Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Araṇyakāṇḍa

Sarga 49: Sītā Haraṇam Sītās Raub

sītāyā vacanam śrutvā daśagrīvaḥ pratāpavān | haste hastam samāhatya cakāra sumahat vapuḥ || 3-49-1

Nachdem er Sītās Wort gehört hatte, der Zehnhalsige, von großer Macht, schlug er Hand gegen Hand und nahm eine gewaltig große Gestalt an.

Wort für Wort
sītāyā vacanam śrutvā
Sītās Wort hörend
daśagrīvaḥ pratāpavān
der Zehnhalsige, von großer Macht
haste hastam samāhatya
Hand gegen Hand schlagend
cakāra sumahat vapuḥ
nahm eine gewaltig große Gestalt an

sa maithilīm punaḥ vākyam babhāṣe vākya kovidaḥ | na unmattayā śrutau manye mama vīrya parākramau || 3-49-2

Er, der Redekundige, sprach wieder zur Maithilī dieses Wort: ‚Ich meine, du hast, wie eine Wahnsinnige, meine Tapferkeit und Heldenkraft nicht gehört.'

Wort für Wort
sa maithilīm punaḥ vākyam
er zur Maithilī wieder ein Wort
babhāṣe vākya kovidaḥ
sprach, der Redekundige
na unmattayā śrutau manye
ich meine, du hast wie eine Wahnsinnige nicht gehört
mama vīrya parākramau
meine Tapferkeit und Heldenkraft

ud vaheyam bhujābhyām tu medinīm aṃbare sthitaḥ | āpibeyam samudram ca mṛtyum hanyām raṇe sthitaḥ || 3-49-3

‚Ich könnte mit meinen Armen die Erde emporheben, im Luftraum stehend; ich könnte den Ozean austrinken; ich könnte den Tod selbst im Kampf erschlagen, im Kampf stehend.'

Wort für Wort
ud vaheyam bhujābhyām tu
ich könnte mit den Armen emporheben
medinīm aṃbare sthitaḥ
die Erde, im Luftraum stehend
āpibeyam samudram ca
ich könnte den Ozean austrinken
mṛtyum hanyām raṇe sthitaḥ
den Tod erschlagen, im Kampf stehend

arkam tuṃdyām śaraiḥ tīkṣṇair vibhiṃdyām hi mahītalam | kāma rūpiṇam unmatte paśya mām kāmadam patim || 3-49-4

‚Ich könnte die Sonne durchbohren, mit scharfen Pfeilen die Erdoberfläche spalten – sieh mich, du Wahnsinnige, den nach Belieben seine Gestalt Wandelnden, den Wunscherfüllenden, deinen Gatten.'

Wort für Wort
arkam tuṃdyām śaraiḥ tīkṣṇair
die Sonne könnte ich durchbohren, mit scharfen Pfeilen
vibhiṃdyām hi mahītalam
die Erdoberfläche könnte ich spalten
kāma rūpiṇam unmatte paśya mām
sieh mich, du Wahnsinnige, den nach Belieben Gestaltwandelnden
kāmadam patim
den Wunscherfüllenden Gatten

evam uktavataḥ tasya rāvaṇasya śikhi prabhe | kruddhasya hari paryante rakte netre babhūvatuḥ || 3-49-5

Während er so sprach, wurden dem zornigen Rāvaṇa, von feuerhafter Glut, die Augen, an den Rändern gelb, rot,

Wort für Wort
evam uktavataḥ tasya rāvaṇasya
während er so sprach, jenem Rāvaṇa
śikhi prabhe
von feuerhafter Glut
kruddhasya hari paryante
dem Zornigen, an den Rändern gelb
rakte netre babhūvatuḥ
wurden die beiden Augen rot

sadyaḥ saumyam parityajya tīkṣṇa rūpam sa rāvaṇaḥ | svam rūpam kāla rūpa ābham bheje vaiśravaṇa anujaḥ || 3-49-6

und sogleich seine milde Gestalt aufgebend, nahm jener Rāvaṇa, der jüngere Bruder des Vaiśravaṇa, seine eigene furchtbare, dem Bild des Todes gleichende Gestalt an,

