Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Araṇyakāṇḍa

Sarga 53: Sītā Vilāpaḥ Sītās Klage

kham utpatantam tam dṛṣṭvā maithilī janaka ātmajā | duḥkhitā parama udvignā bhaye mahati vartinī || 3-53-1

Als sie ihn in den Himmel aufsteigen sah, Maithilī, Janakas Tochter, betrübt, äußerst aufgewühlt, in großer Angst befindlich.

Wort für Wort
kham utpatantam tam dṛṣṭvā
als sie ihn zum Himmel aufsteigen sah
maithilī janaka ātmajā
Maithilī, Janakas Tochter
duḥkhitā parama udvignā
betrübt, äußerst aufgewühlt
bhaye mahati vartinī
in großer Angst befindlich

roṣa rodana tāmrākṣī bhīmākṣam rākṣasa adhipam | rudatī karuṇam sītā hriyamāṇā idam abravīt || 3-53-2

Mit von Zorn und Weinen geröteten Augen sprach Sītā, fortgeraubt, kläglich weinend, zu dem furchtbaräugigen Rākṣasa-Fürsten diese Worte.

Wort für Wort
roṣa rodana tāmrākṣī
mit von Zorn und Weinen geröteten Augen
bhīmākṣam rākṣasa adhipam
zum furchtbaräugigen Rākṣasa-Fürsten
rudatī karuṇam sītā
kläglich weinend, Sītā
hriyamāṇā idam abravīt
fortgeraubt, sprach dies

na vyapatrapase nīca karmaṇā anena rāvaṇa | jñātvā virahitām yo mām corayitvā palāyase || 3-53-3

Schämst du dich nicht dieser niedrigen Tat, Rāvaṇa, der du, wissend, daß ich allein war, mich raubst und davonfliehst?

Wort für Wort
na vyapatrapase
du schämst dich nicht
nīca karmaṇā anena
dieser niedrigen Tat
rāvaṇa
Rāvaṇa
jñātvā virahitām yo mām
der du, wissend, daß ich allein war
corayitvā palāyase
stiehlst und fliehst davon

tvayā eva nūnam duṣṭātman bhīruṇā hartum icchatā | mama apavāhito bhartā mṛga rūpeṇa māyayā || 3-53-4

Gewiß hast du selbst, du Bösgesinnter, feige, in der Absicht zu rauben, meinen Gatten durch Zauberei in Gestalt eines Rehs weggelockt.

Wort für Wort
tvayā eva nūnam
gewiß von dir selbst
duṣṭātman
du Bösgesinnter
bhīruṇā hartum icchatā
feige, der du rauben wolltest
mama apavāhito bhartā
mein weggelockter Gatte
mṛga rūpeṇa māyayā
durch Zauberei in Rehgestalt

yo hi mām udyataḥ trātum so api ayam vinipātitaḥ | gṛdhra rājaḥ purāṇo asau śvaśurasya sakhā mama || 3-53-5

Wer sich anschickte, mich zu retten, auch er wurde niedergestreckt — dieser alte Geierkönig, ein Freund meines Schwiegervaters.

Wort für Wort
yo hi mām udyataḥ trātum
der, der sich anschickte, mich zu retten
so api ayam vinipātitaḥ
auch er wurde niedergestreckt
gṛdhra rājaḥ purāṇo asau
dieser alte Geierkönig
śvaśurasya sakhā mama
ein Freund meines Schwiegervaters

paramam khalu te vīryam dṛśyate rākṣasādhama | viśrāvya nāmadheyam hi yuddhe na asmi jitā tvayā || 3-53-6

Wahrlich, höchste Tapferkeit zeigt sich bei dir, du niedrigster der Rākṣasas — nachdem du deinen Namen verkündet hast, hast du mich doch nicht im Kampf besiegt.

Wort für Wort
paramam khalu te vīryam
wahrlich höchste Tapferkeit von dir
dṛśyate rākṣasādhama
zeigt sich, du niedrigster der Rākṣasas
viśrāvya nāmadheyam hi
nachdem du deinen Namen verkündet hast
yuddhe na asmi jitā tvayā
bin ich im Kampf nicht von dir besiegt worden

īdṛśam garhitam karma katham kṛtvā na lajjase | striyāḥ ca haraṇam nīca rahite ca parasya ca || 3-53-7

Wie kannst du eine solch verabscheuungswürdige Tat begehen, ohne dich zu schämen — den Raub der Frau eines anderen, allein zurückgelassen, du Niedriger?

