Kapitel 50: Dhṛtarāṣṭraduryodhanasaṃvādaḥ
Der Wortwechsel zwischen Dhṛtarāṣṭra und Duryodhana über die Staatskunst
Dhṛtarāṣṭra mahnt Duryodhana ein weiteres Mal zur Versöhnung und Zufriedenheit mit dem Eigenen und schlägt vor, dass Duryodhana selbst ein Opfer feiere, um seinen Wunsch nach Pracht zu stillen. Duryodhana weist dies zurück und entfaltet in einer langen, von der Realpolitik (Arthaśāstra-Denken) geprägten Rede seine Auffassung von königlicher Pflicht: Ein Kṣatriya kenne kein Dharma außer dem Sieg, kein Mittel gegen den Feind sei unrecht, und Unzufriedenheit sei die Wurzel des Wohlstands. Er beruft sich auf Indras listenreiche Tötung des Namuci trotz eines Abkommens und erklärt, dass ein erstarkender Rivale, wird er vernachlässigt, den Vernachlässigenden am Ende vernichte. Er schließt mit der Entschlossenheit, entweder die Herrschaft der Pāṇḍavas zu erlangen oder im Kampf zu sterben.
dhṛtarāṣṭra uvāca tvaṃ vai jyeṣṭho jyaiṣṭhineyaḥ putra mā pāṇḍavān dviṣaḥ dveṣṭā hy asukham ādatte yathaiva nidhanaṃ tathā
Dhṛtarāṣṭra sprach: Du bist ja der Älteste, Sohn der Hauptgemahlin, mein Sohn - hasse die Pāṇḍavas nicht; denn wer hasst, erlangt Unglück, geradeso wie den Tod.
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca tvaṃ vai jyeṣṭho jyaiṣṭhineyaḥ putra mā pāṇḍavān dviṣaḥ dveṣṭā hy asukham ādatte yathaiva nidhanaṃ tathā
Dhṛtarāṣṭra sprach: Du bist ja der Älteste, Sohn der Hauptgemahlin, mein Sohn - hasse die Pāṇḍavas nicht; denn wer hasst, erlangt Unglück, geradeso wie den Tod.
[Anm.: 'jyaiṣṭhineyaḥ' (Sohn der Erstrangigen/Hauptgemahlin) ist im Sanskrit ungewöhnlich und nicht ganz eindeutig.]
Wie könnte einer deinesgleichen, Stier der Bharatas, Yudhiṣṭhira hassen, der unverdorben, von gleichem Rang, mit gleichen Freunden und selbst nicht hassend ist?
Wie könnte einer deinesgleichen, Stier der Bharatas, Yudhiṣṭhira hassen, der unverdorben, von gleichem Rang, mit gleichen Freunden und selbst nicht hassend ist?
tulyābhijanavīryaś ca kathaṃ bhrātuḥ śriyaṃ nṛpa putra kāmayase mohān maivaṃ bhūḥ śāmya sādhv iha
Du, der du ihm an Abkunft und Tapferkeit gleich bist - wie kannst du, mein Sohn, aus Verblendung nach der Pracht deines Bruders begehren, o König? Sei nicht so, beruhige dich, es ist gut so.
Wort für Wort
tulyābhijanavīryaś ca kathaṃ bhrātuḥ śriyaṃ nṛpa putra kāmayase mohān maivaṃ bhūḥ śāmya sādhv iha
Du, der du ihm an Abkunft und Tapferkeit gleich bist - wie kannst du, mein Sohn, aus Verblendung nach der Pracht deines Bruders begehren, o König? Sei nicht so, beruhige dich, es ist gut so.
anarthācaritaṃ tāta parasvaspṛhaṇaṃ bhṛśam svasaṃtuṣṭaḥ svadharmastho yaḥ sa vai sukham edhate
Unheilvoll ist es, mein Sohn, heftig nach fremdem Besitz zu verlangen; wer mit dem Eigenen zufrieden ist und in seiner eigenen Pflicht steht, der gedeiht wahrhaft im Glück.
Wort für Wort
anarthācaritaṃ tāta parasvaspṛhaṇaṃ bhṛśam svasaṃtuṣṭaḥ svadharmastho yaḥ sa vai sukham edhate
Unheilvoll ist es, mein Sohn, heftig nach fremdem Besitz zu verlangen; wer mit dem Eigenen zufrieden ist und in seiner eigenen Pflicht steht, der gedeiht wahrhaft im Glück.
Sich nicht in fremde Angelegenheiten einzumischen, stets eifrig in den eigenen Aufgaben zu sein und sich um den Schutz des Eigenen zu bemühen - das sind die Kennzeichen des Wohlstands.
Sich nicht in fremde Angelegenheiten einzumischen, stets eifrig in den eigenen Aufgaben zu sein und sich um den Schutz des Eigenen zu bemühen - das sind die Kennzeichen des Wohlstands.
duryodhana uvāca jānan vai mohayasi māṃ nāvi naur iva saṃyatā svārthe kiṃ nāvadhānaṃ te utāho dveṣṭi māṃ bhavān
Duryodhana sprach: Wissentlich verwirrst du mich, wie ein Schiff, das an ein anderes gebunden ist. Fehlt dir die Aufmerksamkeit für den eigenen Vorteil, oder hasst du mich etwa?
