Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Bālakāṇḍa

Sarga 2: Krauñcavadhaḥ / Ślokotpattiḥ Der erschlagene Krauñca-Vogel: Wie Vālmīki zum Dichter wurde

nāradasya tu tadvākyaṃ śrutvā vākyaviśāradaḥ|pūjayāmāsa dharmātmā saha śiṣyo mahāmuniḥ||

Nachdem er jenes Wort Nāradas gehört hatte, erwies der wortkundige, der Dharma-gesinnte große Weise, zusammen mit [seinem] Schüler, [ihm] Verehrung.

Wort für Wort
nāradasya tadvākyaṃ śrutvā
nachdem er jenes Wort Nāradas gehört hatte (Abs.)
vākyaviśāradaḥ
der Wortkundige (Nom.Sg., Vālmīki)
pūjayāmāsa dharmātmā
der Dharma-gesinnte erwies Verehrung (3.Sg.Perf.)
saha śiṣyo mahāmuniḥ
zusammen mit dem Schüler, der große Weise (Instr.Sg./Nom.Sg.)

yathāvat pūjitaḥ tena devarṣir nārado tathā|āpṛcchya eva abhyanujñātaḥ sa jagāma vihāyasam||

Von ihm gebührend verehrt, verabschiedete sich ebenso der Götterweise Nārada, und, so entlassen, zog er durch die Luft davon.

Wort für Wort
yathāvat pūjitaḥ tena
von ihm gebührend verehrt (Nom.Sg./Instr.Sg.)
devarṣir nārado tathā
ebenso der Götterweise Nārada (Nom.Sg.)
āpṛcchya eva abhyanujñātaḥ
sich verabschiedend, so entlassen (Abs./Nom.Sg.)
sa jagāma vihāyasam
er zog durch die Luft (3.Sg.Perf./Akk.Sg.)

sa muhūrtaṃ gate tasmin devalokaṃ muniḥ tadā|jagāma tamasātīraṃ jāhnavyāḥ avidūrataḥ||

Kaum war jener nach kurzer Zeit in die Götterwelt gegangen, da ging der Weise zum Ufer der Tamasā, nicht weit von der Jāhnavī [Gaṅgā].

Wort für Wort
sa muhūrtaṃ gate tasmin devalokam
als jener kurze Zeit in die Götterwelt gegangen war (Lok.Abs.)
muniḥ tadā jagāma
da ging der Weise (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
tamasātīraṃ
zum Ufer der (Flüsse) Tamasā (Akk.Sg.)
jāhnavyāḥ avidūrataḥ
nicht weit von der Jāhnavī/Gaṅgā (Abl.Sg.)

sa tu tīraṃ samāsādya tamasāyā muniḥ tadā|śiṣyam āha sthitaṃ pārśve dṛṣṭvā tīrtham akardamam||

Als er das Ufer der Tamasā erreicht hatte, sprach der Weise, nachdem er die schlammfreie Furt gesehen hatte, zu dem neben ihm stehenden Schüler:

Wort für Wort
tīraṃ samāsādya tamasāyāḥ
nachdem er das Ufer der Tamasā erreicht hatte (Abs./Gen.Sg.)
muniḥ śiṣyam āha
der Weise sprach zum Schüler (Nom.Sg./3.Sg.Impf.)
sthitaṃ pārśve
der zur Seite stand (Akk.Sg.)
dṛṣṭvā tīrtham akardamam
nachdem er die schlammfreie Furt gesehen hatte (Abs./Akk.Sg.)

akardamam idaṃ tīrthaṃ bharadvāja niśāmaya|ramaṇīyaṃ prasannāmbu sanmanuṣyamano yathā||

„Diese Furt ist schlammfrei, o Bharadvāja, betrachte sie: lieblich, mit klarem Wasser, wie der Geist eines guten Menschen.“

Wort für Wort
akardamam idaṃ tīrtham
diese schlammfreie Furt (Nom.Sg.)
bharadvāja niśāmaya
o Bharadvāja, betrachte (Vok.Sg./2.Sg.Impv.)
ramaṇīyaṃ prasannāmbu
lieblich, mit klarem Wasser (Nom.Sg.)
sanmanuṣyamano yathā
wie der Geist eines guten Menschen

nyasyatāṃ kalaśaḥ tāta dīyatāṃ valkalaṃ mama|idam eva avagāhiṣye tamasātīrtham uttamam||

„Der Krug werde abgestellt, mein Sohn, mein Baumrindengewand werde mir gereicht; eben in dieser vortrefflichen Furt der Tamasā will ich baden.“

