Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Bālakāṇḍa

Sarga 23: Gaṅgā-Sarayū-Saṃgame Anaṅga-Āśrama-Vṛttāntaḥ Am Zusammenfluss von Gaṅgā und Sarayū: die Geschichte vom Einsiedlerhain des Anaṅga

prabhātāyām tu śarvaryām viśvāmitro mahāmuniḥ | abhyabhāṣata kākutsthau śayānau parṇa saṃstare ||

Als die Nacht zur Morgendämmerung geworden war, sprach der große Weise Viśvāmitra zu den beiden Kākutsthas, die auf einem Lager aus Blättern schliefen:

Wort für Wort
prabhātāyām tu śarvaryām
als die Nacht zur Morgendämmerung geworden war
viśvāmitro mahāmuniḥ
der große Weise Viśvāmitra
abhyabhāṣata kākutsthau
sprach zu den beiden Kākutsthas
śayānau parṇa-saṃstare
die auf einem Blätterlager schliefen

kausalyā suprajā rāma pūrvā saṃdhyā pravartate | uttiṣṭha nara śārdūla kartavyam daivamāhnikam ||

„Rāma, du wohlgeratener Sohn der Kausalyā, die Morgendämmerung bricht an; erhebe dich, Tiger unter den Menschen, die täglichen heiligen Pflichten sind zu verrichten.“

Wort für Wort
kausalyā suprajā rāma
Rāma, wohlgeratener Sohn der Kausalyā
pūrvā saṃdhyā pravartate
die Morgendämmerung bricht an
uttiṣṭha nara-śārdūla
erhebe dich, Tiger unter den Menschen
kartavyam daivam āhnikam
zu verrichten sind die täglichen heiligen Pflichten

tasya ṛṣeḥ parama udāram vacaḥ śrutvā nṛpa narottamau | snātvā kṛta udakau vīrau jepatuḥ paramam japam ||

Als sie diese höchst erhabenen Worte des Weisen gehört hatten, badeten die beiden besten unter den Königssöhnen, verrichteten die Wasserspende und murmelten dann die höchsten Gebete.

Wort für Wort
tasya ṛṣeḥ parama-udāram vacaḥ śrutvā
nachdem sie diese höchst erhabenen Worte des Weisen gehört hatten
nṛpa-narottamau
die beiden besten Männer unter den Königssöhnen
snātvā kṛta-udakau vīrau
die beiden Helden, gebadet und die Wasserspende vollzogen
jepatuḥ paramam japam
murmelten das höchste Gebet

kṛta āhnikau mahāvīryau viśvāmitram tapodhanam | abhivādya ati saṃhṛṣṭau gamanāya abhitasthatuḥ ||

Nach Vollzug der Tagesriten grüßten die beiden gewaltig Heldenkräftigen den an Askese reichen Viśvāmitra ehrfurchtsvoll und standen hocherfreut bereit zum Aufbruch.

Wort für Wort
kṛta-āhnikau mahāvīryau
die beiden gewaltig Heldenkräftigen, nach Vollzug der Tagesriten
viśvāmitram tapodhanam
den an Askese reichen Viśvāmitra
abhivādya ati-saṃhṛṣṭau
grüßend, hocherfreut
gamanāya abhitasthatuḥ
standen bereit zum Aufbruch

tau prayāntau mahāvīryau divyam tripathagām nadīm | dadṛśā te tataḥ tatra sarayvāḥ saṃgame śubhe ||

Die beiden gewaltig Heldenkräftigen, weiterziehend, erblickten dort den göttlichen, den drei Pfade durchwandernden Strom, an der schönen Vereinigungsstelle mit der Sarayū.

Wort für Wort
tau prayāntau mahāvīryau
die beiden weiterziehenden, gewaltig Heldenkräftigen
divyam tripathagām nadīm
den göttlichen, drei Pfade durchwandernden Strom (die Gaṅgā)
dadṛśāte tataḥ tatra
sie beide erblickten da dort
sarayvāḥ saṃgame śubhe
an der schönen Vereinigungsstelle mit der Sarayū

tatra āśrama padam puṇyam ṛṣīṇām bhāviata ātmānām | bahu varṣa sahasrāṇi tapyatām paramam tapaḥ ||

Dort war die heilige Stätte eines Einsiedlerhains von Weisen geläuterter Seele, die viele tausend Jahre höchste Askese geübt hatten.