Wort für Wort
sadyaḥ saumyam parityajya
sogleich die milde [Gestalt] aufgebend
tīkṣṇa rūpam sa rāvaṇaḥ
die scharfe Gestalt, jener Rāvaṇa
svam rūpam kāla rūpa ābham bheje
nahm seine eigene, dem Bild des Todes gleichende Gestalt an
vaiśravaṇa anujaḥ
der jüngere Bruder des Vaiśravaṇa

saṃrakta nayanaḥ śrīmān tapta kāṃcana bhūṣaṇaḥ | krodhena mahatā āviṣṭo nīla jīmūta sannibhaḥ || 3-49-7

mit rotunterlaufenen Augen, glanzvoll, mit geglühtem Goldschmuck geschmückt, von gewaltigem Zorn erfüllt, dunklen Wolken gleich,

Wort für Wort
saṃrakta nayanaḥ śrīmān
mit rotunterlaufenen Augen, glanzvoll
tapta kāṃcana bhūṣaṇaḥ
mit geglühtem Goldschmuck geschmückt
krodhena mahatā āviṣṭo
von gewaltigem Zorn erfüllt
nīla jīmūta sannibhaḥ
dunklen Wolken gleich

daśa āsyo viṃśati bhujo babhūva kṣaṇadā caraḥ | sa parivrājaka cchadma mahākāyo vihāya tat || 3-49-8

wurde der Nachtwandler zehngesichtig, zwanzigarmig; er, den Trug des Wanderasketen aufgebend, mit seinem gewaltigen Körper,

Wort für Wort
daśa āsyo viṃśati bhujo
zehngesichtig, zwanzigarmig
babhūva kṣaṇadā caraḥ
wurde der Nachtwandler
sa parivrājaka cchadma
er, den Trug des Wanderasketen
mahākāyo vihāya tat
mit gewaltigem Körper aufgebend

pratipede svakam rūpam rāvaṇo rākṣasa adhipaḥ | rakta aṃbara dharaḥ tasthau strī ratnam prekṣya maithilīm || 3-49-9

nahm Rāvaṇa, der Herr der Rākṣasas, seine eigene Gestalt an, in rote Gewänder gekleidet, und stand da, die Maithilī, das Juwel unter den Frauen, betrachtend.

Wort für Wort
pratipede svakam rūpam
nahm seine eigene Gestalt an
rāvaṇo rākṣasa adhipaḥ
Rāvaṇa, der Herr der Rākṣasas
rakta aṃbara dharaḥ tasthau
in rote Gewänder gekleidet, stand er
strī ratnam prekṣya maithilīm
die Maithilī, das Juwel unter den Frauen, betrachtend

sa tām asita keśa antām bhāskarasya prabhām iva | vasana ābharaṇa upetām maithilīm rāvaṇo abravīt || 3-49-10

Zu ihr, deren Haarenden schwarz waren, die dem Glanz der Sonne glich, mit Gewand und Schmuck versehen, sprach Rāvaṇa, der Maithilī:

Wort für Wort
sa tām asita keśa antām
zu ihr, deren Haarenden schwarz waren
bhāskarasya prabhām iva
die dem Glanz der Sonne glich
vasana ābharaṇa upetām
mit Gewand und Schmuck versehen
maithilīm rāvaṇo abravīt
sprach Rāvaṇa zur Maithilī

triṣu lokeṣu vikhyātam yadi bhartāram icchasi | mām āśraya varārohe tava aham sadṛśaḥ patiḥ || 3-49-11

‚Wenn du einen in den drei Welten berühmten Gatten wünschst, so nimm Zuflucht zu mir, du von schöner Gestalt; ich bin ein dir angemessener Gatte.'

Wort für Wort
triṣu lokeṣu vikhyātam
in den drei Welten berühmten
yadi bhartāram icchasi
wenn du einen Gatten wünschst
mām āśraya varārohe
nimm Zuflucht zu mir, du von schöner Gestalt
tava aham sadṛśaḥ patiḥ
ich bin dir ein angemessener Gatte

mām bhajasva cirāya tvam aham ślāghyaḥ patiḥ tava | na eva ca aham kvacit bhadre kariṣye tava vipriyam || 3-49-12

‚Nimm mich für lange Zeit an; ich bin ein rühmlicher Gatte für dich; und ich werde dir niemals, du Holde, etwas Unliebes antun.'

