Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Sabhāparva

Kapitel 14: Bhīmasenavākyam Bhīmas und Kṛṣṇas Rede über Jarāsandha

Yudhiṣṭhira zögert angesichts von Kṛṣṇas Warnung, da niemand sich selbst zum Großkönig erklären kann. Bhīma widerspricht der reinen Untätigkeit und schlägt vor, dass er, Kṛṣṇa und Arjuna zusammen - Politik, Kraft und Sieg vereinend - Jarāsandha bezwingen könnten. Kṛṣṇa erläutert daraufhin, wie frühere Großkönige (Yauvanāśva, Bhagīratha, Kārtavīrya, Bharata, Marutta) ihren Rang errangen, und begründet, warum Jarāsandha nach den Kennzeichen von Recht, Nutzen und Politik als 'zu bezwingen' gilt: er hält bereits 86 gefangene Könige, plant, nach Erreichen von hundert ein grausames Opfer zu vollziehen, und wer ihn besiegt, würde selbst zum Großkönig.

yudhiṣṭhira uvāca uktaṃ tvayā buddhimatā yan nānyo vaktum arhati saṃśayānāṃ hi nirmoktā tvan nānyo vidyate bhuvi

Yudhiṣṭhira sprach: Was du, der Kluge, gesagt hast, das könnte kein anderer sagen; denn einen Löser von Zweifeln außer dir gibt es auf Erden nicht.

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca uktaṃ tvayā buddhimatā yan nānyo vaktum arhati saṃśayānāṃ hi nirmoktā tvan nānyo vidyate bhuvi
Yudhiṣṭhira sprach: Was du, der Kluge, gesagt hast, das könnte kein anderer sagen; denn einen Löser von Zweifeln außer dir gibt es auf Erden nicht.

gṛhe gṛhe hi rājānaḥ svasya svasya priyaṃkarāḥ na ca sāmrājyam āptās te samrāṭśabdo hi kṛtsnabhāk

In jedem Haus gibt es Könige, die ihren eigenen Leuten Wohlgefallen bereiten, doch sie haben nicht die Alleinherrschaft erlangt; denn der Titel 'Großkönig' gebührt der Gesamtheit.

Wort für Wort
gṛhe gṛhe hi rājānaḥ svasya svasya priyaṃkarāḥ na ca sāmrājyam āptās te samrāṭśabdo hi kṛtsnabhāk
In jedem Haus gibt es Könige, die ihren eigenen Leuten Wohlgefallen bereiten, doch sie haben nicht die Alleinherrschaft erlangt; denn der Titel 'Großkönig' gebührt der Gesamtheit.

kathaṃ parānubhāvajñaḥ svaṃ praśaṃsitum arhati pareṇa samavetas tu yaḥ praśastaḥ sa pūjyate

Wie könnte einer, der die Macht eines anderen kennt, sich selbst rühmen? Wer aber von einem anderen, nachdem er sich mit ihm gemessen hat, gelobt wird, der wird zu Recht geehrt.

Wort für Wort
kathaṃ parānubhāvajñaḥ svaṃ praśaṃsitum arhati pareṇa samavetas tu yaḥ praśastaḥ sa pūjyate
Wie könnte einer, der die Macht eines anderen kennt, sich selbst rühmen? Wer aber von einem anderen, nachdem er sich mit ihm gemessen hat, gelobt wird, der wird zu Recht geehrt.

viśālā bahulā bhūmir bahuratnasamācitā dūraṃ gatvā vijānāti śreyo vṛṣṇikulodvaha

Weit und ausgedehnt ist die Erde, reich an vielen Juwelen; erst wer weit gereist ist, erkennt, was das Beste ist, Sprössling des Vṛṣṇi-Geschlechts.

Wort für Wort
viśālā bahulā bhūmir bahuratnasamācitā dūraṃ gatvā vijānāti śreyo vṛṣṇikulodvaha
Weit und ausgedehnt ist die Erde, reich an vielen Juwelen; erst wer weit gereist ist, erkennt, was das Beste ist, Sprössling des Vṛṣṇi-Geschlechts.