Wort für Wort
tatra āśrama-padam puṇyam
dort war die heilige Stätte eines Einsiedlerhains
ṛṣīṇām bhāvita-ātmanām
von Weisen geläuterter Seele
bahu-varṣa-sahasrāṇi
viele tausend Jahre
tapyatām paramam tapaḥ
die höchste Askese übten

tam dṛṣṭvā parama prītau rāghavau puṇyam āśramam | ūcatuḥ tam mahātmānam viśvāmitram idam vacaḥ ||

Als die beiden Rāghavas jenen heiligen Einsiedlerhain erblickten, sprachen sie, höchst erfreut, zu dem hochgesinnten Viśvāmitra folgende Worte:

Wort für Wort
tam dṛṣṭvā parama-prītau rāghavau
die beiden Rāghavas, höchst erfreut, als sie ihn sahen
puṇyam āśramam
den heiligen Einsiedlerhain
ūcatuḥ tam mahātmānam
sprachen zu dem Hochgesinnten
viśvāmitram idam vacaḥ
zu Viśvāmitra diese Worte

kasya ayam āśramaḥ puṇyaḥ ko nu asmin vasate pumān | bhagavan śrotum icchāvaḥ param kautūhalam hi nau ||

„Wessen ist dieser heilige Einsiedlerhain, welcher Mann wohnt wohl darin? Ehrwürdiger, wir möchten es hören, denn uns beide erfüllt große Neugier.“

Wort für Wort
kasya ayam āśramaḥ puṇyaḥ
wessen ist dieser heilige Einsiedlerhain
ko nu asmin vasate pumān
welcher Mann wohnt wohl darin
bhagavan śrotum icchāvaḥ
Ehrwürdiger, wir beide wünschen zu hören
param kautūhalam hi nau
denn uns beide (erfüllt) große Neugier

tayoḥ tad vacanam śrutvā prahasya munipuṃgavaḥ | abravīt śrūyatām rāma yasya ayam pūrva āśramaḥ ||

Als er diese ihre Worte gehört hatte, sprach der Stier unter den Weisen lächelnd: „So höre denn, Rāma, wessen früherer Einsiedlerhain dies war.

Wort für Wort
tayoḥ tad vacanam śrutvā
als er diese ihre Worte gehört hatte
prahasya munipuṃgavaḥ
lächelnd der Stier unter den Weisen
abravīt śrūyatām rāma
sprach: höre, Rāma
yasya ayam pūrva-āśramaḥ
wessen früherer Einsiedlerhain dies (war)

kandarpo mūrtimān āsīt kāma iti ucyate budhaiḥ | tapasyaṃtam iha sthāṇum niyamena samāhitam ||

Kandarpa, der leibhaftige Gott der Liebe, den die Weisen Kāma nennen, wagte es, hier den Sthāṇu (Śiva), der in strenger Zucht Askese übte,

Wort für Wort
kandarpo mūrtimān āsīt
Kandarpa, in Körpergestalt (verkörpert)
kāma iti ucyate budhaiḥ
der von den Weisen 'Kāma' genannt wird
tapasyaṃtam iha sthāṇum
den hier Askese übenden Sthāṇu (Śiva)
niyamena samāhitam
in strenger Zucht gesammelt

kṛta udvāham tu deveśam gacchantam sa marud gaṇam | dharṣayāmāsa durmedhā hum kṛtaḥ ca mahātmanā ||

— den Göttergebieter, der nach seiner Vermählung mit der Schar der Maruts dahinzog — der Unkluge (Kāma) zu bestürmen; doch der Hochgesinnte machte nur ein zorniges „Hum!“