Wort für Wort
mām bhajasva cirāya tvam
nimm mich an für lange Zeit
aham ślāghyaḥ patiḥ tava
ich bin ein rühmlicher Gatte für dich
na eva ca aham kvacit bhadre
und niemals werde ich, du Holde
kariṣye tava vipriyam
dir etwas Unliebes antun

tyajyatām mānuṣo bhāvo mayi bhāvaḥ praṇīyatām | rājyāt cyutam asiddha artham rāmam parimita āyuṣam || 3-49-13

‚Gib die Zuneigung zu einem Menschen auf; richte deine Zuneigung auf mich. Rāma, aus dem Königreich vertrieben, seines Zieles nicht mächtig, von begrenzter Lebenszeit –'

Wort für Wort
tyajyatām mānuṣo bhāvo
gib die Zuneigung zu einem Menschen auf
mayi bhāvaḥ praṇīyatām
richte deine Zuneigung auf mich
rājyāt cyutam asiddha artham
aus dem Königreich vertrieben, seines Zieles nicht mächtig
rāmam parimita āyuṣam
Rāma, von begrenzter Lebenszeit

kaiḥ guṇaiḥ anuraktā asi mūḍhe paṇḍita mānini | yaḥ striyā vacanāt rājyam vihāya sasuhṛt janam || 3-49-14

‚wegen welcher Vorzüge bist du ihm zugetan, du Törin, die sich für klug hält? Er, der wegen des Wortes einer Frau sein Königreich samt seinen Freunden aufgab'

Wort für Wort
kaiḥ guṇaiḥ anuraktā asi
wegen welcher Vorzüge bist du zugetan
mūḍhe paṇḍita mānini
du Törin, die sich für klug hält
yaḥ striyā vacanāt rājyam
der wegen des Wortes einer Frau das Königreich
vihāya sasuhṛt janam
aufgebend, samt Freunden

asmin vyāla anucarite vane vasati durmatiḥ | iti uktvā maithilīm vākyam priya arhām priya vādinīm || 3-49-15

‚und, übel gesinnt, in diesem von wilden Tieren durchstreiften Wald wohnt.' So sprach er zur Maithilī, die der Liebe würdig, lieblich sprechend war,

Wort für Wort
asmin vyāla anucarite vane
in diesem von wilden Tieren durchstreiften Wald
vasati durmatiḥ
wohnt, übel gesinnt
iti uktvā maithilīm vākyam
so sprach er zur Maithilī das Wort
priya arhām priya vādinīm
die der Liebe würdig, lieblich sprechend war

abhigamya suduṣṭa ātmā rākṣasaḥ kāma mohitaḥ | jagrāha rāvaṇaḥ sītām budhaḥ khe rohiṇīm iva || 3-49-16

und, sich nähernd, der höchst verdorbene Rākṣasa, von Verlangen verblendet, ergriff Rāvaṇa Sītā, wie der Planet Budha am Himmel die Rohiṇī.

Wort für Wort
abhigamya suduṣṭa ātmā
sich nähernd, der höchst verdorbene
rākṣasaḥ kāma mohitaḥ
der Rākṣasa, von Verlangen verblendet
jagrāha rāvaṇaḥ sītām
ergriff Rāvaṇa Sītā
budhaḥ khe rohiṇīm iva
wie der Planet Budha am Himmel die Rohiṇī

vāmena sītām padmākṣīm mūrdhajeṣu kareṇa saḥ | ūrvoḥ tu dakṣiṇena eva parijagrāha pāṇinā || 3-49-17

Mit seiner linken Hand ergriff er Sītā, die Lotusäugige, an den Haaren, und mit seiner rechten Hand an den Schenkeln.

