Kapitel 62: Draupadīvilāpaḥ
Draupadīs Klage und Duryodhanas grausamer Fallstrick
Draupadī klagt ergreifend über ihre Erniedrigung - sie, die nie zuvor von einem Fremden gesehen oder berührt worden war, wird nun vor der ganzen Versammlung zur Schau gestellt - und fordert erneut eine klare Antwort auf ihre Rechtsfrage. Bhīṣma gesteht wiederholt seine Unfähigkeit zur Entscheidung, verweist aber auf Yudhiṣṭhira selbst als maßgebliche Instanz. Duryodhana ergreift diese Gelegenheit für einen grausamen Fallstrick: Die Brüder sollen selbst erklären, dass Yudhiṣṭhira keine Macht mehr über Draupadī habe - womit sie ihren eigenen Bruder der Lüge bezichtigen müssten, um sie zu befreien. Die Versammlung lobt Duryodhanas vermeintlichen Scharfsinn. Bhīma bricht in gewaltigen Zorn aus und droht, die Kauravas zu zermalmen, hält sich jedoch, von den Fesseln des Dharma und durch Arjunas Zurückhalten gebunden, zurück; Bhīṣma, Droṇa und Vidura beschwichtigen ihn.
draupady uvāca purastāt karaṇīyaṃ me na kṛtaṃ kāryam uttaram vihvalāsmi kṛtānena karṣatā balinā balāt
Draupadī sprach: Was ich zuvor hätte tun sollen, das habe ich als letzte Handlung nicht getan; ich bin verwirrt, weil dieser Starke mich mit Gewalt hierher gezerrt hat.
Wort für Wort
draupady uvāca purastāt karaṇīyaṃ me na kṛtaṃ kāryam uttaram vihvalāsmi kṛtānena karṣatā balinā balāt
Draupadī sprach: Was ich zuvor hätte tun sollen, das habe ich als letzte Handlung nicht getan; ich bin verwirrt, weil dieser Starke mich mit Gewalt hierher gezerrt hat.
abhivādaṃ karomy eṣāṃ gurūṇāṃ kurusaṃsadi na me syād aparādho 'yaṃ yad idaṃ na kṛtaṃ mayā
Ich erweise diesen Lehrern in der Kuru-Versammlung nun meine Verehrung; möge mir dies nicht als Vergehen angerechnet werden, dass ich es bisher nicht getan habe.
Wort für Wort
abhivādaṃ karomy eṣāṃ gurūṇāṃ kurusaṃsadi na me syād aparādho 'yaṃ yad idaṃ na kṛtaṃ mayā
Ich erweise diesen Lehrern in der Kuru-Versammlung nun meine Verehrung; möge mir dies nicht als Vergehen angerechnet werden, dass ich es bisher nicht getan habe.
vaiśaṃpāyana uvāca sā tena ca samuddhūtā duḥkhena ca tapasvinī patitā vilalāpedaṃ sabhāyām atathocitā
Vaiśaṃpāyana sprach: Sie, von jenem so heftig gezerrt und vor Schmerz erschüttert, die Bedauernswerte, fiel nieder und klagte so in der Halle, sie, die solches nicht verdient hatte.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca sā tena ca samuddhūtā duḥkhena ca tapasvinī patitā vilalāpedaṃ sabhāyām atathocitā
Vaiśaṃpāyana sprach: Sie, von jenem so heftig gezerrt und vor Schmerz erschüttert, die Bedauernswerte, fiel nieder und klagte so in der Halle, sie, die solches nicht verdient hatte.
Draupadī sprach: Ich, die bei meinem Svayaṃvara von den im Wettkampfplatz versammelten Königen gesehen wurde, doch sonst nirgends zuvor gesehen worden war - ich bin nun heute in diese Halle gebracht worden.
Draupadī sprach: Ich, die bei meinem Svayaṃvara von den im Wettkampfplatz versammelten Königen gesehen wurde, doch sonst nirgends zuvor gesehen worden war - ich bin nun heute in diese Halle gebracht worden.
yāṃ na vāyur na cādityo dṛṣṭavantau purā gṛhe sāham adya sabhāmadhye dṛśyāmi kurusaṃsadi
Ich, die weder der Windgott noch der Sonnengott jemals zuvor im Haus gesehen hatten - ich werde nun heute inmitten der Halle, in der Kuru-Versammlung, gesehen.