Wort für Wort
duryodhana uvāca jānan vai mohayasi māṃ nāvi naur iva saṃyatā svārthe kiṃ nāvadhānaṃ te utāho dveṣṭi māṃ bhavān
Duryodhana sprach: Wissentlich verwirrst du mich, wie ein Schiff, das an ein anderes gebunden ist. Fehlt dir die Aufmerksamkeit für den eigenen Vorteil, oder hasst du mich etwa?
Diese Söhne des Dhṛtarāṣṭra gibt es dann gar nicht mehr, deren Lehrer du bist, wenn du ihnen stets nur von einem zukünftigen Vorteil erzählst, nicht aber von dem, was jetzt für einen selbst zu tun ist.
Diese Söhne des Dhṛtarāṣṭra gibt es dann gar nicht mehr, deren Lehrer du bist, wenn du ihnen stets nur von einem zukünftigen Vorteil erzählst, nicht aber von dem, was jetzt für einen selbst zu tun ist.
rājan parigataprajño vṛddhasevī jitendriyaḥ pratipannān svakāryeṣu saṃmohayasi no bhṛśam
O König, du bist von umfassendem Wissen, dienst den Alten und hast deine Sinne gezügelt - und doch verwirrst du uns heftig, die wir uns unseren eigenen Aufgaben verschrieben haben.
Wort für Wort
rājan parigataprajño vṛddhasevī jitendriyaḥ pratipannān svakāryeṣu saṃmohayasi no bhṛśam
O König, du bist von umfassendem Wissen, dienst den Alten und hast deine Sinne gezügelt - und doch verwirrst du uns heftig, die wir uns unseren eigenen Aufgaben verschrieben haben.
Bṛhaspati sagt, das Verhalten eines Königs sei ein anderes als das Verhalten der gewöhnlichen Welt; deshalb muss ein König stets mit Sorgfalt über seinen eigenen Vorteil nachdenken.
Bṛhaspati sagt, das Verhalten eines Königs sei ein anderes als das Verhalten der gewöhnlichen Welt; deshalb muss ein König stets mit Sorgfalt über seinen eigenen Vorteil nachdenken.
kṣatriyasya mahārāja jaye vṛttiḥ samāhitā sa vai dharmo 'stv adharmo vā svavṛttau bharatarṣabha
Die Lebensweise eines Kṣatriya, o Großkönig, ist ganz auf den Sieg gerichtet; ob es nun Dharma oder Adharma sei - das ist eben sein eigenes rechtes Verhalten, Stier der Bharatas.
Wort für Wort
kṣatriyasya mahārāja jaye vṛttiḥ samāhitā sa vai dharmo 'stv adharmo vā svavṛttau bharatarṣabha
Die Lebensweise eines Kṣatriya, o Großkönig, ist ganz auf den Sieg gerichtet; ob es nun Dharma oder Adharma sei - das ist eben sein eigenes rechtes Verhalten, Stier der Bharatas.
Wie ein Wagenlenker mit der Peitsche, so sollte, wer nach der leuchtenden Pracht seines Feindes verlangt, alle Himmelsrichtungen durchtreiben, Stier der Bharatas.
Wie ein Wagenlenker mit der Peitsche, so sollte, wer nach der leuchtenden Pracht seines Feindes verlangt, alle Himmelsrichtungen durchtreiben, Stier der Bharatas.
pracchanno vā prakāśo vā yo yogo ripubāndhanaḥ tad vai śastraṃ śastravidāṃ na śastraṃ chedanaṃ smṛtam
Verborgen oder offen - welches Mittel auch immer den Feind bindet, das ist für die Waffenkundigen die wahre Waffe; das bloße Schneidewerkzeug gilt nicht als eigentliche Waffe.
Wort für Wort
pracchanno vā prakāśo vā yo yogo ripubāndhanaḥ tad vai śastraṃ śastravidāṃ na śastraṃ chedanaṃ smṛtam
Verborgen oder offen - welches Mittel auch immer den Feind bindet, das ist für die Waffenkundigen die wahre Waffe; das bloße Schneidewerkzeug gilt nicht als eigentliche Waffe.
mamatvaṃ hi na kartavyam aiśvarye vā dhane 'pi vā pūrvāvāptaṃ haranty anye rājadharmaṃ hi taṃ viduḥ
Denn man sollte kein 'Mein' hegen, weder in Bezug auf Herrschaft noch auf Reichtum; was zuvor erlangt wurde, nehmen andere fort - das kennt man als die Pflicht der Könige.
Wort für Wort
mamatvaṃ hi na kartavyam aiśvarye vā dhane 'pi vā pūrvāvāptaṃ haranty anye rājadharmaṃ hi taṃ viduḥ
Denn man sollte kein 'Mein' hegen, weder in Bezug auf Herrschaft noch auf Reichtum; was zuvor erlangt wurde, nehmen andere fort - das kennt man als die Pflicht der Könige.
