Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Uttarakāṇḍa

Sarga 20: Nārada-Sambhāṣaṇam Nāradas Mahnung und Rāvaṇas Aufbruch zu Yamas Reich

tato vitrāsayanmartyānpṛthivyāṃ rākṣasādhipaḥ . āsasāda ghane tasmin nāradaṃ munisattamam

Da, während er auf Erden die Sterblichen erschreckte, begegnete der Herr der Rākṣasas in jener Wolkenmasse dem besten der Munis, Nārada.

Wort für Wort
tataḥ vitrāsayan martyān
da, die Sterblichen erschreckend
pṛthivyāṃ rākṣasādhipaḥ
auf Erden, der Herr der Rākṣasas
āsasāda ghane tasmin
begegnete in jener Wolkenmasse
nāradaṃ muni-sattamam
dem Nārada, dem besten der Munis

nāradastu mahātejā devarṣiramitaprabhaḥ . abravīnmeghapṛṣṭhastho rāvaṇaṃ puṣpake sthitam

Nārada aber, der überaus glanzvolle, von unermesslichem Glanz, der Götterṛṣi, sprach, auf dem Rücken einer Wolke stehend, zu Rāvaṇa, der im Puṣpaka saß:

Wort für Wort
nāradaḥ tu mahātejāḥ
Nārada aber, der überaus glanzvolle
deva-ṛṣiḥ amita-prabhaḥ
der Götterṛṣi, von unermesslichem Glanz
abravīt megha-pṛṣṭha-sthaḥ
sprach, auf dem Wolkenrücken stehend
rāvaṇaṃ puṣpake sthitam
zu Rāvaṇa, der im Puṣpaka saß

rākṣasādhipate saumya tiṣṭha viśravasaḥ suta . prīto.asmyabhijanopeta vikramairūrjitaistava .. 3..

„O Herr der Rākṣasas, Sanftmütiger, halt ein, Sohn des Viśravas! Erfreut bin ich, du von edler Geburt, über deine gewaltigen Heldentaten.

Wort für Wort
rākṣasādhipate saumya
o Herr der Rākṣasas, Sanftmütiger
tiṣṭha viśravasaḥ suta
halt ein, Sohn des Viśravas
prītaḥ asmi abhijana-upeta
erfreut bin ich, du von edler Geburt
vikramaiḥ ūrjitaiḥ tava
über deine gewaltigen Heldentaten

viṣṇunā daityaghātaiśca tārkṣyasyoragadharṣaṇaiḥ . tvayā samaramardaiśca bhṛśaṃ hi paritoṣitaḥ .. 4..

Durch Viṣṇus Vernichtungen der Daityas, durch Tārkṣyas Bezwingungen der Schlangen, und durch deine Zermalmungen in der Schlacht bin ich fürwahr sehr zufriedengestellt.

Wort für Wort
viṣṇunā daitya-ghātaiḥ ca
durch Viṣṇus Vernichtungen der Daityas
tārkṣyasya uraga-dharṣaṇaiḥ
durch Tārkṣyas Bezwingungen der Schlangen
tvayā samara-mardaiḥ ca
und durch deine Zermalmungen in der Schlacht
bhṛśaṃ hi paritoṣitaḥ
bin ich fürwahr sehr zufriedengestellt

kiṃ cidvakṣyāmi tāvatte śrotavyaṃ śroṣyase yadi . śrutvā cānantaraṃ kāryaṃ tvayā rākṣasapuṅgava .. 5..

Etwas will ich dir sagen, das gehört werden sollte, wenn du hören willst; und nachdem du es gehört hast, o Stier unter den Rākṣasas, ist die weitere Handlung dir überlassen.

Wort für Wort
kiṃ cit vakṣyāmi tāvat te
etwas will ich dir sagen
śrotavyaṃ śroṣyase yadi
was gehört werden sollte, wenn du hören willst
śrutvā ca anantaraṃ kāryaṃ
und nach dem Hören die weitere Handlung
tvayā rākṣasa-puṅgava
dir überlassen, o Stier unter den Rākṣasas

kimayaṃ vadhyate lokastvayāvadhyena daivataiḥ . hata eva hyayaṃ loko yadā mṛtyuvaśaṃ gataḥ .. 6..

Warum wird diese Welt von dir getötet, der du von den Göttern unbezwingbar bist? Diese Welt ist ja fürwahr schon getötet, da sie in die Gewalt des Todes geraten ist.

