Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Araṇyakāṇḍa

Sarga 45: Lakṣmaṇasya Prasthānam Lakṣmaṇas Aufbruch

ārtasvaram tu tam bhartuḥ vijñāya sadṛśam vane | uvāca lakṣmaṇam sītā gaccha jānīhi rāghavam || 3-45-1

Als sie jenen schmerzerfüllten Ruf, der dem ihres Gatten im Wald glich, erkannte, sprach Sītā zu Lakṣmaṇa: ‚Geh, erkunde, wie es dem Rāghava ergeht!'

Wort für Wort
ārtasvaram tu tam bhartuḥ
jenen schmerzerfüllten Ruf des Gatten
vijñāya sadṛśam vane
als gleichend erkennend, im Wald
uvāca lakṣmaṇam sītā
sprach Sītā zu Lakṣmaṇa
gaccha jānīhi rāghavam
geh, erkunde den Rāghava

na hi me jīvitam sthāne hṛdayam vā avatiṣṭhate | krośataḥ parama ārtasya śrutaḥ śabdo mayā bhṛśam || 3-45-2

‚Denn weder mein Leben noch mein Herz bleiben an ihrem Ort; ich habe deutlich den Ruf eines aufs Äußerste Leidenden gehört, der schrie.'

Wort für Wort
na hi me jīvitam sthāne
denn weder mein Leben an seinem Ort
hṛdayam vā avatiṣṭhate
noch mein Herz bleibt
krośataḥ parama ārtasya
eines aufs Äußerste Leidenden, der schrie
śrutaḥ śabdo mayā bhṛśam
habe ich deutlich den Ruf gehört

ākrandamānam tu vane bhrātaram trātum arhasi | tam kṣipram abhidhāva tvam bhrātaram śaraṇa eṣiṇam || 3-45-3

‚Du solltest deinen im Wald schreienden Bruder retten; eile rasch zu deinem Bruder, der Zuflucht sucht,'

Wort für Wort
ākrandamānam tu vane
den im Wald schreienden
bhrātaram trātum arhasi
Bruder solltest du retten
tam kṣipram abhidhāva tvam
zu ihm eile du rasch
bhrātaram śaraṇa eṣiṇam
dem Bruder, der Zuflucht sucht

rakṣasām vaśam āpannam siṃhānām iva govṛṣam | na jagāma tathā uktaḥ tu bhrātuḥ ājñāya śāsanam || 3-45-4

‚der in die Gewalt der Rākṣasas geraten ist, wie ein Bulle in die Gewalt von Löwen.' Doch obwohl so angesprochen, ging er nicht, das Gebot des Bruders achtend.

Wort für Wort
rakṣasām vaśam āpannam
in die Gewalt der Rākṣasas geraten
siṃhānām iva govṛṣam
wie ein Bulle in die von Löwen
na jagāma tathā uktaḥ tu
doch so angesprochen ging er nicht
bhrātuḥ ājñāya śāsanam
das Gebot des Bruders achtend

tam uvāca tataḥ tatra kṣubhitā janaka ātmajā | saumitre mitra rūpeṇa bhrātuḥ tvam asi śatruvat || 3-45-5

Da sprach die aufgewühlte Tochter Janakas zu ihm: ‚Saumitri, unter dem Anschein eines Freundes bist du wie ein Feind deines Bruders,'

Wort für Wort
tam uvāca tataḥ tatra
zu ihm sprach da dort
kṣubhitā janaka ātmajā
die aufgewühlte Tochter Janakas
saumitre mitra rūpeṇa
Saumitri, unter dem Anschein eines Freundes
bhrātuḥ tvam asi śatruvat
bist du wie ein Feind deines Bruders

yaḥ tvam asyām avasthāyām bhrātaram na abhipadyase | icchasi tvam vinaśyantam rāmam lakṣmaṇa mat kṛte || 3-45-6

‚der du in diesem Zustand nicht zu deinem Bruder eilst; du wünschst wohl, Lakṣmaṇa, dass Rāma um meinetwillen zugrunde geht.'

