Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Sabhāparva

Kapitel 40: Śiśupālajanma Die Geburt des Śiśupāla und Kṛṣṇas Versprechen

Bhīṣma erzählt die Vorgeschichte Śiśupālas: mit drei Augen und vier überzähligen Armen missgestaltet geboren, wurde ihm von einer körperlosen Stimme prophezeit, dass die überzähligen Glieder abfallen und das dritte Auge verschwinden werden, sobald er auf den Schoß desjenigen gesetzt wird, der einst sein Tod sein wird - und dass dies bei Kṛṣṇa geschah. Seine Mutter, Kṛṣṇas Tante, erbat daraufhin von Kṛṣṇa das Versprechen, ihm hundert Vergehen zu verzeihen; Kṛṣṇa gewährte es. Bhīṣma schließt, dass Śiśupāla, überheblich durch dieses Zugeständnis, nun Kṛṣṇa offen herausfordert.

bhīṣma uvāca cedirājakule jātas tryakṣa eṣa caturbhujaḥ rāsabhārāvasadṛśaṃ rurāva ca nanāda ca

Bhīṣma sprach: 'Im Königsgeschlecht von Cedi geboren, mit drei Augen und vier Armen, schrie und brüllte dieser hier wie ein Esel.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca cedirājakule jātas tryakṣa eṣa caturbhujaḥ rāsabhārāvasadṛśaṃ rurāva ca nanāda ca
Bhīṣma sprach: 'Im Königsgeschlecht von Cedi geboren, mit drei Augen und vier Armen, schrie und brüllte dieser hier wie ein Esel.

tenāsya mātāpitarau tresatus tau sabāndhavau vaikṛtaṃ tac ca tau dṛṣṭvā tyāgāya kurutāṃ matim

Deshalb erschraken seine Eltern, zusammen mit den Verwandten; und als sie diese Missbildung sahen, fassten sie den Entschluss, ihn auszusetzen.

Wort für Wort
tenāsya mātāpitarau tresatus tau sabāndhavau vaikṛtaṃ tac ca tau dṛṣṭvā tyāgāya kurutāṃ matim
Deshalb erschraken seine Eltern, zusammen mit den Verwandten; und als sie diese Missbildung sahen, fassten sie den Entschluss, ihn auszusetzen.

tataḥ sabhāryaṃ nṛpatiṃ sāmātyaṃ sapurohitam cintāsaṃmūḍhahṛdayaṃ vāg uvācāśarīriṇī

Da sprach zu dem König, zusammen mit seiner Gattin, seinen Ministern und seinem Hauspriester, deren Herz von Sorge verwirrt war, eine körperlose Stimme:

Wort für Wort
tataḥ sabhāryaṃ nṛpatiṃ sāmātyaṃ sapurohitam cintāsaṃmūḍhahṛdayaṃ vāg uvācāśarīriṇī
Da sprach zu dem König, zusammen mit seiner Gattin, seinen Ministern und seinem Hauspriester, deren Herz von Sorge verwirrt war, eine körperlose Stimme:

eṣa te nṛpate putraḥ śrīmāñ jāto mahābalaḥ tasmād asmān na bhetavyam avyagraḥ pāhi vai śiśum

'Dieser dein Sohn, o König, wurde glanzvoll und hochgewaltig geboren; deshalb sollst du keine Furcht vor ihm haben - beschütze das Kind unbesorgt.

Wort für Wort
eṣa te nṛpate putraḥ śrīmāñ jāto mahābalaḥ tasmād asmān na bhetavyam avyagraḥ pāhi vai śiśum
'Dieser dein Sohn, o König, wurde glanzvoll und hochgewaltig geboren; deshalb sollst du keine Furcht vor ihm haben - beschütze das Kind unbesorgt.

na caivaitasya mṛtyus tvaṃ na kālaḥ pratyupasthitaḥ mṛtyur hantāsya śastreṇa sa cotpanno narādhipa

Weder bist du sein Tod, noch ist seine Zeit schon gekommen; der Tod, der ihn mit einer Waffe töten wird, ist ebenfalls bereits geboren, Herrscher der Menschen.'

