Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Bālakāṇḍa

Sarga 30: Mārīca-Subāhu-Vadhaḥ Die Vertreibung Mārīcas und die Tötung Subāhus

atha tau deśa kālajñau rājaputrau ariṃdamau | deśe kāle ca vākyajñau abrūtām kauśikam vacaḥ ||

Da sprachen die beiden Königssöhne, die Feindbezwinger, kundig in Ort und Zeit, in ihrer Rede über Ort und Zeit bewandert, zu Kauśika folgendes Wort:

Wort für Wort
atha tau deśa-kālajñau
da die beiden, kundig in Ort und Zeit
rājaputrau ariṃdamau
die Königssöhne, Feindbezwinger
deśe kāle ca vākyajñau
in der Rede über Ort und Zeit bewandert
abrūtām kauśikam vacaḥ
sprachen sie zu Kauśika das Wort

bhagavan śrotum icchāvo yasmin kāle niśācarau | saṃrakṣaṇīyau tau brūhi na ativarteta tat kṣaṇam ||

„Ehrwürdiger, wir möchten hören, zu welcher Zeit die beiden Nachtwandler zu erwarten sind, damit wir bewachen können; sag es uns, dass jener Augenblick nicht ungenutzt vergehe.“

Wort für Wort
bhagavan śrotum icchāvo
Ehrwürdiger, wir beide möchten hören
yasmin kāle niśācarau
zu welcher Zeit die beiden Nachtwandler
saṃrakṣaṇīyau tau brūhi
zu bewachen sind, sag uns dies
na ativarteta tat kṣaṇam
damit jener Augenblick nicht ungenutzt vergehe

evam bruvāṇau kākutsthau tvaramāṇau yuyutsayā | sarve te munayaḥ prītāḥ praśaśaṃsur nṛpātmajau ||

Als die beiden Kākutsthas so sprachen, ungeduldig vor Kampfeslust, priesen alle jene Weisen, erfreut, die beiden Königssöhne:

Wort für Wort
evam bruvāṇau kākutsthau
als die beiden Kākutsthas so sprachen
tvaramāṇau yuyutsayā
ungeduldig vor Kampfeslust
sarve te munayaḥ prītāḥ
alle jene Weisen, erfreut
praśaśaṃsur nṛpātmajau
priesen die beiden Königssöhne

adya prabhṛti ṣaṭ rātram rakṣatam rāghavau yuvām | dīkṣām gato hi yeṣa munir maunitvam ca gamiṣyati ||

„Von heute an sechs Nächte lang bewacht (ihn), ihr beiden Rāghavas; denn dieser Weise, in die Weihe eingetreten, wird nun in Schweigen verharren.“

Wort für Wort
adya prabhṛti ṣaṭ rātram
von heute an, sechs Nächte lang
rakṣatam rāghavau yuvām
bewacht (ihn), ihr beiden Rāghavas
dīkṣām gato hi yeṣa munir
denn dieser Weise, in die Weihe eingetreten
maunitvam ca gamiṣyati
wird in Schweigen verfallen

tau tu tad vacanam śrutvā rājaputrau yaśasvinau | anidrau ṣaṭ ahorātram tapovanam arakṣatām ||

Als die beiden ruhmreichen Königssöhne diese Worte gehört hatten, bewachten sie, sechs Tage und Nächte schlaflos, den Büßerhain.

Wort für Wort
tau tu tad vacanam śrutvā
die beiden aber, diese Worte gehört habend
rājaputrau yaśasvinau
die beiden ruhmreichen Königssöhne
anidrau ṣaṭ ahorātram
schlaflos, sechs Tage und Nächte
tapovanam arakṣatām
bewachten sie den Büßerhain

upāsām cakratur vīrau yattau parama dhanvinau | rarakṣatur munivaram viśvāmitram ariṃdamau ||

Die beiden Helden, aufmerksam, vortreffliche Bogenschützen, hielten Wache; die beiden Feindbezwinger bewachten den besten der Weisen, Viśvāmitra.

Wort für Wort
upāsām cakratur vīrau
die beiden Helden hielten Wache
yattau parama-dhanvinau
aufmerksam, die beiden vortrefflichen Bogenschützen
rarakṣatur munivaram
bewachten den besten der Weisen
viśvāmitram ariṃdamau
Viśvāmitra, die beiden Feindbezwinger

atha kāle gate tasmin ṣaṣṭhe ahani tadā āgate | saumitram abravīd rāmo yatto bhava samāhitaḥ ||

Als dann jene Zeit vergangen und der sechste Tag gekommen war, sprach Rāma zum Sohn der Sumitrā: „Sei aufmerksam und gesammelt.“

Wort für Wort
atha kāle gate tasmin
als dann jene Zeit vergangen war
ṣaṣṭhe ahani tadā āgate
und der sechste Tag gekommen war
saumitram abravīd rāmo
sprach Rāma zum Sohn der Sumitrā
yatto bhava samāhitaḥ
sei aufmerksam und gesammelt

rāmasya evam bruvāṇasya tvaritasya yuyutsayā | prajajvāla tato vediḥ sa upādhyāya purohitā ||

Während Rāma so sprach, voller Kampfeseifer, entflammte da der Altar, zusammen mit dem Lehrer und dem Hauspriester.

