Sarga 1: Saṃkṣepa-Rāmāyaṇam
Nāradas Kurzfassung des Rāmāyaṇa
Zweiter Korrekturdurchgang (begonnen 2026-09-12): Dieses Kapitel wurde erneut gelesen und, soweit online frei zugänglich, mit traditionellen Kommentaren abgeglichen (u.a. Govindarājas Bhūṣaṇa). Ziel ist nicht eine grundlegende Neuübersetzung, sondern das Kenntlichmachen strittiger oder mehrdeutiger Stellen als [Kommentar]-Vermerke. Der Abgleich erfolgt sarga-weise über viele Sitzungen hinweg; die meisten Kapitel des Gesamtwerks sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht durchgesehen.
Vālmīki, der Asket, befragte Nārada – den in Askese und im Studium der heiligen Texte Versunkenen, den Besten der Wortkundigen – der Stier unter den Weisen [befragte den Stier unter den Weisen].
Wort für Wort
tapaḥ-svādhyāya-niratam
in Askese und Studium (der Veden) versunken (Akk.Sg., Nārada)
tapasvī
der Asket (Nom.Sg., Vālmīki)
vāgvidāṃ varam
den Besten der Wortkundigen (Akk.Sg.)
nāradam
Nārada (Akk.Sg.)
paripapraccha
er befragte (3.Sg.Perf.)
vālmīkiḥ
Vālmīki (Nom.Sg.)
munipuṃgavam
den Stier unter den Weisen (Akk.Sg., Beiname Nāradas)
kaḥ nu asmin sāṃpratam loke guṇavān kaḥ ca vīryavān|dharmajñaḥ ca kṛtajñaḥ ca satyavākyo dhṛḍhavrataḥ||
„Wer nur ist gegenwärtig in dieser Welt tugendhaft, und wer voller Tatkraft? Wer kennt die Pflicht, wer ist dankbar, wahrhaftig im Wort und fest im Gelübde?
ātmavān ko jitakrodho dyutimān kaḥ anasūyakaḥ|kasya bibhyati devāḥ ca jātaroṣasya saṃyuge||
Wer ist selbstbeherrscht, wer hat den Zorn bezwungen? Wer ist glanzvoll und frei von Missgunst? Vor wem, wenn sein Zorn im Kampf entbrannt ist, fürchten sich sogar die Götter?
śrutvā ca etat trilokajño vālmīkeḥ nārado vacaḥ|śrūyatām iti ca āmaṃtrya prahṛṣṭo vākyam abravīt||
Als Nārada, der Kenner der drei Welten, dieses Wort Vālmīkis gehört hatte, sprach er hocherfreut, nachdem er ihn mit „so höre denn“ angeredet hatte, folgende Worte:
bahavo durlabhāḥ ca eva ye tvayā kīrtitā guṇāḥ|mune vakṣyāmi ahaṃ buddhvā taiḥ uktaḥ śrūyatām naraḥ||
„Zahlreich und zugleich schwer zu finden sind die Tugenden, die du genanntest, o Weiser; wohl wissend will ich sprechen – höre von dem Mann, der mit ihnen begabt ist.
Wort für Wort
bahavaḥ durlabhāḥ ca eva
zahlreich und zugleich schwer zu finden (Nom.Pl.)
tvayā kīrtitāḥ guṇāḥ
die von dir genannten Tugenden (Nom.Pl.)
mune
o Weiser (Vok.Sg.)
vakṣyāmi
ich werde sprechen (1.Sg.Fut.)
buddhvā
wohl wissend (Abs.)
taiḥ uktaḥ naraḥ
der mit ihnen begabte Mann (wörtl. „mit ihnen gesagte“, Nom.Sg.)
Aus dem Geschlecht des Ikṣvāku hervorgegangen, ist er unter den Menschen als Rāma bekannt – von gezügeltem Geist, von großer Heldenkraft, glanzvoll, standhaft und selbstbeherrscht.
Wort für Wort
ikṣvāku-vaṃśa-prabhavaḥ
aus dem Geschlecht des Ikṣvāku entsprungen (Nom.Sg.)
Klug, der Staatskunst kundig, redegewandt, glückhaft, ein Vernichter der Feinde – breitschultrig, langarmig, mit muschelförmigem Hals und kräftigem Kinn.
