sa rāja putra priyā vihīnaḥ śokena mohena ca pīḍyamānaḥ | viṣādayan bhrātaram ārta rūpo bhūyo viṣādampraviveśa tīvram || 3-63-1
Er, des Königssohnes Geliebte beraubt, von Kummer und Verwirrung gequält, seinen Bruder betrübend, von gequälter Gestalt, verfiel abermals in heftige Verzweiflung.
sa lakṣmaṇam śoka vaśa abhipannam śoke nimagno vipule tu rāmaḥ | uvāca vākyam vyasanānurūpam uṣṇam viniḥśvasya rudan sa śokam || 3-63-2
Er, in tiefen Kummer versunken, Rāma, sprach zu Lakṣmaṇa, der in die Gewalt des Kummers geraten war, ein dem Unglück angemessenes Wort, heiß aufseufzend, weinend über sein Leid.
Wort für Wort
sa lakṣmaṇam śoka vaśa abhipannam
er zu Lakṣmaṇa, der in die Gewalt des Kummers geraten war
na mat vidho duṣkṛta karma kārī manye dvitīyo asti vasuṃdharāyām | śoka anuśoko hi paraṃparāyā mām eti bhindan hṛdayam manaḥ ca || 3-63-3
'Ich glaube, es gibt keinen zweiten auf Erden, der so böse Taten begangen hat wie ich — denn Kummer auf Kummer folgt mir in Reihe, mein Herz und meinen Sinn zerbrechend.'
'Gewiß habe ich früher, aus Verlangen, böse Taten begangen, unrecht gehandelt — davon ist mir heute diese Frucht zugefallen, daß ich von Leid zu Leid gerate.'
rājya praṇāśaḥ sva janaiḥ viyogaḥ pitur vināśo jananī viyogaḥ | sarvāni me lakṣmaṇa śoka vegam āpūrayanti pravicintitāni || 3-63-5
'Der Verlust des Reiches, die Trennung von den Verwandten, des Vaters Tod, die Trennung von der Mutter — alle diese, Lakṣmaṇa, bedacht, erfüllen mich mit der Wucht des Kummers.'
sarvam tu duḥkham mama lakṣmaṇa idam śāntam śarīre vanam etya kleśam | sītā viyogāt punar api udīrṇam kāṣṭaiḥ iva agniḥ sahasā pradīptaḥ || 3-63-6
'All dieses Leid aber, Lakṣmaṇa, das durch die Mühsal des Waldlebens an meinem Körper gestillt war, ist durch die Trennung von Sītā wieder aufgeflammt, wie ein Feuer, das plötzlich durch Holzscheite entfacht wird.'
Wort für Wort
sarvam tu duḥkham mama lakṣmaṇa idam
all dieses Leid aber von mir, Lakṣmaṇa
śāntam śarīre vanam etya kleśam
gestillt am Körper durch die Mühsal des Waldlebens
sītā viyogāt punar api udīrṇam
ist durch die Trennung von Sītā wieder aufgeflammt
kāṣṭaiḥ iva agniḥ sahasā pradīptaḥ
wie ein Feuer, plötzlich durch Holzscheite entfacht
sā nūnam āryā mama rākṣasena hi abhyāhṛtā kham samupetya bhīruḥ | apasvaram su svara vipralāpā bhayena vikranditavati abhīkṣṇam || 3-63-7
'Sie, meine Edle, wurde gewiß von einem Rākṣasa, den Himmel erreichend, entführt, die Furchtsame — mit entstellter, sonst so süßer Stimme klagend, schrie sie wohl beständig vor Furcht.'
tau lohitasya priya darśanasya sadā ucitau uttama caṃdanasya | vṛttau stanau śoṇita paṃka digdhau nūnam priyāyā mama na abhibhāta || 3-63-8
'Jene beiden runden Brüste der Geliebten, stets mit rotem, lieblich anzusehendem, feinstem Sandel bestrichen — mit Blutschlamm besudelt, glänzen sie meiner Geliebten gewiß nicht mehr.'
