Dhṛtarāṣṭra sprach: Als hierauf im Kampf die Truppen von Bhīmasena in die Flucht geschlagen worden waren, sprach Duryodhana: Was tat nun wohl der Sohn Subalas, Saṃjaya, oder Karṇa, der Beste der Sieger, oder meine Krieger im Kampf?
Wort für Wort
bhagneṣu sainyeṣu
als die Truppen in die Flucht geschlagen waren (Lok. Abs.)
saubalaḥ
der Sohn Subalas (Nom., Śakuni)
jayatām śreṣṭhaḥ
der Beste der Sieger (Nom.)
Der Vers nennt ungewöhnlicherweise 'Duryodhana' als Sprecher ('duryodhano 'bravīt'), obwohl die Kapitelüberschrift 'dhṛtarāṣṭra uvāca' Dhṛtarāṣṭra als Sprecher ausweist; möglicherweise ein Übertragungsfehler oder eine eingeschobene Erinnerung an eine frühere Frage Duryodhanas. Der Vers wird hier wörtlich, ohne Glättung, wiedergegeben.
kṛpo vā kṛtavarmā ca drauṇir duḥśāsano 'pi vā / atyadbhutam idaṃ manye pāṇḍaveyasya vikramam / yad ekaḥ samare sarvān yodhamāyāsa māmakān / yathāpratijñaṃ yodhānāṃ rādheyaḥ kṛtavān api
Oder Kṛpa, oder Kṛtavarman, oder der Sohn Droṇas, oder auch Duḥśāsana? Für höchst wunderbar halte ich diese Kampfeskraft des Pāṇḍava-Sohnes, dass er im Kampf allein alle meine Krieger ermattet hat. Hat der Sohn der Rādhā [Karṇa] seinem Gelöbnis gegenüber den Kriegern gemäß gehandelt?
kurūṇām api sarveṣāṃ karṇaḥ śatruniṣūdanaḥ / sarveṣāṃ kuruyaudhānāṃ karṇo vai śatrusūdanaḥ / śarma varma pratiṣṭhā ca jīvitāśā ca saṃjaya
Ist Karṇa, der Feindevernichter, für alle Kurus - ist Karṇa ja für alle Kuru-Krieger der Feindebezwinger - Schutz, Rüstung, Stütze und Lebenshoffnung, o Saṃjaya?
Wort für Wort
śatruniṣūdanaḥ
der Feindevernichter (Nom.)
śarma varma pratiṣṭhā
Schutz, Rüstung, Stütze (Nom.)
jīvitāśā
die Lebenshoffnung (Nom.)
Die Apparatszeile *0851 wiederholt den Gedanken des Hauptverses in nahezu identischer Formulierung; beide Fassungen werden hier zusammengeführt wiedergegeben.
tat prabhagnaṃ balaṃ dṛṣṭvā kaunteyenāmitaujasā / rādheyānām adhirathaḥ karṇaḥ kim akarod yudhi / putrā vā mama durdharṣā rājāno vā mahārathāḥ / etan me sarvam ācakṣva kuśalo hy asi saṃjaya
Als er jenes Heer, gebrochen vom Sohn der Kuntī, dem von unermesslicher Kraft, sah, was tat da Karṇa, der Sohn des Adhiratha, unter den Rādheyas, im Kampf? Was taten meine unbezwinglichen Söhne, oder die Könige, die großen Wagenkämpfer? Erzähle mir dies alles, denn du bist kundig, Saṃjaya.
Saṃjaya sprach: Am Nachmittag, großer König, tötete der glanzvolle Sohn der Sūta alle Somakas vor den Augen Bhīmasenas; Bhīma aber, überaus stark, zermalmte seinerseits das Heer der Dhṛtarāṣṭras. Da sprach Karṇa zu Śalya: „Bringe mich zu den Pāñcālas.“
Wort für Wort
aparāhṇe
am Nachmittag (Lok.)
somakān
die Somakas (Akk. Pl.)
vyapothayat
er zermalmte (Impf.)
Diese Apparatszeile (*0852) nimmt Karṇas Aufforderung an Śalya vorweg, die im Hauptvers 008 in ausführlicherer Form wiederkehrt.
madrarājas tataḥ śalyaḥ śvetān aśvān mahājavān / prāhiṇoc cedipāñcālān karūṣāṃś ca mahābalaḥ / praviśya ca sa tāṃ senāṃ śalyaḥ parabalārdanaḥ / nyayacchat turagān hṛṣṭo yatra yatraicchad agraṇīḥ
Da lenkte Śalya, der König der Madras, überaus stark, die weißen, überaus schnellen Rosse gegen die Cedis, Pāñcālas und Karūṣas. Und nachdem er in jenes Heer eingedrungen war, hielt Śalya, der Bedränger der feindlichen Streitmacht, erfreut, die Rosse dorthin, wohin auch immer der Anführer [Karṇa] es wünschte.