Breitbrüstig, ein großer Bogenschütze, mit verborgenen Schlüsselbeinen, ein Bezwinger der Feinde – mit bis zu den Knien reichenden Armen, wohlgeformtem Haupt, schöner Stirn und edlem Gang.
dharmajñaḥ satyasandhaḥ ca prajānāṃ ca hite rataḥ|yaśasvī jñānasaṃpannaḥ śuciḥ vaśyaḥ samādhimān||
Kundig der Pflicht, treu seinem Wort, dem Wohl der Untertanen zugewandt – ruhmreich, voll Wissen, rein, lenkbar (durch die Vernunft) und sammlungsfähig.
Kundig der wahren Bedeutung aller Lehrwerke, von gutem Gedächtnis und Geistesgegenwart – allen Welten lieb, rechtschaffen, unverzagten Sinnes, scharfsinnig.
Wort für Wort
sarva-śāstra-artha-tattvajñaḥ
kundig der wahren Bedeutung aller Lehrwerke (Nom.Sg.)
an Freigebigkeit dem Reichtumsgott Kubera gleich, in Wahrhaftigkeit gleichsam ein zweiter Dharma – diesen mit solchen Tugenden begabten Rāma, von wahrhaftiger Tatkraft,
Wort für Wort
dhanadena samaḥ tyāge
an Freigebigkeit dem Kubera (dem Reichtumsgeber) gleich (Instr.Sg./Lok.Sg.)
satye dharmaḥ iva aparaḥ
in Wahrhaftigkeit wie ein zweiter Dharma (Lok.Sg.)
[ihn,] den ältesten Sohn, mit den vortrefflichsten Eigenschaften begabt, den geliebten Sohn des Daśaratha, dem Wohl der Untertanen zugetan – aus dem Wunsch, den Untertanen wohlzugefallen,
Wort für Wort
jyeṣṭhaṃ sutam
den ältesten Sohn (Akk.Sg.)
śreṣṭhaguṇaiḥ yuktam
mit den vortrefflichsten Eigenschaften begabt (Instr.Pl./Akk.Sg.)
priyaṃ daśarathaḥ sutam
den geliebten Sohn des Daśaratha (Akk.Sg./Gen.Sg.)
prakṛtīnāṃ hitaiḥ yuktam
dem Wohl der Untertanen zugetan (Gen.Pl./Instr.Pl.)
prakṛtipriyakāmyayā
aus dem Wunsch, den Untertanen zu gefallen (Instr.Sg.)
wollte der Herrscher der Erde [Daśaratha] aus Liebe mit der Thronfolgerwürde ausstatten. Als aber [seine] Gattin Kaikeyī die Vorbereitungen für dessen Weihe sah,
Wort für Wort
yauvarājyena saṃyoktum
mit der Thronfolgerwürde auszustatten (Inf.)
aicchat prītyā mahīpatiḥ
der Herrscher der Erde wollte aus Liebe (3.Sg.Impf.)
tasya abhiṣekasaṃbhārān dṛṣṭvā
als sie die Vorbereitungen zu dessen Weihe gesehen hatte (Abs.)
im Geschlecht des Janaka geboren, wie von göttlicher Zaubermacht geschaffen, mit allen günstigen Merkmalen begabt, die vortrefflichste Braut unter den Frauen –
Wort für Wort
janakasya kule jātā
im Geschlecht des Janaka geboren (Nom.Sg.)
devamāyā iva nirmitā
wie von göttlicher Zaubermacht geschaffen (Nom.Sg.)
sarvalakṣaṇasaṃpannā
mit allen günstigen Merkmalen begabt (Nom.Sg.)
nārīṇām uttamā vadhūḥ
die vortrefflichste Braut der Frauen (Gen.Pl./Nom.Sg.)
entließ er in der Stadt Śṛṅgiberapura, am Ufer der Gaṅgā, den Wagenlenker, nachdem der Dharma-gesinnte den geliebten Herrscher der Niṣādas, Guha, aufgesucht hatte.