Wort für Wort
yaḥ tvam asyām avasthāyām
der du in diesem Zustand
bhrātaram na abhipadyase
nicht zum Bruder eilst
icchasi tvam vinaśyantam
du wünschst wohl, dass er zugrunde geht
rāmam lakṣmaṇa mat kṛte
Rāma, Lakṣmaṇa, um meinetwillen

lobhāt tu mat kṛtam nūnam na anugacchasi rāghavam | vyasanam te priyam manye sneho bhrātari na asti te || 3-45-7

‚Aus Gier, meinetwegen, folgst du dem Rāghava gewiss nicht; ich meine, sein Unglück ist dir lieb, keine Zuneigung hast du zu deinem Bruder,'

Wort für Wort
lobhāt tu mat kṛtam nūnam
aus Gier, meinetwegen, gewiss
na anugacchasi rāghavam
folgst du dem Rāghava nicht
vyasanam te priyam manye
ich meine, sein Unglück ist dir lieb
sneho bhrātari na asti te
keine Zuneigung zu deinem Bruder hast du

tena tiṣṭhasi visrabdhaḥ tam apaśyan mahādyutim | kim hi saṃśayam āpanne tasmin iha mayā bhavet || 3-45-8

‚darum bleibst du unbekümmert, ihn, den Glanzvollen, nicht sehend. Was sollte, wenn er in Gefahr geraten ist, mir hier [wichtiger sein]?'

Wort für Wort
tena tiṣṭhasi visrabdhaḥ
darum bleibst du unbekümmert
tam apaśyan mahādyutim
ihn, den Glanzvollen, nicht sehend
kim hi saṃśayam āpanne
was denn, wenn er in Gefahr geraten ist
tasmin iha mayā bhavet
sollte mir hier [wichtiger] sein

kartavyam iha tiṣṭhantyā yat pradhānaḥ tvam āgataḥ | evam bruvāṇam vaidehīm bāṣpa śoka samanvitam || 3-45-9

‚Was hier von mir, die ich bleibe, zu tun wäre, dazu bist du der Erste, der gekommen ist.' – So sprach die Vaidehī, von Tränen und Kummer erfüllt,

Wort für Wort
kartavyam iha tiṣṭhantyā
was von mir, die ich hier bleibe, zu tun wäre
yat pradhānaḥ tvam āgataḥ
dazu bist du zuerst gekommen
evam bruvāṇam vaidehīm
so sprach die Vaidehī
bāṣpa śoka samanvitam
von Tränen und Kummer erfüllt

abravīt lakṣmaṇaḥ trastām sītām mṛga vadhūm iva | pannaga asura gandharva deva dānava rākṣasaiḥ || 3-45-10

und Lakṣmaṇa sprach zu Sītā, die erschrocken war wie eine Gazellenkuh: ‚Von Schlangen, Asuras, Gandharvas, Göttern, Dānavas und Rākṣasas'

Wort für Wort
abravīt lakṣmaṇaḥ trastām
es sprach Lakṣmaṇa zur erschrockenen
sītām mṛga vadhūm iva
zu Sītā, wie einer Gazellenkuh
pannaga asura gandharva
von Schlangen, Asuras, Gandharvas
deva dānava rākṣasaiḥ
Göttern, Dānavas und Rākṣasas

aśakyaḥ tava vaidehī bhartā jetum na saṃśayaḥ | devi deva manuṣyeṣu gandharveṣu patatriṣu || 3-45-11

‚kann dein Gatte, Vaidehī, ohne Zweifel nicht besiegt werden, o Herrin – unter Göttern, Menschen, Gandharvas, Vögeln,'

Wort für Wort
aśakyaḥ tava vaidehī
kann dein, Vaidehī
bhartā jetum na saṃśayaḥ
Gatte nicht besiegt werden, ohne Zweifel
devi deva manuṣyeṣu
Herrin, unter Göttern, Menschen
gandharveṣu patatriṣu
Gandharvas, Vögeln

rākṣaseṣu piśāceṣu kinnareṣu mṛgeṣu ca | dānaveṣu ca ghoreṣu na sa vidyeta śobhane || 3-45-12