Wort für Wort
nyasyatāṃ kalaśaḥ tāta
der Krug werde abgestellt, mein Sohn (Pass.Impv./Vok.Sg.)
dīyatāṃ valkalaṃ mama
mein Rindengewand werde gereicht (Pass.Impv.)
idam eva avagāhiṣye
eben hierin will ich baden (1.Sg.Fut.)
tamasātīrtham uttamam
die vortreffliche Furt der Tamasā (Akk.Sg.)

evam ukto bharadvājo vālmīkena mahātmanā|prayacchati muneḥ tasya valkalaṃ niyataḥ guroḥ||

So von dem hochherzigen Vālmīki angesprochen, reichte Bharadvāja, gehorsam, jenem Weisen, seinem Lehrer, das Baumrindengewand.

Wort für Wort
evam uktaḥ bharadvājaḥ
so angesprochen, Bharadvāja (Nom.Sg.)
vālmīkena mahātmanā
von dem hochherzigen Vālmīki (Instr.Sg.)
prayacchati valkalam
er reichte das Rindengewand (3.Sg.Präs.)
muneḥ niyataḥ guroḥ
dem gehorsamen (gegenüber dem) Lehrer, Weisen (Gen.Sg.)

sa śiṣyahastāt ādāya valkalaṃ niyatendriyaḥ|vicacāra ha paśyaṃs tat sarvato vipulaṃ vanam||

Er, von bezähmten Sinnen, nahm das Gewand aus der Hand des Schülers und schaute, während er umherging, überallhin auf den weiten Wald.

Wort für Wort
śiṣyahastāt ādāya valkalam
das Rindengewand aus der Hand des Schülers nehmend (Abl.Sg./Abs.)
niyatendriyaḥ
von bezähmten Sinnen (Nom.Sg.)
vicacāra ha paśyan
er ging umher, schauend (3.Sg.Perf./Part.Präs.)
sarvato vipulaṃ vanam
überallhin auf den weiten Wald (Akk.Sg.)

tasya abhyāśe tu mithunaṃ carantam anapāyinam|dadarśa bhagavān tatra krauñcayoḥ cāruniḥsvanam||

In seiner Nähe erblickte der Erhabene dort ein Krauñca-Vogelpaar, das ungetrennt umherzog und lieblich rief.

Wort für Wort
tasya abhyāśe
in seiner Nähe (Lok.Sg.)
mithunaṃ carantam anapāyinam
das ungetrennt umherziehende Paar (Akk.Sg.)
dadarśa bhagavān
der Erhabene erblickte (3.Sg.Perf.)
krauñcayoḥ cāruniḥsvanam
der beiden Krauñcas, lieblich tönend (Gen.Du./Akk.Sg.)

tasmāt tu mithunāt ekaṃ pumāṃsam pāpaniścayaḥ|jaghāna vairanilayaḥ niṣādaḥ tasya paśyataḥ||

Von diesem Paar aber tötete, während er zusah, einer der beiden, das Männchen, ein von übler Absicht getriebener, in Feindschaft verharrender Niṣāda (Jäger).

Wort für Wort
tasmāt mithunāt ekam pumāṃsam
von diesem Paar den einen, das Männchen (Abl.Sg./Akk.Sg.)
pāpaniścayaḥ vairanilayaḥ niṣādaḥ
ein von übler Absicht, in Feindschaft verharrender Niṣāda (Nom.Sg.)
jaghāna tasya paśyataḥ
er tötete, während jener zusah (3.Sg.Perf./Gen.Abs.)

taṃ śoṇitaparītāṅgaṃ ceṣṭamānaṃ mahītale|bhāryā tu nihataṃ dṛṣṭvā rurāva karuṇāṃ giram||

Als das Weibchen sah, wie es, ganz von Blut umgeben, sich auf dem Erdboden noch regte, tot, schrie sie klagend auf.

Wort für Wort
taṃ śoṇitaparītāṅgam
ihn, dessen Glieder ganz von Blut umgeben waren (Akk.Sg.)
ceṣṭamānaṃ mahītale
sich regend auf dem Erdboden (Akk.Sg./Lok.Sg.)
bhāryā nihataṃ dṛṣṭvā
das Weibchen, ihn erschlagen sehend (Nom.Sg./Abs.)
rurāva karuṇāṃ giram
sie schrie eine klagende Stimme (3.Sg.Perf./Akk.Sg.)

viyuktā patinā tena dvijena sahacāriṇā|tāmraśīrṣeṇa mattena patriṇā sahitena vai||

getrennt von jenem Gatten, dem Vogel, der ihr Gefährte war, dem rotköpfigen, in Liebe berauschten, geflügelten [Vogel], mit dem sie vereint gewesen war.