śamam eva paraṃ manye na tu mokṣād bhavec chamaḥ ārambhe pārameṣṭhyaṃ tu na prāpyam iti me matiḥ

Ich halte Friedfertigkeit für das Höchste, doch Friede kann nicht durch bloßes Aufgeben entstehen; die höchste Herrschaft aber ist, wie ich meine, nicht ohne ein Unternehmen zu erlangen.

Wort für Wort
śamam eva paraṃ manye na tu mokṣād bhavec chamaḥ ārambhe pārameṣṭhyaṃ tu na prāpyam iti me matiḥ
Ich halte Friedfertigkeit für das Höchste, doch Friede kann nicht durch bloßes Aufgeben entstehen; die höchste Herrschaft aber ist, wie ich meine, nicht ohne ein Unternehmen zu erlangen.

evam evābhijānanti kule jātā manasvinaḥ kaś cit kadā cid eteṣāṃ bhavec chreṣṭho janārdana

So erkennen es die in edlem Geschlecht Geborenen, die Hochgesinnten; doch wer von ihnen wäre je der Beste, Janārdana?

Wort für Wort
evam evābhijānanti kule jātā manasvinaḥ kaś cit kadā cid eteṣāṃ bhavec chreṣṭho janārdana
So erkennen es die in edlem Geschlecht Geborenen, die Hochgesinnten; doch wer von ihnen wäre je der Beste, Janārdana?

bhīma uvāca anārambhaparo rājā valmīka iva sīdati durbalaś cānupāyena balinaṃ yo 'dhitiṣṭhati

Bhīma sprach: Ein König, der sich mit nichts als Untätigkeit begnügt, sinkt dahin wie ein Ameisenhügel, der von innen zerfällt; ebenso der Schwache, der ohne rechtes Mittel einen Starken angreift.

Wort für Wort
bhīma uvāca anārambhaparo rājā valmīka iva sīdati durbalaś cānupāyena balinaṃ yo 'dhitiṣṭhati
Bhīma sprach: Ein König, der sich mit nichts als Untätigkeit begnügt, sinkt dahin wie ein Ameisenhügel, der von innen zerfällt; ebenso der Schwache, der ohne rechtes Mittel einen Starken angreift.

atandritas tu prāyeṇa durbalo balinaṃ ripum jayet samyaṅ nayo rājan nītyārthān ātmano hitān

Doch der Unermüdliche, auch wenn er schwach ist, kann in der Regel einen starken Feind besiegen, o König, wenn seine Politik recht ist und die Grundsätze der Politik seinem eigenen Nutzen dienen.

Wort für Wort
atandritas tu prāyeṇa durbalo balinaṃ ripum jayet samyaṅ nayo rājan nītyārthān ātmano hitān
Doch der Unermüdliche, auch wenn er schwach ist, kann in der Regel einen starken Feind besiegen, o König, wenn seine Politik recht ist und die Grundsätze der Politik seinem eigenen Nutzen dienen.

kṛṣṇe nayo mayi balaṃ jayaḥ pārthe dhanaṃjaye māgadhaṃ sādhayiṣyāmo vayaṃ traya ivāgnayaḥ

In Kṛṣṇa ist die kluge Politik, in mir die Kraft, in Pārtha Dhanaṃjaya der Sieg; wir drei werden den Māgadha bezwingen, wie die drei heiligen Feuer.

Wort für Wort
kṛṣṇe nayo mayi balaṃ jayaḥ pārthe dhanaṃjaye māgadhaṃ sādhayiṣyāmo vayaṃ traya ivāgnayaḥ
In Kṛṣṇa ist die kluge Politik, in mir die Kraft, in Pārtha Dhanaṃjaya der Sieg; wir drei werden den Māgadha bezwingen, wie die drei heiligen Feuer.

kṛṣṇa uvāca ādatte 'rthaparo bālo nānubandham avekṣate tasmād ariṃ na mṛṣyanti bālam arthaparāyaṇam

Kṛṣṇa sprach: Ein törichter, nur auf Gewinn bedachter Mensch nimmt, ohne die Folgen zu bedenken; deshalb ertragen die Klugen keinen törichten, nur auf Gewinn bedachten Feind.

