Kapitel 58: Draupadīparājayaḥ
Yudhiṣṭhira verspielt seine Brüder, sich selbst und Draupadī
Der Höhepunkt des Würfelspiels: Nachdem Yudhiṣṭhira sein gesamtes Vermögen, sein Land und seine Untertanen verloren hat, setzt er nacheinander seine Brüder Nakula, Sahadeva, Arjuna und Bhīma als Einsatz und verliert auch sie an Śakuni. Schließlich verspielt er sich selbst und, auf Śakunis zynischen Vorschlag hin, in einer langen, von Schönheitsbeschreibung durchzogenen Rede auch seine Gattin Draupadī - und verliert. Die Versammlung reagiert mit Entsetzen und Klagerufen, Vidura sinkt wie leblos zusammen, während Dhṛtarāṣṭra unverhohlen jubelt und Karṇa und Duḥśāsana sich lauthals freuen. Der triumphierende Śakuni greift sofort erneut nach den Würfeln.
ayutaṃ prayutaṃ caiva kharvaṃ padmaṃ tathārbudam śaṅkhaṃ caiva nikharvaṃ ca samudraṃ cātra paṇyatām etan mama dhanaṃ rājaṃs tena dīvyāmy ahaṃ tvayā
Zehntausend, hunderttausend, und was man Kharva, Padma, Arbuda, Śaṅkha, Nikharva und Samudra nennt - all diese unermesslichen Summen seien hier verspielbar; das, o König, ist mein Reichtum; damit spiele ich gegen dich.
Wort für Wort
ayutaṃ prayutaṃ caiva kharvaṃ padmaṃ tathārbudam śaṅkhaṃ caiva nikharvaṃ ca samudraṃ cātra paṇyatām etan mama dhanaṃ rājaṃs tena dīvyāmy ahaṃ tvayā
Zehntausend, hunderttausend, und was man Kharva, Padma, Arbuda, Śaṅkha, Nikharva und Samudra nennt - all diese unermesslichen Summen seien hier verspielbar; das, o König, ist mein Reichtum; damit spiele ich gegen dich.
[Anm.: Kharva, Padma, Arbuda, Śaṅkha, Nikharva und Samudra sind altindische Bezeichnungen für extrem hohe Zahlenpotenzen; sie stehen hier bildhaft für unermesslichen Reichtum.]
yudhiṣṭhira uvāca gavāśvaṃ bahudhenūkam asaṃkhyeyam ajāvikam yat kiṃ cid anuvarṇānāṃ prāk sindhor api saubala etan mama dhanaṃ rājaṃs tena dīvyāmy ahaṃ tvayā
Yudhiṣṭhira sprach: Rinder und Pferde, viele Milchkühe, unzählbare Ziegen und Schafe, was es auch an Herden jenseits des Indus gibt, Sohn des Subala - das, o König, ist mein Reichtum; damit spiele ich gegen dich.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca gavāśvaṃ bahudhenūkam asaṃkhyeyam ajāvikam yat kiṃ cid anuvarṇānāṃ prāk sindhor api saubala etan mama dhanaṃ rājaṃs tena dīvyāmy ahaṃ tvayā
Yudhiṣṭhira sprach: Rinder und Pferde, viele Milchkühe, unzählbare Ziegen und Schafe, was es auch an Herden jenseits des Indus gibt, Sohn des Subala - das, o König, ist mein Reichtum; damit spiele ich gegen dich.
yudhiṣṭhira uvāca puraṃ janapado bhūmir abrāhmaṇadhanaiḥ saha abrāhmaṇāś ca puruṣā rājañ śiṣṭaṃ dhanaṃ mama etad rājan dhanaṃ mahyaṃ tena dīvyāmy ahaṃ tvayā
Yudhiṣṭhira sprach: Die Stadt, das Land, die Erde mitsamt dem Besitz aller Nicht-Brahmanen, sowie die Nicht-Brahmanen selbst, o König - das ist mein übriges Vermögen; das, o König, ist mein Einsatz; damit spiele ich gegen dich.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca puraṃ janapado bhūmir abrāhmaṇadhanaiḥ saha abrāhmaṇāś ca puruṣā rājañ śiṣṭaṃ dhanaṃ mama etad rājan dhanaṃ mahyaṃ tena dīvyāmy ahaṃ tvayā
Yudhiṣṭhira sprach: Die Stadt, das Land, die Erde mitsamt dem Besitz aller Nicht-Brahmanen, sowie die Nicht-Brahmanen selbst, o König - das ist mein übriges Vermögen; das, o König, ist mein Einsatz; damit spiele ich gegen dich.