Als sie jenen wolkengleichen Wagen mit seiner Tigerfell-Umhüllung erblickten, wurden die Pāṇḍus und Pāñcālas erschrocken, o Herr der Untertanen. Da erhob sich in der großen Schlacht das Dröhnen des Wagens, gleich dem Donnern einer Regenwolke oder einem sich spaltenden Berg.
Da tötete auch Karṇa mit Hunderten scharfer, bis ans Ohr gezogener Pfeile das Pāṇḍava-Heer zu Hunderten und Tausenden. Als er so im Kampf übermenschliche Taten vollbrachte, umringten ihn die großen Bogenschützen, die großen Wagenkämpfer der Pāṇḍavas.
Wort für Wort
ākarṇaniḥsṛtaiḥ
bis ans Ohr gezogen entlassen (Instr. Pl., von Pfeilen)
taṃ śikhaṇḍī ca bhīmaś ca dhṛṣṭadyumnaś ca pārṣataḥ / nakulaḥ sahadevaś ca draupadeyāḥ sasātyakāḥ / parivavrur jighāṃsanto rādheyaṃ śaravṛṣṭibhiḥ
Śikhaṇḍin, Bhīma, Dhṛṣṭadyumna, der Sohn des Pṛṣata, Nakula und Sahadeva, die Söhne Draupadīs samt Sātyaki umringten den Sohn der Rādhā, ihn zu töten begierig, mit Pfeilschauern.
sātyakis tu tataḥ karṇaṃ viṃśatyā niśitaiḥ śaraiḥ / atāḍayad raṇe śūro jatrudeśe narottamaḥ / śikhaṇḍī pañcaviṃśatyā dhṛṣṭadyumnaś ca pañcabhiḥ / draupadeyāś catuḥṣaṣṭyā sahadevaś ca saptabhiḥ / nakulaś ca śatenājau karṇaṃ vivyādha sāyakaiḥ
Sātyaki nun traf Karṇa im Kampf mit zwanzig scharfen Pfeilen am Schlüsselbein, der Held, der beste der Männer; Śikhaṇḍin mit fünfundzwanzig, Dhṛṣṭadyumna mit fünf, die Söhne Draupadīs mit vierundsechzig, Sahadeva mit sieben, und Nakula durchbohrte Karṇa im Kampf mit hundert Pfeilen.
Bhīmasena aber durchbohrte den Sohn der Rādhā mit neunzig gebogenen Pfeilen am Schlüsselbein, zornentbrannt, der überaus Starke, im Kampf. Da lachte der Sohn des Adhiratha, schwang seinen vorzüglichen Bogen und entließ scharfe Pfeile, sie bedrängend, der überaus Gewaltige; der Sohn der Rādhā durchbohrte sie einen jeden mit je fünf Pfeilen.
sātyakes tu dhanuś chittvā dhvajaṃ ca puruṣarṣabhaḥ / athainaṃ navabhir bāṇair ājaghāna stanāntare / bhīmasenas tu taṃ kruddho vivyādha triṃśatā śaraiḥ / sahadevasya bhallena dhvajaṃ ciccheda māriṣa / sārathiṃ ca tribhir bāṇair ājaghāna paraṃtapaḥ
Der Stier unter den Männern [Karṇa] zerschnitt Sātyakis Bogen und Banner und traf ihn dann mit neun Pfeilen zwischen den Brüsten. Bhīmasena aber, erzürnt, durchbohrte ihn mit dreißig Pfeilen; mit einem Bhalla-Pfeil zerschnitt er [Karṇa] Sahadevas Banner, o Verehrter, und der Feindebedränger traf dessen Wagenlenker mit drei Pfeilen.
Nachdem er sie alle mit Pfeilen mit geglätteten Gelenken zur Umkehr gezwungen hatte, tötete der Held die Pāñcālas und die großen Wagenkämpfer der Cedis.
Sie, die Cedis und Matsyas, im Kampf niedergemacht, o Herr der Untertanen, stürmten auf Karṇa allein los und bedrängten ihn mit Massen von Pfeilen; doch der große Wagenkämpfer, der Sohn der Sūta, tötete sie mit scharfen Pfeilen. Sie flohen erschrocken aus der Schlacht, wie von einem Löwen aufgeschreckte Rehe; da besiegte der Held, lachend, die Pāṇḍavas in der Schlacht.