‚unter Rākṣasas, Piśācas, Kiṃnaras, Wildtieren und den furchtbaren Dānavas gibt es keinen, der ihn besiegen könnte, du Schöngestaltete,'

Wort für Wort
rākṣaseṣu piśāceṣu
unter Rākṣasas, Piśācas
kinnareṣu mṛgeṣu ca
Kiṃnaras und Wildtieren
dānaveṣu ca ghoreṣu
und unter den furchtbaren Dānavas
na sa vidyeta śobhane
gibt es keinen, du Schöngestaltete

yo rāmam pratiyudhyeta samare vāsava upamam | avadhyaḥ samare rāmo na evam tvam vaktum arhasi || 3-45-13

‚der Rāma, dem Vāsava gleich, im Kampf entgegentreten könnte; unbesiegbar ist Rāma im Kampf – so solltest du nicht reden.'

Wort für Wort
yo rāmam pratiyudhyeta
der Rāma entgegentreten könnte
samare vāsava upamam
im Kampf, dem Vāsava gleich
avadhyaḥ samare rāmo
unbesiegbar im Kampf ist Rāma
na evam tvam vaktum arhasi
so solltest du nicht reden

na tvām asmin vane hātum utsahe rāghavam vinā | anivāryam balam tasya balaiḥ balavatām api || 3-45-14

‚Ich vermag dich nicht in diesem Wald zu verlassen, ohne den Rāghava; unaufhaltsam ist seine Kraft, selbst gegen die Kräfte der Mächtigen,'

Wort für Wort
na tvām asmin vane hātum
dich in diesem Wald zu verlassen
utsahe rāghavam vinā
vermag ich nicht, ohne den Rāghava
anivāryam balam tasya
unaufhaltsam ist seine Kraft
balaiḥ balavatām api
selbst gegen die Kräfte der Mächtigen

tribhiḥ lokaiḥ samuditaiḥ sa īśvaraiḥ sa amaraiḥ api | hṛdayam nirvṛtam te astu saṃtāpaḥ tyajyatām tava || 3-45-15

‚selbst gegen die drei Welten vereint, mitsamt ihren Herrschern und Unsterblichen. Möge dein Herz beruhigt sein, gib deinen Kummer auf.'

Wort für Wort
tribhiḥ lokaiḥ samuditaiḥ
gegen die drei Welten vereint
sa īśvaraiḥ sa amaraiḥ api
mitsamt Herrschern und Unsterblichen
hṛdayam nirvṛtam te astu
möge dein Herz beruhigt sein
saṃtāpaḥ tyajyatām tava
dein Kummer sei aufgegeben

āgamiṣyati te bhartā śīghram hatvā mṛgottamam | na sas tasya svaro vyaktam na kaścit api daivataḥ || 3-45-16

‚Dein Gatte wird bald zurückkehren, nachdem er das vorzügliche Wildtier getötet hat; jener Ruf war offenkundig nicht der seine, sondern eines göttlichen Wesens,'

Wort für Wort
āgamiṣyati te bhartā
dein Gatte wird zurückkehren
śīghram hatvā mṛgottamam
bald, das vorzügliche Wildtier getötet habend
na sas tasya svaro vyaktam
offenkundig war jener Ruf nicht seiner
na kaścit api daivataḥ
sondern eines göttlichen [Wesens]

gandharva nagara prakhyā māyā tasya ca rakṣasaḥ | nyāsa bhūtā asi vaidehi nyastā mayi mahātmanā || 3-45-17

‚eine Zauberei jenes Rākṣasa, einer Gandharva-Stadt gleich. Du, Vaidehī, bist mir wie ein anvertrautes Gut übergeben, von dem hochgesinnten Rāma.'

