Kapitel 72: Dhṛtarāṣṭravilāpaḥ
Dhṛtarāṣṭras Rückblick und Schuldeingeständnis gegenüber Saṃjaya - Ende des Sabhāparva
Im letzten Kapitel des Sabhāparva blickt der von Sorge gequälte Dhṛtarāṣṭra im Gespräch mit Saṃjaya auf das Geschehene zurück: die Schändung Draupadīs, die zahlreichen Unheilsvorzeichen (Erdbeben, Sonnenfinsternis, Feuer in den Wagenhäusern, klagende Schakale), seine eigene Gunstgewährung an Draupadī auf Viduras Drängen hin, und Viduras eindringliche, prophetische Warnung vor dem unaufhaltsamen Zorn der Pāṇḍavas, gestützt durch Kṛṣṇa und die Pāñcālas. Das Kapitel - und mit ihm das gesamte Buch - endet mit Dhṛtarāṣṭras offenem Eingeständnis, dass er Viduras weisen Rat aus Liebe zu seinem Sohn Duryodhana in den Wind geschlagen hat.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als die Söhne der Pṛthā, im falschen Würfelspiel besiegt, in den Wald gezogen waren, befiel da, großer König, Sorge den Dhṛtarāṣṭra.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als die Söhne der Pṛthā, im falschen Würfelspiel besiegt, in den Wald gezogen waren, befiel da, großer König, Sorge den Dhṛtarāṣṭra.
avāpya vasusaṃpūrṇāṃ vasudhāṃ vasudhādhipa pravrājya pāṇḍavān rājyād rājan kim anuśocasi
'Nachdem du die an Schätzen reiche Erde gewonnen hast, o Herr der Erde, und die Pāṇḍavas aus dem Reich vertrieben hast, o König, worüber trauerst du noch?'
Wort für Wort
avāpya vasusaṃpūrṇāṃ vasudhāṃ vasudhādhipa pravrājya pāṇḍavān rājyād rājan kim anuśocasi
'Nachdem du die an Schätzen reiche Erde gewonnen hast, o Herr der Erde, und die Pāṇḍavas aus dem Reich vertrieben hast, o König, worüber trauerst du noch?'
dhṛtarāṣṭra uvāca aśocyaṃ tu kutas teṣāṃ yeṣāṃ vairaṃ bhaviṣyati pāṇḍavair yuddhaśauṇḍair hi mitravadbhir mahārathaiḥ
Dhṛtarāṣṭra sprach: Wie könnte es für die nichts zu betrauern geben, denen Feindschaft bevorsteht mit den Pāṇḍavas, den kampfbegierigen, einst freundschaftlich gesinnten großen Wagenkämpfern?
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca aśocyaṃ tu kutas teṣāṃ yeṣāṃ vairaṃ bhaviṣyati pāṇḍavair yuddhaśauṇḍair hi mitravadbhir mahārathaiḥ
Dhṛtarāṣṭra sprach: Wie könnte es für die nichts zu betrauern geben, denen Feindschaft bevorsteht mit den Pāṇḍavas, den kampfbegierigen, einst freundschaftlich gesinnten großen Wagenkämpfern?
Saṃjaya sprach: Dies ist deine eigene Tat, o König; große Feindschaft wird daraus entstehen, und das Verderben aller Welt samt ihrem Anhang wird die Folge sein.
Saṃjaya sprach: Dies ist deine eigene Tat, o König; große Feindschaft wird daraus entstehen, und das Verderben aller Welt samt ihrem Anhang wird die Folge sein.
Unheil erscheint in der Gestalt des Nutzens, und Nutzen in der Gestalt des Unheils - so erhebt es sich für den Menschen am Ende des Verderbens, und eben das gefällt ihm dann.
Unheil erscheint in der Gestalt des Nutzens, und Nutzen in der Gestalt des Unheils - so erhebt es sich für den Menschen am Ende des Verderbens, und eben das gefällt ihm dann.
Nicht erhebt die Zeit einen Stab und schneidet damit irgendjemandem den Kopf ab; die Macht der Zeit besteht eben darin, die Dinge verkehrt erscheinen zu lassen.
Nicht erhebt die Zeit einen Stab und schneidet damit irgendjemandem den Kopf ab; die Macht der Zeit besteht eben darin, die Dinge verkehrt erscheinen zu lassen.
ayonijāṃ rūpavatīṃ kule jātāṃ vibhāvarīm ko nu tāṃ sarvadharmajñāṃ paribhūya yaśasvinīm
- wer könnte wohl sie, die nicht aus einem Mutterschoß Geborene, die Schöne, in edler Familie Geborene, die Strahlende, alle Rechtsordnungen Kennende, die Ruhmreiche, so entehren,
Wort für Wort
ayonijāṃ rūpavatīṃ kule jātāṃ vibhāvarīm ko nu tāṃ sarvadharmajñāṃ paribhūya yaśasvinīm
- wer könnte wohl sie, die nicht aus einem Mutterschoß Geborene, die Schöne, in edler Familie Geborene, die Strahlende, alle Rechtsordnungen Kennende, die Ruhmreiche, so entehren,
- und sie, in ihren Reinigungstagen, die Schönhüftige, mit Blut besprengt, in die Mitte der Versammlung führen, außer einem, der dem bösen Würfelspiel verfallen ist?
