Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Uttarakāṇḍa

Sarga 47: Sītā-Vilāpaḥ Sītās Klage am Gaṅgā-Ufer

lakṣmaṇasya vacaḥ śrutvā dāruṇaṃ janakātmajā . paraṃ viṣādamāgamya vaidehī nipapāta ha ..1..

Als sie Lakṣmaṇas furchtbares Wort vernommen hatte, verfiel die Tochter Janakas, die Vaidehī, in höchste Verzweiflung und sank zu Boden.

Wort für Wort
lakṣmaṇasya vacaḥ śrutvā
Lakṣmaṇas Wort vernommen habend
dāruṇaṃ janakātmajā
das furchtbare, die Tochter Janakas
paraṃ viṣādam āgamya
in höchste Verzweiflung geraten
vaidehī nipapāta ha
sank die Vaidehī nieder, fürwahr

sā muhūrtamivāsaṃjñā bāṣpavyākulitekṣaṇā . lakṣmaṇaṃ dīnayā vācā uvāca janakātmajā ..2..

Sie, wie einen Augenblick besinnungslos, mit von Tränen verwirrten Augen, sprach, die Tochter Janakas, mit klagender Stimme zu Lakṣmaṇa:

Wort für Wort
sā muhūrtam iva asaṃjñā
sie, wie einen Augenblick besinnungslos
bāṣpavyākulitekṣaṇā
mit von Tränen verwirrten Augen
lakṣmaṇaṃ dīnayā vācā
zu Lakṣmaṇa mit klagender Stimme
uvāca janakātmajā
sprach die Tochter Janakas

māmikeyaṃ tanurnūnaṃ sṛṣṭā duḥkhāya lakṣmaṇa . dhātrā yasyāstathā me.adya duḥkhamūrtiḥ pradṛśyate ..3..

'Dieser mein Körper, o Lakṣmaṇa, wurde gewiss vom Schöpfer zum Leiden geschaffen — dessen Verkörperung des Leidens sich mir heute so offenbart.'

Wort für Wort
māmikā iyaṃ tanuḥ nūnaṃ
dieser mein Körper gewiss
sṛṣṭā duḥkhāya lakṣmaṇa
geschaffen zum Leiden, o Lakṣmaṇa
dhātrā yasyāḥ tathā me adya
vom Schöpfer, dessen mir heute so
duḥkhamūrtiḥ pradṛśyate
die Verkörperung des Leidens sich zeigt

kiṃ nu pāpaṃ kṛtaṃ pūrvaṃ ko vā dārairviyojitaḥ . yāhaṃ śuddha samācārā tyaktā nṛpatinā satī ..4..

'Welche Sünde habe ich wohl früher begangen, oder wer wurde je von seiner Gattin getrennt, wie ich, die reinen Wandels bin, tugendhaft, nun vom König verstoßen worden bin?'

Wort für Wort
kiṃ nu pāpaṃ kṛtaṃ pūrvaṃ
welche Sünde wurde wohl früher begangen
ko vā dāraiḥ viyojitaḥ
oder wer wurde von seiner Gattin getrennt
yā ahaṃ śuddha samācārā
die ich, von reinem Wandel
tyaktā nṛpatinā satī
vom König verstoßen, tugendhaft

purāhamāśrame vāsaṃ rāmapādānuvartinī . anurudhyāpi saumitre duḥkhe viparivartinī ..5..

'Einst begehrte ich, Rāmas Füßen folgend, ein Leben im Āśrama, o Saumitri, obwohl ich schon damals im Kummer weilte.'

Wort für Wort
purā aham āśrame vāsaṃ
einst ich ein Leben im Āśrama
rāmapādānuvartinī
Rāmas Füßen folgend
anurudhya api saumitre
erbittend, sogar, o Saumitri
duḥkhe viparivartinī
im Kummer weilend

sā kathaṃ hyāśrame saumya vatsyāmi vijanīkṛtā . ākhyāsyāmi ca kasyāhaṃ duḥkhaṃ duḥkhaparāyaṇā ..6..

'Wie soll ich nun, im Āśrama, o Sanftmütiger, allein gelassen, wohnen? Und wem soll ich mein Leid mitteilen, ich, dem Leid Verfallene?'

Wort für Wort
sā kathaṃ hi āśrame saumya
wie soll ich nun im Āśrama, o Sanftmütiger
vatsyāmi vijanīkṛtā
wohnen, allein gelassen
ākhyāsyāmi ca kasya ahaṃ
und wem soll ich mitteilen, ich
duḥkhaṃ duḥkhaparāyaṇā
mein Leid, dem Leid Verfallene

kiṃ ca vakṣyāmi muniṣu kiṃ mayāpakṛtaṃ nṛpe . kasminvā kāraṇe tyaktā rāghaveṇa mahātmanā ..7..