Wort für Wort
vāmena sītām padmākṣīm
mit der linken [Hand] Sītā, die Lotusäugige
mūrdhajeṣu kareṇa saḥ
an den Haaren, mit der Hand, er
ūrvoḥ tu dakṣiṇena eva
an den Schenkeln aber mit der rechten
parijagrāha pāṇinā
ergriff er mit der Hand

tam dṛṣṭvā giri śṛṃga ābham tīkṣṇa daṃṣṭram mahā bhujam | prādravan mṛtyu saṃkāśam bhaya ārtā vana devatāḥ || 3-49-18

Ihn erblickend, einem Berggipfel gleich, mit scharfen Fangzähnen, gewaltigen Armen, dem Tode gleich, flohen die Waldgottheiten, von Furcht gequält.

Wort für Wort
tam dṛṣṭvā giri śṛṃga ābham
ihn erblickend, einem Berggipfel gleich
tīkṣṇa daṃṣṭram mahā bhujam
mit scharfen Fangzähnen, gewaltigen Armen
prādravan mṛtyu saṃkāśam
flohen [ihn], dem Tode gleich
bhaya ārtā vana devatāḥ
von Furcht gequält, die Waldgottheiten

sa ca māyāmayo divyaḥ khara yuktaḥ khara svanaḥ | pratyadṛśyata hemāṃgo rāvaṇasya mahārathaḥ || 3-49-19

Und jener zauberhafte, himmlische, mit Eseln bespannte, mit rauhem Klang dahinfahrende, goldgliedrige große Wagen Rāvaṇas erschien wieder.

Wort für Wort
sa ca māyāmayo divyaḥ
und jener zauberhafte, himmlische
khara yuktaḥ khara svanaḥ
mit Eseln bespannt, mit rauhem Klang
pratyadṛśyata hemāṃgo
erschien wieder, goldgliedrig
rāvaṇasya mahārathaḥ
Rāvaṇas großer Wagen

tataḥ tām paruṣaiḥ vākyaiḥ abhitarjya mahāsvanaḥ | aṃkena ādāya vaidehīm ratham āropayat tadā || 3-49-20

Da, sie mit harten Worten bedrohend, mit gewaltiger Stimme, nahm er die Vaidehī auf seinen Schoß und ließ sie da den Wagen besteigen.

Wort für Wort
tataḥ tām paruṣaiḥ vākyaiḥ
da, sie mit harten Worten
abhitarjya mahāsvanaḥ
bedrohend, mit gewaltiger Stimme
aṃkena ādāya vaidehīm
die Vaidehī auf den Schoß nehmend
ratham āropayat tadā
ließ er sie da den Wagen besteigen

sā gṛhītā aticukrośa rāvaṇena yaśasvinī | rāmā iti sītā duḥkha ārtā rāmam dūram gatam vane || 3-49-21

Sie, ergriffen, schrie laut, die ruhmreiche Sītā, von Schmerz gequält, ‚Rāma!' rufend, nach Rāma, der weit weg im Wald war.

Wort für Wort
sā gṛhītā aticukrośa
sie, ergriffen, schrie laut
rāvaṇena yaśasvinī
von Rāvaṇa [ergriffen], die Ruhmreiche
rāmā iti sītā duḥkha ārtā
‚Rāma!' [rief] Sītā, von Schmerz gequält
rāmam dūram gatam vane
nach Rāma, der weit im Wald war

tām akāmām sa kāma ārtaḥ pannaga indra vadhūm iva | viveṣṭamānām ādāya utpapāta atha rāvaṇaḥ || 3-49-22

Sie, die Unwillige, er, von Verlangen gequält, wie die Gattin des Schlangenkönigs, sich windend, ergreifend, erhob sich Rāvaṇa darauf in die Luft.

Wort für Wort
tām akāmām sa kāma ārtaḥ
sie, die Unwillige, er, von Verlangen gequält
pannaga indra vadhūm iva
wie die Gattin des Schlangenkönigs
viveṣṭamānām ādāya
sich windend, ergreifend
utpapāta atha rāvaṇaḥ
erhob sich darauf Rāvaṇa

tataḥ sā rākṣasendreṇa hriyamāṇā vihāyasā | bhṛśam cukrośa mattā iva bhrāṃta cittā yathā āturā || 3-49-23

Da schrie sie, vom Herrn der Rākṣasas durch die Luft entführt, heftig, wie eine Betrunkene, wie eine Kranke mit verwirrtem Sinn.