Wort für Wort
yāṃ na vāyur na cādityo dṛṣṭavantau purā gṛhe sāham adya sabhāmadhye dṛśyāmi kurusaṃsadi
Ich, die weder der Windgott noch der Sonnengott jemals zuvor im Haus gesehen hatten - ich werde nun heute inmitten der Halle, in der Kuru-Versammlung, gesehen.
kiṃ tv ataḥ kṛpaṇaṃ bhūyo yad ahaṃ strī satī śubhā sabhāmadhyaṃ vigāhe 'dya kva nu dharmo mahīkṣitām
Doch was gibt es Elenderes als dies, dass ich, eine tugendhafte, schöne Frau, heute inmitten dieser Halle stehen muss? Wo ist denn das Dharma der Herrscher der Erde?
Wort für Wort
kiṃ tv ataḥ kṛpaṇaṃ bhūyo yad ahaṃ strī satī śubhā sabhāmadhyaṃ vigāhe 'dya kva nu dharmo mahīkṣitām
Doch was gibt es Elenderes als dies, dass ich, eine tugendhafte, schöne Frau, heute inmitten dieser Halle stehen muss? Wo ist denn das Dharma der Herrscher der Erde?
dharmyāḥ striyaḥ sabhāṃ pūrvaṃ na nayantīti naḥ śrutam sa naṣṭaḥ kauraveyeṣu pūrvo dharmaḥ sanātanaḥ
'Rechtschaffene Frauen führt man nicht in die Versammlungshalle' - so haben wir von alters her gehört; jenes alte, ewige Dharma ist bei den Nachkommen der Kurus verloren gegangen.
Wort für Wort
dharmyāḥ striyaḥ sabhāṃ pūrvaṃ na nayantīti naḥ śrutam sa naṣṭaḥ kauraveyeṣu pūrvo dharmaḥ sanātanaḥ
'Rechtschaffene Frauen führt man nicht in die Versammlungshalle' - so haben wir von alters her gehört; jenes alte, ewige Dharma ist bei den Nachkommen der Kurus verloren gegangen.
kathaṃ hi bhāryā pāṇḍūnāṃ pārṣatasya svasā satī vāsudevasya ca sakhī pārthivānāṃ sabhām iyām
Wie könnte sonst ich, die Gattin der Pāṇḍu-Söhne, die tugendhafte Schwester des Sohnes des Pṛṣata (Dhṛṣṭadyumna), und die Freundin des Vāsudeva, jemals in die Versammlung der Fürsten gehen müssen?
Wort für Wort
kathaṃ hi bhāryā pāṇḍūnāṃ pārṣatasya svasā satī vāsudevasya ca sakhī pārthivānāṃ sabhām iyām
Wie könnte sonst ich, die Gattin der Pāṇḍu-Söhne, die tugendhafte Schwester des Sohnes des Pṛṣata (Dhṛṣṭadyumna), und die Freundin des Vāsudeva, jemals in die Versammlung der Fürsten gehen müssen?
tām imāṃ dharmarājasya bhāryāṃ sadṛśavarṇajām brūta dāsīm adāsīṃ vā tat kariṣyāmi kauravāḥ
Sagt mir, ob ich, diese Gattin des Rechtskönigs, von gleichem Rang und Herkunft geboren, eine Dienerin bin oder keine Dienerin - danach werde ich mich richten, ihr Kauravas.
Wort für Wort
tām imāṃ dharmarājasya bhāryāṃ sadṛśavarṇajām brūta dāsīm adāsīṃ vā tat kariṣyāmi kauravāḥ
Sagt mir, ob ich, diese Gattin des Rechtskönigs, von gleichem Rang und Herkunft geboren, eine Dienerin bin oder keine Dienerin - danach werde ich mich richten, ihr Kauravas.
bhīṣma uvāca uktavān asmi kalyāṇi dharmasya tu parāṃ gatim loke na śakyate gantum api viprair mahātmabhiḥ
Bhīṣma sprach: Ich habe schon gesagt, Glückliche, dass man den höchsten Weg des Dharma in dieser Welt nicht einmal von hochherzigen Weisen erfassen kann.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca uktavān asmi kalyāṇi dharmasya tu parāṃ gatim loke na śakyate gantum api viprair mahātmabhiḥ
Bhīṣma sprach: Ich habe schon gesagt, Glückliche, dass man den höchsten Weg des Dharma in dieser Welt nicht einmal von hochherzigen Weisen erfassen kann.
na vivektuṃ ca te praśnam etaṃ śaknomi niścayāt sūkṣmatvād gahanatvāc ca kāryasyāsya ca gauravāt
Und deine Frage vermag ich nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden, wegen ihrer Feinheit und Undurchdringlichkeit und wegen der Schwere dieser Angelegenheit.