Wort für Wort
viyuktā patinā tena dvijena
getrennt von jenem Gatten, dem Vogel (Nom.Sg./Instr.Sg.)
sahacāriṇā tāmraśīrṣeṇa
dem Gefährten, dem Rotköpfigen (Instr.Sg.)
mattena patriṇā sahitena
dem berauschten, geflügelten, vereint gewesenen (Instr.Sg.)

tathāvidhaṃ dvijaṃ dṛṣṭvā niṣādena nipātitam|ṛṣeḥ dharmātmanaḥ tasya kāruṇyaṃ samapadyata||

Als er den so getroffenen Vogel sah, vom Niṣāda gefällt, erfasste jenen Dharma-gesinnten Seher Mitleid.

Wort für Wort
tathāvidhaṃ dvijaṃ dṛṣṭvā
als er den so beschaffenen Vogel sah (Abs./Akk.Sg.)
niṣādena nipātitam
vom Niṣāda gefällt (Instr.Sg./Akk.Sg.)
ṛṣeḥ dharmātmanaḥ kāruṇyam samapadyata
dem Dharma-gesinnten Seher widerfuhr Mitleid (Gen.Sg./3.Sg.Impf.)

tataḥ karuṇaveditvāt adharmaḥ ayam iti dvijaḥ|niśāmya rudatīṃ krauñcīm idaṃ vacanam abravīt||

Dann sprach der Brahmane, nachdem er, aus Mitgefühl erkennend „dies ist Unrecht“, die weinende Krauñcī vernommen hatte, dieses Wort:

Wort für Wort
karuṇaveditvāt adharmaḥ ayam iti
aus Mitgefühl erkennend: „dies ist Unrecht“ (Abl.Sg.)
dvijaḥ niśāmya rudatīṃ krauñcīm
der Brahmane, die weinende Krauñcī vernehmend (Nom.Sg./Abs./Akk.Sg.)
idaṃ vacanam abravīt
er sprach dieses Wort (3.Sg.Impf.)

mā niṣāda pratiṣṭhāṃ tvam agamaḥ śāśvatīḥ samāḥ|yat krauñcamithunāt ekam avadhīḥ kāmamohitam||

„Nicht, o Niṣāda, wirst du je bleibende Ruhe finden, für unzählige Jahre, weil du von dem Krauñca-Paar den einen, von Liebe befangenen, erschlagen hast!“

Wort für Wort
mā niṣāda pratiṣṭhāṃ tvam agamaḥ
nicht, o Niṣāda, wirst du Bestand/Ruhe erlangen (Vok.Sg./2.Sg.Aor.)
śāśvatīḥ samāḥ
für ewige/unzählige Jahre (Akk.Pl.)
yat krauñcamithunāt ekam avadhīḥ
weil du von dem Krauñca-Paar den einen erschlugst (2.Sg.Aor.)
kāmamohitam
den von Liebe/Verlangen Betörten (Akk.Sg.)

tasya evaṃ bruvataḥ cintā babhūva hṛdi vīkṣataḥ|śokārtasya asya śakuneḥ kim idaṃ vyāhṛtam mayā||

Während er so sprach, kam ihm, im Herzen betrachtend, ein Gedanke: „Was habe ich da über diesen von Kummer gequälten Vogel gesprochen?“

Wort für Wort
tasya evaṃ bruvataḥ
während er so sprach (Gen.Abs.)
cintā babhūva hṛdi vīkṣataḥ
ein Gedanke entstand ihm, im Herzen betrachtend (3.Sg.Perf./Lok.Sg.)
śokārtasya śakuneḥ kim idaṃ vyāhṛtam mayā
was habe ich über den kummergeplagten Vogel gesprochen (Gen.Sg./Part.Perf.Pass.)

cintayan sa mahāprājñaḥ cakāra matimān matim|śiṣyaṃ ca eva abravīt vākyam idaṃ sa munipuṅgavaḥ||

Nachdenkend fasste der Hochweise, der Verständige, einen Entschluss, und der Stier unter den Weisen sprach zu seinem Schüler dieses Wort:

Wort für Wort
cintayan sa mahāprājñaḥ
nachdenkend, jener Hochweise (Part.Präs./Nom.Sg.)
cakāra matimān matim
der Verständige fasste einen Entschluss (3.Sg.Perf./Akk.Sg.)
śiṣyaṃ vākyam abravīt
er sprach zum Schüler das Wort (Akk.Sg./3.Sg.Impf.)
sa munipuṅgavaḥ
er, der Stier unter den Weisen (Nom.Sg.)