- und sie, in ihren Reinigungstagen, die Schönhüftige, mit Blut besprengt, in die Mitte der Versammlung führen, außer einem, der dem bösen Würfelspiel verfallen ist?
ekavastrāṃ ca pāñcālīṃ pāṇḍavān abhyavekṣatīm hṛtasvān bhraṣṭacittāṃs tān hṛtadārān hṛtaśriyaḥ
Und die einzig noch bekleidete Pāñcālī blickte auf die Pāṇḍavas, sie, die ihres Besitzes Beraubten, im Sinn Erschütterten, ihrer Gattenehre Beraubten, ihres Glanzes Beraubten,
Wort für Wort
ekavastrāṃ ca pāñcālīṃ pāṇḍavān abhyavekṣatīm hṛtasvān bhraṣṭacittāṃs tān hṛtadārān hṛtaśriyaḥ
Und die einzig noch bekleidete Pāñcālī blickte auf die Pāṇḍavas, sie, die ihres Besitzes Beraubten, im Sinn Erschütterten, ihrer Gattenehre Beraubten, ihres Glanzes Beraubten,
- der aller Wünsche Beraubten, in den Zustand der Knechtschaft Geratenen, in die Fessel des Rechts Eingeschlossenen, wie Kraftloser in ihrer Tapferkeit Erscheinenden.
- der aller Wünsche Beraubten, in den Zustand der Knechtschaft Geratenen, in die Fessel des Rechts Eingeschlossenen, wie Kraftloser in ihrer Tapferkeit Erscheinenden.
Es gab ein schreckliches dumpfes Getöse, und ein gewaltiger Donnerschlag ertönte; schreckliche Sternschnuppen fielen vom Himmel, und Rāhu verschlang die Sonne außerhalb der vorgesehenen Zeit - ein höchst furchtbares Ereignis, das den Geschöpfen Schrecken einjagte.
Es gab ein schreckliches dumpfes Getöse, und ein gewaltiger Donnerschlag ertönte; schreckliche Sternschnuppen fielen vom Himmel, und Rāhu verschlang die Sonne außerhalb der vorgesehenen Zeit - ein höchst furchtbares Ereignis, das den Geschöpfen Schrecken einjagte.
'Ihre Drangsal werden die Söhne der Pṛthā, von großem Zorn erfüllt, nicht verzeihen, noch die Vṛṣṇis, die großen Bogenschützen, noch die Pāñcālas von gewaltiger Kraft.'
'Ihre Drangsal werden die Söhne der Pṛthā, von großem Zorn erfüllt, nicht verzeihen, noch die Vṛṣṇis, die großen Bogenschützen, noch die Pāñcālas von gewaltiger Kraft.'
tato gāṇḍīvanirghoṣaṃ śrutvā pārthasya dhīmataḥ gadāvegaṃ ca bhīmasya nālaṃ soḍhuṃ narādhipāḥ
'Dann werden die Fürsten, wenn sie das Dröhnen des Gāṇḍīva-Bogens des weisen Sohnes der Pṛthā und den Ansturm der Keule Bhīmas hören, dies nicht ertragen können.'
Wort für Wort
tato gāṇḍīvanirghoṣaṃ śrutvā pārthasya dhīmataḥ gadāvegaṃ ca bhīmasya nālaṃ soḍhuṃ narādhipāḥ
'Dann werden die Fürsten, wenn sie das Dröhnen des Gāṇḍīva-Bogens des weisen Sohnes der Pṛthā und den Ansturm der Keule Bhīmas hören, dies nicht ertragen können.'
evaṃ gāvalgaṇe kṣattā dharmārthasahitaṃ vacaḥ uktavān na gṛhītaṃ ca mayā putrahitepsayā
So sprach, o Sohn Gavalgaṇas, der Kṣattṛ (Vidura) dieses mit Recht und Nutzen verbundene Wort - doch ich nahm es nicht an, aus Verlangen nach dem Wohlergehen meines Sohnes.
Wort für Wort
evaṃ gāvalgaṇe kṣattā dharmārthasahitaṃ vacaḥ uktavān na gṛhītaṃ ca mayā putrahitepsayā
So sprach, o Sohn Gavalgaṇas, der Kṣattṛ (Vidura) dieses mit Recht und Nutzen verbundene Wort - doch ich nahm es nicht an, aus Verlangen nach dem Wohlergehen meines Sohnes.
[Anm.: Mit diesem Geständnis der eigenen Schuld durch Dhṛtarāṣṭra endet das Sabhāparva in der kritischen Edition. Das gesamte Kapitel ist als Rückblick Dhṛtarāṣṭras im Gespräch mit Saṃjaya gestaltet, der die zurückliegenden Ereignisse (Draupadīs Schändung, die Vorzeichen, Viduras Warnung und die Gunstgewährung) noch einmal zusammenfasst; die Verszählung der kritischen Edition ist in diesem Schlusskapitel ungewöhnlich knapp gehalten, so dass einzelne Sätze sich über mehrere Versnummern erstrecken.]