Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Sabhāparva

Kapitel 59: Duḥśāsanapraiṣaḥ Duryodhanas Befehl, Draupadī zu holen, und Viduras letzte Warnung

Duryodhana befiehlt Vidura höhnisch, Draupadī als gewonnene Dienerin herbeizuholen. Vidura weigert sich empört, erklärt, dass ein König, der sich selbst verspielt hatte, kein Recht mehr hatte, auch Draupadī zu verspielen, und häuft eine Reihe warnender Gleichnisse auf - vom Bambus, der nach seiner Fruchtbildung abstirbt, über die Ziege, die sich selbst ihr Schlachtmesser ausgräbt, bis zum Bild einer verkehrten Welt, in der Kürbisse sinken und Felsen schwimmen - um das nahende Verderben der Kurus zu beschwören, sollte niemand auf die Stimme der Vernunft hören.

duryodhana uvāca ehi kṣattar draupadīm ānayasva priyāṃ bhāryāṃ saṃmatāṃ pāṇḍavānām saṃmārjatāṃ veśma paraitu śīghram ānando naḥ saha dāsībhir astu

Duryodhana sprach: Komm, Kṣattṛ, bring Draupadī herbei, die geliebte, geehrte Gattin der Pāṇḍavas; sie soll rasch herkommen und das Haus fegen - unsere Freude soll mit den Dienerinnen zusammen sein.

Wort für Wort
duryodhana uvāca ehi kṣattar draupadīm ānayasva priyāṃ bhāryāṃ saṃmatāṃ pāṇḍavānām saṃmārjatāṃ veśma paraitu śīghram ānando naḥ saha dāsībhir astu
Duryodhana sprach: Komm, Kṣattṛ, bring Draupadī herbei, die geliebte, geehrte Gattin der Pāṇḍavas; sie soll rasch herkommen und das Haus fegen - unsere Freude soll mit den Dienerinnen zusammen sein.

vidura uvāca durvibhāvyaṃ bhavati tvādṛśena na manda saṃbudhyasi pāśabaddhaḥ prapāte tvaṃ lambamāno na vetsi vyāghrān mṛgaḥ kopayase 'tibālyāt

Vidura sprach: Von einem wie dir ist das schwer zu begreifen; du, Tor, erkennst nicht, dass du in Fesseln gebunden bist. Über einem Abgrund hängend, weißt du es nicht; aus übergroßer Torheit reizt du, ein Reh, die Tiger zum Zorn.

Wort für Wort
vidura uvāca durvibhāvyaṃ bhavati tvādṛśena na manda saṃbudhyasi pāśabaddhaḥ prapāte tvaṃ lambamāno na vetsi vyāghrān mṛgaḥ kopayase 'tibālyāt
Vidura sprach: Von einem wie dir ist das schwer zu begreifen; du, Tor, erkennst nicht, dass du in Fesseln gebunden bist. Über einem Abgrund hängend, weißt du es nicht; aus übergroßer Torheit reizt du, ein Reh, die Tiger zum Zorn.

āśīviṣāḥ śirasi te pūrṇakośā mahāviṣāḥ mā kopiṣṭhāḥ sumandātman mā gamas tvaṃ yamakṣayam

Giftschlangen mit vollen Giftbeuteln, hochgiftige, schweben über deinem Haupt; erzürne sie nicht, du von so schwachem Verstand; geh nicht in den Wohnsitz des Todesgottes Yama.

Wort für Wort
āśīviṣāḥ śirasi te pūrṇakośā mahāviṣāḥ mā kopiṣṭhāḥ sumandātman mā gamas tvaṃ yamakṣayam
Giftschlangen mit vollen Giftbeuteln, hochgiftige, schweben über deinem Haupt; erzürne sie nicht, du von so schwachem Verstand; geh nicht in den Wohnsitz des Todesgottes Yama.

na hi dāsītvam āpannā kṛṣṇā bhavati bhārata anīśena hi rājñaiṣā paṇe nyasteti me matiḥ

Denn Kṛṣṇā (Draupadī) ist nicht in die Dienerinnenschaft geraten, o Bhārata; von einem König, der über sich selbst keine Macht mehr hatte, wurde sie als Einsatz gesetzt - das ist meine Ansicht.

