Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Bālakāṇḍa

Sarga 36: Umā-Śāpa-Vṛttāntaḥ Kārtikeya-Janma-Kathā ca Umās Fluch und die Geburt Kārtikeyas

ukta vākye munau tasmin ubhau rāghava lakṣmaṇau | pratinaṃdya kathām vīrau ūcatuḥ muni puṃgavam ||

Als der Weise diese Worte gesprochen hatte, sprachen die beiden Helden, Rāghava und Lakṣmaṇa, die Erzählung begrüßend, zum Stier unter den Weisen:

Wort für Wort
ukta vākye munau tasmin
als der Weise diese Worte gesprochen hatte
ubhau rāghava lakṣmaṇau
die beiden, Rāghava und Lakṣmaṇa
pratinaṃdya kathām vīrau
die Erzählung begrüßend, die beiden Helden
ūcatuḥ muni puṃgavam
sprachen zum Stier unter den Weisen

dharma yuktam idam brahman kathitam paramam tvayā | duhituḥ śaila rājasya jyeṣṭhāya vaktum arhasi | vistaram vistarajño asi divya mānuṣa saṃbhavam ||

„Dies dem Dharma Gemäße, höchst Erhabene, hast du erzählt, o Brahmane; von der älteren Tochter des Bergkönigs sollst du auch ausführlich berichten — du, der die Kunst der ausführlichen Erzählung kennst — den göttlichen und menschlichen Ursprung.“

Wort für Wort
dharma yuktam idam brahman
dies dem Dharma Gemäße, o Brahmane
kathitam paramam tvayā
hast du erzählt, höchst Erhabenes
duhituḥ śaila rājasya jyeṣṭhāya
von der älteren Tochter des Bergkönigs
vaktum arhasi
sollst du erzählen
vistaram vistarajño asi
ausführlich, du kennst die ausführliche Erzählung
divya mānuṣa saṃbhavam
den göttlichen und menschlichen Ursprung

trīn patho hetunā kena pāvayet loka pāvanī | katham gaṅgā tripathagā viśrutā sarit uttamā ||

„Aus welchem Grund reinigt die Weltreinigerin (Gaṅgā), indem sie drei Pfade durchwandelt? Wie wurde die Gaṅgā, die auf drei Pfaden Wandelnde, als beste der Flüsse berühmt,

Wort für Wort
trīn patho hetunā kena
aus welchem Grund die drei Pfade
pāvayet loka pāvanī
reinigt die Weltreinigerin
katham gaṅgā tripathagā
wie die auf drei Pfaden wandelnde Gaṅgā
viśrutā sarit uttamā
berühmt wurde als beste der Flüsse

triṣu lokeṣu dharmajña karmabhiḥ kaiḥ samanvitā | tathā bruvati kākutsthe viśvāmitraḥ tapodhanaḥ ||

verbunden mit welchen Taten in den drei Welten, o Kenner des Dharma?“ Als Kākutstha so sprach, begann der an Askese reiche Viśvāmitra

Wort für Wort
triṣu lokeṣu dharmajña
in den drei Welten, o Kenner des Dharma
karmabhiḥ kaiḥ samanvitā
mit welchen Taten verbunden
tathā bruvati kākutsthe
als Kākutstha so sprach
viśvāmitraḥ tapodhanaḥ
Viśvāmitra, der an Askese Reiche

nikhilena kathām sarvām ṛṣi madhye nyavedayat | purā rāma kṛta udvāhaḥ śiti kaṇṭho mahā tapāḥ ||

die ganze Geschichte inmitten der Weisen vollständig zu erzählen: „Einst, Rāma, hatte der Blauhalsige (Śiva), von großer Askese, die Hochzeit vollzogen,

Wort für Wort
nikhilena kathām sarvām
die ganze Geschichte vollständig
ṛṣi madhye nyavedayat
erzählte er inmitten der Weisen
purā rāma kṛta udvāhaḥ
einst, Rāma, die Hochzeit vollzogen habend
śiti kaṇṭho mahā tapāḥ
der Blauhalsige, von großer Askese

dṛṣṭvā ca bhagavān devīm maithunāya upacakrame | tasya saṃkrīḍamānasya mahādevasya dhīmataḥ | śitikaṇṭhasya devasya divyam varṣa śatam gatam ||

und der Ehrwürdige, die Göttin erblickend, begann sich mit ihr zu vereinen. Während jener weise Mahādeva, der Blauhalsige Gott, sich vergnügte, verging ein göttliches Jahrhundert.