pādabaddhaḥ akṣarasamaḥ tantrīlayasamanvitaḥ|śokārtasya pravṛttaḥ me ślokaḥ bhavatu na anyathā||

„In Versfüße gebunden, in gleichmäßigen Silben, mit Saitenspiel und Rhythmus verbunden — das, was mir aus Kummer entstand, sei ein Śloka, nicht anders!“

Wort für Wort
pādabaddhaḥ akṣarasamaḥ
in Versfüße gebunden, in gleichmäßigen Silben (Nom.Sg.)
tantrīlayasamanvitaḥ
mit Saitenspiel und Rhythmus verbunden (Nom.Sg.)
śokārtasya me pravṛttaḥ ślokaḥ bhavatu
was mir aus Kummer entstand, sei ein Śloka (Nom.Sg./3.Sg.Impv.)
na anyathā
nicht anders

śiṣyaḥ tu tasya bruvato muner vākyam anuttamam|pratijagrāha saṃtuṣṭaḥ tasya tuṣṭaḥ abhavat muniḥ||

Der Schüler aber nahm dieses unübertreffliche Wort des sprechenden Weisen zufrieden auf, und der Weise war über ihn erfreut.

Wort für Wort
śiṣyaḥ tasya bruvataḥ muneḥ vākyam anuttamam
der Schüler (nahm) das unübertreffliche Wort des sprechenden Weisen (Nom.Sg./Gen.Sg./Akk.Sg.)
pratijagrāha saṃtuṣṭaḥ
er nahm es zufrieden auf (3.Sg.Perf./Nom.Sg.)
tasya tuṣṭaḥ abhavat muniḥ
der Weise war über ihn erfreut (3.Sg.Impf.)

saḥ abhiṣekaṃ tataḥ kṛtvā tīrthe tasmin yathāvidhi|tam eva cintayan artham upāvartata vai muniḥ||

Nachdem er sodann an jener Furt nach Vorschrift die Waschung vollzogen hatte, kehrte der Weise, eben über diese Sache nachdenkend, zurück.

Wort für Wort
abhiṣekaṃ kṛtvā tīrthe tasmin yathāvidhi
nachdem er an jener Furt vorschriftsmäßig die Waschung vollzogen hatte (Abs./Lok.Sg.)
tam eva cintayan artham
eben über diese Sache nachdenkend (Part.Präs./Akk.Sg.)
upāvartata vai muniḥ
der Weise kehrte zurück (3.Sg.Impf.)

bharadvājaḥ tataḥ śiṣyo vinītaḥ śrutavān guroḥ|kalaśaṃ pūrṇam ādāya pṛṣṭhataḥ anujagāma ha||

Bharadvāja, der wohlerzogene, gelehrte Schüler, folgte darauf seinem Lehrer, den vollen Krug tragend, hinterher.

Wort für Wort
bharadvājaḥ śiṣyo vinītaḥ śrutavān
Bharadvāja, der wohlerzogene, gelehrte Schüler (Nom.Sg.)
guroḥ pṛṣṭhataḥ anujagāma ha
er folgte dem Lehrer hinterher (Gen.Sg./3.Sg.Perf.)
kalaśaṃ pūrṇam ādāya
den vollen Krug tragend (Akk.Sg./Abs.)

sa praviśya āśramapadaṃ śiṣyeṇa saha dharmavit|upaviṣṭaḥ kathāḥ ca anyāḥ cakāra dhyānam āsthitaḥ||

Nachdem er, der Dharma-Kundige, zusammen mit dem Schüler in die Einsiedelei eingetreten war, führte er, dort sitzend, andere Gespräche und verfiel [dann] in Nachdenken.

Wort für Wort
praviśya āśramapadaṃ śiṣyeṇa saha
nachdem er mit dem Schüler die Einsiedelei betreten hatte (Abs./Akk.Sg.)
dharmavit upaviṣṭaḥ
der Dharma-Kundige, sitzend (Nom.Sg.)
kathāḥ anyāḥ cakāra
er führte andere Gespräche (Akk.Pl./3.Sg.Perf.)
dhyānam āsthitaḥ
er verfiel in Nachdenken (Akk.Sg./Nom.Sg.)

ājagāma tataḥ brahmā lokakartā svayaṃ prabhuḥ|caturmukhaḥ mahātejāḥ draṣṭum taṃ munipuṅgavam||

Da kam Brahmā, der Weltenschöpfer, der Herr selbst, der Viergesichtige, Glanzvolle, um jenen Stier unter den Weisen zu besuchen.