Wort für Wort
rāmasya evam bruvāṇasya
während Rāma so sprach
tvaritasya yuyutsayā
eilig, vor Kampfeslust
prajajvāla tato vediḥ
entflammte da der Altar
sa upādhyāya purohitā
zusammen mit Lehrer und Hauspriester

sa darbha camasa srukkā sa samit kusumoccayā | viśvāmitreṇa sahitā vediḥ jajvāla sa ṛtvijā ||

Mit Kuśagras, Opferschale und Löffel, mit Brennholz und einem Haufen von Blumen, zusammen mit Viśvāmitra und dem Opferpriester, entbrannte der Altar.

Wort für Wort
sa darbha camasa srukkā
mit Kuśagras, Opferschale, Löffel
sa samit kusumoccayā
mit Brennholz, einem Haufen von Blumen
viśvāmitreṇa sahitā
zusammen mit Viśvāmitra
vediḥ jajvāla sa ṛtvijā
entbrannte der Altar, mit dem Opferpriester

maṃtravat ca yathā nyāyam yajño asau saṃpravartate | ākāśe ca mahān śabdaḥ prādur āsīt bhayānakaḥ ||

Während jenes Opfer, mit den Sprüchen und nach der Regel, seinen Fortgang nahm, erhob sich am Himmel ein gewaltiger, furchterregender Klang.

Wort für Wort
maṃtravat ca yathā nyāyam
mit den Sprüchen, nach der Regel
yajño asau saṃpravartate
während jenes Opfer fortschritt
ākāśe ca mahān śabdaḥ
und am Himmel ein gewaltiger Klang
prādur āsīt bhayānakaḥ
erschien, furchterregend

āvārya gaganam megho yathā prāvṛṣi dṛśyate | tathā māyām vikurvāṇau rākṣasau abhyadhāvatām ||

Wie eine Wolke, die zur Regenzeit den Himmel verhüllend erscheint, so stürmten die beiden Rākṣasas heran, ihre Zauberkraft entfaltend.

Wort für Wort
āvārya gaganam megho
eine den Himmel verhüllende Wolke
yathā prāvṛṣi dṛśyate
wie sie zur Regenzeit erscheint
tathā māyām vikurvāṇau
so, Zauberkraft entfaltend
rākṣasau abhyadhāvatām
stürmten die beiden Rākṣasas heran

mārīcaḥ ca subāhuḥ ca tayor anucarāḥ tathā | āgaṃya bhīma saṃkāśā rudhira oghān avāsṛjan ||

Mārīca und Subāhu, und ebenso ihre Gefolgsleute, von furchtbarem Aussehen, kamen heran und ließen Ströme von Blut herabregnen.

Wort für Wort
mārīcaḥ ca subāhuḥ ca
Mārīca und Subāhu
tayor anucarāḥ tathā
und ebenso ihre Gefolgsleute
āgaṃya bhīma-saṃkāśā
herankommend, von furchtbarem Aussehen
rudhira-oghān avāsṛjan
ließen sie Ströme von Blut herabregnen

tām tena rudhira ogheṇa vedīm vīkṣya samukṣitām | sahasā abhidruto rāmaḥ tān apaśyat tato divi ||

Als Rāma den Altar sah, von jenem Blutstrom besprengt, wandte er sich rasch dorthin und erblickte sie da am Himmel.

Wort für Wort
tām tena rudhira-ogheṇa
durch jenen Blutstrom
vedīm vīkṣya samukṣitām
den Altar sehend, besprengt
sahasā abhidruto rāmaḥ
rasch (dorthin) eilend, Rāma
tān apaśyat tato divi
erblickte sie da am Himmel

tau āpatantau sahasā dṛṣṭvā rājīva locanaḥ | lakṣmaṇam tau abhisaṃprekṣya rāmo vacanam abravīt ||

Als der Lotusäugige die beiden plötzlich heranstürzen sah, blickte er zu Lakṣmaṇa hinüber und sprach zu ihm folgendes Wort:

Wort für Wort
tau āpatantau sahasā
die beiden plötzlich heranstürzenden
dṛṣṭvā rājīva-locanaḥ
sehend, der Lotusäugige
lakṣmaṇam tau abhisaṃprekṣya
zu Lakṣmaṇa hinüberblickend
rāmo vacanam abravīt
sprach Rāma das Wort

paśya lakṣmaṇa durvṛttān rākṣasān piśita aśanān | mānavāstra samādhūtān anilena yathā ghanān ||

„Sieh, Lakṣmaṇa, die übel handelnden, fleischfressenden Rākṣasas, vom Mānava-Geschoss aufgescheucht wie Wolken vom Wind.