Wort für Wort
śarasaṃghaiḥ
mit Massen von Pfeilen (Instr. Pl.)
siṃhatrastā mṛgāḥ iva
wie von einem Löwen aufgeschreckte Rehe (Nom. Pl.)
Dies Höchstwunderbare habe ich an Karṇa gesehen, o Bhārata: dass der glanzvolle Sohn der Sūta allein im Kampf die tapferen [...] anstrengenden großen Wagenkämpfer bekämpfte, im Kampf; die sich mit äußerster Kraft anstrengenden bogenführenden Krieger bekämpfte er und hielt die Söhne Pāṇḍus, großer König, im Kampf mit Pfeilen zurück.
Wort für Wort
atyadbhutam
höchst wunderbar (Akk.)
yatamānān
sich anstrengend (Part. Präs. Akk. Pl.)
vāritavān
er hat zurückgehalten (Perf.)
Die Apparatszeile *0856 weist im Quelltext eine Textlücke auf (mit '****' markiert); die fehlende Passage konnte nicht ergänzt werden und wird hier unübersetzt als Lücke belassen.
Da, o Bhārata, waren über die Behändigkeit des hochgesinnten Karṇa alle Götter erfreut, ebenso die Siddhas und die höchsten Weisen. Die großen Bogenschützen, die Söhne Dhṛtarāṣṭras, ehrten den besten der Männer, Karṇa, den vorzüglichsten der Wagenkämpfer, den besten aller Bogenträger.
Da verbrannte Karṇa, großer König, das feindliche Heer, der einzelne Held, der große Bogenschütze - [ein im Quelltext mit dem Vermerk (sic) als unsicher gekennzeichnetes Wort beschreibt hier näher die Truppenbewegung] -, mit scharfen Pfeilen den strömenden Heereszug der Pāñcālas zermalmend, wie ein loderndes großes Feuer in der Hitze trockenes Buschwerk verzehrt.
Wort für Wort
ripuvāhinīm
das feindliche Heer (Akk.)
pravāhinīm
den strömenden Heereszug (Akk.)
kakṣam
trockenes Buschwerk, Gestrüpp (Akk.)
Das Kompositum 'vighnastāparivāhiṇam' ist im Quelltext selbst mit '(sic)' als fragwürdige Lesart gekennzeichnet; seine genaue Bedeutung bleibt unklar und wurde hier ausgespart [?].
Sie, die Söhne Pāṇḍus, von Karṇa niedergemacht, flohen hierhin und dorthin in der Schlacht, erschrocken, als sie den mächtigen Karṇa erblickten. Dort erhob sich in der großen Schlacht ein gewaltiges Wehklagen der Pāñcālas, die von den scharfen, aus Karṇas vorzüglichem Bogen entlassenen Pfeilen niedergemacht wurden. Von jenem Lärm erschreckt, hielt das große Heer der Pāṇḍavas - die Feinde dort - Karṇa für den einzigen Krieger in der Schlacht.
tatrādbhutaṃ paraṃ cakre rādheyaḥ śatrukarśanaḥ / yad ekaṃ pāṇḍavāḥ sarve na śekur abhivīkṣitum / yathaughaḥ parvataśreṣṭham āsādyābhipradīryate / tathā tat pāṇḍavaṃ sainyaṃ karṇam āsādya dīryate
Dort vollbrachte der Sohn der Rādhā, der Feindebezwinger, ein höchstes Wunder: dass alle Pāṇḍavas ihn, den Einzelnen, nicht einmal anzublicken vermochten. Wie eine Flut, den besten der Berge erreichend, sich bricht, so brach jenes Heer der Pāṇḍavas, Karṇa erreichend, auseinander.
śirāṃsi ca mahārāja karṇāṃś cañcalakuṇḍalān / bāhūṃś ca vīro vīrāṇāṃ ciccheda laghu ceṣubhiḥ / hastidantān tsarūn khaḍgān dhvajāñ śaktīr hayān gajān / rathāṃś ca vividhān rājan patākā vyajanāni ca / akṣeṣāyugayoktrāṇi cakrāṇi vividhāni ca / ciccheda śatadhā karṇo yodhavratam anuṣṭhitaḥ
Häupter, großer König, mit schwingenden Ohrringen, und die Arme der Helden zerschnitt der Held leichthin mit seinen Pfeilen; Elefantenstoßzähne, Schwertgriffe, Schwerter, Banner, Speere, Rosse, Elefanten, und mancherlei Wagen, o König, Standarten und Fächer, Achsen, Deichseln und Joche, und mancherlei Räder zerschnitt Karṇa, dem Kriegergelübde folgend, in hundert Stücke.
