Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Bālakāṇḍa

Sarga 35: Gaṅgā-Umā-Janma-Vṛttāntaḥ Die Geburt der Gaṅgā und Umās, der Töchter des Himavān

upāsya rātri śeṣam tu śoṇā kūle maharṣibhiḥ | niśāyām suprabhātāyām viśvāmitro abhyabhāṣata ||

Nachdem sie den Rest der Nacht am Ufer der Śoṇā zusammen mit den großen Weisen verehrend verbracht hatten, sprach Viśvāmitra, als die Nacht zur schönen Morgendämmerung geworden war:

Wort für Wort
upāsya rātri-śeṣam tu
nachdem sie den Rest der Nacht verehrend verbracht hatten
śoṇā kūle maharṣibhiḥ
am Ufer der Śoṇā, mit den großen Weisen
niśāyām suprabhātāyām
als die Nacht zur schönen Morgendämmerung geworden war
viśvāmitro abhyabhāṣata
sprach Viśvāmitra

suprabhātā niśā rāma pūrvā saṃdhyā pravartate | uttiṣṭha uttiṣṭha bhadram te gamanāya abhirocaya ||

„Die Nacht ist zur schönen Morgendämmerung geworden, Rāma, die Morgendämmerung bricht an; erhebe dich, erhebe dich, Heil dir, entscheide dich für den Aufbruch.“

Wort für Wort
suprabhātā niśā rāma
die Nacht ist zur schönen Morgendämmerung geworden, Rāma
pūrvā saṃdhyā pravartate
die Morgendämmerung bricht an
uttiṣṭha uttiṣṭha bhadram te
erhebe dich, erhebe dich, Heil dir
gamanāya abhirocaya
entscheide dich für den Aufbruch

tat śrutvā vacanam tasya kṛtvā paurva āhṇika kriyaḥ | gamanam rocayāmāsa vākyam ca idam uvāca ha ||

Als er diese seine Worte gehört hatte, verrichtete er seine morgendlichen Riten, entschied sich für den Aufbruch und sprach folgendes Wort:

Wort für Wort
tat śrutvā vacanam tasya
diese seine Worte gehört habend
kṛtvā paurva-āhṇika-kriyaḥ
die morgendlichen Riten verrichtet habend
gamanam rocayāmāsa
entschied er sich für den Aufbruch
vākyam ca idam uvāca ha
und sprach dieses Wort

ayam śoṇaḥ śubha jalo gādhaḥ pulina maṇḍitaḥ | katareṇa pathā brahman saṃtariṣyāmahe vayam ||

„Diese Śoṇā, von reinem Wasser, seicht, mit Sandbänken geschmückt — auf welchem Weg, o Brahmane, werden wir sie überqueren?“

Wort für Wort
ayam śoṇaḥ śubha-jalo
diese Śoṇā, von reinem Wasser
gādhaḥ pulina-maṇḍitaḥ
seicht, mit Sandbänken geschmückt
katareṇa pathā brahman
auf welchem Weg, o Brahmane
saṃtariṣyāmahe vayam
werden wir überqueren

evam uktaḥ tu rāmeṇa viśvāmitro abravīt idam | eṣa paṃthā mayā uddiṣṭo yena yānti maharṣayaḥ ||

So von Rāma angesprochen, sprach Viśvāmitra dies: „Dies ist der Weg, den ich gewiesen habe, auf dem die großen Weisen gehen.“

Wort für Wort
evam uktaḥ tu rāmeṇa
so von Rāma angesprochen
viśvāmitro abravīt idam
sprach Viśvāmitra dies
eṣa paṃthā mayā uddiṣṭo
dies ist der von mir gewiesene Weg
yena yānti maharṣayaḥ
auf dem die großen Weisen gehen

evam uktvā maharṣayo viśvamitreṇa dhīmatā | paśyantaḥ te prayātā vai vanāni vividhāni ca ||

So von dem weisen Viśvāmitra angesprochen, zogen die großen Weisen fort, mannigfaltige Wälder betrachtend.

