Kapitel 16: Jarāsaṃdhajanma
Die Geburt des Jarāsandha
Kṛṣṇa legt dar, warum ein offener Kampf gegen Jarāsandha unklug wäre und stattdessen ein unerkanntes Eindringen ins feindliche Haus nötig sei, um dessen 'Schwachstelle' zu treffen. Auf Yudhiṣṭhiras Frage, wer Jarāsandha überhaupt sei, erzählt Kṛṣṇa dessen wunderbare Geburtsgeschichte: König Bṛhadratha von Magadha, kinderlos trotz zweier Gattinnen, erhält vom Weisen Caṇḍakauśika eine Mango, die - geteilt und von beiden Königinnen gegessen - je eine unvollständige Körperhälfte zur Welt bringt. Die ausgesetzten Hälften werden von der menschenfressenden Rākṣasī Jarā zufällig zusammengefügt, wodurch ein vollständiger, diamantharter Knabe entsteht - daher der Name Jarāsandha ('von Jarā zusammengefügt'). Jarā selbst bringt das Kind, das sie nicht zu entführen vermag, zum König zurück.
na mṛtyoḥ samayaṃ vidma rātrau vā yadi vā divā na cāpi kaṃ cid amaram ayuddhenāpi śuśrumaḥ
Wir kennen nicht den Zeitpunkt des Todes, sei es nachts oder tags; und wir haben auch von niemandem gehört, der ohne zu kämpfen unsterblich geblieben wäre.
Wort für Wort
na mṛtyoḥ samayaṃ vidma rātrau vā yadi vā divā na cāpi kaṃ cid amaram ayuddhenāpi śuśrumaḥ
Wir kennen nicht den Zeitpunkt des Todes, sei es nachts oder tags; und wir haben auch von niemandem gehört, der ohne zu kämpfen unsterblich geblieben wäre.
sunayasyānapāyasya saṃyuge paramaḥ kramaḥ saṃśayo jāyate sāmye sāmyaṃ ca na bhaved dvayoḥ
Der höchste Weg guter, untrüglicher Politik zeigt sich im Kampf; bei Gleichheit der Kräfte entsteht Ungewissheit, doch völlige Gleichheit zwischen zweien gibt es eigentlich nicht.
Wort für Wort
sunayasyānapāyasya saṃyuge paramaḥ kramaḥ saṃśayo jāyate sāmye sāmyaṃ ca na bhaved dvayoḥ
Der höchste Weg guter, untrüglicher Politik zeigt sich im Kampf; bei Gleichheit der Kräfte entsteht Ungewissheit, doch völlige Gleichheit zwischen zweien gibt es eigentlich nicht.
te vayaṃ nayam āsthāya śatrudehasamīpagāḥ katham antaṃ na gacchema vṛkṣasyeva nadīrayāḥ pararandhre parākrāntāḥ svarandhrāvaraṇe sthitāḥ
Wenn wir, kluger Politik folgend, uns dem Leib des Feindes nähern, wie sollten wir da nicht sein Ende herbeiführen, gleich wie die Strömung des Flusses das Ende eines Baumes bewirkt - kühn vorgehend gegen seine Schwachstelle, während wir unsere eigene Schwachstelle wohl beschirmt halten?
Wort für Wort
te vayaṃ nayam āsthāya śatrudehasamīpagāḥ katham antaṃ na gacchema vṛkṣasyeva nadīrayāḥ pararandhre parākrāntāḥ svarandhrāvaraṇe sthitāḥ
Wenn wir, kluger Politik folgend, uns dem Leib des Feindes nähern, wie sollten wir da nicht sein Ende herbeiführen, gleich wie die Strömung des Flusses das Ende eines Baumes bewirkt - kühn vorgehend gegen seine Schwachstelle, während wir unsere eigene Schwachstelle wohl beschirmt halten?
vyūḍhānīkair anubalair nopeyād balavattaram iti buddhimatāṃ nītis tan mamāpīha rocate
Mit aufgestellten Heeresreihen und Hilfstruppen solle man sich nicht einem Stärkeren nähern - das ist die Politik der Klugen, und auch mir gefällt sie hier.
Wort für Wort
vyūḍhānīkair anubalair nopeyād balavattaram iti buddhimatāṃ nītis tan mamāpīha rocate
Mit aufgestellten Heeresreihen und Hilfstruppen solle man sich nicht einem Stärkeren nähern - das ist die Politik der Klugen, und auch mir gefällt sie hier.
eko hy eva śriyaṃ nityaṃ bibharti puruṣarṣabha antarātmeva bhūtānāṃ tatkṣaye vai balakṣayaḥ
Denn einer allein trägt beständig den Glanz, Stier unter den Männern, wie der innere Selbst-Geist die Wesen beseelt; mit dessen Untergang geht auch der Untergang der gesamten Macht einher.