Wort für Wort
dṛṣṭvā ca bhagavān devīm
und der Ehrwürdige, die Göttin erblickend
maithunāya upacakrame
begann er sich zu vereinen
tasya saṃkrīḍamānasya
während jener sich vergnügte
mahādevasya dhīmataḥ
des weisen Mahādeva
śitikaṇṭhasya devasya
des Blauhalsigen Gottes
divyam varṣa śatam gatam
verging ein göttliches Jahrhundert

na ca api tanayo rāma tasyām āsīt paraṃtapa | sarve devāḥ samudyuktāḥ pitāmaha purogamāḥ ||

Doch kein Sohn wurde ihm von ihr geboren, Rāma, o Feindbezwinger; da machten sich alle Götter, mit dem Großvater (Brahmā) an der Spitze, besorgt daran (zu handeln), denkend:

Wort für Wort
na ca api tanayo rāma
und kein Sohn, Rāma
tasyām āsīt paraṃtapa
wurde ihm von ihr geboren, o Feindbezwinger
sarve devāḥ samudyuktāḥ
alle Götter, besorgt bemüht
pitāmaha purogamāḥ
mit dem Großvater an der Spitze

yat iha utpadyate bhūtam kaḥ tat pratisahiṣyati | abhigaṃya surāḥ sarve praṇipatya idam abruvan ||

„Was für ein Wesen hier entstehen wird — wer wird das ertragen können?“ Herantretend, alle Götter, sich verneigend, sprachen dies:

Wort für Wort
yat iha utpadyate bhūtam
was für ein Wesen hier entstehen wird
kaḥ tat pratisahiṣyati
wer wird das ertragen können
abhigaṃya surāḥ sarve
herantretend, alle Götter
praṇipatya idam abruvan
sich verneigend, sprachen sie dies

deva deva mahādeva lokasya asya hite rata | surāṇām praṇipātena prasādam kartum arhasi ||

„Gott der Götter, großer Gott, dem Wohl dieser Welt zugetan — durch die Verneigung der Götter solltest du Gnade erweisen.

Wort für Wort
deva deva mahādeva
Gott der Götter, großer Gott
lokasya asya hite rata
dem Wohl dieser Welt zugetan
surāṇām praṇipātena
durch die Verneigung der Götter
prasādam kartum arhasi
solltest du Gnade erweisen

na lokā dhārayiṣyanti tava tejaḥ surottama | brāhmeṇa tapasā yukto devyā saha tapaḥ cara ||

Die Welten werden deine Kraft nicht ertragen können, o Bester der Götter; verbunden mit brahmischer Askese, übe mit der Göttin zusammen Askese.

Wort für Wort
na lokā dhārayiṣyanti
die Welten werden nicht ertragen können
tava tejaḥ surottama
deine Kraft, o Bester der Götter
brāhmeṇa tapasā yukto
verbunden mit brahmischer Askese
devyā saha tapaḥ cara
übe mit der Göttin zusammen Askese

trailokya hita kāma artham tejaḥ tejasi dhāraya | rakṣa sarvān imān lokān na alokam kartum arhasi ||

Um des Wohls der drei Welten willen, halte deine Kraft in dir zurück; beschütze all diese Welten — du solltest die Welt nicht entvölkern.“

Wort für Wort
trailokya hita kāma artham
um des Wohls der drei Welten willen
tejaḥ tejasi dhāraya
halte die Kraft in der Kraft zurück
rakṣa sarvān imān lokān
beschütze all diese Welten
na alokam kartum arhasi
du solltest (die Welt) nicht entvölkern

devatānām vacaḥ śrutvā sarva loka maheśvaraḥ | bāḍham iti abravīt sarvān punaḥ ca idam uvāca ha ||

Als der große Herr aller Welten die Worte der Götter gehört hatte, sprach er zu allen „So sei es“ und sagte dann sogleich weiter:

Wort für Wort
devatānām vacaḥ śrutvā
die Worte der Götter gehört habend
sarva loka maheśvaraḥ
der große Herr aller Welten
bāḍham iti abravīt sarvān
sprach zu allen 'so sei es'
punaḥ ca idam uvāca ha
und sprach dann sogleich dies

dhārayiṣyāmi aham tejaḥ tejasi eva saha umayā | tridaśāḥ pṛthivī caiva nirvāṇam adhigacchatu ||

„Ich werde meine Kraft in der Kraft selbst zurückhalten, zusammen mit Umā; die dreißig Götter und die Erde sollen Beruhigung erlangen.