Wort für Wort
īdṛśam garhitam karma
eine solch verabscheuungswürdige Tat
katham kṛtvā na lajjase
wie kannst du sie begehen, ohne dich zu schämen
striyāḥ ca haraṇam nīca
den Raub der Frau, du Niedriger
rahite ca parasya ca
des zurückgelassenen anderen

kathayiṣyanti lokeṣu puruṣāḥ karma kutsitam | sunṛśaṃsam adharmiṣṭham tava śauṇḍīrya māninaḥ || 3-53-8

Die Menschen werden in den Welten von deiner verwerflichen, überaus grausamen, höchst unrechten Tat sprechen, du auf deine Verwegenheit stolzer.

Wort für Wort
kathayiṣyanti lokeṣu puruṣāḥ
die Menschen werden in den Welten sprechen
karma kutsitam
von der verwerflichen Tat
sunṛśaṃsam adharmiṣṭham
der überaus grausamen, höchst unrechten
tava śauṇḍīrya māninaḥ
von dir, der auf seine Verwegenheit stolz ist

dhik te śauryam ca sattvam ca yat tvayā kathitam tadā | kula ākrośakaram loke dhik te cāritram īdṛśam || 3-53-9

Schande über deine Tapferkeit und deinen Mut, von denen du damals gesprochen hast! Schande über solch einen Lebenswandel, der deine Sippe in der Welt beschimpft!

Wort für Wort
dhik te śauryam ca sattvam ca
Schande über deine Tapferkeit und deinen Mut
yat tvayā kathitam tadā
von denen du damals gesprochen hast
kula ākrośakaram loke
der die Sippe in der Welt beschimpft
dhik te cāritram īdṛśam
Schande über solch einen Lebenswandel von dir

kim śakyam kartum evam hi yat javena eva dhāvasi | muhūrtam api tiṣṭhasva na jīvan pratiyāsyasi || 3-53-10

Was kann man tun — du fliehst ja nur mit Eile davon! Bleib nur einen Augenblick stehen: lebend wirst du nicht zurückkehren.

Wort für Wort
kim śakyam kartum evam hi
was kann man da tun
yat javena eva dhāvasi
da du nur mit Eile fliehst
muhūrtam api tiṣṭhasva
bleib nur einen Augenblick stehen
na jīvan pratiyāsyasi
lebend wirst du nicht zurückkehren

na hi cakṣuḥ patham prāpya tayoḥ pārthiva putrayoḥ | sa sainyo api samarthaḥ tvam muhūrtam api jīvitum || 3-53-11

Denn wenn du in das Blickfeld jener beiden Königssöhne gerätst, wirst du, selbst mit deinem Heer, nicht imstande sein, auch nur einen Augenblick zu leben.

Wort für Wort
na hi cakṣuḥ patham prāpya
denn wenn du nicht in das Blickfeld gerätst
tayoḥ pārthiva putrayoḥ
jener beiden Königssöhne
sa sainyo api
selbst mit deinem Heer
samarthaḥ tvam
wirst du imstande sein
muhūrtam api jīvitum
auch nur einen Augenblick zu leben

na tvam tayoḥ śara sparśam soḍhum śaktaḥ kathaṃcana | vane prajvalitasya iva sparśam agneḥ vihaṃgamaḥ || 3-53-12

Du wirst keineswegs imstande sein, die Berührung ihrer Pfeile zu ertragen, so wenig wie ein Vogel die Berührung eines im Wald lodernden Feuers.

Wort für Wort
na tvam tayoḥ śara sparśam
du nicht die Berührung ihrer Pfeile
soḍhum śaktaḥ kathaṃcana
imstande zu ertragen, in keiner Weise
vane prajvalitasya
des im Wald lodernden
iva sparśam agneḥ vihaṃgamaḥ
wie die Berührung des Feuers ein Vogel

sādhu kṛtvā ātmanaḥ pathyam sādhu mām muṃca rāvaṇa | mat pradharṣaṇa ruṣṭo hi bhrātrā saha patiḥ mama || 3-53-13

Tue das Gute, was dir selbst zuträglich ist — laß mich, wohl bedacht, frei, Rāvaṇa! Denn erzürnt über meine Schändung wird mein Gatte samt seinem Bruder.

Wort für Wort
sādhu kṛtvā ātmanaḥ pathyam
das Gute tuend, was dir selbst zuträglich ist
sādhu mām muṃca rāvaṇa
laß mich wohl bedacht frei, Rāvaṇa
mat pradharṣaṇa ruṣṭo hi
denn erzürnt über meine Schändung
bhrātrā saha patiḥ mama
mein Gatte samt seinem Bruder

vidhāsyati vināśāya tvam mām yadi na muṃcasi | yena tvam vyavasāyena balāt mām hartum icchasi || 3-53-14

wird er dich zugrunde richten, wenn du mich nicht freiläßt — durch jenen Entschluß, mit dem du mich mit Gewalt zu rauben trachtest.