Wort für Wort
gandharva nagara prakhyā
einer Gandharva-Stadt gleich
māyā tasya ca rakṣasaḥ
die Zauberei jenes Rākṣasa
nyāsa bhūtā asi vaidehi
ein anvertrautes Gut bist du, Vaidehī
nyastā mayi mahātmanā
mir übergeben von dem Hochgesinnten

rāmeṇa tvam varārohe na tvām tyaktum iha utsahe | kṛta vairāḥ ca kalyāṇi vayam etaiḥ niśācaraiḥ || 3-45-18

‚Von Rāma bist du mir anvertraut, du von schöner Gestalt; ich vermag dich hier nicht zu verlassen. Feindschaft haben wir, du Holdselige, mit diesen Nachtwandlern begründet,'

Wort für Wort
rāmeṇa tvam varārohe
von Rāma [bist] du, du von schöner Gestalt
na tvām tyaktum iha utsahe
ich vermag dich hier nicht zu verlassen
kṛta vairāḥ ca kalyāṇi
Feindschaft begründet, du Holdselige
vayam etaiḥ niśācaraiḥ
haben wir mit diesen Nachtwandlern

kharasya nidhane devi janasthāna vadham prati | rākṣasā vividhā vāco vyavaharanti mahāvane || 3-45-19

‚wegen Kharas Tod, Herrin, wegen des Gemetzels in Janasthāna; die Rākṣasas führen mancherlei Reden im großen Wald,'

Wort für Wort
kharasya nidhane devi
bei Kharas Tod, Herrin
janasthāna vadham prati
wegen des Gemetzels in Janasthāna
rākṣasā vividhā vāco
die Rākṣasas mancherlei Reden
vyavaharanti mahāvane
führen im großen Wald

hiṃsā vihārā vaidehi na cintayitum arhasi | lakṣmaṇena evam uktā tu kruddhā saṃrakta locanā || 3-45-20

‚die sich an Gewalt ergötzen, Vaidehī – darüber solltest du nicht grübeln.' So von Lakṣmaṇa angesprochen, zornig, mit blutunterlaufenen Augen,

Wort für Wort
hiṃsā vihārā vaidehi
die sich an Gewalt ergötzen, Vaidehī
na cintayitum arhasi
darüber solltest du nicht grübeln
lakṣmaṇena evam uktā tu
so von Lakṣmaṇa angesprochen
kruddhā saṃrakta locanā
zornig, mit blutunterlaufenen Augen

abravīt paruṣam vākyam lakṣmaṇam satya vādinam | anārya karuṇāraṃbha nṛśaṃsa kula pāṃsana || 3-45-21

sagte sie ein hartes Wort zu Lakṣmaṇa, dem Wahrredenden: ‚Du Unedler, der du dich am Beginn des Mitleids [erst jetzt] zeigst, Grausamer, Schande deines Geschlechts,'

Wort für Wort
abravīt paruṣam vākyam
sagte sie ein hartes Wort
lakṣmaṇam satya vādinam
zu Lakṣmaṇa, dem Wahrredenden
anārya karuṇāraṃbha
Unedler, mit dem Beginn des Mitleids
nṛśaṃsa kula pāṃsana
Grausamer, Schande des Geschlechts

aham tava priyam manye rāmasya vyasanam mahat | rāmasya vyasanm dṛṣṭvā tena etāni prabhāṣase || 3-45-22

‚ich meine, dir ist Rāmas großes Unglück lieb; Rāmas Unglück vor Augen habend, sprichst du deshalb dies alles.'

Wort für Wort
aham tava priyam manye
ich meine, dir ist lieb
rāmasya vyasanam mahat
Rāmas großes Unglück
rāmasya vyasanm dṛṣṭvā
Rāmas Unglück sehend
tena etāni prabhāṣase
sprichst du deshalb dies

na eva citram sapatneṣu pāpam lakṣmaṇa yat bhavet | tvat vidheṣu nṛśaṃseṣu nityam pracchanna cāriṣu || 3-45-23

‚Es ist wahrlich kein Wunder, dass unter Nebenbuhlern Sünde entsteht, Lakṣmaṇa, bei solchen wie dir, Grausamen, die stets im Verborgenen wandeln.'