Wort für Wort
evam uktvā maharṣayo
so angesprochen, die großen Weisen
viśvamitreṇa dhīmatā
von dem weisen Viśvāmitra
paśyantaḥ te prayātā vai
sie zogen fort, betrachtend
vanāni vividhāni ca
mannigfaltige Wälder

te gatvā dūram adhvānam gate ardha divase tadā | jāhnavīm saritām śreṣṭhām dadṛśur muni sevitām ||

Nachdem sie ein weites Wegstück zurückgelegt hatten, als da schon der halbe Tag vergangen war, erblickten sie die Jāhnavī, die beste der Flüsse, von Weisen aufgesucht.

Wort für Wort
te gatvā dūram adhvānam
sie, ein weites Wegstück zurückgelegt habend
gate ardha divase tadā
als da der halbe Tag vergangen war
jāhnavīm saritām śreṣṭhām
die Jāhnavī, die beste der Flüsse
dadṛśur muni sevitām
erblickten sie, von Weisen aufgesucht

tām dṛṣṭvā puṇya salilām haṃsa sārasa sevitām | babhūvur munayaḥ sarve muditā saha rāghavāḥ ||

Als sie sie sahen, von heiligem Wasser, von Gänsen und Kranichen aufgesucht, wurden alle Weisen freudig, zusammen mit den beiden Rāghavas.

Wort für Wort
tām dṛṣṭvā puṇya-salilām
sie sehend, von heiligem Wasser
haṃsa-sārasa-sevitām
von Gänsen und Kranichen aufgesucht
babhūvur munayaḥ sarve
wurden alle Weisen
muditā saha rāghavāḥ
freudig, zusammen mit den Rāghavas

tasyāḥ tīre tataḥ cakruḥ te āvāsa parigraham | tataḥ snātvā yathā nyāyam saṃtarpya pitṛ devatāḥ ||

An ihrem Ufer richteten sie da ihr Lager ein; dann, nach der Vorschrift gebadet und die Ahnen und Götter mit Wasserspenden befriedigt,

Wort für Wort
tasyāḥ tīre tataḥ cakruḥ
an ihrem Ufer richteten sie da ein
te āvāsa parigraham
ihr Lager
tataḥ snātvā yathā nyāyam
dann nach der Vorschrift gebadet
saṃtarpya pitṛ devatāḥ
die Ahnen und Götter befriedigend

hutvā caiva agnihotrāṇi prāśya ca amṛtavat haviḥ | viviśur jāhnavī tīre śubhā mudita mānasāḥ ||

und die Feueropfer dargebracht und die Opferspeise wie Ambrosia genossen habend, ließen sie sich am Ufer der Jāhnavī nieder, rein und heiteren Gemüts.

Wort für Wort
hutvā caiva agnihotrāṇi
und die Feueropfer dargebracht habend
prāśya ca amṛtavat haviḥ
und die Opferspeise wie Ambrosia genossen habend
viviśur jāhnavī tīre
ließen sie sich am Ufer der Jāhnavī nieder
śubhā mudita mānasāḥ
rein, heiteren Gemüts

viṣṭitāḥ ca yathā nyāyam rāghavo ca yathā arham | saṃprahṛṣṭa manā rāmo viśvāmitram atha abravīt ||

Nachdem sie sich, wie es sich gehörte, niedergesetzt hatten, und Rāghava, wie es geziemte, sprach Rāma, mit hocherfreutem Sinn, sodann zu Viśvāmitra:

Wort für Wort
viṣṭitāḥ ca yathā nyāyam
sich niedergesetzt habend, wie es sich gehörte
rāghavo ca yathā arham
und Rāghava, wie es geziemte
saṃprahṛṣṭa manā rāmo
Rāma, mit hocherfreutem Sinn
viśvāmitram atha abravīt
sprach sodann zu Viśvāmitra

bhagavan śrotum icchāmi gaṅgām tri patha gām nadīm | trailokyam katham ākraṃya gatā nada nadīpatim ||

„Ehrwürdiger, ich möchte hören, wie die Gaṅgā, der auf drei Pfaden wandelnde Strom, die drei Welten durchmessend, zur Herrin der Ströme und Flüsse wurde.“