Wort für Wort
na caivaitasya mṛtyus tvaṃ na kālaḥ pratyupasthitaḥ mṛtyur hantāsya śastreṇa sa cotpanno narādhipa
Weder bist du sein Tod, noch ist seine Zeit schon gekommen; der Tod, der ihn mit einer Waffe töten wird, ist ebenfalls bereits geboren, Herrscher der Menschen.'

saṃśrutyodāhṛtaṃ vākyaṃ bhūtam antarhitaṃ tataḥ putrasnehābhisaṃtaptā jananī vākyam abravīt

Nachdem sie dieses gesprochene Wort gehört hatten, verschwand das Wesen; da sprach die Mutter, von Liebe zum Sohn erfüllt, folgendes Wort:

Wort für Wort
saṃśrutyodāhṛtaṃ vākyaṃ bhūtam antarhitaṃ tataḥ putrasnehābhisaṃtaptā jananī vākyam abravīt
Nachdem sie dieses gesprochene Wort gehört hatten, verschwand das Wesen; da sprach die Mutter, von Liebe zum Sohn erfüllt, folgendes Wort:

yenedam īritaṃ vākyaṃ mamaiva tanayaṃ prati prāñjalis taṃ namasyāmi bravītu sa punar vacaḥ

'Der, der dieses Wort über meinen Sohn gesprochen hat, dem verneige ich mich mit gefalteten Händen; er möge nun noch einmal ein Wort sprechen.

Wort für Wort
yenedam īritaṃ vākyaṃ mamaiva tanayaṃ prati prāñjalis taṃ namasyāmi bravītu sa punar vacaḥ
'Der, der dieses Wort über meinen Sohn gesprochen hat, dem verneige ich mich mit gefalteten Händen; er möge nun noch einmal ein Wort sprechen.

śrotum icchāmi putrasya ko 'sya mṛtyur bhaviṣyati antarhitaṃ tato bhūtam uvācedaṃ punar vacaḥ

Ich wünsche zu hören, wer der Tod meines Sohnes sein wird.' Da sprach das verborgene Wesen wiederum dieses Wort:

Wort für Wort
śrotum icchāmi putrasya ko 'sya mṛtyur bhaviṣyati antarhitaṃ tato bhūtam uvācedaṃ punar vacaḥ
Ich wünsche zu hören, wer der Tod meines Sohnes sein wird.' Da sprach das verborgene Wesen wiederum dieses Wort:

yenotsaṅge gṛhītasya bhujāv abhyadhikāv ubhau patiṣyataḥ kṣititale pañcaśīrṣāv ivoragau

'Bei wem, wenn er ihn auf den Schoß nimmt, seine beiden überzähligen Arme auf den Erdboden fallen werden, wie fünfköpfige Schlangen,

Wort für Wort
yenotsaṅge gṛhītasya bhujāv abhyadhikāv ubhau patiṣyataḥ kṣititale pañcaśīrṣāv ivoragau
'Bei wem, wenn er ihn auf den Schoß nimmt, seine beiden überzähligen Arme auf den Erdboden fallen werden, wie fünfköpfige Schlangen,

tṛtīyam etad bālasya lalāṭasthaṃ ca locanam nimajjiṣyati yaṃ dṛṣṭvā so 'sya mṛtyur bhaviṣyati

und bei wessen Anblick dieses dritte Auge des Kindes, das auf seiner Stirn sitzt, versinken wird - der wird sein Tod sein.'

Wort für Wort
tṛtīyam etad bālasya lalāṭasthaṃ ca locanam nimajjiṣyati yaṃ dṛṣṭvā so 'sya mṛtyur bhaviṣyati
und bei wessen Anblick dieses dritte Auge des Kindes, das auf seiner Stirn sitzt, versinken wird - der wird sein Tod sein.'

tryakṣaṃ caturbhujaṃ śrutvā tathā ca samudāhṛtam dharaṇyāṃ pārthivāḥ sarve abhyagacchan didṛkṣavaḥ

Als sie von dem Dreiäugigen, Vierarmigen und dieser Prophezeiung gehört hatten, kamen alle Fürsten auf Erden, im Verlangen, ihn zu sehen.

Wort für Wort
tryakṣaṃ caturbhujaṃ śrutvā tathā ca samudāhṛtam dharaṇyāṃ pārthivāḥ sarve abhyagacchan didṛkṣavaḥ
Als sie von dem Dreiäugigen, Vierarmigen und dieser Prophezeiung gehört hatten, kamen alle Fürsten auf Erden, im Verlangen, ihn zu sehen.

tān pūjayitvā saṃprāptān yathārhaṃ sa mahīpatiḥ ekaikasya nṛpasyāṅke putram āropayat tadā

Nachdem jener Herrscher der Erde die Angekommenen gebührend geehrt hatte, setzte er da seinen Sohn auf den Schoß jedes einzelnen Königs.