Wort für Wort
na eva citram sapatneṣu
kein Wunder unter Nebenbuhlern
pāpam lakṣmaṇa yat bhavet
dass Sünde entsteht, Lakṣmaṇa
tvat vidheṣu nṛśaṃseṣu
bei solchen wie dir, Grausamen
nityam pracchanna cāriṣu
die stets im Verborgenen wandeln

suduṣṭaḥ tvam vane rāmam ekam eko anugacchasi | mama hetoḥ praticchannaḥ prayukto bharatena vā || 3-45-24

‚Höchst verdorben folgst du Rāma allein im Wald, allein, um meinetwillen, heimlich, sei es von Bharata angestiftet,'

Wort für Wort
suduṣṭaḥ tvam vane rāmam
höchst verdorben, du, im Wald, Rāma
ekam eko anugacchasi
allein folgst du allein
mama hetoḥ praticchannaḥ
um meinetwillen, heimlich
prayukto bharatena vā
angestiftet, sei es von Bharata

tat na siddhyati saumitre tava api bharatasya vā | katham iṃdīvara śyāmam rāmam padma nibhekṣaṇam || 3-45-25

‚doch dies wird dir nicht gelingen, Saumitri, noch Bharata. Wie könnte ich, den blaulotusdunklen, den lotusäugigen Rāma'

Wort für Wort
tat na siddhyati saumitre
doch dies gelingt nicht, Saumitri
tava api bharatasya vā
dir, noch Bharata
katham iṃdīvara śyāmam
wie den blaulotusdunklen
rāmam padma nibhekṣaṇam
Rāma, den lotusäugigen

upasaṃśritya bhartāram kāmayeyam pṛthak janam | samakṣam tava saumitre prāṇān tyakṣyāmi asaṃśayam || 3-45-26

‚als meinen Gatten habend, einen anderen begehren? Vor deinen Augen, Saumitri, werde ich ohne Zweifel mein Leben lassen –'

Wort für Wort
upasaṃśritya bhartāram
als Gatten habend
kāmayeyam pṛthak janam
sollte ich einen anderen begehren
samakṣam tava saumitre
vor deinen Augen, Saumitri
prāṇān tyakṣyāmi asaṃśayam
werde ich ohne Zweifel mein Leben lassen

rāmam vinā kṣaṇam api na eva jīvāmi bhū tale | iti uktaḥ paruṣam vākyam sītayā romaharṣaṇam || 3-45-27

‚ohne Rāma lebe ich keinen Augenblick auf dieser Erde.' – So, mit diesem harten, haarsträubenden Wort von Sītā angesprochen,

Wort für Wort
rāmam vinā kṣaṇam api
ohne Rāma auch nur einen Augenblick
na eva jīvāmi bhū tale
lebe ich nicht auf der Erde
iti uktaḥ paruṣam vākyam
so, mit diesem harten Wort angesprochen
sītayā romaharṣaṇam
von Sītā, haarsträubend

abravīt lakṣmaṇaḥ sītām prāṃjaliḥ vijitendriyaḥ | uttaram na utsahe vaktum daivatam bhavatī mama || 3-45-28

sprach Lakṣmaṇa, die Hände gefaltet, seiner Sinne Herr, zu Sītā: ‚Ich vermag keine Erwiderung zu geben; eine Gottheit bist du mir.'

Wort für Wort
abravīt lakṣmaṇaḥ sītām
sprach Lakṣmaṇa zu Sītā
prāṃjaliḥ vijitendriyaḥ
die Hände gefaltet, seiner Sinne Herr
uttaram na utsahe vaktum
eine Erwiderung vermag ich nicht zu geben
daivatam bhavatī mama
eine Gottheit bist du mir

vākyam apratirūpam tu na citram strīṣu maithili | svabhāvaḥ tu eṣa nārīṇām eṣu lokeṣu dṛśyate || 3-45-29

‚Doch ein unschickliches Wort ist bei Frauen nicht verwunderlich, Maithilī; dies ist eben die Natur der Frauen, wie man sie in diesen Welten sieht:'