Wort für Wort
bhagavan śrotum icchāmi
Ehrwürdiger, ich möchte hören
gaṅgām tri-patha-gām nadīm
von der Gaṅgā, dem auf drei Pfaden wandelnden Strom
trailokyam katham ākraṃya
wie sie, die drei Welten durchmessend
gatā nada nadīpatim
zur Herrin der Ströme und Flüsse wurde

codito rāma vākyena viśvāmitro mahāmuniḥ | vṛddhim janma ca gaṃgāyā vaktum eva upacakrame ||

Von Rāmas Worten aufgefordert, begann der große Weise Viśvāmitra, das Wachstum und die Geburt der Gaṅgā zu erzählen:

Wort für Wort
codito rāma vākyena
von Rāmas Worten aufgefordert
viśvāmitro mahāmuniḥ
der große Weise Viśvāmitra
vṛddhim janma ca gaṃgāyā
das Wachstum und die Geburt der Gaṅgā
vaktum eva upacakrame
begann er zu erzählen

śailendro himavān rāma dhātūnām ākaro mahān | tasya kanyā dvayam rāma rūpeṇa apratimam bhuvi ||

„Der Fürst der Berge, Himavān, Rāma, ist eine große Fundgrube von Erzen; seine zwei Töchter, Rāma, sind an Schönheit unvergleichlich auf Erden.

Wort für Wort
śailendro himavān rāma
der Fürst der Berge, Himavān, Rāma
dhātūnām ākaro mahān
ist eine große Fundgrube von Erzen
tasya kanyā dvayam rāma
seine zwei Töchter, Rāma
rūpeṇa apratimam bhuvi
an Schönheit unvergleichlich auf Erden

yā meru duhitā rāma tayor mātā sumadhyamā | nāmnā menā manojñā vai patnī himavataḥ priyā ||

Sie, die Tochter Merus, Rāma, ist die schönhüftige Mutter der beiden, mit Namen Menā, anmutig, die geliebte Gattin Himavāns.

Wort für Wort
yā meru duhitā rāma
sie, die Tochter Merus, Rāma
tayor mātā sumadhyamā
die schönhüftige Mutter der beiden
nāmnā menā manojñā vai
mit Namen Menā, wahrlich anmutig
patnī himavataḥ priyā
die geliebte Gattin Himavāns

tasyām gaṃga iyam abhavat jyeṣṭhā himavataḥ sutā | umā nāma dvitīyā abhūt kanyā tasya eva rāghava ||

Von ihr wurde diese Gaṅgā geboren, die ältere Tochter Himavāns; Umā mit Namen war die zweite Tochter eben desselben, Rāghava.

Wort für Wort
tasyām gaṃga iyam abhavat
von ihr wurde diese Gaṅgā geboren
jyeṣṭhā himavataḥ sutā
die ältere Tochter Himavāns
umā nāma dvitīyā abhūt
Umā mit Namen war die zweite
kanyā tasya eva rāghava
Tochter eben desselben, Rāghava

atha jyeṣṭhām surāḥ sarve deva kārya cikīrṣayā | śailendram varayāmāsuḥ gaṃgām tri patha gām nadīm ||

Da erbaten sich alle Götter, um der Götter Werk zu vollbringen, von dem Fürsten der Berge die ältere (Tochter), die Gaṅgā, den auf drei Pfaden wandelnden Strom.

Wort für Wort
atha jyeṣṭhām surāḥ sarve
da (erbaten sich) alle Götter die Ältere
deva kārya cikīrṣayā
um der Götter Werk zu vollbringen
śailendram varayāmāsuḥ
erbaten sie sich von dem Fürsten der Berge
gaṃgām tri-patha-gām nadīm
die Gaṅgā, den auf drei Pfaden wandelnden Strom

dadau dharmeṇa himavān tanayām loka pāvanīm | svacchaṃda patha gām gaṃgām trailokya hita kāṃyayā ||

Himavān gab, dem Recht gemäß, seine Tochter, die Reinigerin der Welt, die auf eigenem Pfad wandelnde Gaṅgā, aus Wunsch nach dem Wohl der drei Welten.