tat ślakṣṇa su vyakta mṛdu pralāpam tasyā mukham kuṃcita keśa bhāram | rakṣo vaśam nūnam upagatāyā na bhrājate rāhu mukhe yathā iṃduḥ || 3-63-9
'Jenes ihr sanft, deutlich und weich sprechendes Antlitz, mit der Last der lockigen Haare — nun, in die Gewalt eines Rākṣasa geraten, erstrahlt es nicht mehr, wie der Mond im Rachen Rāhus.'
Wort für Wort
tat ślakṣṇa su vyakta mṛdu pralāpam
jenes sanft, deutlich und weich sprechende
tasyā mukham kuṃcita keśa bhāram
ihr Antlitz, mit der Last der lockigen Haare
rakṣo vaśam nūnam upagatāyā
gewiß in die Gewalt eines Rākṣasa geraten
na bhrājate rāhu mukhe yathā iṃduḥ
erstrahlt es nicht mehr, wie der Mond im Rachen Rāhus
tām hāra pāśasya sadā ucita aṃtam grīvām priyāyā mama su vratāyā | rakṣāṃsi nūnam paripītavanti śūnye hi bhitvā rudhira aśanāni || 3-63-10
'Jenen für die Kette stets geeigneten Hals meiner Geliebten, von festem Gelübde, haben die blutgierigen Rākṣasas gewiß ausgesogen, ihn im einsamen Wald durchbohrend.'
'Sie, von mir getrennt, im einsamen Wald, von Rākṣasas entführt und fortgezerrt, hat gewiß Klagelaute ausgestoßen wie ein elender Fischadler, sie mit den langen, lieblichen Augen.'
Wort für Wort
mayā vihīnā vijane vane
von mir getrennt, im einsamen Wald
yā rakṣobhiḥ āhṛtya vikṛṣyamāṇā
die von Rākṣasas entführt und fortgezerrt
nūnam vinādam kurari iva dīnā
hat gewiß wie ein elender Fischadler Klagelaute ausgestoßen
'Hier, auf diesem Felsboden, saß sie, von edler Art, einst mit mir zusammen, lieblich lächelnd, in fröhliches Lachen ausbrechend — Sītā hat viele Worte zu dir gesprochen, Lakṣmaṇa.'
Wort für Wort
asmin mayā sārtham udāra śīlā
hier mit mir zusammen, von edler Art
śilā tale pūrvam upopaviṣṭā
auf diesem Felsboden einst saß sie
kānta smitā lakṣmaṇa jāta hāsā
lieblich lächelnd, Lakṣmaṇa, in Lachen ausbrechend
godāvarī iyām saritām variṣṭā priyā priyāyā mama nitya kālam | api atra gacchet iti ciṃtayāmi na ekākinī yāti hi sā kadācit || 3-63-13
'Diese Godāvarī, die vorzüglichste der Flüsse, war meiner Geliebten stets teuer — ich überlege, ob sie wohl hierher gegangen ist; doch geht sie ja niemals allein.'
padma ānanā padma palāśa netrā padmāni vā ānetum abhiprayātā | tat api ayuktam na hi sā kaddacit mayā vinā gacchati paṃkajāni || 3-63-14
'Ist sie, mit dem Lotosgesicht, mit lotosblattgleichen Augen, hingegangen, um Lotosblumen zu holen? Auch das ist unpassend, denn sie geht niemals ohne mich zu den Lotosblüten.'