Wort für Wort
vākyam apratirūpam tu
ein unschickliches Wort aber
na citram strīṣu maithili
ist nicht verwunderlich bei Frauen, Maithilī
svabhāvaḥ tu eṣa nārīṇām
dies ist eben die Natur der Frauen
eṣu lokeṣu dṛśyate
wie man sie in diesen Welten sieht

vimukta dharmāḥ capalāḥ tīkṣṇā bhedakarāḥ striyaḥ | na sahe hi īdṛśam vākyam vaidehī janaka ātmaje || 3-45-30

‚dem Dharma entbunden, wankelmütig, scharf, Zwietracht stiftend sind Frauen. – Doch ich kann ein solches Wort nicht ertragen, Vaidehī, Tochter Janakas.'

Wort für Wort
vimukta dharmāḥ capalāḥ
dem Dharma entbunden, wankelmütig
tīkṣṇā bhedakarāḥ striyaḥ
scharf, Zwietracht stiftend, Frauen
na sahe hi īdṛśam vākyam
doch ich ertrage nicht ein solches Wort
vaidehī janaka ātmaje
Vaidehī, Tochter Janakas

śrotrayoḥ ubhayoḥ madhye tapta nārāca sannibham | upaśṛṇvaṃtu me sarve sākṣino hi vanecarāḥ || 3-45-31

‚Zwischen beiden Ohren dringt es wie ein glühender eiserner Pfeil. Mögen mich alle Waldbewohner hören, als Zeugen –'

Wort für Wort
śrotrayoḥ ubhayoḥ madhye
zwischen beiden Ohren
tapta nārāca sannibham
wie ein glühender eiserner Pfeil
upaśṛṇvaṃtu me sarve
mögen mich alle hören
sākṣino hi vanecarāḥ
als Zeugen, die Waldbewohner

nyāya vādī yathā vākyam ukto aham paruṣam tvayā | dhik tvām adya praṇaśyantīm yan mām evam viśaṃkase || 3-45-32

‚obwohl ich der Gerechtigkeit gemäß spreche, wurde ich von dir mit einem harten Wort angesprochen. Schande über dich, die du heute zugrunde gehst, dass du mich so verdächtigst!'

Wort für Wort
nyāya vādī yathā vākyam
obwohl ich der Gerechtigkeit gemäß rede
ukto aham paruṣam tvayā
wurde ich von dir hart angesprochen
dhik tvām adya praṇaśyantīm
Schande über dich, die du heute zugrunde gehst
yan mām evam viśaṃkase
dass du mich so verdächtigst

strītvāt duṣṭa svabhāvena guru vākye vyavasthitam | gamiṣye yatra kākutsthaḥ svasti te astu varānane || 3-45-33

‚Aus Frauenwesen, mit verdorbener Natur, [sprichst du] gegen mich, der ich dem Wort des Älteren gehorche. Ich werde dorthin gehen, wo der Kākutstha ist. Heil dir, du Schöngesichtige.'

Wort für Wort
strītvāt duṣṭa svabhāvena
aus Frauenwesen, mit verdorbener Natur
guru vākye vyavasthitam
gegen mich, der dem Wort des Älteren gehorcht
gamiṣye yatra kākutsthaḥ
ich werde dorthin gehen, wo der Kākutstha ist
svasti te astu varānane
Heil dir, du Schöngesichtige

rakṣantu tvām viśālākṣi samagrā vana devatāḥ | nimittāni hi ghorāṇi yāni prādurbhavanti me || 3-45-34

‚Mögen dich alle Waldgottheiten beschützen, Großäugige! Denn furchtbare Vorzeichen erscheinen mir –'

Wort für Wort
rakṣantu tvām viśālākṣi
mögen dich beschützen, Großäugige
samagrā vana devatāḥ
alle Waldgottheiten
nimittāni hi ghorāṇi
denn furchtbare Vorzeichen
yāni prādurbhavanti me
die mir erscheinen

api tvām saha rāmeṇa paśyeyam punarāgataḥ | iti lakṣmaṇam āśrutya sītā duhkha samanvitā || 3-45-35

‚möge ich dich mit Rāma zusammen wiedersehen, wenn ich zurückkomme.' Als sie dies von Lakṣmaṇa gehört hatte, von Kummer erfüllt,