Wort für Wort
eko hy eva śriyaṃ nityaṃ bibharti puruṣarṣabha antarātmeva bhūtānāṃ tatkṣaye vai balakṣayaḥ
Denn einer allein trägt beständig den Glanz, Stier unter den Männern, wie der innere Selbst-Geist die Wesen beseelt; mit dessen Untergang geht auch der Untergang der gesamten Macht einher.
atha cet taṃ nihatyājau śeṣeṇābhisamāgatāḥ prāpnuyāma tataḥ svargaṃ jñātitrāṇaparāyaṇāḥ
Wenn wir ihn aber im Kampf erschlagen und, mit dem Übrigen zusammentreffend, siegen, dann werden wir, dem Schutz der Verwandten hingegeben, den Himmel erlangen.
Wort für Wort
atha cet taṃ nihatyājau śeṣeṇābhisamāgatāḥ prāpnuyāma tataḥ svargaṃ jñātitrāṇaparāyaṇāḥ
Wenn wir ihn aber im Kampf erschlagen und, mit dem Übrigen zusammentreffend, siegen, dann werden wir, dem Schutz der Verwandten hingegeben, den Himmel erlangen.
yudhiṣṭhira uvāca kṛṣṇa ko 'yaṃ jarāsaṃdhaḥ kiṃvīryaḥ kiṃparākramaḥ yas tvāṃ spṛṣṭvāgnisadṛśaṃ na dagdhaḥ śalabho yathā
Yudhiṣṭhira sprach: Kṛṣṇa, wer ist dieser Jarāsandha, von welcher Tapferkeit, von welcher Kühnheit, der, obwohl er dich, den Feuergleichen, berührt hat, nicht verbrannt wurde wie eine Motte?
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca kṛṣṇa ko 'yaṃ jarāsaṃdhaḥ kiṃvīryaḥ kiṃparākramaḥ yas tvāṃ spṛṣṭvāgnisadṛśaṃ na dagdhaḥ śalabho yathā
Yudhiṣṭhira sprach: Kṛṣṇa, wer ist dieser Jarāsandha, von welcher Tapferkeit, von welcher Kühnheit, der, obwohl er dich, den Feuergleichen, berührt hat, nicht verbrannt wurde wie eine Motte?
Kṛṣṇa sprach: Höre, o König, von welcher Tapferkeit und Kühnheit Jarāsandha ist, und wie wir ihn, obwohl er uns oft Leid zugefügt hat, verschont haben.
Kṛṣṇa sprach: Höre, o König, von welcher Tapferkeit und Kühnheit Jarāsandha ist, und wie wir ihn, obwohl er uns oft Leid zugefügt hat, verschont haben.
Schön von Gestalt, mit Tapferkeit begabt, glanzvoll, von unvergleichlicher Kühnheit, stets durch Weihe-Askese von schlankem Leib, wie ein zweiter Śatakratu,
Schön von Gestalt, mit Tapferkeit begabt, glanzvoll, von unvergleichlicher Kühnheit, stets durch Weihe-Askese von schlankem Leib, wie ein zweiter Śatakratu,
Er, der Stier unter den Männern, schloss mit ihnen beiden einen gegenseitigen Pakt: 'Ich werde keine übervorteilen' - so in Gegenwart beider Gattinnen damals.
Er, der Stier unter den Männern, schloss mit ihnen beiden einen gegenseitigen Pakt: 'Ich werde keine übervorteilen' - so in Gegenwart beider Gattinnen damals.
tam abravīt satyadhṛtiḥ satyavāg ṛṣisattamaḥ parituṣṭo 'smi te rājan varaṃ varaya suvrata
Zu ihm sprach der wahrhaft Standhafte, Wahrhaftige, der Beste der Seher: 'Ich bin wohl zufrieden mit dir, o König; erbitte dir eine Gabe, Gelübdetreuer.'
Wort für Wort
tam abravīt satyadhṛtiḥ satyavāg ṛṣisattamaḥ parituṣṭo 'smi te rājan varaṃ varaya suvrata
Zu ihm sprach der wahrhaft Standhafte, Wahrhaftige, der Beste der Seher: 'Ich bin wohl zufrieden mit dir, o König; erbitte dir eine Gabe, Gelübdetreuer.'
Bṛhadratha sprach: Erhabener, was nützt mir Schwachbeglücktem eine Gabe, der ich ohnehin entschlossen bin, mein Reich zu verlassen und in den Büßerwald zu gehen? Was nützt mir, dem Kinderlosen, das Reich?