Wort für Wort
padma ānanā padma palāśa netrā
mit dem Lotosgesicht, mit lotosblattgleichen Augen
padmāni vā ānetum abhiprayātā
ist sie hingegangen, um Lotosblumen zu holen
tat api ayuktam
auch das ist unpassend
na hi sā kaddacit mayā vinā gacchati paṃkajāni
denn sie geht niemals ohne mich zu den Lotosblüten
kāmam tu idam puṣpita vṛkṣa saṇḍam nānā vidhaiḥ pakṣi gaṇaiḥ upetam | vanam prayātā nu tat api ayuktam ekākinī sā ati bibheti bhīruḥ || 3-63-15
'Ist sie vielleicht in diesen blühenden Baumhain gegangen, von mancherlei Vogelscharen belebt? Auch das ist unpassend — allein fürchtet sie sich zu sehr, die Furchtsame.'
Wort für Wort
kāmam tu idam puṣpita vṛkṣa saṇḍam
vielleicht in diesen blühenden Baumhain
nānā vidhaiḥ pakṣi gaṇaiḥ upetam
von mancherlei Vogelscharen belebt
vanam prayātā nu tat api ayuktam
ist sie in den Wald gegangen? Auch das ist unpassend
āditya bho loka krṛta akṛta jñaḥ lokasya satya anṛta karma sākṣin | mama priyā sā kva gatā hṛtā vā śaṃsava me śoka hatasya sarvam || 3-63-16
'O Āditya, kennend, was in der Welt getan und ungetan ist, Zeuge der wahren und falschen Taten der Welt — sag mir, dem vom Kummer Geschlagenen, wohin meine Geliebte gegangen ist oder ob sie geraubt wurde.'
Wort für Wort
āditya bho loka krṛta akṛta jñaḥ
o Āditya, kennend, was in der Welt getan und ungetan ist
lokeṣu sarveṣu na nāsti kiṃcit yat te na nityam viditam bhavet tat | śaṃsasva vayoḥ kula śālinīm tām mṛtā hṛtā vā pathi vartate vā || 3-63-17
'In allen Welten gibt es nichts, das dir nicht stets bekannt wäre — sag uns von ihr, der die Sippe Zierenden, ob sie tot ist, geraubt, oder sich auf dem Wege befindet.'
iti iva tam śoka vidheya deham rāmam visaṃjñam vilapaṃtam eva | uvāca saumitriḥadīna sattvaḥ nyāye sthitaḥ kāla yutam ca vākyam || 3-63-18
So zu Rāma, dessen Leib dem Kummer verfallen war, der besinnungslos, geradezu klagend, sprach der Saumitri, von unerschütterter Kraft, im Rechten verharrend, ein der Zeit angemessenes Wort.
Wort für Wort
iti iva tam śoka vidheya deham
so zu ihm, dessen Leib dem Kummer verfallen war
rāmam visaṃjñam vilapaṃtam eva
zu Rāma, besinnungslos, geradezu klagend
uvāca saumitriḥadīna sattvaḥ
sprach der Saumitri, von unerschütterter Kraft
nyāye sthitaḥ kāla yutam ca vākyam
im Rechten verharrend, ein der Zeit angemessenes Wort
śokam vimuṃca ārya dhṛtim bhajasva saha utsāhatā ca astu vimārgaṇe asyāḥ | utsāhavanto hi narā na loke sīdanti karmasu ati duṣkareṣu || 3-63-19
'Laß den Kummer fahren, Edler, wende dich der Standhaftigkeit zu, und möge Tatkraft bei der Suche nach ihr walten — denn tatkräftige Männer scheitern in der Welt nicht an den überaus schweren Aufgaben.'
So sprach der Saumitri, von erhabener Mannhaftigkeit; doch der Mehrer des Raghu-Geschlechts, gequält, achtete es nicht, seine Standhaftigkeit verloren, und geriet erneut in großes Leid.
Wort für Wort
iti iva saumitrim udagra pauruṣam
so der Saumitri, von erhabener Mannhaftigkeit
bruvantam ārto raghu vaṃśa vardhanaḥ
sprach; der Mehrer des Raghu-Geschlechts, gequält
na ciṃtayāmāsa dhṛtim vimuktavān
achtete es nicht, seine Standhaftigkeit verloren habend