Wort für Wort
api tvām saha rāmeṇa
möge ich dich mit Rāma zusammen
paśyeyam punarāgataḥ
wiedersehen, wenn ich zurückkomme
iti lakṣmaṇam āśrutya
dies von Lakṣmaṇa gehört habend
sītā duhkha samanvitā
Sītā, von Kummer erfüllt

pāṇibhyām rudatī duhkhād udaram prajaghāna ha | godāvarīm pravekṣyāmi hīnā rāmeṇa lakṣmaṇa || 3-45-36

schlug Sītā, weinend vor Schmerz, sich mit beiden Händen auf den Leib: ‚Ich werde in die Godāvarī gehen, wenn ich Rāma verloren habe, Lakṣmaṇa,'

Wort für Wort
pāṇibhyām rudatī duhkhād
mit beiden Händen, vor Schmerz weinend
udaram prajaghāna ha
schlug sie sich auf den Leib
godāvarīm pravekṣyāmi
ich werde in die Godāvarī gehen
hīnā rāmeṇa lakṣmaṇa
wenn ich Rāma verloren habe, Lakṣmaṇa

ābandhiṣye athavā tyakṣye viṣame deham ātmanaḥ | pibāmi vā viṣam tīkṣṇam pravekṣyāmi hutāśanam || 3-45-37

‚oder ich werde mich erhängen oder meinen Körper von einem Abgrund werfen, oder ich werde scharfes Gift trinken, oder ins Feuer gehen –'

Wort für Wort
ābandhiṣye athavā tyakṣye
ich werde mich erhängen, oder aufgeben
viṣame deham ātmanaḥ
meinen Körper an einem Abgrund
pibāmi vā viṣam tīkṣṇam
oder ich trinke scharfes Gift
pravekṣyāmi hutāśanam
oder gehe ins Feuer

na tu aham rāghavāt anyam kadāapi puruṣam spṛśe || 3-45-38

‚doch niemals werde ich einen anderen Mann als den Rāghava berühren.'

Wort für Wort
na tu aham rāghavāt anyam
doch nicht ich, außer dem Rāghava, einen anderen
kadāapi puruṣam spṛśe
jemals einen Mann berühre

tām ārta rūpām vimanā rudantīm saumitriḥ ālokya viśāla netrām | āśvāsayāmāsa na caiva bhartuḥ tam bhrātaram kiṃcit uvāca sītā || 3-45-39

Sie, in Schmerzgestalt, verzagt weinend, die Großäugige, betrachtend, konnte der Saumitri sie nicht trösten, noch sprach Sītā etwas zu ihrem Schwager,

Wort für Wort
tām ārta rūpām vimanā rudantīm
sie, in Schmerzgestalt, verzagt weinend
saumitriḥ ālokya viśāla netrām
der Saumitri, die Großäugige betrachtend
āśvāsayāmāsa na caiva bhartuḥ
konnte er sie nicht trösten
tam bhrātaram kiṃcit uvāca sītā
noch sprach Sītā etwas zu ihrem Schwager

tataḥ tu sītām abhivādya lakṣmaṇaḥ kṛta anjaliḥ kiṃcid abhipraṇamya | avekṣamāṇo bahuśaḥ sa maithilīm jagāma rāmasya samīpam ātmavān || 3-45-40

da grüßte Lakṣmaṇa Sītā, mit gefalteten Händen sich leicht verneigend, und, sich immer wieder nach der Maithilī umblickend, ging er, seiner selbst mächtig, zu Rāma.

Wort für Wort
tataḥ tu sītām abhivādya
da grüßte er Sītā
lakṣmaṇaḥ kṛta anjaliḥ kiṃcid abhipraṇamya
Lakṣmaṇa, mit gefalteten Händen sich leicht verneigend
avekṣamāṇo bahuśaḥ sa maithilīm
sich immer wieder nach der Maithilī umblickend
jagāma rāmasya samīpam ātmavān
ging er, seiner selbst mächtig, zu Rāma

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