Wort für Wort
dadau dharmeṇa himavān
Himavān gab, dem Recht gemäß
tanayām loka pāvanīm
seine Tochter, die Reinigerin der Welt
svacchaṃda-patha-gām gaṃgām
die Gaṅgā, die auf eigenem Pfad wandelt
trailokya hita kāṃyayā
aus Wunsch nach dem Wohl der drei Welten

pratigṛhya triloka artham triloka hita kāṃkṣiṇaḥ | gaṃgām ādāya te agacchan kṛtārthena aṃtarātmanā ||

Sie, die das Wohl der drei Welten wünschten, empfingen sie um der drei Welten willen; die Gaṅgā mit sich nehmend, zogen sie mit befriedigtem Herzen davon.

Wort für Wort
pratigṛhya triloka-artham
empfangend, um der drei Welten willen
triloka hita kāṃkṣiṇaḥ
die das Wohl der drei Welten wünschten
gaṃgām ādāya te agacchan
die Gaṅgā mitnehmend, zogen sie davon
kṛtārthena aṃtarātmanā
mit befriedigtem Herzen

yā ca anyā śaila duhitā kanyā āsīt raghunaṃdana | ugram suvratam āsthāya tapaḥ tepe tapodhanā ||

Und die andere Tochter des Berges, o Freude der Raghus, unterzog sich, ein strenges, gutes Gelübde einhaltend, der Askese, reich an Buße.

Wort für Wort
yā ca anyā śaila-duhitā
und die andere Tochter des Berges
kanyā āsīt raghunaṃdana
die Jungfrau war, o Freude der Raghus
ugram suvratam āsthāya
ein strenges, gutes Gelübde einhaltend
tapaḥ tepe tapodhanā
übte sie Askese, reich an Buße

ugreṇa tapasā yuktām dadau śailavaraḥ sutām | rudrāya apratirūpāya umām loka namaskṛtām ||

Der beste der Berge gab seine Tochter, mit strenger Askese begabt, dem unvergleichlichen Rudra: Umā, von der Welt verehrt.

Wort für Wort
ugreṇa tapasā yuktām
mit strenger Askese begabt
dadau śailavaraḥ sutām
gab der beste der Berge (seine) Tochter
rudrāya apratirūpāya
dem unvergleichlichen Rudra
umām loka namaskṛtām
Umā, von der Welt verehrt

ete te śaila rājasya sute loka namaskṛte | gaṃgā ca saritām śreṣṭhā umādevī ca rāghava ||

Dies sind die beiden Töchter des Königs der Berge, von der Welt verehrt: Gaṅgā, die beste der Flüsse, und die Göttin Umā, Rāghava.

Wort für Wort
ete te śaila-rājasya sute
dies sind die beiden Töchter des Königs der Berge
loka namaskṛte
von der Welt verehrt
gaṃgā ca saritām śreṣṭhā
Gaṅgā, die beste der Flüsse
umādevī ca rāghava
und die Göttin Umā, Rāghava

etat te sarvam ākhyātam yathā tri patha gāminī | kham gatā prathamam tāta gatim gatimatām vara ||

Dies alles habe ich dir erzählt, wie sie, die auf drei Pfaden Wandelnde, zuerst in den Himmel ging, mein Kind, o Bester der Wandelnden.

Wort für Wort
etat te sarvam ākhyātam
dies alles habe ich dir erzählt
yathā tri-patha-gāminī
wie sie, die auf drei Pfaden Wandelnde
kham gatā prathamam tāta
zuerst in den Himmel ging, mein Kind
gatim gatimatām vara
o Bester derer, die einen Gang haben (der Wandelnden)

sa eṣā sura nadī raṃyā śailendra tanayā tadā | sura lokam samārūḍhā vipāpā jala vāhinī ||

Sie, dieser liebliche Strom der Götter, die Tochter des Bergfürsten, stieg damals zur Welt der Götter empor, sündlos, die Wasser tragende.

Wort für Wort
sa eṣā sura nadī raṃyā
sie, dieser liebliche Strom der Götter
śailendra tanayā tadā
die Tochter des Bergfürsten, damals
sura lokam samārūḍhā
stieg zur Welt der Götter empor
vipāpā jala vāhinī
sündlos, die Wasser tragende

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