Wort für Wort
kim ayaṃ vadhyate lokaḥ
warum wird diese Welt getötet
tvayā avadhyena daivataiḥ
von dir, der von den Göttern unbezwingbar ist
hataḥ eva hi ayaṃ lokaḥ
getötet ist ja fürwahr diese Welt
yadā mṛtyu-vaśaṃ gataḥ
da sie in die Gewalt des Todes geraten ist

paśya tāvanmahābāho rākṣaseśvaramānuṣam . lokamenaṃ vicitrārthaṃ yasya na jñāyate gatiḥ .. 7..

Betrachte doch, Starkarmiger, Herr der Rākṣasas, diese Menschenwelt von mannigfaltigem Belang, deren Gang niemand kennt.

Wort für Wort
paśya tāvat mahābāho
betrachte doch, Starkarmiger
rākṣasa-īśvara mānuṣam
o Herr der Rākṣasas, die menschliche
lokam enaṃ vicitra-arthaṃ
diese Welt von mannigfaltigem Belang
yasya na jñāyate gatiḥ
deren Gang niemand kennt

kva cidvāditranṛttāni sevyante muditairjanaiḥ . rudyate cāparai rātrairdhārāśrunayanānanaiḥ .. 8..

Hier werden Musik und Tänze von frohen Menschen gepflegt, dort weinen andere nachts mit Gesichtern voller Tränenströme aus den Augen.

Wort für Wort
kva cit vāditra-nṛttāni
hier Musik und Tänze
sevyante muditaiḥ janaiḥ
werden gepflegt von frohen Menschen
rudyate ca aparaiḥ rātraiḥ
und dort weinen andere nachts
dhārā-aśru-nayana-ānanaiḥ
mit Gesichtern voller Tränenströme aus den Augen

mātā pitṛsutasnehairbhāryā bandhumanoramaiḥ . mohenāyaṃ jano dhvastaḥ kleśaṃ svaṃ nāvabudhyate .. 9..

Durch Zuneigung zu Mutter, Vater, Sohn, Gattin und Verwandten wird dieses Volk, von Verblendung vernichtet, sich seines eigenen Leidens nicht bewusst.

Wort für Wort
mātā pitṛ-suta-snehaiḥ
durch Zuneigung zu Mutter, Vater, Sohn
bhāryā bandhu-manoramaiḥ
zu Gattin und lieben Verwandten
mohena ayaṃ janaḥ dhvastaḥ
durch Verblendung wird dieses Volk vernichtet
kleśaṃ svaṃ na avabudhyate
es wird sich seines eigenen Leidens nicht bewusst

tatkimevaṃ parikliśya lokaṃ mohanirākṛtam . jita eva tvayā saumya martyaloko na saṃśayaḥ .. 10..

Warum also quälst du auf diese Weise die Welt, die schon von Verblendung zerstört ist? Besiegt ist ja bereits von dir, Sanftmütiger, die Welt der Sterblichen, ohne Zweifel.

Wort für Wort
tat kim evaṃ parikliśya
warum also auf diese Weise quälend
lokaṃ moha-nirākṛtam
die von Verblendung zerstörte Welt
jitaḥ eva tvayā saumya
besiegt ist ja bereits von dir, Sanftmütiger
martya-lokaḥ na saṃśayaḥ
die Welt der Sterblichen, ohne Zweifel

evaṃ kutastu laṅkeśo dīpyamāna ivaujasā . abravīnnāradaṃ tatra samprahasyābhivādya ca .. 11..

So angesprochen erwiderte der Herr von Laṅkā, gleichsam vor Glanz erstrahlend, dem Nārada, lachend und ihn zugleich grüßend:

Wort für Wort
evaṃ kutaḥ tu laṅkeśaḥ
so aber woher, der Herr von Laṅkā
dīpyamānaḥ iva ojasā
gleichsam vor Kraft erstrahlend
abravīt nāradaṃ tatra
sprach dort zu Nārada
samprahasya abhivādya ca
lachend und zugleich grüßend

maharṣe devagandharvavihāra samarapriya . ahaṃ khalūdyato gantuṃ vijayārthī rasātalam .. 12..

„O großer Ṛṣi, der du unter Göttern und Gandharvas wandelst und den Kampf liebst: ich bin fürwahr bereit, aus Siegesbegierde in die Unterwelt Rasātala zu ziehen.

Wort für Wort
maharṣe deva-gandharva-vihāra
o großer Ṛṣi, der unter Göttern und Gandharvas wandelt
samara-priya
der den Kampf liebt
aham khalu udyataḥ gantuṃ
ich bin fürwahr bereit zu ziehen
vijaya-arthī rasātalam
aus Siegesbegierde in die Unterwelt Rasātala

tato lokatrayaṃ jitvā sthāpya nāgānsurānvaśe . samudramamṛtārthaṃ vai mathiṣyāmi rasātalam .. 13..