Wort für Wort
kṛṣṇa uvāca ādatte 'rthaparo bālo nānubandham avekṣate tasmād ariṃ na mṛṣyanti bālam arthaparāyaṇam
Kṛṣṇa sprach: Ein törichter, nur auf Gewinn bedachter Mensch nimmt, ohne die Folgen zu bedenken; deshalb ertragen die Klugen keinen törichten, nur auf Gewinn bedachten Feind.

hitvā karān yauvanāśvaḥ pālanāc ca bhagīrathaḥ kārtavīryas tapoyogād balāt tu bharato vibhuḥ ṛddhyā maruttas tān pañca samrāja iti śuśrumaḥ

Yauvanāśva durch den Verzicht auf Steuern, Bhagīratha durch fürsorgliche Herrschaft, Kārtavīrya durch Askese-Vereinigung, der mächtige Bharata durch Kraft, Marutta durch göttlichen Wohlstand - diese fünf, so haben wir gehört, waren Großkönige.

Wort für Wort
hitvā karān yauvanāśvaḥ pālanāc ca bhagīrathaḥ kārtavīryas tapoyogād balāt tu bharato vibhuḥ ṛddhyā maruttas tān pañca samrāja iti śuśrumaḥ
Yauvanāśva durch den Verzicht auf Steuern, Bhagīratha durch fürsorgliche Herrschaft, Kārtavīrya durch Askese-Vereinigung, der mächtige Bharata durch Kraft, Marutta durch göttlichen Wohlstand - diese fünf, so haben wir gehört, waren Großkönige.

nigrāhyalakṣaṇaṃ prāpto dharmārthanayalakṣaṇaiḥ bārhadratho jarāsaṃdhas tad viddhi bharatarṣabha

Jarāsandha, der Sohn des Bṛhadratha, hat, nach den Kennzeichen von Recht, Nutzen und Politik gemessen, die Merkmale dessen erlangt, der zu bezwingen ist - das wisse, Stier der Bharatas.

Wort für Wort
nigrāhyalakṣaṇaṃ prāpto dharmārthanayalakṣaṇaiḥ bārhadratho jarāsaṃdhas tad viddhi bharatarṣabha
Jarāsandha, der Sohn des Bṛhadratha, hat, nach den Kennzeichen von Recht, Nutzen und Politik gemessen, die Merkmale dessen erlangt, der zu bezwingen ist - das wisse, Stier der Bharatas.

na cainam anurudhyante kulāny ekaśataṃ nṛpāḥ tasmād etad balād eva sāmrājyaṃ kurute 'dya saḥ

Denn ihm sind die hunderteins Königsgeschlechter nicht ergeben, deshalb übt er heute diese Alleinherrschaft allein durch Gewalt aus.

Wort für Wort
na cainam anurudhyante kulāny ekaśataṃ nṛpāḥ tasmād etad balād eva sāmrājyaṃ kurute 'dya saḥ
Denn ihm sind die hunderteins Königsgeschlechter nicht ergeben, deshalb übt er heute diese Alleinherrschaft allein durch Gewalt aus.

ratnabhājo hi rājāno jarāsaṃdham upāsate na ca tuṣyati tenāpi bālyād anayam āsthitaḥ

Denn die Könige, ihm mit Juwelen huldigend, warten dem Jarāsandha auf, doch nicht einmal damit ist er zufrieden, in seiner Torheit dem Unrecht verhaftet.

Wort für Wort
ratnabhājo hi rājāno jarāsaṃdham upāsate na ca tuṣyati tenāpi bālyād anayam āsthitaḥ
Denn die Könige, ihm mit Juwelen huldigend, warten dem Jarāsandha auf, doch nicht einmal damit ist er zufrieden, in seiner Torheit dem Unrecht verhaftet.

mūrdhābhiṣiktaṃ nṛpatiṃ pradhānapuruṣaṃ balāt ādatte na ca no dṛṣṭo 'bhāgaḥ puruṣataḥ kva cit

Er nimmt sich mit Gewalt den gesalbten König, den vornehmsten Mann, und nirgends haben wir gesehen, dass ein Mann von ihm verschont geblieben wäre.