Wort für Wort
dhārayiṣyāmi aham tejaḥ
ich werde meine Kraft zurückhalten
tejasi eva saha umayā
in der Kraft selbst, zusammen mit Umā
tridaśāḥ pṛthivī caiva
die dreißig Götter und auch die Erde
nirvāṇam adhigacchatu
sollen Beruhigung erlangen

yad idam kṣubhitam sthānāt mama tejo hi anuttamam | dhārayiṣyati kaḥ tat me bruvantu sura sattamāḥ ||

Doch diese meine unübertreffliche, aus ihrem Ort erregte Kraft — wer wird sie für mich zurückhalten? Sagt mir dies, ihr Besten der Götter.“

Wort für Wort
yad idam kṣubhitam sthānāt
was diese aus ihrem Ort erregte
mama tejo hi anuttamam
meine unübertreffliche Kraft (ist)
dhārayiṣyati kaḥ tat me
wer wird sie mir zurückhalten
bruvantu sura sattamāḥ
sagt es mir, ihr Besten der Götter

evam uktāḥ tato devāḥ pratyūcur vṛṣabha dhvajam | yat tejaḥ kṣubhitam hi adya tad dharā dhārayiṣyati ||

So angesprochen, erwiderten da die Götter dem Stierbanner-Träger (Śiva): „Jene Kraft, die heute erregt ist, wird die Erde zurückhalten.“

Wort für Wort
evam uktāḥ tato devāḥ
so angesprochen, da die Götter
pratyūcur vṛṣabha dhvajam
erwiderten dem Stierbanner-Träger
yat tejaḥ kṣubhitam hi adya
jene Kraft, die heute erregt ist
tad dharā dhārayiṣyati
die wird die Erde zurückhalten

evam uktaḥ sura patiḥ pramumoca mahābalaḥ | tejasā pṛthivī yena vyāptā sa giri kānanā ||

So angesprochen, ließ der mächtige Herr der Götter (die Kraft) frei; von dieser Kraft wurde die Erde samt ihren Bergen und Wäldern durchdrungen.

Wort für Wort
evam uktaḥ sura patiḥ
so angesprochen, der Herr der Götter
pramumoca mahābalaḥ
ließ der Mächtige (die Kraft) frei
tejasā pṛthivī yena
durch die Kraft, mit der die Erde
vyāptā sa giri kānanā
durchdrungen wurde, samt Bergen und Wäldern

tato devāḥ punar idam ūcuḥ ca api hutāśanam | āviśa tvam mahātejo raudram vāyu samanvitaḥ ||

Dann sprachen die Götter wiederum zum Feuergott (Agni): „Dringe du, von gewaltiger Kraft, in die schreckliche (Glut) ein, begleitet vom Wind.“

Wort für Wort
tato devāḥ punar idam
dann die Götter wiederum dies
ūcuḥ ca api hutāśanam
sprachen zum Feuergott
āviśa tvam mahātejo
dringe du ein, von gewaltiger Kraft
raudram vāyu samanvitaḥ
in die schreckliche (Glut), begleitet vom Wind

tad agninā punar vyāptam saṃjātam śveta parvatam | divyam śaravaṇam caiva pāvaka āditya saṃnibham ||

Jene, wiederum von Agni durchdrungen, wurde zum Śveta-Berg (Weißen Berg) und ebenso zu dem göttlichen Schilfdickicht, dem Feuer und der Sonne gleich,

Wort für Wort
tad agninā punar vyāptam
jene, wiederum von Agni durchdrungen
saṃjātam śveta parvatam
wurde zum Śveta-Berg
divyam śaravaṇam caiva
und ebenso zum göttlichen Schilfdickicht
pāvaka āditya saṃnibham
dem Feuer und der Sonne gleich

yatra jāto mahātejāḥ kārtikeyo agni saṃbhavaḥ | atha umām ca śivam caiva devāḥ sa ṛṣi gaṇāḥ tadā ||

wo der gewaltig kraftvolle Kārtikeya, aus dem Feuer entstanden, geboren wurde. Da verehrten Umā und Śiva, samt den Göttern und den Scharen der Weisen,

Wort für Wort
yatra jāto mahātejāḥ
wo geboren wurde der gewaltig Kraftvolle
kārtikeyo agni saṃbhavaḥ
Kārtikeya, aus dem Feuer entstanden
atha umām ca śivam caiva
da Umā und Śiva
devāḥ sa ṛṣi gaṇāḥ tadā
die Götter, samt den Scharen der Weisen, da

pūjayāmāsuḥ atyartham suprīta manasaḥ tataḥ | atha śaila sutā rāma tridaśān idam abravīt ||

überaus, mit hocherfreutem Sinn. Da sprach die Tochter des Berges, Rāma, zu den dreißig Göttern folgendes:

Wort für Wort
pūjayāmāsuḥ atyartham
sie verehrten ihn überaus
suprīta manasaḥ tataḥ
mit hocherfreutem Sinn, da
atha śaila sutā rāma
da die Tochter des Berges, Rāma
tridaśān idam abravīt
sprach zu den dreißig Göttern dies

samanyuḥ aśapat sarvān krodha saṃrakta locanā | yasmāt nivāritā ca aham saṃgatā putra kāṃyayā ||