Wort für Wort
na vivektuṃ ca te praśnam etaṃ śaknomi niścayāt sūkṣmatvād gahanatvāc ca kāryasyāsya ca gauravāt
Und deine Frage vermag ich nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden, wegen ihrer Feinheit und Undurchdringlichkeit und wegen der Schwere dieser Angelegenheit.
kuleṣu jātāḥ kalyāṇi vyasanābhyāhatā bhṛśam dharmyān mārgān na cyavante yathā nas tvaṃ vadhūḥ sthitā
In edlen Geschlechtern Geborene weichen, selbst wenn schwer vom Unglück getroffen, nicht von den Pfaden des Dharma ab - wie du, unsere Schwiegertochter, es hältst.
Wort für Wort
kuleṣu jātāḥ kalyāṇi vyasanābhyāhatā bhṛśam dharmyān mārgān na cyavante yathā nas tvaṃ vadhūḥ sthitā
In edlen Geschlechtern Geborene weichen, selbst wenn schwer vom Unglück getroffen, nicht von den Pfaden des Dharma ab - wie du, unsere Schwiegertochter, es hältst.
vaiśaṃpāyana uvāca tathā tu dṛṣṭvā bahu tat tad evaṃ rorūyamāṇāṃ kurarīm ivārtām nocur vacaḥ sādhv atha vāpy asādhu mahīkṣito dhārtarāṣṭrasya bhītāḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Obwohl sie sie so vielfach und auf solche Weise weinen sahen, wie einen von Schmerz gequälten Kurarī-Vogel, sprachen die Herrscher der Erde, aus Furcht vor dem Sohn des Dhṛtarāṣṭra, weder Gutes noch Schlechtes.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tathā tu dṛṣṭvā bahu tat tad evaṃ rorūyamāṇāṃ kurarīm ivārtām nocur vacaḥ sādhv atha vāpy asādhu mahīkṣito dhārtarāṣṭrasya bhītāḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Obwohl sie sie so vielfach und auf solche Weise weinen sahen, wie einen von Schmerz gequälten Kurarī-Vogel, sprachen die Herrscher der Erde, aus Furcht vor dem Sohn des Dhṛtarāṣṭra, weder Gutes noch Schlechtes.
Als der Sohn des Dhṛtarāṣṭra sah, dass jene Söhne und Enkel der Fürsten schwiegen, sprach er, wie lächelnd, damals folgende Worte zu der Tochter des Pāñcāla-Königs:
Als der Sohn des Dhṛtarāṣṭra sah, dass jene Söhne und Enkel der Fürsten schwiegen, sprach er, wie lächelnd, damals folgende Worte zu der Tochter des Pāñcāla-Königs:
tiṣṭhatv ayaṃ praśna udārasattve bhīme 'rjune sahadeve tathaiva patyau ca te nakule yājñaseni vadantv ete vacanaṃ tvatprasūtam
'Diese Frage stehe zurück, Hochherzige - bei Bhīma, Arjuna, ebenso bei Sahadeva und bei deinem Gatten Nakula, Tochter des Yajñasena; diese sollen selbst das von dir aufgeworfene Wort beantworten.'
Wort für Wort
tiṣṭhatv ayaṃ praśna udārasattve bhīme 'rjune sahadeve tathaiva patyau ca te nakule yājñaseni vadantv ete vacanaṃ tvatprasūtam
'Diese Frage stehe zurück, Hochherzige - bei Bhīma, Arjuna, ebenso bei Sahadeva und bei deinem Gatten Nakula, Tochter des Yajñasena; diese sollen selbst das von dir aufgeworfene Wort beantworten.'
'Mögen sie inmitten der Edlen erklären, dass Yudhiṣṭhira deinetwegen keine Macht mehr über dich hat, Tochter des Pāñcāla-Königs; mögen sie alle den Rechtskönig zum Lügner machen - dann wirst du, Tochter des Pāñcāla-Königs, vom Zustand der Dienerin befreit werden.'
'Mögen sie inmitten der Edlen erklären, dass Yudhiṣṭhira deinetwegen keine Macht mehr über dich hat, Tochter des Pāñcāla-Königs; mögen sie alle den Rechtskönig zum Lügner machen - dann wirst du, Tochter des Pāñcāla-Königs, vom Zustand der Dienerin befreit werden.'