[mit den Worten:] „Du allein bist der König, o Kenner der Pflicht“ – so sprach er zu Rāma. Doch Rāma, der höchst Edelmütige, Freundliche, von großem Ruhm,
na ca icchat pitur ādeśāt rājyaṃ rāmo mahābalaḥ|pāduke ca asya rājyāya nyāsaṃ dattvā punaḥ punaḥ||
begehrte, dem Gebot des Vaters folgend, die Herrschaft nicht. Er gab ihm seine Sandalen als Pfand für die Herrschaft und schickte, immer wieder [drängend],
Wort für Wort
na icchat pitur ādeśāt rājyam
er begehrte, dem Gebot des Vaters folgend, die Herrschaft nicht (3.Sg.Impf./Abl.Sg.)
rāmo mahābalaḥ
Rāma, der Starkarmige (Nom.Sg.)
pāduke ca asya rājyāya
und seine beiden Sandalen für dessen Herrschaft (Akk.Du./Dat.Sg.)
nandigrāme akarot rājyaṃ rāmāgamanakāṅkṣayā|gate tu bharate śrīmān satyasandho jitendriyaḥ||
übte er in Nandigrāma die Herrschaft aus, in der Sehnsucht nach Rāmas Rückkehr. Als aber Bharata gegangen war, [zog] der Glückhafte, seinem Wort treu, von bezähmten Sinnen,
Wort für Wort
nandigrāme akarot rājyam
in Nandigrāma übte er die Herrschaft aus (3.Sg.Impf.)
rāmāgamanakāṅkṣayā
aus Sehnsucht nach Rāmas Rückkehr (Instr.Sg.)
gate tu bharate
als aber Bharata gegangen war (Lok.Abs.)
śrīmān satyasandho jitendriyaḥ
der Glückhafte, seinem Wort treu, von bezähmten Sinnen (Nom.Sg.)
khaḍgaṃ ca paramaprītaḥ tūṇī ca akṣayasāyakau|vasataḥ tasya rāmasya vane vanacaraiḥ saha||
und, höchst erfreut, ein Schwert sowie zwei Köcher mit nie zur Neige gehenden Pfeilen. Während jener Rāma zusammen mit den Waldbewohnern im Wald weilte,
Wort für Wort
khaḍgaṃ ca paramaprītaḥ
und, höchst erfreut, ein Schwert (Akk.Sg./Nom.Sg.)
tūṇī ca akṣayasāyakau
und zwei Köcher mit unerschöpflichen Pfeilen (Akk.Du.)
vasataḥ tasya rāmasya
während jener Rāma weilte (Gen.Abs.)
vane vanacaraiḥ saha
im Wald zusammen mit den Waldbewohnern (Lok.Sg./Instr.Pl.)
tena māyāvinā dūram apavāhya nṛpātmajau|jahāra bhāryāṃ rāmasya gṛdhraṃ hatvā jaṭāyuṣam||
Nachdem er durch jenen zauberkundigen Mārīca die beiden Königssöhne weit weggelockt hatte, raubte er Rāmas Gattin, nachdem er den Geier Jaṭāyu getötet hatte.
Wort für Wort
tena māyāvinā
durch jenen zauberkundigen (Mārīca) (Instr.Sg.)
dūram apavāhya nṛpātmajau
nachdem er die beiden Königssöhne weit weggelockt hatte (Abs./Akk.Du.)
sugrīvaḥ śaṅkitaḥ ca āsīt nityaṃ vīryeṇa rāghave|rāghavaḥ pratyayārthaṃ tu dundubheḥ kāyam uttamam||
Sugrīva jedoch war stets im Zweifel über Rāghavas Heldenkraft; Rāghava aber [durchbohrte], um Vertrauen zu schaffen, den gewaltigen Leichnam des Dundubhi —
Wort für Wort
sugrīvaḥ śaṅkitaḥ ca āsīt
Sugrīva war im Zweifel (3.Sg.Impf.)
nityaṃ vīryeṇa rāghave
stets über Rāghavas Heldenkraft (Instr.Sg./Lok.Sg.)
rāghavaḥ pratyayārthaṃ tu
Rāghava aber, um Vertrauen zu schaffen (Akk.Sg.)
dundubheḥ kāyam uttamam
den gewaltigen Leichnam des Dundubhi (Gen.Sg./Akk.Sg.)
giriṃ rasātalaṃ ca eva janayan pratyayaṃ tathā|tataḥ prītamanāḥ tena viśvastaḥ sa mahākapiḥ||
[durchbohrte er] den Berg und drang bis in die Unterwelt, um so Vertrauen zu schaffen; darüber im Herzen erfreut, gewann der große Affe Sugrīva Zuversicht.
Wort für Wort
giriṃ rasātalaṃ ca eva
auch den Berg und die Unterwelt (Akk.Sg.)
janayan pratyayaṃ tathā
so Vertrauen erzeugend (Part.Präs./Akk.Sg.)
tataḥ prītamanāḥ tena
darüber im Herzen erfreut, durch ihn (Nom.Sg./Instr.Sg.)