Wort für Wort
vidhāsyati vināśāya tvam
er wird dich zugrunde richten
mām yadi na muṃcasi
wenn du mich nicht freiläßt
yena tvam vyavasāyena
durch welchen Entschluß du
balāt mām hartum icchasi
mich mit Gewalt zu rauben trachtest

vyavasāyaḥ tu te nīca bhaviṣyati nirarthakaḥ | na hi aham tam apaśyantī bhartāram vibudha upamam || 3-53-15

Doch dein Entschluß, du Niedriger, wird ergebnislos bleiben. Denn ich, die ich meinen Gatten, einem Gott gleich, nicht sehe.

Wort für Wort
vyavasāyaḥ tu te nīca
dein Entschluß aber, du Niedriger
bhaviṣyati nirarthakaḥ
wird ergebnislos bleiben
na hi aham
denn ich nicht
tam apaśyantī bhartāram vibudha upamam
die ich jenen Gatten, einem Gott gleich, nicht sehe

utsahe śatru vaśagā prāṇān dhārayitum ciram | na nūnam ca ātmanaḥ śreyaḥ pathyam vā samavekṣase || 3-53-16

vermag, in der Gewalt des Feindes, mein Leben nicht lange zu bewahren. Gewiß erkennst du weder dein eigenes Heil noch das dir Zuträgliche.

Wort für Wort
utsahe
vermag ich
śatru vaśagā
in der Gewalt des Feindes
prāṇān dhārayitum ciram
das Leben lange zu bewahren
na nūnam ca ātmanaḥ śreyaḥ
gewiß nicht dein eigenes Heil
pathyam vā samavekṣase
noch das dir Zuträgliche erkennst du

mṛtyu kāle yathā martyo viparītāni sevate | mumūrṣūṇām tu sarveṣām yat pathyam tat na rocate || 3-53-17

Wie ein Sterblicher zur Zeit seines Todes sich Verkehrtem zuwendet — allen, die im Sterben liegen, gefällt eben nicht, was ihnen zuträglich wäre.

Wort für Wort
mṛtyu kāle yathā martyo
wie zur Zeit des Todes ein Sterblicher
viparītāni sevate
sich Verkehrtem zuwendet
mumūrṣūṇām tu sarveṣām
allen aber, die sterben wollen
yat pathyam tat na rocate
gefällt nicht, was zuträglich wäre

paśyāmi iva hi kaṇṭhe tvām kāla pāśa avapāśitam | yathā ca asmin bhaya sthāne na bibheṣi daśānana || 3-53-18

Ich sehe dich gleichsam schon am Halse mit der Schlinge der Zeit gebunden, und wie du an diesem Ort der Gefahr keine Furcht hast, du Zehnköpfiger.

Wort für Wort
paśyāmi iva hi
ich sehe dich gleichsam schon
kaṇṭhe tvām kāla pāśa avapāśitam
am Hals von der Schlinge der Zeit gebunden
yathā ca asmin bhaya sthāne
und wie an diesem Ort der Gefahr
na bibheṣi daśānana
du keine Furcht hast, du Zehnköpfiger

vyaktam hiraṇmayān hi tvam saṃpaśyasi mahī ruhān | nadīm vaitaraṇīm ghorām rudhira ogha vivāhinīm || 3-53-19

Offenbar erblickst du schon goldene Bäume und den furchtbaren Fluß Vaitaraṇī, der Blutfluten mit sich trägt.

Wort für Wort
vyaktam
offenbar
hiraṇmayān hi tvam saṃpaśyasi
erblickst du schon die goldenen
mahī ruhān
Bäume
nadīm vaitaraṇīm ghorām
den furchtbaren Fluß Vaitaraṇī
rudhira ogha vivāhinīm
der Blutfluten mit sich trägt

khaḍga patra vanam caiva bhīmam paśyasi rāvaṇa | tapta kāṃcana puṣpām ca vaidūrya pravara cchadām || 3-53-20

Auch den furchtbaren Wald mit Blättern aus Schwertern siehst du, Rāvaṇa, mit Blüten aus geglühtem Gold und Blättern aus feinstem Vaidūrya-Stein.

Wort für Wort
khaḍga patra vanam caiva
auch den Wald mit Schwertblättern
bhīmam paśyasi rāvaṇa
siehst du, den furchtbaren, Rāvaṇa
tapta kāṃcana puṣpām ca
mit Blüten aus geglühtem Gold
vaidūrya pravara cchadām
mit Blättern aus feinstem Vaidūrya

drakṣyase śālmalīm tīkṣṇām āyasaiḥ kaṇṭakaiḥ citām | na hi tvam īdṛśam kṛtvā tasya alīkam mahātmanaḥ || 3-53-21

Du wirst den scharfen Śālmalī-Baum sehen, besetzt mit eisernen Dornen. Denn du wirst, nachdem du solches Unrecht gegen jenen Hochgesinnten begangen hast.