Wort für Wort
paśya lakṣmaṇa durvṛttān
sieh, Lakṣmaṇa, die übel handelnden
rākṣasān piśita-aśanān
die fleischfressenden Rākṣasas
mānavāstra-samādhūtān
vom Mānava-Geschoss aufgescheucht
anilena yathā ghanān
wie Wolken vom Wind

kariṣyāmi na saṃdeho na utsahe hantum īdṛśān | iti uktvā vacanam rāmaḥ cāpe saṃdhāya vegavān ||

Ich werde handeln — daran besteht kein Zweifel — doch mag ich nicht solche töten.“ So sprechend, legte der schnellkräftige Rāma einen Pfeil an den Bogen,

Wort für Wort
kariṣyāmi na saṃdeho
ich werde handeln, kein Zweifel
na utsahe hantum īdṛśān
doch mag ich nicht solche töten
iti uktvā vacanam rāmaḥ
so sprechend, Rāma das Wort
cāpe saṃdhāya vegavān
der Schnellkräftige, an den Bogen legend

mānavam parama udāram astram parama bhāsvaram | cikṣepa parama kruddho mārīca urasi rāghavaḥ ||

und schleuderte, höchst erzürnt, die höchst erhabene, höchst strahlende Mānava-Waffe auf Mārīcas Brust, Rāghava.

Wort für Wort
mānavam parama-udāram
die Mānava-(Waffe), höchst erhaben
astram parama-bhāsvaram
die Waffe, höchst strahlend
cikṣepa parama-kruddho
schleuderte er, höchst erzürnt
mārīca urasi rāghavaḥ
auf Mārīcas Brust, Rāghava

sa tena paramāstreṇa mānavena samāhitaḥ | saṃpūrṇam yojana śatam kṣiptaḥ sāgara saṃplave ||

Von jener höchsten Mānava-Waffe wohlgezielt getroffen, wurde er volle hundert Yojanas weit in die Flut des Ozeans geschleudert,

Wort für Wort
sa tena paramāstreṇa
von jener höchsten Waffe
mānavena samāhitaḥ
der Mānava-Waffe, wohlgezielt getroffen
saṃpūrṇam yojana-śatam
volle hundert Yojanas
kṣiptaḥ sāgara-saṃplave
geschleudert in die Flut des Ozeans

vicetanam vighūrṇantam śīteṣu bala pīḍitam | nirastam dṛśya mārīcam rāmo lakṣmaṇam abravīt ||

besinnungslos, taumelnd, von der Kraft des Śīteṣu-Geschosses gepeinigt. Als Rāma Mārīca so fortgeschleudert sah, sprach er zu Lakṣmaṇa:

Wort für Wort
vicetanam vighūrṇantam
besinnungslos, taumelnd
śīteṣu-bala-pīḍitam
von der Kraft des Śīteṣu-Geschosses gepeinigt
nirastam dṛśya mārīcam
Mārīca so fortgeschleudert sehend
rāmo lakṣmaṇam abravīt
sprach Rāma zu Lakṣmaṇa

paśya lakṣmaṇa śīteṣum mānavam manu saṃhitam | mohayitvā nayati enam na ca prāṇair vyayujyata ||

„Sieh, Lakṣmaṇa, das mit dem Mānava-Spruch verbundene Śīteṣu-Geschoss; es trägt ihn fort, nachdem es ihn betäubt hat, doch von seinem Lebensatem hat es ihn nicht getrennt.

Wort für Wort
paśya lakṣmaṇa śīteṣum
sieh, Lakṣmaṇa, das Śīteṣu-Geschoss
mānavam manu-saṃhitam
das Mānava-(Geschoss), mit dem Spruch verbunden
mohayitvā nayati enam
es betäubt ihn und trägt ihn fort
na ca prāṇair vyayujyata
doch nicht wurde er vom Lebensatem getrennt

imān api vadhiṣyāmi nirghṛṇān duṣṭa cāriṇaḥ | rākṣasān pāpa karmasthān yajña ghnān rudhira aśanān ||

Auch diese hier werde ich töten, die mitleidlosen, übel handelnden Rākṣasas, die in sündigen Taten verharren, die Opferstörer und Blutfresser.“