'Und was soll ich den Weisen sagen? Was habe ich dem König zuleide getan? Aus welchem Grund wurde ich von dem hochgesinnten Rāghava verstoßen?'

Wort für Wort
kiṃ ca vakṣyāmi muniṣu
und was soll ich den Weisen sagen
kiṃ mayā apakṛtaṃ nṛpe
was habe ich dem König zuleide getan
kasmin vā kāraṇe tyaktā
aus welchem Grund verstoßen
rāghaveṇa mahātmanā
von dem hochgesinnten Rāghava

na khalvadyaiva saumitre jīvitaṃ jāhnavī jale . tyajeyaṃ rājavaṃśastu bharturme parihāsyate ..8..

'Doch will ich, o Saumitri, nicht schon heute mein Leben in den Wassern der Jāhnavī aufgeben; denn dann würde das Königsgeschlecht meines Gatten der Verhöhnung preisgegeben.'

Wort für Wort
na khalu adya eva saumitre
nicht schon heute wahrlich, o Saumitri
jīvitaṃ jāhnavī jale
das Leben in den Wassern der Jāhnavī
tyajeyaṃ rājavaṃśaḥ tu
will ich aufgeben, denn das Königsgeschlecht
bhartuḥ me parihāsyate
meines Gatten würde verhöhnt werden

yathājñāṃ kuru saumitre tyaja māṃ duḥkhabhāginīm . nideśe sthīyatāṃ rājñaḥ śṛṇu cedaṃ vaco mama ..9..

'Handle nach dem Befehl, o Saumitri; verlasse mich, die Leidgeprüfte; man verbleibe im Gebot des Königs. Doch höre auch dieses mein Wort:'

Wort für Wort
yathājñāṃ kuru saumitre
handle nach dem Befehl, o Saumitri
tyaja māṃ duḥkhabhāginīm
verlasse mich, die Leidgeprüfte
nideśe sthīyatāṃ rājñaḥ
man verbleibe im Gebot des Königs
śṛṇu ca idaṃ vaco mama
und höre dieses mein Wort

śvaśrūṇāmaviśeṣeṇa prāñjaliḥ pragraheṇa ca . śirasā vandya caraṇau kuśalaṃ brūhi pārthivam ..10..

'Verneige dich mit gefalteten Händen, ehrerbietig, mit dem Haupt vor den Füßen aller meiner Schwiegermütter ohne Unterschied, und wünsche dem Herrscher Wohlergehen.'

Wort für Wort
śvaśrūṇām aviśeṣeṇa
der Schwiegermütter, ohne Unterschied
prāñjaliḥ pragraheṇa ca
mit gefalteten Händen und mit Ehrerbietung
śirasā vandya caraṇau
mit dem Haupt die Füße verehrend
kuśalaṃ brūhi pārthivam
wünsche Wohlergehen dem Herrscher

yathā bhrātṛṣu vartethāstathā paureṣu nityadā . paramo hyeṣa dharmaḥ syādeṣā kīrtiranuttamā ..11..

'Wie du dich gegenüber deinen Brüdern verhältst, so verhalte dich auch stets gegenüber den Bürgern; dies wäre die höchste Pflicht, dies der unübertroffene Ruhm.'

Wort für Wort
yathā bhrātṛṣu vartethāḥ
wie du dich gegenüber den Brüdern verhältst
tathā paureṣu nityadā
so auch gegenüber den Bürgern stets
paramo hi eṣa dharmaḥ syāt
dies wäre fürwahr die höchste Pflicht
eṣā kīrtiḥ anuttamā
dies der unübertroffene Ruhm

yattvaṃ paurajanaṃ rājandharmeṇa samavāpnuyāḥ . ahaṃ tu nānuśocāmi svaśarīraṃ nararṣabha . yathāpavādaṃ paurāṇāṃ tathaiva raghunandana ..12..

'Dass du, o König, das Volk der Bürger durch Rechtschaffenheit gewinnst, ist meine Bitte. Ich aber betrauere nicht meinen eigenen Körper, Stier unter den Männern — sowie es die Verleumdung der Bürger will, so soll es geschehen, Freudenspender der Raghus.'

Wort für Wort
yat tvaṃ paurajanaṃ rājan
dass du, o König, das Volk der Bürger
dharmeṇa samavāpnuyāḥ
durch Rechtschaffenheit gewinnst
ahaṃ tu na anuśocāmi
ich aber betrauere nicht
svaśarīraṃ nararṣabha
meinen eigenen Körper, Stier unter den Männern
yathā apavādaṃ paurāṇāṃ
wie es die Verleumdung der Bürger will
tathā eva raghunandana
so eben, Freudenspender der Raghus

evaṃ bruvantyāṃ sītāyāṃ lakṣmaṇo dīnacetanaḥ . śirasā dharaṇīṃ gatvā vyāhartuṃ na śaśāka ha ..13..

Während Sītā so sprach, vermochte Lakṣmaṇa, betrübten Sinnes, mit dem Haupt zur Erde gesunken, nicht mehr zu sprechen.

Wort für Wort
evaṃ bruvantyāṃ sītāyāṃ
während so Sītā sprach
lakṣmaṇo dīnacetanaḥ
Lakṣmaṇa, betrübten Sinnes
śirasā dharaṇīṃ gatvā
mit dem Haupt zur Erde gesunken
vyāhartuṃ na śaśāka ha
vermochte er nicht mehr zu sprechen, fürwahr

pradakṣiṇaṃ ca kṛtvā sa rudanneva mahāsvanam . āruroha punarnāvaṃ nāvikaṃ cābhyacodayat ..14..

Und nachdem er sie umschritten hatte, nur weinend, mit lauter Stimme, bestieg er wieder das Boot und trieb den Bootsmann an.

Wort für Wort
pradakṣiṇaṃ ca kṛtvā
und die Umschreitung vollzogen habend
sa rudan eva mahāsvanam
er, nur weinend, mit lauter Stimme
āruroha punaḥ nāvaṃ
bestieg wieder das Boot
nāvikaṃ ca abhyacodayat
und trieb den Bootsmann an

sa gatvā cottaraṃ kūlaṃ śokabhārasamanvitaḥ . saṃmūḍha iva duḥkhena rathamadhyāruhaddrutam ..15..

Nachdem er zum nördlichen Ufer gefahren war, von der Last des Kummers erfüllt, wie betäubt vor Leid, bestieg er eilends den Wagen.

Wort für Wort
sa gatvā ca uttaraṃ kūlaṃ
er, gefahren zum nördlichen Ufer
śokabhārasamanvitaḥ
von der Last des Kummers erfüllt
saṃmūḍha iva duḥkhena
wie betäubt vor Leid
ratham adhyāruhat drutam
bestieg eilends den Wagen

muhurmuhurapāvṛtya dṛṣṭvā sītāmanāthavat . veṣṭantīṃ paratīrasthāṃ lakṣmaṇaḥ prayayāvatha ..16..

Immer wieder sich umwendend, Sītā erblickend, wie eine Herrenlose, die sich am jenseitigen Ufer wand, fuhr Lakṣmaṇa da davon.

Wort für Wort
muhurmuhur apāvṛtya
immer wieder sich umwendend
dṛṣṭvā sītām anāthavat
Sītā erblickend, wie eine Herrenlose
veṣṭantīṃ paratīrasthāṃ
die sich wand, am jenseitigen Ufer weilend
lakṣmaṇaḥ prayayau atha
fuhr Lakṣmaṇa da davon

dūrasthaṃ rathamālokya lakṣmaṇaṃ ca muhurmuhuḥ . nirīkṣamāṇāmudvignāṃ sītāṃ śokaḥ samāviśat ..17..

Den in der Ferne stehenden Wagen erblickend, und immer wieder nach Lakṣmaṇa ausschauend, ergriff Kummer die erschütterte, ausspähende Sītā.

Wort für Wort
dūrasthaṃ ratham ālokya
den in der Ferne stehenden Wagen erblickend
lakṣmaṇaṃ ca muhurmuhuḥ
und immer wieder nach Lakṣmaṇa
nirīkṣamāṇām udvignāṃ
die ausspähende, erschütterte
sītāṃ śokaḥ samāviśat
ergriff Kummer die Sītā

sā duḥkhabhārāvanatā tapasvinī yaśodharā nāthamapaśyatī satī . ruroda sā barhiṇanādite vane mahāsvanaṃ duḥkhaparāyaṇā satī ..18..

Sie, von der Last des Leides gebeugt, die Büßerin, die Ruhmreiche, ihren Herrn nicht mehr erblickend, die Tugendhafte, weinte im vom Schrei der Pfauen widerhallenden Wald mit lauter Stimme, dem Leid ganz verfallen, die Tugendhafte.

Wort für Wort
sā duḥkhabhārāvanatā
sie, von der Last des Leides gebeugt
tapasvinī yaśodharā
die Büßerin, die Ruhmreiche
nātham apaśyatī satī
ihren Herrn nicht erblickend, die Tugendhafte
ruroda sā barhiṇanādite vane
weinte sie im vom Pfauenschrei erfüllten Wald
mahāsvanaṃ duḥkhaparāyaṇā satī
mit lauter Stimme, dem Leid verfallen, die Tugendhafte

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