Wort für Wort
mūrdhābhiṣiktaṃ nṛpatiṃ pradhānapuruṣaṃ balāt ādatte na ca no dṛṣṭo 'bhāgaḥ puruṣataḥ kva cit
Er nimmt sich mit Gewalt den gesalbten König, den vornehmsten Mann, und nirgends haben wir gesehen, dass ein Mann von ihm verschont geblieben wäre.

evaṃ sarvān vaśe cakre jarāsaṃdhaḥ śatāvarān taṃ durbalataro rājā kathaṃ pārtha upaiṣyati

So hat Jarāsandha alle Könige unter hundert an Zahl der Geschlechter in seine Gewalt gebracht; wie könnte ein schwächerer König sich ihm nähern, Pārtha?

Wort für Wort
evaṃ sarvān vaśe cakre jarāsaṃdhaḥ śatāvarān taṃ durbalataro rājā kathaṃ pārtha upaiṣyati
So hat Jarāsandha alle Könige unter hundert an Zahl der Geschlechter in seine Gewalt gebracht; wie könnte ein schwächerer König sich ihm nähern, Pārtha?

prokṣitānāṃ pramṛṣṭānāṃ rājñāṃ paśupater gṛhe paśūnām iva kā prītir jīvite bharatarṣabha

Welche Freude am Leben könnten die besprengten, gereinigten Könige noch haben, im Hause des 'Herrn der Tiere', gleich Opfertieren, Stier der Bharatas?

Wort für Wort
prokṣitānāṃ pramṛṣṭānāṃ rājñāṃ paśupater gṛhe paśūnām iva kā prītir jīvite bharatarṣabha
Welche Freude am Leben könnten die besprengten, gereinigten Könige noch haben, im Hause des 'Herrn der Tiere', gleich Opfertieren, Stier der Bharatas?

[Anm.: 'Herr der Tiere' (paśupati) bezeichnet hier spöttisch-bitter Jarāsandha selbst, der die gefangenen Könige wie Opfertiere behandelt - ein Titel, der eigentlich Śiva zukommt.]

kṣatriyaḥ śastramaraṇo yadā bhavati satkṛtaḥ nanu sma māgadhaṃ sarve pratibādhema yad vayam

Wenn ein Kṣatriya durch die Waffe stirbt, gilt das als ehrenvoll; sollten wir daher nicht alle gemeinsam den Māgadha bekämpfen?

Wort für Wort
kṣatriyaḥ śastramaraṇo yadā bhavati satkṛtaḥ nanu sma māgadhaṃ sarve pratibādhema yad vayam
Wenn ein Kṣatriya durch die Waffe stirbt, gilt das als ehrenvoll; sollten wir daher nicht alle gemeinsam den Māgadha bekämpfen?

ṣaḍaśītiḥ samānītāḥ śeṣā rājaṃś caturdaśa jarāsaṃdhena rājānas tataḥ krūraṃ prapatsyate

Sechsundachtzig Könige sind schon von Jarāsandha zusammengebracht worden, vierzehn bleiben noch übrig; dann wird er die grausame Tat vollziehen.

Wort für Wort
ṣaḍaśītiḥ samānītāḥ śeṣā rājaṃś caturdaśa jarāsaṃdhena rājānas tataḥ krūraṃ prapatsyate
Sechsundachtzig Könige sind schon von Jarāsandha zusammengebracht worden, vierzehn bleiben noch übrig; dann wird er die grausame Tat vollziehen.

[Anm.: Gemeint ist Jarāsandhas Plan, hundert gefangene Könige zu opfern, sobald er diese Zahl erreicht hat.]

prāpnuyāt sa yaśo dīptaṃ tatra yo vighnam ācaret jayed yaś ca jarāsaṃdhaṃ sa samrāṇ niyataṃ bhavet

Strahlenden Ruhm würde der erlangen, der dem ein Hindernis bereitete; und wer Jarāsandha besiegte, der würde gewiss zum Großkönig.

Wort für Wort
prāpnuyāt sa yaśo dīptaṃ tatra yo vighnam ācaret jayed yaś ca jarāsaṃdhaṃ sa samrāṇ niyataṃ bhavet
Strahlenden Ruhm würde der erlangen, der dem ein Hindernis bereitete; und wer Jarāsandha besiegte, der würde gewiss zum Großkönig.

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