Wort für Wort
kṛta-udvāham tu deveśam
den Göttergebieter aber, der die Hochzeit vollzogen hatte
gacchantam sa marud-gaṇam
der mit der Schar der Maruts dahinzog
dharṣayāmāsa durmedhāḥ
der Unkluge wagte anzugreifen
hum kṛtaḥ ca mahātmanā
und der Hochgesinnte machte (nur) 'Hum!'

avadhyataḥ ca rudreṇa cakṣuṣā raghu nandana | vyaśīryanta śarīrāt svāt sarva gātrāṇi durmateḥ ||

und, o Freude der Raghus, mit dem Auge Rudras vernichtend angeblickt, zerfielen dem Unklugen alle Glieder von seinem eigenen Leib.

Wort für Wort
avadhyataḥ ca rudreṇa cakṣuṣā
und durch Rudras vernichtendes Auge
raghu-nandana
o Freude der Raghus
vyaśīryanta śarīrāt svāt
zerfielen vom eigenen Leib
sarva-gātrāṇi durmateḥ
alle Glieder des Unklugen

tatra gātram hatam tasya nirdagdhasya mahātmanāḥ | aśarīraḥ kṛtaḥ kāmaḥ krodhāt deva īśvareṇa ha ||

Dort wurde sein Leib vernichtet, verbrannt vom Zorn des großen Gottgebieters (Śiva); so wurde Kāma leiblos gemacht.

Wort für Wort
tatra gātram hatam tasya
dort wurde sein Leib vernichtet
nirdagdhasya mahātmanāḥ
des von dem Hochgesinnten verbrannten
aśarīraḥ kṛtaḥ kāmaḥ
leiblos wurde Kāma gemacht
krodhāt deva-īśvareṇa ha
durch den Zorn des Göttergebieters

anaṅga iti vikhyātaḥ tadā prabhṛti rāghava | sa ca aṅga viṣayaḥ śrīmān yatra aṃgam sa mumoca ha ||

Von da an ist er, o Rāghava, als „Anaṅga“ (der Gliederlose) berühmt; und jenes glanzvolle Land heißt Aṅga, wo er sein Glied fahren ließ.

Wort für Wort
anaṅga iti vikhyātaḥ
als 'Anaṅga' (Gliederloser) berühmt
tadā prabhṛti rāghava
von da an, o Rāghava
sa ca aṅga-viṣayaḥ śrīmān
und jenes glanzvolle Land Aṅga
yatra aṃgam sa mumoca ha
wo er das Glied fahren ließ

tasya ayam āśramaḥ puṇyaḥ tasya ime munayaḥ purā | śiṣyā dharmaparā vīra teṣām pāpam na vidyate ||

Dies ist der heilige Einsiedlerhain jenes Śiva; diese Weisen hier waren einst seine dem Dharma ergebenen Schüler, o Held, und bei ihnen findet sich keine Sünde.

Wort für Wort
tasya ayam āśramaḥ puṇyaḥ
dies ist dessen heiliger Einsiedlerhain
tasya ime munayaḥ purā
dies (waren) einst seine Weisen
śiṣyā dharmaparā vīra
dem Dharma ergebene Schüler, o Held
teṣām pāpam na vidyate
bei ihnen findet sich keine Sünde

iha adya rajanīm rāma vasema śubha darśana | puṇyayoḥ saritoḥ madhye śvaḥ tariṣyāmahe vayam ||

Hier, Rāma, du mit dem schönen Anblick, wollen wir heute Nacht verweilen; morgen wollen wir zwischen den beiden heiligen Flüssen hindurch übersetzen.