Wort für Wort
na hi dāsītvam āpannā kṛṣṇā bhavati bhārata anīśena hi rājñaiṣā paṇe nyasteti me matiḥ
Denn Kṛṣṇā (Draupadī) ist nicht in die Dienerinnenschaft geraten, o Bhārata; von einem König, der über sich selbst keine Macht mehr hatte, wurde sie als Einsatz gesetzt - das ist meine Ansicht.

ayaṃ dhatte veṇur ivātmaghātī phalaṃ rājā dhṛtarāṣṭrasya putraḥ dyūtaṃ hi vairāya mahābhayāya pakvo na budhyaty ayam antakāle

Dieser Königssohn Dhṛtarāṣṭras trägt seine Frucht wie ein sich selbst zerstörendes Bambusrohr; denn das Würfelspiel führt zu Feindschaft und großer Gefahr - dieser, in seinem Verderben gereift, erkennt es nicht, wenn seine Zeit zu Ende geht.

Wort für Wort
ayaṃ dhatte veṇur ivātmaghātī phalaṃ rājā dhṛtarāṣṭrasya putraḥ dyūtaṃ hi vairāya mahābhayāya pakvo na budhyaty ayam antakāle
Dieser Königssohn Dhṛtarāṣṭras trägt seine Frucht wie ein sich selbst zerstörendes Bambusrohr; denn das Würfelspiel führt zu Feindschaft und großer Gefahr - dieser, in seinem Verderben gereift, erkennt es nicht, wenn seine Zeit zu Ende geht.

[Anm.: Anspielung auf den Bambus, der der Überlieferung nach nach seiner einmaligen Blüte und Fruchtbildung abstirbt.]

nāruṃtudaḥ syān na nṛśaṃsavādī na hīnataḥ param abhyādadīta yayāsya vācā para udvijeta na tāṃ vaded ruśatīṃ pāpalokyām

Man sollte niemanden mit Worten verletzen und nicht grausam reden, und keinem Geringeren gegenüber die Oberhand ausnutzen; man spreche kein Wort, durch das ein anderer erschreckt würde, kein grelles, das in schlechte Welten führt.

Wort für Wort
nāruṃtudaḥ syān na nṛśaṃsavādī na hīnataḥ param abhyādadīta yayāsya vācā para udvijeta na tāṃ vaded ruśatīṃ pāpalokyām
Man sollte niemanden mit Worten verletzen und nicht grausam reden, und keinem Geringeren gegenüber die Oberhand ausnutzen; man spreche kein Wort, durch das ein anderer erschreckt würde, kein grelles, das in schlechte Welten führt.

samuccaranty ativādā hi vaktrād yair āhataḥ śocati rātryahāni parasya nāmarmasu te patanti tān paṇḍito nāvasṛjet pareṣu

Denn übermäßige Worte entströmen dem Mund, durch die getroffen man Tag und Nacht trauert; sie fallen genau in die empfindlichsten Stellen des anderen - solche sollte der Kluge nicht gegen andere loslassen.

Wort für Wort
samuccaranty ativādā hi vaktrād yair āhataḥ śocati rātryahāni parasya nāmarmasu te patanti tān paṇḍito nāvasṛjet pareṣu
Denn übermäßige Worte entströmen dem Mund, durch die getroffen man Tag und Nacht trauert; sie fallen genau in die empfindlichsten Stellen des anderen - solche sollte der Kluge nicht gegen andere loslassen.

ajo hi śastram akhanat kilaikaḥ śastre vipanne padbhir apāsya bhūmim nikṛntanaṃ svasya kaṇṭhasya ghoraṃ tadvad vairaṃ mā khanīḥ pāṇḍuputraiḥ

Eine Ziege soll einst allein eine vergrabene Waffe ausgescharrt haben; als die Waffe zum Vorschein kam, hatte sie mit den Füßen die Erde weggescharrt und so das schreckliche Schneidewerkzeug für ihre eigene Kehle gefunden - grabe nicht auf ähnliche Weise Feindschaft mit den Söhnen des Pāṇḍu aus.

Wort für Wort
ajo hi śastram akhanat kilaikaḥ śastre vipanne padbhir apāsya bhūmim nikṛntanaṃ svasya kaṇṭhasya ghoraṃ tadvad vairaṃ mā khanīḥ pāṇḍuputraiḥ
Eine Ziege soll einst allein eine vergrabene Waffe ausgescharrt haben; als die Waffe zum Vorschein kam, hatte sie mit den Füßen die Erde weggescharrt und so das schreckliche Schneidewerkzeug für ihre eigene Kehle gefunden - grabe nicht auf ähnliche Weise Feindschaft mit den Söhnen des Pāṇḍu aus.

