Kapitel 38: Śiśupālavākyam Dvitīyam
Śiśupālas zweite Schmährede und das Gleichnis vom Schwan
Śiśupāla fährt fort, Bhīṣma zu schmähen: er verspottet Kṛṣṇas Kindheitstaten als unbedeutend, wirft Bhīṣma Heuchelei und Bruch der eigenen Dharma-Lehren vor - insbesondere die einstige Entführung Ambās und deren Verstoßung - und erklärt lebenslange Kinderlosigkeit für wertlos. Er schließt mit dem Gleichnis vom heuchlerischen alten Schwan, der andere zur Rechtschaffenheit ermahnte, selbst aber heimlich deren Eier fraß, bis die Vögel ihn bei der Tat ertappten und erschlugen - und wünscht Bhīṣma ein ebensolches Schicksal.
Es passt zu dir, der du in einem dritten (unbestimmten) Zustand verweilst, solche vom Dharma abweichenden Worte zu sprechen - du, der Vortrefflichste aller Kurus.
Es passt zu dir, der du in einem dritten (unbestimmten) Zustand verweilst, solche vom Dharma abweichenden Worte zu sprechen - du, der Vortrefflichste aller Kurus.
[Anm.: Śiśupāla verhöhnt hier Bhīṣmas Gelübde der lebenslangen Ehelosigkeit, das ihn - wie einen Verschnittenen - in einen weder männlichen noch weiblichen 'dritten Zustand' versetzt habe.]
yady anena hatā bālye śakuniś citram atra kim tau vāśvavṛṣabhau bhīṣma yau na yuddhaviśāradau
Wenn er in seiner Kindheit einen Dämonenvogel erschlagen hat - was ist daran wunderbar? Oder jenes Pferde- und Rinderdämon-Paar, Bhīṣma, das doch nicht im Kampf bewandert war?
Wort für Wort
yady anena hatā bālye śakuniś citram atra kim tau vāśvavṛṣabhau bhīṣma yau na yuddhaviśāradau
Wenn er in seiner Kindheit einen Dämonenvogel erschlagen hat - was ist daran wunderbar? Oder jenes Pferde- und Rinderdämon-Paar, Bhīṣma, das doch nicht im Kampf bewandert war?
yasya cānena dharmajña bhuktam annaṃ balīyasaḥ sa cānena hataḥ kaṃsa ity etan na mahādbhutam
Und dass er, o Dharmakundiger, von jenem Mächtigen (Kaṃsa) Speise gegessen hat, und dass er ebendiesen Kaṃsa erschlagen hat - dies ist keine große Wundertat.
Wort für Wort
yasya cānena dharmajña bhuktam annaṃ balīyasaḥ sa cānena hataḥ kaṃsa ity etan na mahādbhutam
Und dass er, o Dharmakundiger, von jenem Mächtigen (Kaṃsa) Speise gegessen hat, und dass er ebendiesen Kaṃsa erschlagen hat - dies ist keine große Wundertat.
na te śrutam idaṃ bhīṣma nūnaṃ kathayatāṃ satām yad vakṣye tvām adharmajña vākyaṃ kurukulādhama
Dies hast du wohl nicht von den erzählenden Rechtschaffenen gehört, Bhīṣma - das Wort, das ich dir nun sagen werde, du Dharma-Unkundiger, Niedrigster des Kuru-Geschlechts.
Wort für Wort
na te śrutam idaṃ bhīṣma nūnaṃ kathayatāṃ satām yad vakṣye tvām adharmajña vākyaṃ kurukulādhama
Dies hast du wohl nicht von den erzählenden Rechtschaffenen gehört, Bhīṣma - das Wort, das ich dir nun sagen werde, du Dharma-Unkundiger, Niedrigster des Kuru-Geschlechts.
strīṣu goṣu na śastrāṇi pātayed brāhmaṇeṣu ca yasya cānnāni bhuñjīta yaś ca syāc charaṇāgataḥ
Man soll seine Waffen nicht gegen Frauen, Kühe oder Brahmanen richten, noch gegen den, dessen Speise man gegessen hat, noch gegen den, der Zuflucht gesucht hat.