Nachdem ich die drei Welten besiegt und die Nāgas und Götter mir unterworfen habe, werde ich fürwahr den Ozean quirlen, um Unsterblichkeit zu erlangen, und die Unterwelt Rasātala.

Wort für Wort
tataḥ loka-trayaṃ jitvā
dann, die drei Welten besiegend
sthāpya nāgān surān vaśe
die Nāgas und Götter unter meine Gewalt bringend
samudram amṛta-arthaṃ vai
den Ozean, zum Zweck der Unsterblichkeit fürwahr
mathiṣyāmi rasātalam
werde ich quirlen, die Unterwelt Rasātala

athābravīddaśagrīvaṃ nārado bhagavānṛṣiḥ . kva khalvidānīṃ mārgeṇa tvayānena gamiṣyate .. 14..

Da sprach der erhabene Ṛṣi Nārada zu Daśagrīva: „Wohin denn nun willst du auf diesem Weg gehen?

Wort für Wort
atha abravīt daśagrīvaṃ
da sprach zu Daśagrīva
nāradaḥ bhagavān ṛṣiḥ
Nārada, der erhabene Ṛṣi
kva khalu idānīṃ mārgeṇa
wohin denn nun auf dem Weg
tvayā anena gamiṣyate
wirst du auf diesem gehen

ayaṃ khalu sudurgamyaḥ pitṛrājñaḥ puraṃ prati . mārgo gacchati durdharṣo yamasyāmitrakarśana .. 15..

Dieser Weg fürwahr ist überaus schwer zu passieren, er führt zur Stadt des Königs der Vorväter, unüberwindlich, o Bezwinger der Feinde, zu Yamas Stadt.

Wort für Wort
ayaṃ khalu sudurgamyaḥ
dieser fürwahr überaus schwer zu passierende
pitṛ-rājñaḥ puraṃ prati
zur Stadt des Königs der Vorväter
mārgaḥ gacchati durdharṣaḥ
führt der Weg, unüberwindlich
yamasya amitra-karśana
zu Yama, o Bezwinger der Feinde

sa tu śāradameghābhaṃ muktvā hāsaṃ daśānanaḥ . uvāca kṛtamityeva vacanaṃ cedamabravīt .. 16..

Er aber, der Zehnköpfige, ein Gelächter gleich einer Herbstwolke ausstoßend, sagte „Getan!“ und sprach dieses Wort:

Wort für Wort
saḥ tu śārada-megha-ābhaṃ
er aber, gleich einer Herbstwolke
muktvā hāsaṃ daśānanaḥ
ein Gelächter ausstoßend, der Zehnköpfige
uvāca kṛtam iti eva
sprach: ‚getan‘ fürwahr
vacanaṃ ca idam abravīt
und sprach dieses Wort

tasmādeṣa mahābrahmanvaivasvatavadhodyataḥ . gacchāmi dakṣiṇāmāśāṃ yatra sūryātmajo nṛpaḥ .. 17..

Deshalb, o großer Brahmane, ziehe ich, bereit zur Tötung des Vaivasvata (Yama), in die südliche Richtung, wo der Sonnensohn-Fürst ist.

Wort für Wort
tasmāt eṣaḥ mahābrahman
deshalb, o großer Brahmane
vaivasvata-vadha-udyataḥ
bereit zur Tötung des Vaivasvata
gacchāmi dakṣiṇām āśāṃ
ziehe ich in die südliche Richtung
yatra sūrya-ātmajaḥ nṛpaḥ
wo der Sonnensohn-Fürst ist

mayā hi bhagavankrodhātpratijñātaṃ raṇārthinā . avajeṣyāmi caturo lokapālāniti prabho .. 18..

Denn von mir, o Erhabener, wurde im Zorn, nach Kampf begehrend, gelobt: ‚Ich werde die vier Weltenhüter besiegen‘, o Mächtiger.

Wort für Wort
mayā hi bhagavan krodhāt
denn von mir, o Erhabener, im Zorn
pratijñātaṃ raṇa-arthinā
gelobt, von dem nach Kampf Begehrenden
avajeṣyāmi caturaḥ lokapālān iti
‚ich werde die vier Weltenhüter besiegen‘
prabho
o Mächtiger

tenaiṣa prasthito.ahaṃ vai pitṛrājapuraṃ prati . prāṇisaṅkleśakartāraṃ yojayiṣyāmi mṛtyunā .. 19..

Deshalb bin ich fürwahr aufgebrochen zur Stadt des Königs der Vorväter; den Verursacher des Leidens der Lebewesen werde ich dem Tod ausliefern.