[Anm.: Ein grausamer Fallstrick - Duryodhana zwingt die Brüder, ihren eigenen Bruder öffentlich der Lüge zu bezichtigen, um Draupadī freizubekommen, was sie aus Loyalität nicht können.]
dharme sthito dharmarājo mahātmā svayaṃ cedaṃ kathayatv indrakalpaḥ īśo vā te yady anīśo 'tha vaiṣa vākyād asya kṣipram ekaṃ bhajasva
'Der im Dharma stehende, hochherzige Rechtskönig, Indra gleich, möge selbst erklären, ob er dein Herr ist oder nicht dein Herr; nach seinem Wort richte dich rasch, dem einen zutreffenden Ausgang.'
Wort für Wort
dharme sthito dharmarājo mahātmā svayaṃ cedaṃ kathayatv indrakalpaḥ īśo vā te yady anīśo 'tha vaiṣa vākyād asya kṣipram ekaṃ bhajasva
'Der im Dharma stehende, hochherzige Rechtskönig, Indra gleich, möge selbst erklären, ob er dein Herr ist oder nicht dein Herr; nach seinem Wort richte dich rasch, dem einen zutreffenden Ausgang.'
sarve hīme kauraveyāḥ sabhāyāṃ duḥkhāntare vartamānās tavaiva na vibruvanty āryasattvā yathāvat patīṃś ca te samavekṣyālpabhāgyān
'Denn alle diese Kauravas hier in der Halle, obwohl sie inmitten deines Schmerzes verweilen, sprechen, trotz edlen Charakters, nicht ordnungsgemäß, aus Rücksicht auf deine glücklosen Gatten.'
Wort für Wort
sarve hīme kauraveyāḥ sabhāyāṃ duḥkhāntare vartamānās tavaiva na vibruvanty āryasattvā yathāvat patīṃś ca te samavekṣyālpabhāgyān
'Denn alle diese Kauravas hier in der Halle, obwohl sie inmitten deines Schmerzes verweilen, sprechen, trotz edlen Charakters, nicht ordnungsgemäß, aus Rücksicht auf deine glücklosen Gatten.'
Da lobten alle Versammelten dort das Wort des Kuru-Königs laut, schwenkten ihre Gewänder und riefen; es erhob sich auch ein Ruf des 'Ach!'; und alle Fürsten waren voller Freude und ehrten den Vortrefflichsten der Kurus als rechtschaffen.
Da lobten alle Versammelten dort das Wort des Kuru-Königs laut, schwenkten ihre Gewänder und riefen; es erhob sich auch ein Ruf des 'Ach!'; und alle Fürsten waren voller Freude und ehrten den Vortrefflichsten der Kurus als rechtschaffen.
dharmapāśasitas tv evaṃ nādhigacchāmi saṃkaṭam gauraveṇa niruddhaś ca nigrahād arjunasya ca
'Doch, von den Fesseln des Dharma gebunden, gerate ich so nicht an diese Bedrängnis heran, zurückgehalten aus Ehrfurcht und durch das Zurückhalten Arjunas.'
Wort für Wort
dharmapāśasitas tv evaṃ nādhigacchāmi saṃkaṭam gauraveṇa niruddhaś ca nigrahād arjunasya ca
'Doch, von den Fesseln des Dharma gebunden, gerate ich so nicht an diese Bedrängnis heran, zurückgehalten aus Ehrfurcht und durch das Zurückhalten Arjunas.'
dharmarājanisṛṣṭas tu siṃhaḥ kṣudramṛgān iva dhārtarāṣṭrān imān pāpān niṣpiṣeyaṃ talāsibhiḥ
'Doch würde mich der Rechtskönig freigeben, würde ich diese bösen Söhne des Dhṛtarāṣṭra mit meinen Handflächen wie Schwertern zermalmen, wie ein Löwe geringe Tiere.'
Wort für Wort
dharmarājanisṛṣṭas tu siṃhaḥ kṣudramṛgān iva dhārtarāṣṭrān imān pāpān niṣpiṣeyaṃ talāsibhiḥ
'Doch würde mich der Rechtskönig freigeben, würde ich diese bösen Söhne des Dhṛtarāṣṭra mit meinen Handflächen wie Schwertern zermalmen, wie ein Löwe geringe Tiere.'