Wort für Wort
strīṣu goṣu na śastrāṇi pātayed brāhmaṇeṣu ca yasya cānnāni bhuñjīta yaś ca syāc charaṇāgataḥ
Man soll seine Waffen nicht gegen Frauen, Kühe oder Brahmanen richten, noch gegen den, dessen Speise man gegessen hat, noch gegen den, der Zuflucht gesucht hat.
jñānavṛddhaṃ ca vṛddhaṃ ca bhūyāṃsaṃ keśavaṃ mama ajānata ivākhyāsi saṃstuvan kurusattama goghnaḥ strīghnaś ca san bhīṣma kathaṃ saṃstavam arhati
Als kennte ich nicht Keśava, an Wissen erfahren und in vielem älter als ich, so erzählst du mir, ihn preisend, Bester der Kurus. Wie kann einer, der Kühe- und Frauenmörder ist, Bhīṣma, des Lobpreises würdig sein?
Wort für Wort
jñānavṛddhaṃ ca vṛddhaṃ ca bhūyāṃsaṃ keśavaṃ mama ajānata ivākhyāsi saṃstuvan kurusattama goghnaḥ strīghnaś ca san bhīṣma kathaṃ saṃstavam arhati
Als kennte ich nicht Keśava, an Wissen erfahren und in vielem älter als ich, so erzählst du mir, ihn preisend, Bester der Kurus. Wie kann einer, der Kühe- und Frauenmörder ist, Bhīṣma, des Lobpreises würdig sein?
asau matimatāṃ śreṣṭho ya eṣa jagataḥ prabhuḥ saṃbhāvayati yady evaṃ tvadvākyāc ca janārdanaḥ evam etat sarvam iti sarvaṃ tad vitathaṃ dhruvam
Wenn 'dieser sei der Vortrefflichste der Klugen, der Herr der Welt' - wenn Janārdana dies durch dein Wort so bekräftigt bekommt, 'so ist das alles wahr' - dann ist all dies gewiss falsch.
Wort für Wort
asau matimatāṃ śreṣṭho ya eṣa jagataḥ prabhuḥ saṃbhāvayati yady evaṃ tvadvākyāc ca janārdanaḥ evam etat sarvam iti sarvaṃ tad vitathaṃ dhruvam
Wenn 'dieser sei der Vortrefflichste der Klugen, der Herr der Welt' - wenn Janārdana dies durch dein Wort so bekräftigt bekommt, 'so ist das alles wahr' - dann ist all dies gewiss falsch.
na gāthā gāthinaṃ śāsti bahu ced api gāyati prakṛtiṃ yānti bhūtāni bhūliṅgaśakunir yathā
Ein Lied belehrt nicht den Sänger, mag er auch noch so viel singen; die Wesen kehren zu ihrer eigenen Natur zurück, wie der Bhūliṅga-Vogel.
Wort für Wort
na gāthā gāthinaṃ śāsti bahu ced api gāyati prakṛtiṃ yānti bhūtāni bhūliṅgaśakunir yathā
Ein Lied belehrt nicht den Sänger, mag er auch noch so viel singen; die Wesen kehren zu ihrer eigenen Natur zurück, wie der Bhūliṅga-Vogel.
[?: Der Bhūliṅga-Vogel wird sprichwörtlich als Beispiel für die Unveränderlichkeit der eigenen Natur genannt; die genaue zugrundeliegende Erzählung bleibt unklar.]
Sie, denen Kṛṣṇa der Verehrungswürdigste ist, und denen du als Vorbild dienst - du, der vom Dharma spricht, aber den Dharma nicht kennt, vom Pfad der Rechtschaffenen abgewichen.