tatra bhārata karṇena nihatair gajavājibhiḥ / agamyarūpā pṛthivī māṃsaśoṇitakardamā / viṣamaṃ ca samaṃ caiva hatair aśvapadātibhiḥ / rathaiś ca kuñjaraiś caiva na prājñāyata kiṃ cana / nāpi sve na pare yodhāḥ prājñāyanta parasparam / ghore śarāndhakāre tu karṇāstre ca vijṛmbhite
Dort, o Bhārata, wurde durch die von Karṇa erschlagenen Elefanten und Rosse die Erde unbegehbar, ein Sumpf aus Fleisch und Blut. Ob uneben oder eben, durch die erschlagenen Rosse, Fußsoldaten, Wagen und Elefanten konnte nichts mehr unterschieden werden; weder die eigenen noch die feindlichen Krieger konnten einander erkennen, in der furchtbaren Finsternis der Pfeile und da Karṇas Waffenkraft sich entfaltete.
Von den aus Rādheyas Bogen entlassenen, goldgeschmückten Pfeilen wurden die sich anstrengenden großen Wagenkämpfer bedeckt, großer König. Jene Söhne Pāṇḍus wurden in der Schlacht von Karṇa immer wieder aufs Neue zurückgeschlagen, großer König, so sehr sie sich auch anstrengten, die großen Wagenkämpfer.
mṛgasaṃghān yathā kruddhaḥ siṃho drāvayate vane / pāñcālānāṃ rathaśreṣṭhān drāvayañ chātravāṃs tathā / karṇas tu samare yodhāṃs tatra tatra mahāyaśāḥ / kālayām āsa tat sainyaṃ yathā paśugaṇān vṛkaḥ
Wie ein zorniger Löwe Herden von Wild im Wald zerstreut, so zerstreute er, die feindlichen besten Wagenkämpfer der Pāñcālas zerstreuend; Karṇa aber, der hochberühmte, trieb in der Schlacht die Krieger hierhin und dorthin, wie ein Wolf Herden von Vieh treibt.
Als sie das Pāṇḍava-Heer in die Flucht gewandt sahen, rückten die großen Bogenschützen, die Söhne Dhṛtarāṣṭras, heran, furchtbare Rufe ausstoßend. Duryodhana nämlich, o Fürst der Könige, von höchster Freude erfüllt, ließ hocherfreut mancherlei Instrumente überall ertönen.
Auch die Pāñcālas, große Bogenschützen, beste der Männer, immer wieder geschlagen, kehrten zurück wie Helden, den Tod zu ihrer Umkehr gemacht habend. Jene im Kampf zurückgekehrten Helden zerschlug der Sohn der Rādhā, der Feindebedränger, der Stier unter den Männern, mehrfach, großer König.
Nachdem er die Wagenböden und Pferderücken geleert, die Elefantenschultern menschenleer gemacht und das Fußvolk in die Flucht getrieben hatte, o Bhārata, schritt der Sohn der Sūta einher, dem Kāla am Weltenende gleich an Gestalt, grausam, unerträglich anzuschauen wie die Mittagssonne, der Feindebedränger.
Nachdem er so, großer König, diese Männer, Rosse, Wagen und Elefanten erschlagen hatte, stand der große Bogenschütze Karṇa, der Vernichter der feindlichen Scharen, still; wie der mächtige Kāla, nachdem er die Scharen der Wesen erschlagen hat, stillstehen würde, so stand er, nachdem er die Somakas erschlagen hatte, allein da, der große Wagenkämpfer.
Der König und Duḥśāsana, ebenso Kṛpa, der Sohn des Śaradvat, Aśvatthāman, Kṛtavarman und auch Śakuni, der Sohn Subalas, schlugen das Pāṇḍava-Heer zu Hunderten und Tausenden nieder.
karṇaputrau ca rājendra bhrātarau satyavikramau / anāśayetāṃ balinaḥ pāñcālān vai tatas tataḥ / tatra yuddhaṃ tadā hy āsīt krūraṃ viśasanaṃ mahat
Und Karṇas zwei Söhne, o Fürst der Könige, die Brüder von wahrhafter Tapferkeit, mächtig, vernichteten die Pāñcālas hierhin und dorthin. Dort war damals ein grausamer, gewaltiger Vernichtungskampf.
Ebenso schlugen die tapferen Pāṇḍavas, Dhṛṣṭadyumna und Śikhaṇḍin, sowie die Söhne Draupadīs, zornentbrannt, dein Heer. So vollzog sich dieses Verderben der Pāṇḍavas hierhin und dorthin, wie auch das der Deinen im Kampf, als sie auf den mächtigen Bhīma trafen.