Nachdem er einen Vertrag der Arglosigkeit geschlossen hatte, durchtrennte Śakra (Indra) dennoch das Haupt des Namuci; denn dies gilt als das ewige, rechte Verhalten gegenüber einem Feind.
Nachdem er einen Vertrag der Arglosigkeit geschlossen hatte, durchtrennte Śakra (Indra) dennoch das Haupt des Namuci; denn dies gilt als das ewige, rechte Verhalten gegenüber einem Feind.
Diese zwei verschlingt die Erde, wie eine Schlange die Tiere, die in ihrem Loch liegen: einen König, der keinen Widerstand leistet, und einen Brahmanen, der nicht auf Wanderschaft geht.
Diese zwei verschlingt die Erde, wie eine Schlange die Tiere, die in ihrem Loch liegen: einen König, der keinen Widerstand leistet, und einen Brahmanen, der nicht auf Wanderschaft geht.
nāsti vai jātitaḥ śatruḥ puruṣasya viśāṃ pate yena sādhāraṇī vṛttiḥ sa śatrur netaro janaḥ
Es gibt für einen Mann keinen Feind von Geburt an, o Herr der Untertanen; wer mit einem dasselbe Herrschaftsgebiet teilt, der ist der Feind, kein anderer.
Wort für Wort
nāsti vai jātitaḥ śatruḥ puruṣasya viśāṃ pate yena sādhāraṇī vṛttiḥ sa śatrur netaro janaḥ
Es gibt für einen Mann keinen Feind von Geburt an, o Herr der Untertanen; wer mit einem dasselbe Herrschaftsgebiet teilt, der ist der Feind, kein anderer.
Denn auch ein zunächst geringer Feind, dessen Kraft beständig wächst, verschlingt den Gegner von der Wurzel her, wie ein an der Wurzel entstandener Termitenhügel den nahestehenden Baum.
Denn auch ein zunächst geringer Feind, dessen Kraft beständig wächst, verschlingt den Gegner von der Wurzel her, wie ein an der Wurzel entstandener Termitenhügel den nahestehenden Baum.
Möge dir, Nachkomme des Ajamīḍha, die Pracht des Feindes niemals gefallen, o Bhārata; dies ist die Bürde, die Klugheit der Starken, die wie eine Krone auf dem Haupt ruht.
Möge dir, Nachkomme des Ajamīḍha, die Pracht des Feindes niemals gefallen, o Bhārata; dies ist die Bürde, die Klugheit der Starken, die wie eine Krone auf dem Haupt ruht.
janmavṛddhim ivārthānāṃ yo vṛddhim abhikāṅkṣate edhate jñātiṣu sa vai sadyovṛddhir hi vikramaḥ
Wer das Wachstum seines Besitzes ersehnt wie das Wachsen bei der Geburt, der gedeiht unter seinen Verwandten; denn Tatkraft bringt sofortiges Wachstum.
Wort für Wort
janmavṛddhim ivārthānāṃ yo vṛddhim abhikāṅkṣate edhate jñātiṣu sa vai sadyovṛddhir hi vikramaḥ
Wer das Wachstum seines Besitzes ersehnt wie das Wachsen bei der Geburt, der gedeiht unter seinen Verwandten; denn Tatkraft bringt sofortiges Wachstum.
nāprāpya pāṇḍavaiśvaryaṃ saṃśayo me bhaviṣyati avāpsye vā śriyaṃ tāṃ hi śeṣye vā nihato yudhi
Ohne die Herrschaft der Pāṇḍavas erlangt zu haben, wird für mich kein Zaudern mehr sein: entweder werde ich jene Pracht gewinnen, oder ich werde, im Kampf gefallen, daliegen.
Wort für Wort
nāprāpya pāṇḍavaiśvaryaṃ saṃśayo me bhaviṣyati avāpsye vā śriyaṃ tāṃ hi śeṣye vā nihato yudhi
Ohne die Herrschaft der Pāṇḍavas erlangt zu haben, wird für mich kein Zaudern mehr sein: entweder werde ich jene Pracht gewinnen, oder ich werde, im Kampf gefallen, daliegen.
atādṛśasya kiṃ me 'dya jīvitena viśāṃ pate vardhante pāṇḍavā nityaṃ vayaṃ tu sthiravṛddhayaḥ
Was nützt mir, der ich nicht so bin wie sie, heute noch das Leben, o Herr der Untertanen? Die Pāṇḍavas wachsen beständig, wir aber stagnieren in unserem Wachstum.
Wort für Wort
atādṛśasya kiṃ me 'dya jīvitena viśāṃ pate vardhante pāṇḍavā nityaṃ vayaṃ tu sthiravṛddhayaḥ
Was nützt mir, der ich nicht so bin wie sie, heute noch das Leben, o Herr der Untertanen? Die Pāṇḍavas wachsen beständig, wir aber stagnieren in unserem Wachstum.