Wort für Wort
imān api vadhiṣyāmi
auch diese werde ich töten
nirghṛṇān duṣṭa-cāriṇaḥ
die mitleidlosen, übel handelnden
rākṣasān pāpa-karmasthān
die Rākṣasas, in sündigen Taten verharrend
yajña-ghnān rudhira-aśanān
die Opferstörer, die Blutfresser

iti uktvā lakṣmaṇam ca aśu lāghavam darśayan iva | saṃgṛhya sumahat ca astram āgneyam raghunaṃdanaḥ | subāhu urasi cikṣepa sa viddhaḥ prāpatat bhuvi ||

So zu Lakṣmaṇa sprechend, seine Geschwindigkeit gleichsam zeigend, ergriff die Freude der Raghus die gewaltige Āgneya-(Feuer-)Waffe und schleuderte sie auf Subāhus Brust; getroffen, stürzte er zu Boden.

Wort für Wort
iti uktvā lakṣmaṇam ca
so zu Lakṣmaṇa sprechend
aśu lāghavam darśayan iva
seine Geschwindigkeit gleichsam zeigend
saṃgṛhya sumahat ca astram
die gewaltige Waffe ergreifend
āgneyam raghunaṃdanaḥ
die Āgneya-Waffe, die Freude der Raghus
subāhu urasi cikṣepa
schleuderte sie auf Subāhus Brust
sa viddhaḥ prāpatat bhuvi
er, getroffen, stürzte zu Boden

śeṣān vāyavyam ādāya nijaghāna mahāyaśāḥ | rāghavaḥ paramodāro munīnām mudam āvahan ||

Die übrigen erschlug der hochberühmte, höchst erhabene Rāghava mit der Vāyavya-(Wind-)Waffe, den Weisen Freude bringend.

Wort für Wort
śeṣān vāyavyam ādāya
die übrigen, die Vāyavya-Waffe ergreifend
nijaghāna mahāyaśāḥ
erschlug der Hochberühmte
rāghavaḥ paramodāro
Rāghava, der höchst Erhabene
munīnām mudam āvahan
den Weisen Freude bringend

sa hatvā rākṣasān sarvān yajña ghnān raghunaṃdanaḥ | ṛṣibhiḥ pūjitaḥ tatra yathā indro vijaye purā ||

Nachdem er alle jene opferstörenden Rākṣasas erschlagen hatte, wurde die Freude der Raghus dort von den Weisen geehrt, wie einst Indra nach seinem Sieg.

Wort für Wort
sa hatvā rākṣasān sarvān
nachdem er alle Rākṣasas erschlagen hatte
yajña-ghnān raghunaṃdanaḥ
die opferstörenden, die Freude der Raghus
ṛṣibhiḥ pūjitaḥ tatra
wurde dort von den Weisen geehrt
yathā indro vijaye purā
wie einst Indra nach dem Sieg

atha yajñe samāpte tu viśvāmitro mahāmuniḥ | nirītikā diśo dṛṣṭvā kākutstham idam abravīt ||

Als dann das Opfer vollendet war, sprach der große Weise Viśvāmitra, die Himmelsrichtungen frei von Unheil sehend, zu Kākutstha folgendes:

Wort für Wort
atha yajñe samāpte tu
als dann das Opfer vollendet war
viśvāmitro mahāmuniḥ
der große Weise Viśvāmitra
nirītikā diśo dṛṣṭvā
die Himmelsrichtungen frei von Unheil sehend
kākutstham idam abravīt
sprach zu Kākutstha dies

kṛtārtho asmi mahābāho kṛtam guru vacaḥ tvayā | siddhāśramam idam satyam kṛtam vīra mahāyaśaḥ | sa hi rāmam praśasya evam tābhyām saṃdhyām upāgamat ||

„Ich bin ans Ziel gelangt, o Starkarmiger; das Wort des Lehrers hast du erfüllt. Diesen Siddha-Āśrama hast du wahrhaft zu dem gemacht, was er heißt, du hochberühmter Held.“ So Rāma lobend, ging er dann mit den beiden zur Abenddämmerungsandacht.

Wort für Wort
kṛtārtho asmi mahābāho
ich bin ans Ziel gelangt, o Starkarmiger
kṛtam guru-vacaḥ tvayā
das Wort des Lehrers hast du erfüllt
siddhāśramam idam satyam
diesen Siddha-Āśrama wahrhaft
kṛtam vīra mahāyaśaḥ
hast du gemacht (zu dem, was er heißt), hochberühmter Held
sa hi rāmam praśasya evam
er, so Rāma lobend
tābhyām saṃdhyām upāgamat
ging mit den beiden zur Dämmerungsandacht

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