Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Uttarakāṇḍa

Sarga 70: Daṇḍaka-Rāja-Kathanam Die Erzählung von König Daṇḍa

tadadbhutatamaṃ vākyaṃ śrutvāgastyasya rāghavaḥ | gauravādvismayāccaiva bhūyaḥ praṣṭuṃ pracakrame ||

Nachdem der Sohn der Raghus dieses überaus wunderbare Wort des Agastya vernommen hatte, machte er sich, aus Ehrfurcht und ebenso aus Staunen, daran, weiter zu fragen.

Wort für Wort
tat adbhutatamaṃ vākyaṃ
dieses überaus wunderbare Wort
śrutvā agastyasya rāghavaḥ
des Agastya vernehmend, der Sohn der Raghus
gauravāt vismayāt ca eva
aus Ehrfurcht und ebenso aus Staunen
bhūyaḥ praṣṭuṃ pracakrame
machte er sich daran, weiter zu fragen

bhagavaṃstadvanaṃ ghoraṃ tapastapyati yatra saḥ | śveto vaidarbhako rājā kathaṃ tadamṛgadvijam ||

'O Erhabener, wie ward jener schreckliche Wald, in dem der König Śveta von Vidarbha Askese übt, ohne Wild und Vögel?'

Wort für Wort
bhagavan tat vanaṃ ghoraṃ
o Erhabener, jener schreckliche Wald
tapaḥ tapyati yatra saḥ
in dem jener Askese übt
śvetaḥ vaidarbhakaḥ rājā
der König Śveta von Vidarbha
kathaṃ tat amṛgadvijam
wie ward jener ohne Wild und Vögel

niḥsattvaṃ ca vanaṃ jātaṃ śūnyaṃ manujavarjitam | tapaścartuṃ praviṣṭaḥ sa śrotumicchāmi tattvataḥ ||

'Wie ward der Wald leblos, öde und frei von Menschen, in den jener eingetreten ist, um Askese zu üben? Ich wünsche dies der Wahrheit gemäß zu hören.'

Wort für Wort
niḥsattvaṃ ca vanaṃ jātaṃ
wie ward der Wald leblos
śūnyaṃ manujavarjitam
öde, frei von Menschen
tapaḥ cartuṃ praviṣṭaḥ sa
in den jener eingetreten ist, um Askese zu üben
śrotum icchāmi tattvataḥ
ich wünsche dies der Wahrheit gemäß zu hören

rāmasya bhāṣitaṃ śrutvā kautūhalasamanvitam | vākyaṃ paramatejasvī vaktumevopacakrame ||

Nachdem er Rāmas von Neugier erfülltes Wort vernommen hatte, machte sich der überaus Glanzvolle sogleich daran, seine Antwort zu sprechen.

Wort für Wort
rāmasya bhāṣitaṃ śrutvā
Rāmas Rede vernehmend
kautūhalasamanvitam
von Neugier erfüllt
vākyaṃ paramatejasvī
das Wort, der überaus Glanzvolle
vaktum eva upacakrame
begann er sogleich zu sprechen

purā kṛtayuge rāma manurdaṇḍadharaḥ prabhuḥ | tasya putro mahānāsīdikṣvākuḥ kulavardhanaḥ ||

'Einst, im Kṛta-Zeitalter, o Rāma, war Manu, der Herr, der den Stab der Gerechtigkeit führte; sein großer Sohn war Ikṣvāku, der Mehrer des Geschlechts.'

Wort für Wort
purā kṛtayuge rāma
einst im Kṛta-Zeitalter, Rāma
manuḥ daṇḍadharaḥ prabhuḥ
Manu, der Herr, der den Stab führte
tasya putraḥ mahān āsīt
sein großer Sohn war
ikṣvākuḥ kulavardhanaḥ
Ikṣvāku, der Mehrer des Geschlechts

taṃ putraṃ pūrvake rājye nikṣipya bhuvi durjayam | pṛthivyāṃ rājavaṃśānāṃ bhava kartetyuvāca ha ||

'Nachdem er jenen Sohn, auf Erden unbezwingbar, in der angestammten Herrschaft eingesetzt hatte, sprach er: Werde der Begründer der Königsgeschlechter auf Erden!'