[Anm.: Eine offenbar sprichwörtliche Fabel vom eigenen Verderben, das man sich selbst herbeischafft; der genaue Ursprung der Erzählung ist unklar.]

na kiṃ cid īḍyaṃ pravadanti pāpaṃ vanecaraṃ vā gṛhamedhinaṃ vā tapasvinaṃ saṃparipūrṇavidyaṃ bhaṣanti haivaṃ śvanarāḥ sadaiva

Sie sprechen nichts Verehrungswürdiges, sondern nur Böses, sei es über einen Waldbewohner, einen Hausvater oder einen Asketen von vollkommenem Wissen; wie bellende Hundemenschen kläffen sie stets so.

Wort für Wort
na kiṃ cid īḍyaṃ pravadanti pāpaṃ vanecaraṃ vā gṛhamedhinaṃ vā tapasvinaṃ saṃparipūrṇavidyaṃ bhaṣanti haivaṃ śvanarāḥ sadaiva
Sie sprechen nichts Verehrungswürdiges, sondern nur Böses, sei es über einen Waldbewohner, einen Hausvater oder einen Asketen von vollkommenem Wissen; wie bellende Hundemenschen kläffen sie stets so.

dvāraṃ sughoraṃ narakasya jihmaṃ na budhyase dhṛtarāṣṭrasya putra tvām anvetāro bahavaḥ kurūṇāṃ dyūtodaye saha duḥśāsanena

Das überaus schreckliche, tückische Tor zur Hölle erkennst du nicht, Sohn des Dhṛtarāṣṭra; viele der Kurus werden dir folgen in dieses durch das Würfelspiel entstandene Verderben, zusammen mit Duḥśāsana.

Wort für Wort
dvāraṃ sughoraṃ narakasya jihmaṃ na budhyase dhṛtarāṣṭrasya putra tvām anvetāro bahavaḥ kurūṇāṃ dyūtodaye saha duḥśāsanena
Das überaus schreckliche, tückische Tor zur Hölle erkennst du nicht, Sohn des Dhṛtarāṣṭra; viele der Kurus werden dir folgen in dieses durch das Würfelspiel entstandene Verderben, zusammen mit Duḥśāsana.

majjanty alābūni śilāḥ plavante muhyanti nāvo 'mbhasi śaśvad eva mūḍho rājā dhṛtarāṣṭrasya putro na me vācaḥ pathyarūpāḥ śṛṇoti

Kürbisse versinken, Felsen schwimmen, Schiffe verwirren sich beständig auf dem Wasser - so verkehrt ist die Welt geworden, seit der törichte Königssohn Dhṛtarāṣṭras nicht auf meine heilsamen Worte hört.

Wort für Wort
majjanty alābūni śilāḥ plavante muhyanti nāvo 'mbhasi śaśvad eva mūḍho rājā dhṛtarāṣṭrasya putro na me vācaḥ pathyarūpāḥ śṛṇoti
Kürbisse versinken, Felsen schwimmen, Schiffe verwirren sich beständig auf dem Wasser - so verkehrt ist die Welt geworden, seit der törichte Königssohn Dhṛtarāṣṭras nicht auf meine heilsamen Worte hört.

anto nūnaṃ bhavitāyaṃ kurūṇāṃ sudāruṇaḥ sarvaharo vināśaḥ vācaḥ kāvyāḥ suhṛdāṃ pathyarūpā na śrūyante vardhate lobha eva

Gewiss wird nun das Ende der Kurus kommen, ein höchst furchtbarer, alles vernichtender Untergang; die weisen, heilsamen Worte der Freunde werden nicht gehört, nur die Gier wächst.

Wort für Wort
anto nūnaṃ bhavitāyaṃ kurūṇāṃ sudāruṇaḥ sarvaharo vināśaḥ vācaḥ kāvyāḥ suhṛdāṃ pathyarūpā na śrūyante vardhate lobha eva
Gewiss wird nun das Ende der Kurus kommen, ein höchst furchtbarer, alles vernichtender Untergang; die weisen, heilsamen Worte der Freunde werden nicht gehört, nur die Gier wächst.

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