Bṛhadratha sprach: Erhabener, was nützt mir Schwachbeglücktem eine Gabe, der ich ohnehin entschlossen bin, mein Reich zu verlassen und in den Büßerwald zu gehen? Was nützt mir, dem Kinderlosen, das Reich?
te tad āmraṃ dvidhā kṛtvā bhakṣayām āsatuḥ śubhe bhāvitvād api cārthasya satyavākyāt tathā muneḥ
Sie, die beiden Schönen, teilten jene Mango in zwei Hälften und verzehrten sie, sowohl weil es so vorherbestimmt war als auch wegen des wahrhaftigen Wortes des Weisen.
Wort für Wort
te tad āmraṃ dvidhā kṛtvā bhakṣayām āsatuḥ śubhe bhāvitvād api cārthasya satyavākyāt tathā muneḥ
Sie, die beiden Schönen, teilten jene Mango in zwei Hälften und verzehrten sie, sowohl weil es so vorherbestimmt war als auch wegen des wahrhaftigen Wortes des Weisen.
tayoḥ samabhavad garbhaḥ phalaprāśanasaṃbhavaḥ te ca dṛṣṭvā narapatiḥ parāṃ mudam avāpa ha
In beiden entstand eine Schwangerschaft, entstanden durch den Genuss der Frucht; und als der Herrscher der Menschen dies sah, empfand er höchste Freude.
Wort für Wort
tayoḥ samabhavad garbhaḥ phalaprāśanasaṃbhavaḥ te ca dṛṣṭvā narapatiḥ parāṃ mudam avāpa ha
In beiden entstand eine Schwangerschaft, entstanden durch den Genuss der Frucht; und als der Herrscher der Menschen dies sah, empfand er höchste Freude.
Als sie die beiden Körperhälften sahen, jede mit einem Auge, einem Arm, einem Bein, halbem Bauch, halbem Gesicht, halber Hüfte, erzitterten beide Frauen heftig,
Als sie die beiden Körperhälften sahen, jede mit einem Auge, einem Arm, einem Bein, halbem Bauch, halbem Gesicht, halber Hüfte, erzitterten beide Frauen heftig,
udvigne saha saṃmantrya te bhaginyau tadābale sajīve prāṇiśakale tatyajāte suduḥkhite
und, beunruhigt, berieten sich die beiden Schwestern und ließen, obwohl schwach und überaus betrübt, die beiden lebenden, atmenden Körperhälften zurück.
Wort für Wort
udvigne saha saṃmantrya te bhaginyau tadābale sajīve prāṇiśakale tatyajāte suduḥkhite
und, beunruhigt, berieten sich die beiden Schwestern und ließen, obwohl schwach und überaus betrübt, die beiden lebenden, atmenden Körperhälften zurück.
tayor dhātryau susaṃvīte kṛtvā te garbhasaṃplave nirgamyāntaḥpuradvārāt samutsṛjyāśu jagmatuḥ
Die beiden Ammen, nachdem sie die aus der Fehlgeburt entstandenen Hälften sorgfältig eingewickelt hatten, gingen durch das Tor des Frauengemachs hinaus, warfen sie fort und eilten davon.
Wort für Wort
tayor dhātryau susaṃvīte kṛtvā te garbhasaṃplave nirgamyāntaḥpuradvārāt samutsṛjyāśu jagmatuḥ
Die beiden Ammen, nachdem sie die aus der Fehlgeburt entstandenen Hälften sorgfältig eingewickelt hatten, gingen durch das Tor des Frauengemachs hinaus, warfen sie fort und eilten davon.
'Ich, die ich im Reich eines nach einem Sohn verlangenden Königs wohne, sollte diesen Sohn nicht wegnehmen, wie ein Wolkenstreifen nicht die Sonne verdecken sollte.'
'Ich, die ich im Reich eines nach einem Sohn verlangenden Königs wohne, sollte diesen Sohn nicht wegnehmen, wie ein Wolkenstreifen nicht die Sonne verdecken sollte.'
kā tvaṃ kamalagarbhābhe mama putrapradāyinī kāmayā brūhi kalyāṇi devatā pratibhāsi me
'Wer bist du, du dem Lotoskelch Gleichende, die mir meinen Sohn gegeben hat? Sage es mir aus freiem Willen, Holde; du erscheinst mir wie eine Gottheit.'
Wort für Wort
kā tvaṃ kamalagarbhābhe mama putrapradāyinī kāmayā brūhi kalyāṇi devatā pratibhāsi me
'Wer bist du, du dem Lotoskelch Gleichende, die mir meinen Sohn gegeben hat? Sage es mir aus freiem Willen, Holde; du erscheinst mir wie eine Gottheit.'