Wort für Wort
tān pūjayitvā saṃprāptān yathārhaṃ sa mahīpatiḥ ekaikasya nṛpasyāṅke putram āropayat tadā
Nachdem jener Herrscher der Erde die Angekommenen gebührend geehrt hatte, setzte er da seinen Sohn auf den Schoß jedes einzelnen Königs.

evaṃ rājasahasrāṇāṃ pṛthaktvena yathākramam śiśur aṅke samārūḍho na tat prāpa nidarśanam

So wurde das Kind, der Reihe nach, auf den Schoß von Tausenden von Königen einzeln gesetzt, ohne dass sich jenes Zeichen einstellte.

Wort für Wort
evaṃ rājasahasrāṇāṃ pṛthaktvena yathākramam śiśur aṅke samārūḍho na tat prāpa nidarśanam
So wurde das Kind, der Reihe nach, auf den Schoß von Tausenden von Königen einzeln gesetzt, ohne dass sich jenes Zeichen einstellte.

tataś cedipuraṃ prāptau saṃkarṣaṇajanārdanau yādavau yādavīṃ draṣṭuṃ svasāraṃ tāṃ pitus tadā

Dann kamen die beiden Yādavas, Saṃkarṣaṇa (Balarāma) und Janārdana (Kṛṣṇa), nach Cedipura, um jene Yādavī, die Schwester ihres Vaters, zu sehen.

Wort für Wort
tataś cedipuraṃ prāptau saṃkarṣaṇajanārdanau yādavau yādavīṃ draṣṭuṃ svasāraṃ tāṃ pitus tadā
Dann kamen die beiden Yādavas, Saṃkarṣaṇa (Balarāma) und Janārdana (Kṛṣṇa), nach Cedipura, um jene Yādavī, die Schwester ihres Vaters, zu sehen.

abhivādya yathānyāyaṃ yathājyeṣṭhaṃ nṛpāṃś ca tān kuśalānāmayaṃ pṛṣṭvā niṣaṇṇau rāmakeśavau

Nachdem sie sie und die dortigen Könige, dem Range nach vorschriftsmäßig, begrüßt und nach ihrem Wohlergehen gefragt hatten, setzten sich Rāma und Keśava.

Wort für Wort
abhivādya yathānyāyaṃ yathājyeṣṭhaṃ nṛpāṃś ca tān kuśalānāmayaṃ pṛṣṭvā niṣaṇṇau rāmakeśavau
Nachdem sie sie und die dortigen Könige, dem Range nach vorschriftsmäßig, begrüßt und nach ihrem Wohlergehen gefragt hatten, setzten sich Rāma und Keśava.

abhyarcitau tadā vīrau prītyā cābhyadhikaṃ tataḥ putraṃ dāmodarotsaṅge devī saṃnyadadhāt svayam

Nachdem die beiden Helden mit Freude überaus geehrt worden waren, legte die Fürstin daraufhin selbst ihren Sohn auf Dāmodaras (Kṛṣṇas) Schoß.

Wort für Wort
abhyarcitau tadā vīrau prītyā cābhyadhikaṃ tataḥ putraṃ dāmodarotsaṅge devī saṃnyadadhāt svayam
Nachdem die beiden Helden mit Freude überaus geehrt worden waren, legte die Fürstin daraufhin selbst ihren Sohn auf Dāmodaras (Kṛṣṇas) Schoß.

nyastamātrasya tasyāṅke bhujāv abhyadhikāv ubhau petatus tac ca nayanaṃ nimamajja lalāṭajam

Kaum war er auf seinen Schoß gelegt, fielen seine beiden überzähligen Arme herab, und jenes auf seiner Stirn befindliche (dritte) Auge versank.

Wort für Wort
nyastamātrasya tasyāṅke bhujāv abhyadhikāv ubhau petatus tac ca nayanaṃ nimamajja lalāṭajam
Kaum war er auf seinen Schoß gelegt, fielen seine beiden überzähligen Arme herab, und jenes auf seiner Stirn befindliche (dritte) Auge versank.

tad dṛṣṭvā vyathitā trastā varaṃ kṛṣṇam ayācata dadasva me varaṃ kṛṣṇa bhayārtāyā mahābhuja

Als sie dies sah, erbeten von Angst und Erschütterung, bat sie Kṛṣṇa um eine Gunst: 'Gewähre mir eine Gunst, Kṛṣṇa, mir, die von Furcht gequält ist, Großarmiger.'