Wort für Wort
ājagāma tataḥ brahmā
da kam Brahmā (3.Sg.Perf.)
lokakartā svayaṃ prabhuḥ
der Weltenschöpfer, der Herr selbst (Nom.Sg.)
caturmukhaḥ mahātejāḥ
der Viergesichtige, Glanzvolle (Nom.Sg.)
draṣṭum taṃ munipuṅgavam
um jenen Stier unter den Weisen zu sehen (Inf./Akk.Sg.)

vālmīkiḥ atha taṃ dṛṣṭvā sahasā utthāya vāgyataḥ|prāñjaliḥ prayataḥ bhūtvā tasthau paramavismitaḥ||

Vālmīki aber, als er ihn sah, erhob sich sogleich, sprachlos, und stand, mit gefalteten Händen, gesammelt, höchst erstaunt, da.

Wort für Wort
vālmīkiḥ taṃ dṛṣṭvā sahasā utthāya
Vālmīki, ihn sehend, sogleich sich erhebend (Nom.Sg./Abs.)
vāgyataḥ
sprachlos, seine Rede zügelnd (Nom.Sg.)
prāñjaliḥ prayataḥ bhūtvā
mit gefalteten Händen, gesammelt geworden (Nom.Sg./Abs.)
tasthau paramavismitaḥ
er stand, höchst erstaunt (3.Sg.Perf./Nom.Sg.)

pūjayāmāsa taṃ devam pādyārghyāsanavandanaiḥ|praṇamya vidhivat ca enam pṛṣṭvā ca eva nirāmayam||

Er erwies jenem Gott Verehrung mit Fußwasser, Ehrengabe, Sitz und Verneigung, huldigte ihm nach Vorschrift und erkundigte sich nach seinem Wohlergehen.

Wort für Wort
pūjayāmāsa taṃ devam
er erwies jenem Gott Verehrung (3.Sg.Perf./Akk.Sg.)
pādyārghyāsanavandanaiḥ
mit Fußwasser, Ehrengabe, Sitz und Verneigung (Instr.Pl.)
praṇamya vidhivat ca enam
und ihn vorschriftsmäßig verehrend (Abs.)
pṛṣṭvā ca eva nirāmayam
und ihn nach seinem Wohlergehen fragend (Abs./Akk.Sg.)

atha upaviśya bhagavān āsane paramārcite|vālmīkaye ca ṛṣaye sandideśa āsanam tataḥ||

Nachdem der Erhabene sich sodann auf dem höchst verehrten Sitz niedergelassen hatte, wies er auch dem Weisen Vālmīki einen Sitzplatz an.

Wort für Wort
upaviśya bhagavān āsane paramārcite
nachdem der Erhabene sich auf dem höchst verehrten Sitz niedergelassen hatte (Abs./Lok.Sg.)
vālmīkaye ca ṛṣaye sandideśa āsanam
er wies auch dem Seher Vālmīki einen Sitz an (Dat.Sg./3.Sg.Perf.)

brahmaṇā samanujñātaḥ saḥ api upāviśat āsane|upaviṣṭe tadā tasmin sākṣāt lokapitāmahe||

Von Brahmā dazu ermächtigt, setzte auch er sich auf einen Sitz. Als sich jener, der leibhaftige Großvater der Welten, gesetzt hatte,

Wort für Wort
brahmaṇā samanujñātaḥ
von Brahmā ermächtigt/erlaubt (Instr.Sg./Nom.Sg.)
saḥ api upāviśat āsane
auch er setzte sich auf einen Sitz (3.Sg.Impf./Lok.Sg.)
upaviṣṭe tasmin sākṣāt lokapitāmahe
als sich jener leibhaftige Großvater der Welten gesetzt hatte (Lok.Abs.)

tadgatena eva manasā vālmīkiḥ dhyānam āsthitaḥ|pāpātmanā kṛtaṃ kaṣṭaṃ vairagrahaṇabuddhinā||

verfiel Vālmīki, mit seinem Sinn ganz darauf gerichtet, wieder in Grübeln: „Übel getan hat der Bösgesinnte, von Rachegedanken erfüllte [Jäger] —

Wort für Wort
tadgatena eva manasā
mit dem Sinn ganz darauf gerichtet (Instr.Sg.)
vālmīkiḥ dhyānam āsthitaḥ
Vālmīki verfiel in Nachdenken (Nom.Sg./Akk.Sg.)
pāpātmanā kṛtaṃ kaṣṭam
Übles getan von dem Bösgesinnten (Instr.Sg./Nom.Sg.)
vairagrahaṇabuddhinā
von dem, dessen Sinn Rache ergriffen hatte (Instr.Sg.)

yat tādṛśaṃ cāruravaṃ krauñcaṃ hanyāt akāraṇāt|śocan eva punaḥ krauñcīm upaślokam imam jagau||

dass er einen so lieblich rufenden Krauñca ohne Grund erschlug!“ — und, noch trauernd, sang er wegen der Krauñcī wiederum diesen Vers vor sich hin.

Wort für Wort
yat tādṛśaṃ cāruravaṃ krauñcaṃ hanyāt akāraṇāt
dass er einen solchen, lieblich tönenden Krauñca grundlos erschlug (3.Sg.Opt./Akk.Sg./Abl.Sg.)
śocan eva punaḥ krauñcīm
noch trauernd, wiederum wegen der Krauñcī (Part.Präs./Akk.Sg.)
upaślokam imam jagau
er sang diesen Vers (Akk.Sg./3.Sg.Perf.)

punar antargatamanāḥ bhūtvā śokaparāyaṇaḥ|tam uvāca tato brahmā prahasan munipuṃgavam||

Als er wieder in sich gekehrt, ganz dem Kummer hingegeben war, sprach Brahmā lächelnd zu jenem Stier unter den Weisen:

Wort für Wort
punar antargatamanāḥ bhūtvā
wieder in sich gekehrten Sinnes geworden (Nom.Sg./Abs.)
śokaparāyaṇaḥ
dem Kummer ganz hingegeben (Nom.Sg.)
tam uvāca tato brahmā prahasan
darauf sprach Brahmā lächelnd zu ihm (Akk.Sg./3.Sg.Perf./Part.Präs.)
munipuṃgavam
zu dem Stier unter den Weisen (Akk.Sg.)

śloka evāstv ayaṃ baddho na atra kāryā vicāraṇā|maccchandāt eva te brahman pravṛttā iyaṃ sarasvatī||

„Ein Śloka eben sei dies, was du geformt hast — hierüber ist kein weiteres Nachdenken nötig; allein durch meinen Willen, o Brahmane, ist dir diese Dichtrede entsprungen.

Wort für Wort
śloka eva astu ayaṃ baddhaḥ
ein Śloka eben sei dies Gebundene (3.Sg.Impv./Nom.Sg.)
na atra kāryā vicāraṇā
hierüber ist kein Überlegen nötig (Nom.Sg.)
maccchandāt eva te brahman
allein durch meinen Willen, dir, o Brahmane (Abl.Sg./Vok.Sg.)
pravṛttā iyaṃ sarasvatī
ist diese Rede/Dichtkunst entsprungen (Nom.Sg.)

rāmasya caritaṃ kṛtsnaṃ kuru tvaṃ ṛṣisattama|dharmātmanaḥ bhagavataḥ loke rāmasya dhīmataḥ||

Die ganze Lebensgeschichte Rāmas dichte du, o Bester der Seher — die Geschichte des Dharma-gesinnten, erhabenen, in der Welt gefeierten weisen Rāma.

Wort für Wort
rāmasya caritaṃ kṛtsnaṃ kuru tvam
dichte du die ganze Lebensgeschichte Rāmas (Gen.Sg./Akk.Sg./2.Sg.Impv.)
ṛṣisattama
o Bester der Seher (Vok.Sg.)
dharmātmanaḥ bhagavataḥ rāmasya dhīmataḥ
des Dharma-gesinnten, erhabenen, weisen Rāma (Gen.Sg.)

vṛttaṃ kathaya dhīrasya yathā te nāradāt śrutam|rahasyaṃ ca prakāśaṃ ca yad vṛttaṃ tasya dhīmataḥ||

Erzähle die Taten des Standhaften, so wie du sie von Nārada gehört hast — das Verborgene wie das Offenkundige, was jenem Weisen widerfuhr,

Wort für Wort
vṛttaṃ kathaya dhīrasya
erzähle das Geschehen des Standhaften (Akk.Sg./2.Sg.Impv./Gen.Sg.)
yathā te nāradāt śrutam
so wie es von dir, von Nārada, gehört wurde (Abl.Sg.)
rahasyaṃ ca prakāśaṃ ca
das Verborgene und das Offenkundige (Akk.Sg.)
yad vṛttaṃ tasya dhīmataḥ
was jenem Weisen widerfuhr (Nom.Sg./Gen.Sg.)

rāmasya saha saumitre rākṣasānāṃ ca sarvaśaḥ|vaidehyāḥ ca eva yad vṛttaṃ prakāśaṃ yadi vā rahaḥ||

Rāmas zusammen mit dem Sohn der Sumitrā [Lakṣmaṇa], und alles, was mit den Rākṣasas geschah, und was der Vaidehī [Sītā] widerfuhr, sei es offenkundig oder verborgen —

