ
dieser Tugenden beraubt
yasya te aviditaḥ cāraiḥ
dem durch Kundschafter nicht bekannt wurde
rakṣasām sumahān vadhaḥ
die überaus gewaltige Tötung der Rākṣasas

para avamaṃtā viṣayeṣu saṃgavān na deśa kāla pravibhāga tattva vit | ayukta buddhiḥ guṇa doṣa niścaye vipanna rājyo na cirāt vipatsyate || 3-33-23

Wer andere geringschätzt, an sinnlichen Genüssen hängt, den wahren Unterschied von Ort und Zeit nicht kennt und im Beurteilen von Tugend und Fehler unfähig ist, dessen Königreich ist schon verloren – er wird bald zugrunde gehen.

Wort für Wort
para avamaṃtā viṣayeṣu saṃgavān
andere geringschätzend, an sinnlichen Genüssen hängend
na deśa kāla pravibhāga tattva vit
den wahren Unterschied von Ort und Zeit nicht kennend
ayukta buddhiḥ guṇa doṣa niścaye
unfähigen Verstands im Beurteilen von Tugend und Fehler
vipanna rājyo na cirāt vipatsyate
dessen Königreich verloren ist, wird bald zugrunde gehen

iti sva doṣān parikīrtitām tayā samīkṣya buddhyā kṣaṇadā careśvaraḥ | dhanena darpeṇa balena ca anvito vicintayāmāsa ciram sa rāvaṇaḥ || 3-33-24

Nachdem er so seine eigenen, von ihr genannten Fehler mit seinem Verstand bedacht hatte, der Herr der Nachtwandler, von Reichtum, Hochmut und Kraft erfüllt, dachte Rāvaṇa lange nach.

Wort für Wort
iti sva doṣān parikīrtitām tayā
so seine von ihr genannten eigenen Fehler
samīkṣya buddhyā kṣaṇadā careśvaraḥ
mit dem Verstand bedenkend, der Herr der Nachtwandler
dhanena darpeṇa balena ca anvito
von Reichtum, Hochmut und Kraft erfüllt
vicintayāmāsa ciram sa rāvaṇaḥ
dachte Rāvaṇa lange nach

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