Wort für Wort
drakṣyase śālmalīm tīkṣṇām
du wirst den scharfen Śālmalī-Baum sehen
āyasaiḥ kaṇṭakaiḥ citām
besetzt mit eisernen Dornen
na hi tvam īdṛśam kṛtvā
denn du, nachdem du solches begangen hast
tasya alīkam mahātmanaḥ
dieses Unrecht gegen jenen Hochgesinnten

dhāritum śaksyasi ciram viṣam pītvā iva nirghṛṇaḥ | baddhaḥ tvam kāla pāśena durnivāreṇa rāvaṇa || 3-53-22

nicht mehr lange bestehen können, wie einer, der Gift getrunken hat, du Erbarmungsloser. Gebunden bist du mit der unabwendbaren Schlinge der Zeit, Rāvaṇa.

Wort für Wort
dhāritum śaksyasi ciram
du wirst dich lange halten können
viṣam pītvā iva nirghṛṇaḥ
wie einer, der Gift getrunken hat, ohne Mitleid
baddhaḥ tvam kāla pāśena
gebunden bist du mit der Schlinge der Zeit
durnivāreṇa rāvaṇa
der unabwendbaren, Rāvaṇa

kva gato lapsyase śarma bhartuḥ mama mahātmanaḥ | nimeṣa antara mātreṇa vinā bhrātaram āhave || 3-53-23

Wohin auch geflohen, wirst du Frieden finden vor meinem hochgesinnten Gatten, der samt seinem Bruder binnen eines Augenblicks im Kampf.

Wort für Wort
kva gato lapsyase śarma
wohin geflohen wirst du Frieden finden
bhartuḥ mama mahātmanaḥ
vor meinem hochgesinnten Gatten
nimeṣa antara mātreṇa
binnen eines Augenblicks
vinā bhrātaram āhave
samt seinem Bruder im Kampf

rākṣasā nihatā yena sahasrāṇi caturdaśa | katham sa rāghavo vīraḥ sarva astra kuśalo balī || 3-53-24

Von dem vierzehntausend Rākṣasas erschlagen wurden — wie sollte jener heldenhafte Rāghava, kundig in allen Waffen, der Starke.

Wort für Wort
rākṣasā nihatā yena
von dem Rākṣasas erschlagen wurden
sahasrāṇi caturdaśa
vierzehntausend
katham sa rāghavo vīraḥ
wie sollte jener heldenhafte Rāghava
sarva astra kuśalo balī
kundig in allen Waffen, der Starke

na tvām hanyāt śaraiḥ tīkṣṇaiḥ iṣṭa bhāryā apahāriṇam | etat ca anyat ca paruṣam vaidehī rāvaṇa aṃka gā || 3-53-25

dich nicht mit scharfen Pfeilen erschlagen, den Räuber seiner geliebten Gattin? Dies und andere harte Worte sprach Vaidehī, in Rāvaṇas Arm ruhend.

Wort für Wort
na tvām hanyāt śaraiḥ tīkṣṇaiḥ
sollte er dich nicht mit scharfen Pfeilen erschlagen
iṣṭa bhāryā apahāriṇam
den Räuber seiner geliebten Gattin
etat ca anyat ca paruṣam
dies und andere harte Worte
vaidehī rāvaṇa aṃka gā
sprach Vaidehī, in Rāvaṇas Arm ruhend

bhaya śoka samāviṣṭā karuṇam vilalāpa ha | tathā bhṛśa ārtām bahu caiva bhāṣiṇīm | vilalāpa pūrvam karuṇam ca bhāminīm | jahāra pāpaḥ taruṇīm viveṣṭatīm | nṛpātmajām āgata gātra vepathum || 3-53-26

Von Furcht und Kummer erfüllt klagte sie kläglich. Sie, die so heftig Gequälte, die viel Redende, klagte zuvor kläglich, die schöne Frau — der Sündige entführte die junge Königstochter, die sich wand, deren Glieder von Zittern erfaßt waren.

Wort für Wort
bhaya śoka samāviṣṭā
von Furcht und Kummer erfüllt
karuṇam vilalāpa ha
klagte sie kläglich
tathā bhṛśa ārtām
so heftig gequält
bahu caiva bhāṣiṇīm
und viel redend
vilalāpa pūrvam karuṇam ca bhāminīm
die schöne Frau klagte zuvor kläglich
jahāra pāpaḥ taruṇīm viveṣṭatīm
der Sündige entführte die sich windende Junge
nṛpātmajām āgata gātra vepathum
die Königstochter, deren Glieder von Zittern erfaßt waren

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