Sie, denen Kṛṣṇa der Verehrungswürdigste ist, und denen du als Vorbild dienst - du, der vom Dharma spricht, aber den Dharma nicht kennt, vom Pfad der Rechtschaffenen abgewichen.
ko hi dharmiṇam ātmānaṃ jānañ jñānavatāṃ varaḥ kuryād yathā tvayā bhīṣma kṛtaṃ dharmam avekṣatā
Wer, der sich selbst für rechtschaffen hält, der Vortrefflichste der Wissenden, würde handeln, wie du, Bhīṣma, gehandelt hast, indem du vorgabst, den Dharma zu beachten?
Wort für Wort
ko hi dharmiṇam ātmānaṃ jānañ jñānavatāṃ varaḥ kuryād yathā tvayā bhīṣma kṛtaṃ dharmam avekṣatā
Wer, der sich selbst für rechtschaffen hält, der Vortrefflichste der Wissenden, würde handeln, wie du, Bhīṣma, gehandelt hast, indem du vorgabst, den Dharma zu beachten?
Und während er, der sich für klug hielt, zusah, wurden deinem Bruder Nachkommen von seinen beiden Gattinnen durch einen anderen erzeugt - auf dem Weg, den gute Menschen gehen.
Und während er, der sich für klug hielt, zusah, wurden deinem Bruder Nachkommen von seinen beiden Gattinnen durch einen anderen erzeugt - auf dem Weg, den gute Menschen gehen.
[Anm.: Gemeint ist die Nachkommenschaft durch Niyoga - Vyāsa zeugte auf Bitten Satyavatīs die Söhne Dhṛtarāṣṭra und Pāṇḍu mit den Witwen des Vicitravīrya, da dieser kinderlos gestorben war.]
Der Übeltäter, jener Schwan, verzehrte alle ihre Eier, während sie unachtsam waren, er selbst aber unachtsam gegenüber keiner Gelegenheit für sein eigenes Werk.
Der Übeltäter, jener Schwan, verzehrte alle ihre Eier, während sie unachtsam waren, er selbst aber unachtsam gegenüber keiner Gelegenheit für sein eigenes Werk.
Als dann ihre Eier sich verringerten, schöpfte ein anderer, hochkluger, aus dem Ei geborener Vogel Verdacht und erblickte ihn schließlich einmal (bei der Tat).
Als dann ihre Eier sich verringerten, schöpfte ein anderer, hochkluger, aus dem Ei geborener Vogel Verdacht und erblickte ihn schließlich einmal (bei der Tat).
te tvāṃ haṃsasadharmāṇam apīme vasudhādhipāḥ nihanyur bhīṣma saṃkruddhāḥ pakṣiṇas tam ivāṇḍajam
So mögen auch diese Herrscher der Erde, Bhīṣma, dich, der du das gleiche Wesen wie jener Schwan hast, zornentbrannt erschlagen, wie die Vögel jenen aus dem Ei Geborenen.
Wort für Wort
te tvāṃ haṃsasadharmāṇam apīme vasudhādhipāḥ nihanyur bhīṣma saṃkruddhāḥ pakṣiṇas tam ivāṇḍajam
So mögen auch diese Herrscher der Erde, Bhīṣma, dich, der du das gleiche Wesen wie jener Schwan hast, zornentbrannt erschlagen, wie die Vögel jenen aus dem Ei Geborenen.
'Obwohl in deinem innersten Selbst (die Wahrheit) niedergelegt ist, zürnst du grundlos, Vogel; dein unreines Werk, das Verzehren der Eier, übertrifft (an Schwere) dein bloßes Wort.'
'Obwohl in deinem innersten Selbst (die Wahrheit) niedergelegt ist, zürnst du grundlos, Vogel; dein unreines Werk, das Verzehren der Eier, übertrifft (an Schwere) dein bloßes Wort.'
[?: Dieser Vers in einem abweichenden Versmaß (offenbar das zitierte alte Lied selbst) ist syntaktisch und inhaltlich schwer zu deuten; die Übersetzung versucht den ungefähren Sinn wiederzugeben.]