Wort für Wort
tad dṛṣṭvā vyathitā trastā varaṃ kṛṣṇam ayācata dadasva me varaṃ kṛṣṇa bhayārtāyā mahābhuja
Als sie dies sah, erbeten von Angst und Erschütterung, bat sie Kṛṣṇa um eine Gunst: 'Gewähre mir eine Gunst, Kṛṣṇa, mir, die von Furcht gequält ist, Großarmiger.'

tvaṃ hy ārtānāṃ samāśvāso bhītānām abhayaṃkaraḥ pitṛṣvasāraṃ mā bhaiṣīr ity uvāca janārdanaḥ

'Denn du bist der Trost der Bedrängten, der den Furchtsamen Sicherheit gibt.' - 'Fürchte dich nicht, Vaters Schwester', sprach Janārdana.

Wort für Wort
tvaṃ hy ārtānāṃ samāśvāso bhītānām abhayaṃkaraḥ pitṛṣvasāraṃ mā bhaiṣīr ity uvāca janārdanaḥ
'Denn du bist der Trost der Bedrängten, der den Furchtsamen Sicherheit gibt.' - 'Fürchte dich nicht, Vaters Schwester', sprach Janārdana.

dadāni kaṃ varaṃ kiṃ vā karavāṇi pitṛṣvasaḥ śakyaṃ vā yadi vāśakyaṃ kariṣyāmi vacas tava

'Welche Gunst soll ich gewähren, oder was soll ich für dich tun, Vaters Schwester? Sei es möglich oder unmöglich, ich werde dein Wort erfüllen.'

Wort für Wort
dadāni kaṃ varaṃ kiṃ vā karavāṇi pitṛṣvasaḥ śakyaṃ vā yadi vāśakyaṃ kariṣyāmi vacas tava
'Welche Gunst soll ich gewähren, oder was soll ich für dich tun, Vaters Schwester? Sei es möglich oder unmöglich, ich werde dein Wort erfüllen.'

evam uktā tataḥ kṛṣṇam abravīd yadunandanam śiśupālasyāparādhān kṣamethās tvaṃ mahābala

So angesprochen, sagte sie da zu Kṛṣṇa, der Freude der Yadus: 'Mögest du Śiśupālas Vergehen verzeihen, Großmächtiger.'

Wort für Wort
evam uktā tataḥ kṛṣṇam abravīd yadunandanam śiśupālasyāparādhān kṣamethās tvaṃ mahābala
So angesprochen, sagte sie da zu Kṛṣṇa, der Freude der Yadus: 'Mögest du Śiśupālas Vergehen verzeihen, Großmächtiger.'

kṛṣṇa uvāca aparādhaśataṃ kṣāmyaṃ mayā hy asya pitṛṣvasaḥ putrasya te vadhārhāṇāṃ mā tvaṃ śoke manaḥ kṛthāḥ

Kṛṣṇa sprach: 'Hundert Vergehen deines Sohnes, die den Tod verdienen, werde ich ihm vergeben, Vaters Schwester; richte deinen Sinn nicht auf Kummer.'

Wort für Wort
kṛṣṇa uvāca aparādhaśataṃ kṣāmyaṃ mayā hy asya pitṛṣvasaḥ putrasya te vadhārhāṇāṃ mā tvaṃ śoke manaḥ kṛthāḥ
Kṛṣṇa sprach: 'Hundert Vergehen deines Sohnes, die den Tod verdienen, werde ich ihm vergeben, Vaters Schwester; richte deinen Sinn nicht auf Kummer.'

bhīṣma uvāca evam eṣa nṛpaḥ pāpaḥ śiśupālaḥ sumandadhīḥ tvāṃ samāhvayate vīra govindavaradarpitaḥ

Bhīṣma sprach: 'So fordert nun dieser übelgesinnte, dumme König Śiśupāla dich heraus, Held, überheblich geworden durch Govindas Gunst.'

Wort für Wort
bhīṣma uvāca evam eṣa nṛpaḥ pāpaḥ śiśupālaḥ sumandadhīḥ tvāṃ samāhvayate vīra govindavaradarpitaḥ
Bhīṣma sprach: 'So fordert nun dieser übelgesinnte, dumme König Śiśupāla dich heraus, Held, überheblich geworden durch Govindas Gunst.'

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