Zornig verfluchte sie alle, die Augen vor Wut gerötet: „Weil ich, obwohl ich in der Absicht auf einen Sohn zusammengekommen war, gehindert wurde,

Wort für Wort
samanyuḥ aśapat sarvān
zornig verfluchte sie alle
krodha saṃrakta locanā
die Augen vor Zorn gerötet
yasmāt nivāritā ca aham
weil ich gehindert wurde
saṃgatā putra kāṃyayā
obwohl ich in der Absicht auf einen Sohn zusammengekommen war

apatyam sveṣu dāreṣu na utpadayitum arhatha | adya prabhṛti yuṣmākam aprajāḥ santu patnayaḥ ||

sollt ihr nicht fähig sein, mit euren eigenen Gattinnen Nachkommen zu zeugen; von heute an sollen eure Gattinnen kinderlos bleiben.

Wort für Wort
apatyam sveṣu dāreṣu
Nachkommenschaft mit euren eigenen Gattinnen
na utpadayitum arhatha
sollt ihr nicht fähig sein zu zeugen
adya prabhṛti yuṣmākam
von heute an eure
aprajāḥ santu patnayaḥ
sollen die Gattinnen kinderlos sein

evam uktvā surān sarvān śaśāpa pṛthivīm api | avane na eka rūpā tvam bahu bhāryā bhaviṣyasi ||

So sprechend, verfluchte sie alle Götter, und auch die Erde: „Du, o Erde, sollst nicht von einer einzigen Gestalt sein; du wirst viele Herren haben.

Wort für Wort
evam uktvā surān sarvān
so sprechend, alle Götter
śaśāpa pṛthivīm api
verfluchte sie auch die Erde
avane na eka rūpā tvam
du, o Erde, sollst nicht von einer Gestalt sein
bahu bhāryā bhaviṣyasi
du wirst viele (Herren wie) Gatten haben

na ca putra kṛtām prītim mat krodha kaluṣīkṛtā | prāpsyasi tvam sudurmedhe mama putram anicchatī ||

Und, durch meinen Zorn getrübt, wirst du niemals die Freude erfahren, die ein Sohn bringt, du sehr Törichte, die du meinen Sohn nicht wolltest.“

Wort für Wort
na ca putra kṛtām prītim
und nicht die Freude, die ein Sohn bringt
mat krodha kaluṣīkṛtā
durch meinen Zorn getrübt
prāpsyasi tvam sudurmedhe
wirst du erlangen, du sehr Törichte
mama putram anicchatī
die du meinen Sohn nicht wolltest

tān sarvān pīḍitān dṛṣṭvā surān surapatiḥ tadā | gamanāya upacakrāma diśam varuṇa pālitām ||

Als der Herr der Götter alle jene Götter so gepeinigt sah, machte er sich da auf den Weg zu der von Varuṇa behüteten Himmelsrichtung (dem Westen).

Wort für Wort
tān sarvān pīḍitān dṛṣṭvā
sie alle gepeinigt sehend
surān surapatiḥ tadā
die Götter, der Herr der Götter da
gamanāya upacakrāma
machte sich auf den Weg
diśam varuṇa pālitām
zur von Varuṇa behüteten Richtung

sa gatvā tapa ātiṣṭhat pārśve tasya uttare gireḥ | himavat prabhave śṛṃge saha devyā maheśvaraḥ ||

Er (Śiva), dorthin gegangen, verharrte in Askese an der Nordseite jenes Berges, auf dem Gipfel, der der Ursprung des Himavat ist, zusammen mit der Göttin, der große Herr.

Wort für Wort
sa gatvā tapa ātiṣṭhat
er, dorthin gegangen, verharrte in Askese
pārśve tasya uttare gireḥ
an der Nordseite jenes Berges
himavat prabhave śṛṃge
auf dem Gipfel, dem Ursprung des Himavat
saha devyā maheśvaraḥ
zusammen mit der Göttin, der große Herr

eṣa te vistaro rāma śaila putryā niveditaḥ | gangāyāḥ prabhavam caiva śṛṇu me saha lakṣmaṇa ||

Dies, Rāma, ist die dir mitgeteilte ausführliche Geschichte der Bergestochter; höre nun von mir, zusammen mit Lakṣmaṇa, auch den Ursprung der Gaṅgā.“

Wort für Wort
eṣa te vistaro rāma
dies ist, Rāma, die dir (mitgeteilte)
śaila putryā niveditaḥ
ausführliche Geschichte der Bergestochter, mitgeteilt
gangāyāḥ prabhavam caiva
und auch den Ursprung der Gaṅgā
śṛṇu me saha lakṣmaṇa
höre von mir, zusammen mit Lakṣmaṇa

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