Wort für Wort
rāmasya saha saumitre
Rāmas, zusammen mit dem Sohn der Sumitrā (Gen.Sg./Instr.Sg.)
rākṣasānāṃ ca sarvaśaḥ
und der Rākṣasas, in jeder Hinsicht (Gen.Pl.)
vaidehyāḥ yad vṛttaṃ
was der Vaidehī (Sītā) widerfuhr (Gen.Sg./Nom.Sg.)
prakāśaṃ yadi vā rahaḥ
sei es offenkundig oder verborgen

tat ca api aviditaṃ sarvaṃ viditaṃ te bhaviṣyati|na te vāk anṛtā kāvye kācit atra bhaviṣyati||

auch all das dir noch Unbekannte wird dir bekannt werden; kein einziges Wort wird in diesem Kunstgedicht bei dir unwahr sein.

Wort für Wort
tat ca api aviditaṃ sarvaṃ
auch all das Unbekannte (Nom.Sg.)
viditaṃ te bhaviṣyati
wird dir bekannt sein (3.Sg.Fut.)
na te vāk anṛtā kāvye kācit atra bhaviṣyati
kein Wort wird bei dir in diesem Kunstwerk unwahr sein

kuru rāmakathāṃ puṇyāṃ ślokabaddhāṃ manoramām|yāvat sthāsyanti girayaḥ saritaḥ ca mahītale||

Verfasse die heilige Geschichte Rāmas, in Ślokas gebunden, herzerfreuend — solange die Berge und Flüsse auf der Erde bestehen werden,

Wort für Wort
kuru rāmakathāṃ puṇyāṃ
verfasse die heilige Rāma-Geschichte (2.Sg.Impv./Akk.Sg.)
ślokabaddhāṃ manoramām
in Ślokas gebunden, herzerfreuend (Akk.Sg.)
yāvat sthāsyanti girayaḥ saritaḥ mahītale
solange Berge und Flüsse auf der Erde bestehen werden (3.Pl.Fut.)

tāvat rāmāyaṇakathā lokeṣu pracariṣyati|yāvat rāmasya ca kathā tvatkṛtā pracariṣyati||

so lange wird die Geschichte des Rāmāyaṇa unter den Menschen verbreitet sein; und solange die von dir verfasste Geschichte Rāmas verbreitet sein wird,

Wort für Wort
tāvat rāmāyaṇakathā lokeṣu pracariṣyati
so lange wird die Rāmāyaṇa-Geschichte unter den Welten/Menschen verbreitet sein (3.Sg.Fut.)
yāvat rāmasya kathā tvatkṛtā pracariṣyati
solange die von dir gemachte Geschichte Rāmas verbreitet sein wird

tāvat ūrdhvam adhaḥ ca tvaṃ mallokeṣu nivatsyasi|iti uktvā bhagavān brahmā tatra eva antaradhīyata||

so lange wirst du, oben wie unten, in meinen Welten weilen.“ Nach diesen Worten verschwand der erhabene Brahmā eben dort.

Wort für Wort
tāvat ūrdhvam adhaḥ ca tvam
so lange wirst du, oben und unten
mallokeṣu nivatsyasi
in meinen Welten weilen (2.Sg.Fut.)
iti uktvā bhagavān brahmā
so gesprochen habend, der erhabene Brahmā (Abs./Nom.Sg.)
tatra eva antaradhīyata
verschwand eben dort (3.Sg.Impf.)

tataḥ sa śiṣyaiḥ bhagavān muniḥ vismayam āyayau|tasya śiṣyāḥ tataḥ sarve jaguḥ ślokam imaṃ punaḥ||

Da geriet der erhabene Weise mitsamt seinen Schülern in Staunen, und all seine Schüler sangen darauf diesen Vers wieder und wieder,

Wort für Wort
tataḥ sa śiṣyaiḥ bhagavān muniḥ
da (geriet) der erhabene Weise mit seinen Schülern (Instr.Pl./Nom.Sg.)
vismayam āyayau
er geriet in Staunen (Akk.Sg./3.Sg.Perf.)
tasya śiṣyāḥ sarve jaguḥ ślokam imaṃ punaḥ
alle seine Schüler sangen diesen Vers wiederum (Nom.Pl./3.Pl.Perf.)

muhur muhuḥ prīyamāṇāḥ prāhuḥ ca bhṛśavismitāḥ|samākṣaraiḥ caturbhiḥ yaḥ pādaiḥ gītaḥ maharṣiṇā||

immer wieder von Freude erfüllt, und sprachen, höchst erstaunt, [darüber], der von dem großen Seher mit vier gleichsilbigen Versfüßen gesungen worden war.