yudhiṣṭhira uvāca rājaputrā ime rājañ śobhante yena bhūṣitāḥ kuṇḍalāni ca niṣkāś ca sarvaṃ cāṅgavibhūṣaṇam etan mama dhanaṃ rājaṃs tena dīvyāmy ahaṃ tvayā
Yudhiṣṭhira sprach: Diese Königssöhne hier erstrahlen durch das, womit sie geschmückt sind - die Ohrringe, die Halsschmuckstücke und allen Körperschmuck - das, o König, ist mein Reichtum; damit spiele ich gegen dich.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca rājaputrā ime rājañ śobhante yena bhūṣitāḥ kuṇḍalāni ca niṣkāś ca sarvaṃ cāṅgavibhūṣaṇam etan mama dhanaṃ rājaṃs tena dīvyāmy ahaṃ tvayā
Yudhiṣṭhira sprach: Diese Königssöhne hier erstrahlen durch das, womit sie geschmückt sind - die Ohrringe, die Halsschmuckstücke und allen Körperschmuck - das, o König, ist mein Reichtum; damit spiele ich gegen dich.
Yudhiṣṭhira sprach: Der dunkelhäutige, jugendliche, rotäugige, mit Löwenschultern und starken Armen versehene Nakula ist mein einziger Einsatz nun - er, der zu meinem eigenen Besitz gehört.
Yudhiṣṭhira sprach: Der dunkelhäutige, jugendliche, rotäugige, mit Löwenschultern und starken Armen versehene Nakula ist mein einziger Einsatz nun - er, der zu meinem eigenen Besitz gehört.
yudhiṣṭhira uvāca ayaṃ dharmān sahadevo 'nuśāsti loke hy asmin paṇḍitākhyāṃ gataś ca anarhatā rājaputreṇa tena tvayā dīvyāmy apriyavat priyeṇa
Yudhiṣṭhira sprach: Dieser Sahadeva lehrt die Pflichten und hat in dieser Welt den Ruf eines Gelehrten erlangt; obwohl er es nicht verdient, spiele ich mit diesem Königssohn gegen dich, als wäre er mir unlieb, obwohl er mir lieb ist.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca ayaṃ dharmān sahadevo 'nuśāsti loke hy asmin paṇḍitākhyāṃ gataś ca anarhatā rājaputreṇa tena tvayā dīvyāmy apriyavat priyeṇa
Yudhiṣṭhira sprach: Dieser Sahadeva lehrt die Pflichten und hat in dieser Welt den Ruf eines Gelehrten erlangt; obwohl er es nicht verdient, spiele ich mit diesem Königssohn gegen dich, als wäre er mir unlieb, obwohl er mir lieb ist.
śakunir uvāca mādrīputrau priyau rājaṃs tavemau vijitau mayā garīyāṃsau tu te manye bhīmasenadhanaṃjayau
Śakuni sprach: Lieb sind dir diese beiden Söhne der Mādrī, o König; sie sind beide von mir gewonnen worden. Doch ich vermute, dir bedeuten Bhīmasena und Dhanaṃjaya noch mehr.
Wort für Wort
śakunir uvāca mādrīputrau priyau rājaṃs tavemau vijitau mayā garīyāṃsau tu te manye bhīmasenadhanaṃjayau
Śakuni sprach: Lieb sind dir diese beiden Söhne der Mādrī, o König; sie sind beide von mir gewonnen worden. Doch ich vermute, dir bedeuten Bhīmasena und Dhanaṃjaya noch mehr.
yudhiṣṭhira uvāca adharmaṃ carase nūnaṃ yo nāvekṣasi vai nayam yo naḥ sumanasāṃ mūḍha vibhedaṃ kartum icchasi
Yudhiṣṭhira sprach: Du wandelst gewiss auf dem Pfad des Unrechts, der du auf keine Klugheit achtest, Tor, der du Zwietracht zwischen uns, die wir guten Willens sind, stiften willst.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca adharmaṃ carase nūnaṃ yo nāvekṣasi vai nayam yo naḥ sumanasāṃ mūḍha vibhedaṃ kartum icchasi
Yudhiṣṭhira sprach: Du wandelst gewiss auf dem Pfad des Unrechts, der du auf keine Klugheit achtest, Tor, der du Zwietracht zwischen uns, die wir guten Willens sind, stiften willst.
Śakuni sprach: Ein Berauschter fällt in eine Grube, ein Unachtsamer stößt gegen einen Baumstumpf; du bist der Älteste, o König, der Vortrefflichste - Verehrung dir, Stier der Bharatas.