Wort für Wort
tataḥ sā rākṣasendreṇa
da sie, vom Herrn der Rākṣasas
hriyamāṇā vihāyasā
durch die Luft entführt
bhṛśam cukrośa mattā iva
schrie sie heftig, wie eine Betrunkene
bhrāṃta cittā yathā āturā
wie eine Kranke mit verwirrtem Sinn

hā lakṣmaṇa mahābāho guru citta prasādaka | hriyamāṇām na jānīṣe rakṣasā kāma rūpiṇā || 3-49-24

‚Ha, Lakṣmaṇa, Starkarmiger, der du das Herz der Älteren erfreust, du weißt nicht, dass ich von einem nach Belieben seine Gestalt wandelnden Rākṣasa entführt werde!'

Wort für Wort
hā lakṣmaṇa mahābāho
ha, Lakṣmaṇa, Starkarmiger
guru citta prasādaka
der du das Herz der Älteren erfreust
hriyamāṇām na jānīṣe
du weißt nicht, dass ich entführt werde
rakṣasā kāma rūpiṇā
von einem nach Belieben seine Gestalt wandelnden Rākṣasa

jīvitam sukham arthām ca dharma hetoḥ parityajan | hriyamāṇām adharmeṇa mām rāghava na paśyasi || 3-49-25

‚Rāghava, der du Leben, Glück und Reichtum um des Dharma willen aufgegeben hast, du siehst nicht, dass ich unrechtmäßig entführt werde!'

Wort für Wort
jīvitam sukham arthām ca
Leben, Glück und Reichtum
dharma hetoḥ parityajan
um des Dharma willen aufgebend
hriyamāṇām adharmeṇa mām
dass ich unrechtmäßig entführt werde
rāghava na paśyasi
siehst du nicht, Rāghava

nanu nāma avinītānām vinetā asi paraṃtapa | katham evam vidham pāpam na tvam śāssi hi rāvaṇam || 3-49-26

‚Bist du nicht der Bezähmer der Unbezähmten, Bezwinger der Feinde? Wie kommt es, dass du einen solchen Übeltäter, Rāvaṇa, nicht bestrafst?'

Wort für Wort
nanu nāma avinītānām
bist du nicht der Unbezähmten
vinetā asi paraṃtapa
Bezähmer, Bezwinger der Feinde
katham evam vidham pāpam
wie kommt es, einen solchen Übeltäter
na tvam śāssi hi rāvaṇam
bestrafst du nicht, Rāvaṇa

nanu sadyo avinītasya dṛśyate karmaṇaḥ phalam | kālo api aṃgī bhavati atra sasyānām iva paktaye || 3-49-27

‚Sieht man nicht sogleich die Frucht der Tat des Unbezähmten? Auch die Zeit wird dabei Mitwirkende, wie beim Reifen der Feldfrüchte.'

Wort für Wort
nanu sadyo avinītasya
sieht man nicht sogleich des Unbezähmten
dṛśyate karmaṇaḥ phalam
die Frucht der Tat
kālo api aṃgī bhavati
auch die Zeit wird Mitwirkende
atra sasyānām iva paktaye
dabei, wie beim Reifen der Feldfrüchte

tvam karma kṛtavān etat kāla upahata cetanaḥ | jīvita aṃtakaram ghoram rāmāt vyasanam āpnuhi || 3-49-28

‚Du, dessen Sinn von der Zeit geschlagen ist, hast diese Tat vollbracht – erwarte von Rāma dein Leben beendendes, furchtbares Unglück!'

Wort für Wort
tvam karma kṛtavān etat
du hast diese Tat vollbracht
kāla upahata cetanaḥ
dessen Sinn von der Zeit geschlagen ist
jīvita aṃtakaram ghoram
dein Leben beendendes, furchtbares
rāmāt vyasanam āpnuhi
erwarte von Rāma das Unglück

hanta idānīm sakāmā tu kaikeyī bāndhavaiḥ saha | hriyeyam dharma kāmasya dharma patnī yaśasvinaḥ || 3-49-29

‚Ach, jetzt wird Kaikeyī mitsamt ihren Verwandten ihren Wunsch erfüllt sehen, da ich, die rechtmäßige, ruhmreiche Gattin des dem Dharma zugetanen, geraubt werde.'