Wort für Wort
muhur muhuḥ prīyamāṇāḥ
immer wieder erfreut werdend (Part.Präs.Pass./Nom.Pl.)
prāhuḥ ca bhṛśavismitāḥ
und sie sprachen, höchst erstaunt (3.Pl.Perf./Nom.Pl.)
samākṣaraiḥ caturbhiḥ pādaiḥ
mit vier gleichsilbigen Versfüßen (Instr.Pl.)
yaḥ gītaḥ maharṣiṇā
der von dem großen Seher gesungen worden war (Nom.Sg./Instr.Sg.)

saḥ anuvyāharaṇāt bhūyaḥ śokaḥ ślokatvam āgataḥ|tasya buddhiḥ iyaṃ jātā maharṣeḥ bhāvitātmanaḥ||

Weil dieser wiederholt nachgesprochen wurde, wurde der Kummer [śoka] fortan zum Śloka. Dem großen Seher, dessen Geist [von Brahmā] geläutert war, kam nun dieser Gedanke:

Wort für Wort
saḥ anuvyāharaṇāt bhūyaḥ
dieser, durch wiederholtes Nachsprechen, weiterhin
śokaḥ ślokatvam āgataḥ
der Kummer (śoka) wurde zum Śloka (Nom.Sg.)
tasya buddhiḥ iyaṃ jātā
ihm entstand dieser Gedanke (Gen.Sg./Nom.Sg.)
maharṣeḥ bhāvitātmanaḥ
dem großen Seher, dessen Geist geläutert war (Gen.Sg.)

kṛtsnaṃ rāmāyaṇaṃ kāvyam īdṛśaiḥ karavāṇi aham|udāravṛttārthapadaiḥ manoramaiḥ||

„Das ganze Rāmāyaṇa-Kunstgedicht will ich mit solchen [Versen] verfassen, mit erhabenen, sinnreichen, herzerfreuenden Worten.“

Wort für Wort
kṛtsnaṃ rāmāyaṇaṃ kāvyam
das ganze Rāmāyaṇa-Kunstgedicht (Akk.Sg.)
īdṛśaiḥ karavāṇi aham
mit solchen (Versen) will ich machen (Instr.Pl./1.Sg.Impv.)
udāravṛttārthapadaiḥ manoramaiḥ
mit erhabenen, sinnreichen, herzerfreuenden Wörtern (Instr.Pl.)

tadā asya rāmasya cakāra kīrtimān samākṣaraiḥ ślokaśataiḥ yaśasvinaḥ|yaśaskaraṃ kāvyam udāradarśanaḥ tadupagatasamāsasandhiyogam|samamadhuropanatārthavākyabaddhaṃ raghuvaracaritaṃ munipraṇītam|daśaśirasaḥ ca vadhaṃ niśāmayadhvam||

Da verfasste der Ruhmreiche für diesen ruhmvollen Rāma mit gleichsilbigen Hunderten von Ślokas ein ruhmbringendes Kunstgedicht, von erhabener Anschauung, das die Regeln von Wortzusammensetzung und Lautverbindung befolgt, mit gleichmäßig-süßen, wohlgefügten Sinnsprüchen gebunden — die von einem Weisen verfasste Geschichte des Besten der Raghu-Nachkommen: Vernehmt nun auch die Tötung des Zehnköpfigen [Rāvaṇa]!

Wort für Wort
tadā asya rāmasya kīrtimān cakāra
da verfasste der Ruhmreiche für diesen Rāma (Gen.Sg./Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
samākṣaraiḥ ślokaśataiḥ yaśasvinaḥ
mit gleichsilbigen Hunderten von Ślokas, für den Ruhmvollen (Instr.Pl./Gen.Sg.)
yaśaskaraṃ kāvyam udāradarśanaḥ
ein ruhmbringendes Kunstgedicht, von erhabener Anschauung (Akk.Sg./Nom.Sg.)
tadupagatasamāsasandhiyogam
das die Regeln von Zusammensetzung und Lautverbindung dazu befolgt (Akk.Sg.)
samamadhuropanatārthavākyabaddham
mit gleichmäßig-süßen, wohlgefügten Sinnsprüchen gebunden (Akk.Sg.)
raghuvaracaritaṃ munipraṇītam
die vom Weisen verfasste Geschichte des Besten der Raghus (Akk.Sg.)
daśaśirasaḥ vadhaṃ niśāmayadhvam
vernehmt die Tötung des Zehnköpfigen (Gen.Sg./Akk.Sg./2.Pl.Impv.)

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