Kapitel 62: ṛgvede 5.62 · ṛtena ṛtam apihitaṃ dhruvaṃ vāṃ sūryasya yatra vimucanty aśvān
Mitra und Varuṇa: Ordnung, Regen und der tausendsäulige Sitz
Lied an Mitra und Varuṇa als Hüter der Ordnung, Regenspender und Herrscher in ihrem goldglänzenden, tausendsäuligen Sitz. Sehr dicht und teils verderbt (v. 2, 5, 7); mehrere Bilder (Rosse der Sonne, Säulen, Regenfluten) bleiben mehrdeutig zwischen kosmischer und ritueller Ebene.
ṛtena ṛtam apihitaṃ dhruvaṃ vāṃ sūryasya yatra vimucanty aśvān / daśa śatā saha tasthus tad ekaṃ devānāṃ śreṣṭhaṃ vapuṣām apaśyam
Durch Ordnung ist Ordnung verhüllt, fest, euer beider [Ordnung], da wo sie die Rosse der Sonne ausspannen; / zehn Hundert standen zusammen: das eine, das Beste der göttlichen Gestalten, habe ich gesehen. [Anm.: ṛtena ṛtam apihitam wörtlich; kosmisch (Sonnenordnung) plausibel, rituell möglich; 'zehn Hundert' = 1000 Strahlen der Sonne plausibel]
tat su vām mitrāvaruṇā mahitvam īrmā tasthuṣīr ahabhir duduhre / viśvāḥ pinvathaḥ svasarasya dhenā anu vām ekaḥ pavir ā vavarta
Das ist gewiss eure Größe, Mitra-Varuṇa: die Stillstehenden [Schultern?] haben sie im Lauf der Tage gemolken [?]; / alle Milchkühe [Schwestern-Nacht?] lasst ihr schwellen; hinter euch ist ein einziges Rad [Felge] herumgerollt. [Anm.: īrmā 'Schulter/Arm' – Bild der Wolken/Tage unsicher [?]; svasarasya 'der Schwester' – Tag/Nacht plausibel]
Wort für Wort
tat
das (Nom. Sg. n.)
su
gut, gewiss (Partikel)
vām
euer beider (Gen. Du.)
mitrāvaruṇā
Mitra-Varuṇa (Vok. Du.)
mahi-tvam
Größe (Nom. Sg.)
īrmā
Arme, Schultern (Akk. Pl.) [?]
tasthuṣīḥ
die Stillstehenden (Akk. Pl. f.)
aha-bhiḥ
im Lauf der Tage (Instr. Pl.)
duduhre
sie haben gemolken (3. Pl. Perf. Med.)
viśvāḥ
alle (Akk. Pl. f.)
pinvathaḥ
ihr lasst schwellen (2. Du.)
svasarasya
der Schwester [Nacht?] (Gen. Sg.) [?]
dhenāḥ
Milchkühe (Akk. Pl.)
anu
hinter, nach (Präverb)
vām
euch beiden (Gen. Du.)
ekaḥ
ein einziges (Nom. Sg.)
paviḥ
Radkranz, Felge (Nom. Sg.)
ā
her (Präverb)
vavatar
hat sich gewälzt (3. Sg. Perf.) (PP-Verderbnis 'vavatar' [?])
Ihr habt Erde und Himmel gehalten, Mitra und Varuṇa, ihr Könige, mit euren Größen; / ihr lasst die Pflanzen wachsen, die Kühe strotzen, ihr lasst Regen herab, ihr Freigebigen und Regsamen. [Anm.: jīradānū 'schnell/lebendig im Geben' plausibel]
Zu euch sollen gut angeschirrte Rosse fahren, mit festgehaltenen Zügeln sollen sie herwärts kommen; / dem Schmalz folgt euer Schmuck, zu euch fließen von alters her die Ströme. [Anm.: ghṛtasya nirṇij 'Gewand des Schmalzes' = Fettglanz/Regenfülle, bildlich plausibel]
[Er?] ließ das gerühmte, weite [Ding?] anwachsen, wie Opferstreu mit dem Opferspruch behütend; / ihr beiden Ehrfurchtsvollen, Kraft Haltenden, in der Grube [dem Sitz]: Mitra, ihr habt euch gesetzt, Varuṇa, inmitten der Labungen. [Anm.: Text verderbt, insbesondere amatim urvīm 'weite Gestalt/Armut?' und iḷāsu; garta 'Grube/Wagensitz'; [?]]
Ihr, deren Hände nicht Blutiges tun, die ihr den Guten behütet, den ihr, Varuṇa, in den Labungen [rettend] beschützt habt, / ihr Könige, unerzürnt, tragt zusammen die tausendsäulige Herrschaft, ihr zwei. [Anm.: akravihastā 'nicht rohe Hände habend' plausibel; ilāsu antar 'inmitten der Labungen/Weiden']
hiraṇyanirṇig ayo asya sthūṇā vi bhrājate divy aśvājanīva / bhadre kṣetre nimitā tilvile vā sanema madhvo adhigartyasya
Der goldglänzende [Sitz], seine Säule von Eisen, strahlt im Himmel wie ein Peitschenhalter [Glanz?]; / in gutem Feld eingemessen oder in Öde: möchten wir Anteil an dem Honig dessen im Grubenraum erlangen. [Anm.: talvile 'in Ödland' (PP hat verderbt 'tilvile'); aśvājanī 'Peitsche/Aufreiber'; adhigartya 'am Wagensitz befindlich' [?]]
Goldgestaltig, beim Aufleuchten der Morgenröten, [mit] Eisensäule, ihr beide: bei Sonnenaufgang / steigt ihr, Varuṇa und Mitra, in den Sitz; von dort schaut ihr auf Aditi und Diti. [Anm.: Aditi = Unbeschränktheit/Ungebundenes, Diti = Gebundenheit/Beschränktes; plausibel]
yad baṃhiṣṭhaṃ nātividhe sudānū achidraṃ śarma bhuvanasya gopā / tena no mitrāvaruṇāv aviṣṭaṃ siṣāsanto jigīvāṃsaḥ syāma
Das Mächtigste, das durch Überschreiten nicht zu durchdringen ist, ihr guten Geber, das ungespaltene Schutzdach, Hüter der Welt: / damit steht uns bei, Mitra und Varuṇa, [damit] wir, Gewinn erstrebend, Sieger sein mögen. [Anm.: baṃhiṣṭha 'am dichtesten, mächtigsten']