Wort für Wort
hanta idānīm sakāmā tu
ach, jetzt wird ihren Wunsch erfüllt sehen
kaikeyī bāndhavaiḥ saha
Kaikeyī mitsamt Verwandten
hriyeyam dharma kāmasya
da ich geraubt werde, des dem Dharma Zugetanen
dharma patnī yaśasvinaḥ
rechtmäßige, ruhmreiche Gattin

āmaṃtraye janasthānam karṇikārān ca puṣpitān | kṣipram rāmāya śaṃsadhvam sītām harati rāvaṇaḥ || 3-49-30

‚Ich rufe Janasthāna an und die blühenden Karṇikāra-Bäume: Verkündet Rāma rasch, dass Rāvaṇa Sītā raubt!'

Wort für Wort
āmaṃtraye janasthānam
ich rufe Janasthāna an
karṇikārān ca puṣpitān
und die blühenden Karṇikāra-Bäume
kṣipram rāmāya śaṃsadhvam
verkündet Rāma rasch
sītām harati rāvaṇaḥ
dass Rāvaṇa Sītā raubt

haṃsa sārasa saṃghuṣṭām vande godāvarīm nadīm | kṣipram rāmāya śaṃsa tvam sītām harati rāvaṇaḥ || 3-49-31

‚Ich verehre den Fluss Godāvarī, von Schwänen und Kranichen umtönt: Verkünde du Rāma rasch, dass Rāvaṇa Sītā raubt!'

Wort für Wort
haṃsa sārasa saṃghuṣṭām
von Schwänen und Kranichen umtönt
vande godāvarīm nadīm
ich verehre den Fluss Godāvarī
kṣipram rāmāya śaṃsa tvam
verkünde du Rāma rasch
sītām harati rāvaṇaḥ
dass Rāvaṇa Sītā raubt

daivatāni ca yānti asmin vane vividha pādape | namaskaromi aham tebhyo bhartuḥ śaṃsata mām hṛtām || 3-49-32

‚Und den Gottheiten, die in diesem Wald mit seinen mancherlei Bäumen weilen, erweise ich Verehrung: Verkündet meinem Gatten, dass ich geraubt werde!'

Wort für Wort
daivatāni ca yānti
und den Gottheiten, die weilen
asmin vane vividha pādape
in diesem Wald mit mancherlei Bäumen
namaskaromi aham tebhyo
ihnen erweise ich Verehrung
bhartuḥ śaṃsata mām hṛtām
verkündet meinem Gatten, dass ich geraubt werde

yāni kānicit api atra sattvāni nivasanti uta | sarvāṇi śaraṇam yāmi mṛga pakṣi gaṇān api || 3-49-33

‚Und welche Wesen auch immer hier wohnen – zu allen nehme ich Zuflucht, auch zu den Scharen der Wildtiere und Vögel:'

Wort für Wort
yāni kānicit api atra
welche auch immer hier
sattvāni nivasanti uta
Wesen wohnen
sarvāṇi śaraṇam yāmi
zu allen nehme ich Zuflucht
mṛga pakṣi gaṇān api
auch zu den Scharen der Wildtiere und Vögel

hriyamāṇām priyām bhartuḥ prāṇebhyo api garīyasīm | vivaśa apahṛtā sītā rāvaṇena iti śaṃsata || 3-49-34

‚Verkündet: Sītā, die ihrem Gatten teurer war als sein eigenes Leben, wird hilflos geraubt, von Rāvaṇa entführt!'