Śakuni sprach: Ein Berauschter fällt in eine Grube, ein Unachtsamer stößt gegen einen Baumstumpf; du bist der Älteste, o König, der Vortrefflichste - Verehrung dir, Stier der Bharatas.
yudhiṣṭhira uvāca yo naḥ saṃkhye naur iva pāranetā jetā ripūṇāṃ rājaputras tarasvī anarhatā lokavīreṇa tena dīvyāmy ahaṃ śakune phalgunena
Yudhiṣṭhira sprach: Der uns im Kampf wie ein Boot ans andere Ufer bringt, der Bezwinger der Feinde, der schnelle Königssohn - mit diesem Weltenhelden, obwohl er es nicht verdient, spiele ich, Śakuni, mit Phalguna (Arjuna).
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca yo naḥ saṃkhye naur iva pāranetā jetā ripūṇāṃ rājaputras tarasvī anarhatā lokavīreṇa tena dīvyāmy ahaṃ śakune phalgunena
Yudhiṣṭhira sprach: Der uns im Kampf wie ein Boot ans andere Ufer bringt, der Bezwinger der Feinde, der schnelle Königssohn - mit diesem Weltenhelden, obwohl er es nicht verdient, spiele ich, Śakuni, mit Phalguna (Arjuna).
Śakuni sprach: Dieser Bogenträger der Pāṇḍavas, der Linkshändige, ist von mir besiegt worden; spiele nun, o König, mit dem dir teuren Bhīma - was an Spieleinsatz dir, Pāṇḍava, noch übrig bleibt.
Śakuni sprach: Dieser Bogenträger der Pāṇḍavas, der Linkshändige, ist von mir besiegt worden; spiele nun, o König, mit dem dir teuren Bhīma - was an Spieleinsatz dir, Pāṇḍava, noch übrig bleibt.
yudhiṣṭhira uvāca yo no netā yo yudhāṃ naḥ praṇetā yathā vajrī dānavaśatrur ekaḥ tiryakprekṣī saṃhatabhrūr mahātmā siṃhaskandho yaś ca sadātyamarṣī
Yudhiṣṭhira sprach: Er, der unser Anführer ist, der uns in den Kämpfen voranführt, einzigartig wie der Blitzträger, der Feind der Dānavas, mit schräg blickendem Auge, zusammengezogenen Brauen, hochherzig, mit Löwenschultern, und stets von unbezähmbarer Ungeduld -
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca yo no netā yo yudhāṃ naḥ praṇetā yathā vajrī dānavaśatrur ekaḥ tiryakprekṣī saṃhatabhrūr mahātmā siṃhaskandho yaś ca sadātyamarṣī
Yudhiṣṭhira sprach: Er, der unser Anführer ist, der uns in den Kämpfen voranführt, einzigartig wie der Blitzträger, der Feind der Dānavas, mit schräg blickendem Auge, zusammengezogenen Brauen, hochherzig, mit Löwenschultern, und stets von unbezähmbarer Ungeduld -
balena tulyo yasya pumān na vidyate gadābhṛtām agrya ihārimardanaḥ anarhatā rājaputreṇa tena dīvyāmy ahaṃ bhīmasenena rājan
er, dessen Kraft kein Mann gleichkommt, der Erste der Keulenkämpfer, der Feindezermalmer - mit diesem Königssohn, obwohl er es nicht verdient, spiele ich, o König, mit Bhīmasena.
Wort für Wort
balena tulyo yasya pumān na vidyate gadābhṛtām agrya ihārimardanaḥ anarhatā rājaputreṇa tena dīvyāmy ahaṃ bhīmasenena rājan
er, dessen Kraft kein Mann gleichkommt, der Erste der Keulenkämpfer, der Feindezermalmer - mit diesem Königssohn, obwohl er es nicht verdient, spiele ich, o König, mit Bhīmasena.
śakunir uvāca bahu vittaṃ parājaiṣīr bhrātṝṃś ca sahayadvipān ācakṣva vittaṃ kaunteya yadi te 'sty aparājitam
Śakuni sprach: Viel Vermögen hast du verloren, und nun auch deine Brüder samt Pferden und Elefanten; nenne weiteres Vermögen, Sohn der Kuntī, wenn du noch unverlorenes besitzt.
Wort für Wort
śakunir uvāca bahu vittaṃ parājaiṣīr bhrātṝṃś ca sahayadvipān ācakṣva vittaṃ kaunteya yadi te 'sty aparājitam
Śakuni sprach: Viel Vermögen hast du verloren, und nun auch deine Brüder samt Pferden und Elefanten; nenne weiteres Vermögen, Sohn der Kuntī, wenn du noch unverlorenes besitzt.
Yudhiṣṭhira sprach: Ich bin der Vornehmste unter allen meinen Brüdern und ihnen ebenso teuer; wenn wir durch dich besiegt sind, wollen wir dir Dienste tun - ich selbst eingeschlossen, in diesem Verderben.
Yudhiṣṭhira sprach: Ich bin der Vornehmste unter allen meinen Brüdern und ihnen ebenso teuer; wenn wir durch dich besiegt sind, wollen wir dir Dienste tun - ich selbst eingeschlossen, in diesem Verderben.
[Anm.: Mit diesem Vers kündigt Yudhiṣṭhira an, nun sich selbst als Einsatz zu setzen.]
śakunir uvāca etat pāpiṣṭham akaror yad ātmānaṃ parājitaḥ śiṣṭe sati dhane rājan pāpa ātmaparājayaḥ
Śakuni sprach: Dies hast du als das Sündhafteste getan, dass du dich selbst verspielt hast; während noch Vermögen übrig war, o König, war die Verspielung deiner selbst eine Sünde.
Wort für Wort
śakunir uvāca etat pāpiṣṭham akaror yad ātmānaṃ parājitaḥ śiṣṭe sati dhane rājan pāpa ātmaparājayaḥ
Śakuni sprach: Dies hast du als das Sündhafteste getan, dass du dich selbst verspielt hast; während noch Vermögen übrig war, o König, war die Verspielung deiner selbst eine Sünde.
Vaiśaṃpāyana sprach: So sprechend, besiegte der im Würfelspiel Erfahrene alle jene beim Einsatz gebliebenen Weltenhelden, einen nach dem anderen, durch seinen Wurf.
Vaiśaṃpāyana sprach: So sprechend, besiegte der im Würfelspiel Erfahrene alle jene beim Einsatz gebliebenen Weltenhelden, einen nach dem anderen, durch seinen Wurf.
śakunir uvāca asti vai te priyā devī glaha eko 'parājitaḥ paṇasva kṛṣṇāṃ pāñcālīṃ tayātmānaṃ punar jaya
Śakuni sprach: Es gibt noch einen unverlorenen Einsatz - deine geliebte Königin. Setze Kṛṣṇā, die Tochter des Pāñcāla-Königs, und gewinne mit ihr dich selbst zurück.
Wort für Wort
śakunir uvāca asti vai te priyā devī glaha eko 'parājitaḥ paṇasva kṛṣṇāṃ pāñcālīṃ tayātmānaṃ punar jaya
Śakuni sprach: Es gibt noch einen unverlorenen Einsatz - deine geliebte Königin. Setze Kṛṣṇā, die Tochter des Pāñcāla-Königs, und gewinne mit ihr dich selbst zurück.
ebenso durch ihre Güte, ebenso durch die Fülle ihrer Schönheit, ebenso durch die Vollkommenheit ihres Charakters die Frau, die sich jeder Mann wünschen würde,
ebenso durch ihre Güte, ebenso durch die Fülle ihrer Schönheit, ebenso durch die Vollkommenheit ihres Charakters die Frau, die sich jeder Mann wünschen würde,
ābhāti padmavad vaktraṃ sasvedaṃ mallikeva ca vedīmadhyā dīrghakeśī tāmrākṣī nātiromaśā
deren Gesicht wie ein Lotus erstrahlt, mit Schweiß bedeckt wie eine Jasminblüte, mit schlanker Taille, langem Haar, kupferfarbenen Augen und wenig Körperbehaarung -
Wort für Wort
ābhāti padmavad vaktraṃ sasvedaṃ mallikeva ca vedīmadhyā dīrghakeśī tāmrākṣī nātiromaśā
deren Gesicht wie ein Lotus erstrahlt, mit Schweiß bedeckt wie eine Jasminblüte, mit schlanker Taille, langem Haar, kupferfarbenen Augen und wenig Körperbehaarung -
mit einer solchen, o König, der schönhüftigen Tochter des Pāñcāla-Königs, mit den lieblichen Gliedern, mit Draupadī, spiele ich nun den Einsatz - wohlan, Sohn des Subala.
mit einer solchen, o König, der schönhüftigen Tochter des Pāñcāla-Königs, mit den lieblichen Gliedern, mit Draupadī, spiele ich nun den Einsatz - wohlan, Sohn des Subala.
[Anm.: In einem der erschütterndsten Momente des Epos beschreibt Yudhiṣṭhira ausführlich Draupadīs Schönheit und Tugend, während er sie selbst als Spieleinsatz setzt.]
Vidura, den Kopf in die Hände gestützt, wurde wie leblos; er saß da, in Gedanken versunken, das Gesicht nach unten gerichtet, seufzend wie eine Schlange.
Vidura, den Kopf in die Hände gestützt, wurde wie leblos; er saß da, in Gedanken versunken, das Gesicht nach unten gerichtet, seufzend wie eine Schlange.