Wort für Wort
iha adya rajanīm rāma
hier heute Nacht, Rāma
vasema śubha-darśana
wollen wir verweilen, du mit schönem Anblick
puṇyayoḥ saritoḥ madhye
zwischen den beiden heiligen Flüssen
śvaḥ tariṣyāmahe vayam
morgen werden wir hinüberfahren

abhigacchāmahe sarve śucayaḥ puṇyam āśramam | iha vāsaḥ paro.asmākam sukham vastyāmahe vayam ||

Lasst uns alle, gereinigt, zu dem heiligen Einsiedlerhain gehen; hier ist unser bester Aufenthalt, wir wollen glücklich verweilen.“

Wort für Wort
abhigacchāmahe sarve śucayaḥ
lasst uns alle gereinigt hingehen
puṇyam āśramam
zu dem heiligen Einsiedlerhain
iha vāsaḥ paro asmākam
hier ist unser bester Aufenthalt
sukham vastyāmahe vayam
wir wollen glücklich verweilen

snātāḥ ca kṛta japyāḥ ca huta havyā narottama | teṣām saṃvadatām tatra tapo dīrgheṇa cakṣuṣā ||

Gebadet, die Gebete verrichtet und die Opfergaben dargebracht, o Bester der Männer — während sie sich dort so unterhielten, (erkannten die Einsiedler sie) mit dem durch Askese weitreichenden Auge.

Wort für Wort
snātāḥ ca kṛta-japyāḥ ca
gebadet und die Gebete verrichtet
huta-havyāḥ narottama
und die Opfergaben dargebracht, o Bester der Männer
teṣām saṃvadatām tatra
während sie sich dort unterhielten
tapo dīrgheṇa cakṣuṣā
mit dem durch Askese weitreichenden Auge

vijñāya parama prītā munayo harṣam āgaman | arghyam pādyam tathā ātithyam nivedya kuśikātmaje ||

Als die Weisen sie erkannt hatten, wurden sie höchst erfreut und von Wonne erfüllt; Ehrengabe, Fußwasser und Gastfreundschaft boten sie dem Sohn Kuśikas dar,

Wort für Wort
vijñāya parama-prītāḥ
sie erkennend, höchst erfreut
munayo harṣam āgaman
wurden die Weisen von Wonne erfüllt
arghyam pādyam tathā ātithyam
Ehrengabe, Fußwasser und Gastfreundschaft
nivedya kuśika-ātmaje
darbietend dem Sohn Kuśikas

rāma lakṣmaṇayoḥ paścāt akurvan atithi kriyām | satkāram sam anuprāpya kathābhiḥ abhiraṃjayan ||

und danach erwiesen sie auch Rāma und Lakṣmaṇa die Gastfreundschaftsriten; nachdem diese die Ehrung empfangen hatten, erfreuten sie sie mit Erzählungen.

Wort für Wort
rāma-lakṣmaṇayoḥ paścāt
danach Rāma und Lakṣmaṇa
akurvan atithi-kriyām
erwiesen sie die Gastfreundschaftsriten
satkāram sam anuprāpya
die Ehrung empfangen habend
kathābhiḥ abhiraṃjayan
erfreuten sie (sie) mit Erzählungen

yathā arham ajapan saṃdhyām ṛṣayaḥ te samāhitāḥ | tatra vāsibhiḥ ānītā munibhiḥ suvrataiḥ saha ||

Wie es sich geziemt, verrichteten jene gesammelten Weisen ihr Abendgebet, gemeinsam mit den dort ansässigen, gutverpflichteten Weisen, die sie herbeigeführt hatten.

Wort für Wort
yathā arham ajapan saṃdhyām
wie es sich geziemt, murmelten sie das Abendgebet
ṛṣayaḥ te samāhitāḥ
jene gesammelten Weisen
tatra vāsibhiḥ ānītā
von den dort Ansässigen herbeigeführt
munibhiḥ suvrataiḥ saha
zusammen mit den gutverpflichteten Weisen

kathābhirabhirāmabhirabhiramau nṛpātmajau | ramayāmāsa dharmātmā kauśiko munipuṅgavaḥ ||

Mit erfreulichen Erzählungen erfreute der rechtschaffene Kauśika, der Stier unter den Weisen, die beiden anmutigen Königssöhne.

Wort für Wort
kathābhiḥ abhirāmābhiḥ
mit erfreulichen Erzählungen
abhiramau nṛpātmajau
die beiden anmutigen Königssöhne
ramayāmāsa dharmātmā
erfreute der Rechtschaffene
kauśiko munipuṅgavaḥ
Kauśika, der Stier unter den Weisen

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