Wort für Wort
hriyamāṇām priyām bhartuḥ
die geliebte [Gattin] des Gatten wird entführt
prāṇebhyo api garīyasīm
teurer als sein Leben
vivaśa apahṛtā sītā
hilflos geraubt, Sītā
rāvaṇena iti śaṃsata
von Rāvaṇa, so verkündet

viditvā mām mahābāhuḥ amutra api mahābalaḥ | āneṣyati parākramya vaivasvata hṛtām api || 3-49-35

‚Sobald er es erfährt, wird der starkarmige, gewaltig starke, selbst wenn ich in die Reiche des Vaivasvata entführt wäre, mich durch Tapferkeit zurückholen.'

Wort für Wort
viditvā mām mahābāhuḥ
mich erkennend, der Starkarmige
amutra api mahābalaḥ
auch dorthin, der gewaltig Starke
āneṣyati parākramya
wird er durch Tapferkeit zurückholen
vaivasvata hṛtām api
auch wenn zu Vaivasvata entführt

sā tadā karuṇā vāco vilapaṃtī suduḥkhitā | vanaspati gatam gridhram dadarśa āyata locanā || 3-49-36

Sie, da klagende, mitleiderregende Worte wehklagend, tief betrübt, erblickte, die Großäugige, den auf einem Baum sitzenden Geier.

Wort für Wort
sā tadā karuṇā vāco
sie, da mitleiderregende Worte
vilapaṃtī suduḥkhitā
wehklagend, tief betrübt
vanaspati gatam gridhram
den auf einem Baum sitzenden Geier
dadarśa āyata locanā
erblickte, die Großäugige

sā tam ud vīkṣya suśroṇī rāvaṇasya vaśam gatā | samākraṃdat bhayaparā duḥkha upahatayā girā || 3-49-37

Sie, die Schönhüftige, zu ihm aufblickend, in Rāvaṇas Gewalt geraten, schrie voller Furcht mit vor Schmerz gebrochener Stimme:

Wort für Wort
sā tam ud vīkṣya suśroṇī
sie, zu ihm aufblickend, die Schönhüftige
rāvaṇasya vaśam gatā
in Rāvaṇas Gewalt geraten
samākraṃdat bhayaparā
schrie voller Furcht
duḥkha upahatayā girā
mit vor Schmerz gebrochener Stimme

jaṭāyo paśya mama ārya hriyamāṇam anātha vat | anena rākṣasedreṇa karuṇam pāpa karmaṇā || 3-49-38

‚Jaṭāyu, sieh, wie ich, meines edlen Gatten Angehörige, wie eine Herrenlose entführt werde, von diesem Herrn der Rākṣasas, dem Übeltäter, erbarmungswürdig!'

Wort für Wort
jaṭāyo paśya mama ārya
Jaṭāyu, sieh, meines Edlen
hriyamāṇam anātha vat
wie ich entführt werde, wie eine Herrenlose
anena rākṣasedreṇa
von diesem Herrn der Rākṣasas
karuṇam pāpa karmaṇā
erbarmungswürdig, dem Übeltäter

na eṣa vārayitum śakyaḥ tvayā krūro niśācara | sattvavān jitakāśī ca sa āyudhaḥ caiva durmatiḥ || 3-49-39

‚Dieser grausame Nachtwandler kann von dir nicht aufgehalten werden – kraftvoll, siegesgewohnt, bewaffnet, übel gesinnt.'

Wort für Wort
na eṣa vārayitum śakyaḥ
dieser kann nicht aufgehalten werden
tvayā krūro niśācara
von dir, der grausame Nachtwandler
sattvavān jitakāśī ca
kraftvoll, siegesgewohnt
sa āyudhaḥ caiva durmatiḥ
bewaffnet und übel gesinnt

rāmāya tu yathā tattvam jaṭāyo haraṇam mama | lakṣmaṇāya ca tat sarvam ākhyātavyam aśeṣataḥ || 3-49-40

‚Doch, Jaṭāyu, meinem Raub der Wahrheit gemäß musst du Rāma und Lakṣmaṇa alles vollständig berichten.'

Wort für Wort
rāmāya tu yathā tattvam
doch Rāma, der Wahrheit gemäß
jaṭāyo haraṇam mama
Jaṭāyu, meinen Raub
lakṣmaṇāya ca tat sarvam
und Lakṣmaṇa all das
ākhyātavyam aśeṣataḥ
musst du vollständig berichten

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