Wort für Wort
taṃ putraṃ pūrvake rājye
jenen Sohn in der angestammten Herrschaft
nikṣipya bhuvi durjayam
einsetzend, auf Erden unbezwingbar
pṛthivyāṃ rājavaṃśānāṃ
der Königsgeschlechter auf Erden
bhava kartā iti uvāca ha
'werde der Begründer', sprach er

tatheti ca pratijñātaṃ pituḥ putreṇa rāghava | tataḥ paramasaṃhṛṣṭo manuḥ punaruvāca ha ||

'So sei es', versprach der Sohn dem Vater, o Sohn der Raghus; da sprach Manu, überaus erfreut, wiederum:

Wort für Wort
tathā iti ca pratijñātaṃ
'so sei es', wurde versprochen
pituḥ putreṇa rāghava
dem Vater vom Sohn, Sohn der Raghus
tataḥ paramasaṃhṛṣṭaḥ
da überaus erfreut
manuḥ punaḥ uvāca ha
sprach Manu wiederum

prīto.asmi paramodārakartā cāsi na saṃśayaḥ | daṇḍena ca prajā rakṣa mā ca daṇḍamakāraṇe ||

'Erfreut bin ich, und du wirst ein überaus edler Herrscher sein, ohne Zweifel; beschütze die Untertanen mit der Zuchtrute, doch lege nicht ohne Grund die Strafe auf.'

Wort für Wort
prītaḥ asmi
erfreut bin ich
paramodārakartā ca asi na saṃśayaḥ
und du wirst ein überaus edler Herrscher sein, ohne Zweifel
daṇḍena ca prajā rakṣa
und beschütze die Untertanen mit der Zuchtrute
mā ca daṇḍam akāraṇe
und lege nicht ohne Grund die Strafe auf

aparādhiṣu yo daṇḍaḥ pātyate mānaveṣu vai | sa daṇḍo vidhivanmuktaḥ svargaṃ nayati pārthivam ||

'Die Strafe, die an Schuldigen unter den Menschen vollzogen wird, jene Strafe, vorschriftsgemäß verhängt, führt den König zum Himmel.'

Wort für Wort
aparādhiṣu yaḥ daṇḍaḥ
die Strafe, die an Schuldigen
pātyate mānaveṣu vai
vollzogen wird unter den Menschen
sa daṇḍaḥ vidhivat muktaḥ
jene Strafe, vorschriftsgemäß verhängt
svargaṃ nayati pārthivam
führt den König zum Himmel

tasmāddaṇḍe mahābāho yatnavānbhava putraka | dharmo hi paramo loke kurvatste bhaviṣyati ||

'Darum sei eifrig bemüht um die Strafe, o Starkarmiger, mein Sohn; die höchste Pflicht in der Welt wird dir zuteil werden, wenn du sie ausübst.'

Wort für Wort
tasmāt daṇḍe mahābāho
darum um die Strafe, Starkarmiger
yatnavān bhava putraka
sei eifrig bemüht, mein Sohn
dharmaḥ hi paramaḥ loke
die höchste Pflicht in der Welt ja
kurvataḥ te bhaviṣyati
wird dir, der du sie übst, zuteil werden

iti taṃ bahu sandiśya manuḥ putraṃ samādhinā | jagāma tridivaṃ hṛṣṭo brahmalokamanuttamam ||

So, nachdem er seinem Sohn vieles mit gesammeltem Sinn aufgetragen hatte, ging Manu, erfreut, zum Himmel ein, in die höchste Brahma-Welt.

Wort für Wort
iti taṃ bahu sandiśya
so, nachdem er ihm vieles aufgetragen hatte
manuḥ putraṃ samādhinā
Manu dem Sohn, mit gesammeltem Sinn
jagāma tridivaṃ hṛṣṭaḥ
ging erfreut zum Himmel ein
brahmalokam anuttamam
in die höchste Brahma-Welt

prayāte tridive tasminnikṣvākuramitaprabhaḥ | janayiṣye kathaṃ putrāniti cintāparo.abhavat ||

Als jener zum Himmel eingegangen war, ward Ikṣvāku, von unermesslichem Glanz, von der Sorge erfüllt: 'Wie soll ich Söhne zeugen?'

Wort für Wort
prayāte tridive tasmin
als jener zum Himmel eingegangen war
ikṣvākuḥ amitaprabhaḥ
Ikṣvāku, von unermesslichem Glanz
janayiṣye kathaṃ putrān
'wie soll ich Söhne zeugen'
iti cintāparaḥ abhavat
ward von dieser Sorge erfüllt

karmabhirbahurūpaiśca taistairmanusutaḥ sutān | janayāmāsa dharmātmā śataṃ devasutopamān ||

Durch mannigfaltige Riten zeugte der pflichttreue Sohn des Manu hundert Söhne, den Söhnen der Götter gleich.

Wort für Wort
karmabhiḥ bahurūpaiḥ ca
durch mannigfaltige Riten
taiḥ taiḥ manusutaḥ sutān
durch diese der Sohn des Manu Söhne
janayāmāsa dharmātmā
zeugte der pflichttreue
śataṃ devasutopamān
hundert, den Göttersöhnen gleich

teṣāmavarajastāta sarveṣāṃ raghunandana | mūḍhaścākṛtividyaśca na śuśrūṣati pūrvajān ||

Der jüngste von all diesen, mein Lieber, Spross der Raghus, war töricht und ohne Bildung und gehorchte den älteren Brüdern nicht.

Wort für Wort
teṣām avarajaḥ tāta
der jüngste von diesen, mein Lieber
sarveṣāṃ raghunandana
von allen, Spross der Raghus
mūḍhaḥ ca akṛtavidyaḥ ca
töricht und ohne Bildung
na śuśrūṣati pūrvajān
gehorchte den älteren Brüdern nicht

nāma tasya ca daṇḍeti pitā cakre.alpatejasaḥ | avaśyaṃ daṇḍapatanaṃ śarīre.asya bhaviṣyati ||

Und der Vater gab ihm, dem von geringem Glanz, den Namen Daṇḍa: 'Unweigerlich wird der Fall der Strafe auf seinen Leib kommen.'

Wort für Wort
nāma tasya ca daṇḍa iti
und dessen Name sei Daṇḍa
pitā cakre alpatejasaḥ
gab der Vater dem von geringem Glanz
avaśyaṃ daṇḍapatanaṃ
unweigerlich der Fall der Strafe
śarīre asya bhaviṣyati
wird auf seinen Leib kommen

sa paśyamānastaṃ doṣaṃ ghoraṃ putrasya rāghava | vindhhhya śaivalayormadhye rājyaṃ prādādarindama ||

Da er diesen schrecklichen Fehler seines Sohnes erkannte, o Sohn der Raghus, gab er ihm, dem Bezwinger der Feinde, ein Reich zwischen dem Vindhya- und dem Śaivala-Gebirge.

Wort für Wort
sa paśyamānaḥ taṃ doṣaṃ
er, diesen Fehler erkennend
ghoraṃ putrasya rāghava
den schrecklichen des Sohnes, Sohn der Raghus
vindhyaśaivalayoḥ madhye
zwischen Vindhya und Śaivala
rājyaṃ prādāt arindama
gab er das Reich, o Bezwinger der Feinde

sa daṇḍastatra rājābhūdramye parvatarodhasi | puraṃ cāpratimaṃ rāma nyaveśayadanuttamam ||

Jener Daṇḍa ward dort König an dem lieblichen Berghang, und er gründete, o Rāma, eine unvergleichliche, höchste Stadt.

Wort für Wort
sa daṇḍaḥ tatra rājā abhūt
jener Daṇḍa ward dort König
ramye parvatarodhasi
an dem lieblichen Berghang
puraṃ ca apratimaṃ rāma
und eine unvergleichliche Stadt, Rāma
nyaveśayat anuttamam
gründete er, höchste

purasya cākaronnāma madhumantamiti prabho | purohitaṃ cośanasaṃ varayāmāsa suvratam ||

Und er gab der Stadt den Namen Madhumanta, o Herr, und wählte den frommen Uśanas zu seinem Hauspriester.

Wort für Wort
purasya ca akarot nāma
und der Stadt gab er den Namen
madhumantam iti prabho
Madhumanta, o Herr
purohitaṃ ca uśanasaṃ
und zum Hauspriester Uśanas
varayāmāsa suvratam
wählte er, den frommen

evaṃ sa rājā tadrājyaṃ kārayatsapurohitaḥ | prahṛṣṭamanujākīrṇaṃ devarājyaṃ yathā divi ||

So regierte jener König, zusammen mit seinem Hauspriester, jenes Reich, erfüllt von hocherfreuten Menschen, wie das Reich der Götter im Himmel.

Wort für Wort
evaṃ sa rājā tat rājyaṃ
so jener König jenes Reich
kārayat sapurohitaḥ
regierte, mit seinem Hauspriester
prahṛṣṭamanujākīrṇaṃ
erfüllt von hocherfreuten Menschen
devarājyaṃ yathā divi
wie das Reich der Götter im Himmel

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks