Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Uttarakāṇḍa

Sarga 64: Brāhmaṇa-Putra-Mṛtyu-Vilāpaḥ Die Klage des Brahmanen über den Tod seines Sohnes

prasthāpya tu sa śatrughnaṃ bhrātṛbhyāṃ saha rāghavaḥ | pramumoda sukhī rājyaṃ dharmeṇa paripālayan ||

Nachdem er Śatrughna zusammen mit seinen Brüdern entsandt hatte, freute sich der Sohn der Raghus, glücklich das Reich der Pflicht gemäß beschützend.

Wort für Wort
prasthāpya tu sa śatrughnaṃ
nachdem er Śatrughna entsandt hatte
bhrātṛbhyāṃ saha rāghavaḥ
zusammen mit den Brüdern, der Sohn der Raghus
pramumoda sukhī
freute sich glücklich
rājyaṃ dharmeṇa paripālayan
das Reich der Pflicht gemäß beschützend

tataḥ katipayāhaḥsu vṛddho jānapado dvijaḥ | śavaṃ bālamupādāya rājadvāramupāgamat ||

Dann, nach einigen Tagen, kam ein alter Brahmane aus dem Land, den Leichnam eines Knaben tragend, zum Tor des Königspalastes.

Wort für Wort
tataḥ katipayāhaḥsu
dann, nach einigen Tagen
vṛddhaḥ jānapadaḥ dvijaḥ
ein alter Brahmane aus dem Land
śavaṃ bālam upādāya
den Leichnam eines Knaben tragend
rājadvāram upāgamat
kam er zum Tor des Königspalastes

rudanbahuvidhā vācaḥ snehākṣarasamanvitāḥ | asakṛtputraputreti vākyametaduvāca ha ||

Weinend sprach er vielerlei Worte, voller Liebe erfüllter Silben, und rief immer wieder dieses Wort: 'Mein Sohn, mein Sohn!'

Wort für Wort
rudan bahuvidhāḥ vācaḥ
weinend vielerlei Worte
snehākṣarasamanvitāḥ
voller liebevoller Silben
asakṛt putra putra iti
immer wieder 'Sohn, Sohn'
vākyam etat uvāca ha
sprach er dieses Wort

kiṃ nu me duṣkṛtaṃ karma pūrvaṃ dehāntare kṛtam | yadahaṃ putramekaṃ tvāṃ paśyāmi nidhanaṃ gatam ||

'Welch üble Tat habe ich wohl in einem früheren Leben begangen, dass ich dich, meinen einzigen Sohn, dem Tod verfallen sehen muss?'

Wort für Wort
kiṃ nu me duṣkṛtaṃ karma
welch üble Tat habe ich wohl
pūrvaṃ dehāntare kṛtam
in einem früheren Leben begangen
yat ahaṃ putram ekaṃ tvāṃ
dass ich dich, den einzigen Sohn
paśyāmi nidhanaṃ gatam
dem Tod verfallen sehen muss

aprāptayauvanaṃ bālaṃ pañcavarṣasamanvitam | akāle kālamāpannaṃ duḥkhāya mama putraka ||

'Ein Knabe, der die Jugend noch nicht erreicht hatte, erst fünf Jahre alt, ist zu Leid mir vorzeitig dem Tode verfallen, mein Söhnchen.'

Wort für Wort
aprāptayauvanaṃ bālaṃ
ein Knabe, der die Jugend noch nicht erreicht hatte
pañcavarṣasamanvitam
erst fünf Jahre alt
akāle kālam āpannaṃ
vorzeitig dem Tode verfallen
duḥkhāya mama putraka
zu Leid mir, mein Söhnchen

alpairahobhirnidhanaṃ gamiṣyāmi na saṃśayaḥ | ahaṃ ca jananī caiva tava śokena putraka ||

'In wenigen Tagen werde ich, ohne Zweifel, sterben, und auch deine Mutter, aus Kummer um dich, mein Söhnchen.'

Wort für Wort
alpaiḥ ahobhiḥ nidhanaṃ
in wenigen Tagen dem Tod
gamiṣyāmi na saṃśayaḥ
werde ich verfallen, ohne Zweifel
ahaṃ ca jananī ca eva
ich und auch die Mutter
tava śokena putraka
aus Kummer um dich, mein Söhnchen

na smarāmyanṛtaṃ hyuktaṃ na ca hiṃsāṃ smarāmyaham | kena me duṣkṛtenādya bāla eva mamātmajaḥ | akṛtvā pitṛkāryāṇi nīto vaivasvatakṣayam ||

'Ich erinnere mich nicht, je Unwahres gesprochen zu haben, noch erinnere ich mich an eine Gewalttat; durch welche üble Tat ist heute mein Sohn, noch ein Knabe, ohne die Ahnenriten vollzogen zu haben, in das Reich des Vaivasvata geführt worden?'

Wort für Wort
na smarāmi anṛtaṃ hi uktaṃ
ich erinnere mich nicht, je Unwahres gesprochen zu haben
na ca hiṃsāṃ smarāmi aham
noch erinnere ich mich an eine Gewalttat
kena me duṣkṛtena adya
durch welche üble Tat heute
bālaḥ eva mama ātmajaḥ
mein Sohn, noch ein Knabe
akṛtvā pitṛkāryāṇi
ohne die Ahnenriten vollzogen zu haben
nītaḥ vaivasvatakṣayam
in das Reich des Vaivasvata geführt

nedṛśaṃ dṛṣṭapūrvaṃ me śrutaṃ vā ghoradarśanam | mṛtyuraprāptakālānāṃ rāmasya viṣaye yathā ||

'Niemals zuvor habe ich Solches gesehen oder von einem so schrecklichen Anblick gehört, wie den Tod Unzeitiger im Reiche Rāmas.'

Wort für Wort
na īdṛśaṃ dṛṣṭapūrvaṃ me
nicht Solches habe ich zuvor gesehen
śrutaṃ vā ghoradarśanam
noch von einem so schrecklichen Anblick gehört
mṛtyuḥ aprāptakālānāṃ
der Tod der Unzeitigen
rāmasya viṣaye yathā
wie im Reiche Rāmas

rāmasya duṣkṛtaṃ kiṃ cinmahadasti na saṃśayaḥ | tvaṃ rājañjīvayasvainaṃ bālaṃ mṛtyuvaśaṃ gatam ||

'Gewiss besteht irgendein großes Vergehen Rāmas, ohne Zweifel; o König, erwecke diesen Knaben, der dem Tode verfallen ist, wieder zum Leben!'

Wort für Wort
rāmasya duṣkṛtaṃ kiṃcit
irgendein Vergehen Rāmas
mahat asti na saṃśayaḥ
besteht groß, ohne Zweifel
tvaṃ rājan jīvayasva enaṃ
o König, erwecke diesen
bālaṃ mṛtyuvaśaṃ gatam
Knaben, der dem Tode verfallen ist

bhrātṛbhiḥ sahito rājandīrghamāyuravāpnuhi | uṣitāḥ sma sukhaṃ rājye tavāsminsumahābala ||

'Erlange, o König, zusammen mit deinen Brüdern langes Leben; glücklich haben wir in diesem deinem Reich gelebt, o Hochgewaltiger.'

Wort für Wort
bhrātṛbhiḥ sahitaḥ rājan
zusammen mit den Brüdern, o König
dīrgham āyuḥ avāpnuhi
erlange langes Leben
uṣitāḥ sma sukhaṃ rājye
glücklich haben wir im Reiche gelebt
tava asmin sumahābala
in diesem deinem, o Hochgewaltiger

sampratyanātho viṣaya ikṣvākūṇāṃ mahātmanām | rāmaṃ nāthamihāsādya bālāntakaraṇaṃ nṛpam ||

'Nun, da es Rāma, den kindestötenden König, hier zum Beschützer erhalten hat, ist das Reich der großherzigen Ikṣvākus in Wahrheit ohne Beschützer.'

Wort für Wort
samprati anāthaḥ viṣayaḥ
nunmehr ist das Reich ohne Beschützer
ikṣvākūṇāṃ mahātmanām
der großherzigen Ikṣvākus
rāmaṃ nātham iha āsādya
da es Rāma als Beschützer hier erhalten hat
bālāntakaraṇaṃ nṛpam
den kindestötenden König

rājadoṣairvipadyante prajā hyavidhipālitāḥ | asadvṛtte tu nṛpatāvakāle mriyate janaḥ ||

'Durch Fehler des Königs gehen die Untertanen zugrunde, wenn sie nicht der Vorschrift gemäß beschützt werden; wenn der König sich schlecht verhält, stirbt das Volk vor der Zeit.'

Wort für Wort
rājadoṣaiḥ vipadyante
durch Fehler des Königs gehen zugrunde
prajāḥ hi avidhipālitāḥ
die Untertanen, wenn nicht vorschriftsgemäß beschützt
asadvṛtte tu nṛpatau
wenn aber der König sich schlecht verhält
akāle mriyate janaḥ
stirbt das Volk vor der Zeit

yadā pureṣvayuktāni janā janapadeśu ca | kurvate na ca rakṣāsti tadākālakṛtaṃ bhayam ||

'Wenn die Menschen in den Städten und im Land Unrechtes tun und kein Schutz vorhanden ist, dann entsteht die von Unzeitigem bewirkte Gefahr.'

Wort für Wort
yadā pureṣu ayuktāni
wenn in den Städten Unrechtes
janāḥ janapadeṣu ca
die Menschen und im Land
kurvate na ca rakṣā asti
tun und kein Schutz vorhanden ist
tadā akālakṛtaṃ bhayam
dann entsteht die unzeitige Gefahr

savyaktaṃ rājadoṣo.ayaṃ bhaviṣyati na saṃśayaḥ | pure janapade vāpi tadā bālavadho hyayam ||

'Offenkundig wird dies ein Fehler des Königs sein, ohne Zweifel; denn dieser Tod des Kindes, sei es in der Stadt oder im Land, ist dessen Folge.'

Wort für Wort
savyaktaṃ rājadoṣaḥ ayaṃ
offenkundig ist dies ein Fehler des Königs
bhaviṣyati na saṃśayaḥ
wird es sein, ohne Zweifel
pure janapade vā api
in der Stadt oder auch im Land
tadā bālavadhaḥ hi ayam
denn dieser Tod des Kindes

evaṃ bahuvidhairvākyairnindayāno muhurmuhuḥ | rājānaṃ duḥkhasantaptaḥ sutaṃ tamupagūhati ||

So, mit vielerlei Worten den König immer wieder tadelnd, umarmte der von Leid Versengte immer wieder seinen Sohn.

Wort für Wort
evaṃ bahuvidhaiḥ vākyaiḥ
so mit vielerlei Worten
nindayānaḥ muhur muhuḥ
immer wieder tadelnd
rājānaṃ duḥkhasantaptaḥ
den König, von Leid versengt
sutaṃ tam upagūhati
umarmt er jenen Sohn

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