Wort für Wort
tena eṣaḥ prasthitaḥ aham vai
deshalb bin ich fürwahr aufgebrochen
pitṛ-rāja-puraṃ prati
zur Stadt des Königs der Vorväter
prāṇi-saṅkleśa-kartāraṃ
den Verursacher des Leidens der Lebewesen
yojayiṣyāmi mṛtyunā
werde ich dem Tod ausliefern

evamuktvā daśagrīvo muniṃ tamabhivādya ca . prayayau dakṣiṇāmāśāṃ prahṛṣṭaiḥ saha mantribhiḥ .. 20..

So sprechend, jenen Muni grüßend, zog Daśagrīva in die südliche Richtung, zusammen mit seinen hocherfreuten Ministern.

Wort für Wort
evam uktvā daśagrīvaḥ
so sprechend, Daśagrīva
muniṃ tam abhivādya ca
und jenen Muni grüßend
prayayau dakṣiṇām āśāṃ
zog er in die südliche Richtung
prahṛṣṭaiḥ saha mantribhiḥ
zusammen mit seinen hocherfreuten Ministern

nāradastu mahātejā muhūrtaṃ dhyānamāsthitaḥ . cintayāmāsa viprendro vidhūma iva pāvakaḥ .. 21..

Nārada aber, der überaus glanzvolle Fürst der Brahmanen, verharrte einen Augenblick in Meditation und sann nach, wie ein rauchloses Feuer.

Wort für Wort
nāradaḥ tu mahātejāḥ
Nārada aber, der überaus glanzvolle
muhūrtaṃ dhyānam āsthitaḥ
einen Augenblick in Meditation verharrend
cintayāmāsa vipra-indraḥ
sann nach, der Fürst der Brahmanen
vidhūmaḥ iva pāvakaḥ
wie ein rauchloses Feuer

yena lokāstrayaḥ sendrāḥ kliśyante sacarācarāḥ . kṣīṇe cāyuṣi dharme ca sa kālo hiṃsyate katham .. 22..

„Er, durch den die drei Welten samt Indra, samt allem Beweglichen und Unbeweglichen, gequält werden, wenn Lebenszeit und Recht schwinden – wie könnte diese Zeit (Yama) verletzt werden?

Wort für Wort
yena lokāḥ trayaḥ sendrāḥ
durch den die drei Welten samt Indra
kliśyante sa-cara-acarāḥ
gequält werden, samt Beweglichem und Unbeweglichem
kṣīṇe ca āyuṣi dharme ca
wenn Lebenszeit und Recht schwinden
saḥ kālaḥ hiṃsyate katham
wie könnte diese Zeit (Yama) verletzt werden

yasya nityaṃ trayo lokā vidravanti bhayārditāḥ . taṃ kathaṃ rākṣasendro.asau svayamevābhigacchati .. 23..

Vor dem stets die drei Welten, von Furcht gepeinigt, fliehen – wie sucht ihn dieser Herr der Rākṣasas eigens auf?

Wort für Wort
yasya nityaṃ trayaḥ lokāḥ
vor dem stets die drei Welten
vidravanti bhaya-arditāḥ
fliehen, von Furcht gepeinigt
taṃ kathaṃ rākṣasendraḥ asau
wie ihn dieser Herr der Rākṣasas
svayam eva abhigacchati
eigens aufsucht

yo vidhātā ca dhātā ca sukṛte duṣkṛte yathā . trailokyaṃ vijitaṃ yena taṃ kathaṃ nu vijeṣyati .. 24..

Er, der Verfüger und Ordner über Wohl- und Übeltat – ihn, durch den die drei Welten besiegt sind, wie könnte er ihn wohl besiegen?

Wort für Wort
yaḥ vidhātā ca dhātā ca
der Verfüger und Ordner
sukṛte duṣkṛte yathā
über Wohltat und Übeltat
trailokyaṃ vijitaṃ yena
durch den die drei Welten besiegt sind
taṃ kathaṃ nu vijeṣyati
wie könnte er ihn wohl besiegen

aparaṃ kiṃ nu kṛtvaivaṃ vidhānaṃ saṃvidhāsyati . kautūhalasamutpanno yāsyāmi yamasādanam .. 25..

Was für eine weitere Fügung wird er, so handelnd, wohl herbeiführen? Von Neugier ergriffen, will ich zu Yamas Sitz gehen.“

Wort für Wort
aparaṃ kim nu kṛtvā evaṃ
was für eine weitere, so handelnd
vidhānaṃ saṃvidhāsyati
Fügung wird er herbeiführen
kautūhala-samutpannaḥ
von Neugier ergriffen
yāsyāmi yama-sādanam
will ich zu Yamas Sitz gehen

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks