indra uvāca evam etad brahmabalaṃ garīyo; na brahmataḥ kiṃ cid anyad garīyaḥ āvikṣitasya tu balaṃ na mṛṣye; vajram asmai prahariṣyāmi ghoram
Indra sprach: 'So ist es - die Kraft des Brahman wiegt schwerer, nichts anderes wiegt schwerer als das Brahman. Doch die Macht des Sohnes Avikṣits ertrage ich nicht - ich werde den furchtbaren Vajra gegen ihn schleudern.'
'Dhṛtarāṣṭra, geh, ausgesandt, zu Marutta, der mit Saṃvarta verbündet ist, und sprich zu ihm; unterweise ihn, Bṛhaspati [anzunehmen], o König - sonst werde ich den furchtbaren Vajra gegen dich schleudern.'
Wort für Wort
prahitaḥ
ausgesandt (PPP Nom. Sg.)
upaśikṣasva
unterweise! (Imperativ 2.Sg. Med.)
Dieser Dhṛtarāṣṭra ist ein Gandharva (der bereits in Kap.9 als 'gandharvarāṭ' angekündigte Bote), nicht der blinde König gleichen Namens.
Vyāsa sprach: Da ging Dhṛtarāṣṭra zu dem Herrscher der Menschen und sprach dieses Wort Vāsavas: 'Wisse, dass ich der Gandharva Dhṛtarāṣṭra bin, o Herrscher der Menschen, der gekommen ist, um mit dir zu sprechen.'
Wort für Wort
vaktukāmam
wünschend zu sprechen (Desiderativ Part. Akk. Sg.)
aindraṃ vākyaṃ śṛṇu me rājasiṃha; yat prāha lokādhipatir mahātmā bṛhaspatiṃ yājakaṃ tvaṃ vṛṇīṣva; vajraṃ vā te prahariṣyāmi ghoram vacaś ced etan na kariṣyase me; prāhaitad etāvad acintyakarmā
'Höre von mir das Wort Indras, o Löwe unter den Königen, das der hochgesinnte Herr der Welt gesprochen hat: Wähle du Bṛhaspati als deinen Opferpriester - oder ich werde den furchtbaren Vajra gegen dich schleudern. Wenn du dies mein Wort nicht befolgen wirst - so viel hat er gesprochen, er, dessen Taten unvorstellbar sind.'
marutta uvāca tvaṃ caivaitad vettha puraṃdaraś ca; viśvedevā vasavaś cāśvinau ca mitradrohe niṣkṛtir vai yathaiva; nāstīti lokeṣu sadaiva vādaḥ
Marutta sprach: 'Du selbst weißt dies, und ebenso Puraṃdara, die Viśvedevas, die Vasus und die beiden Aśvins: dass es für den Verrat an einem Freund keine Sühne gibt - so lautet stets die Rede in den Welten.'
bṛhaspatir yājayitā mahendraṃ; devaśreṣṭhaṃ vajrabhṛtāṃ variṣṭham saṃvarto māṃ yājayitādya rājan; na te vākyaṃ tasya vā rocayāmi
'Bṛhaspati möge für den großen Indra opfern, den Besten der Götter, den Vorzüglichsten der Vajra-Träger; Saṃvarta soll heute für mich opfern, o König - weder dein Wort noch seines gefällt mir.'
Der Gandharva sprach: 'Ein furchtbares Getöse Vāsavas ist zu hören, der im Himmelsgewölbe donnert, o Löwe unter den Königen; deutlich wird der große Indra den Vajra gegen dich loslassen - bedenke dein Heil, o König, dies ist die Zeit dazu.'
Vyāsa sprach: So von Dhṛtarāṣṭra angesprochen, und als er das Getöse des donnernden Vāsava gehört hatte, unterrichtete der König jenen Saṃvarta, den ständig in Askese Verharrenden, den Vorzüglichsten der Kenner des Dharma, von der Angelegenheit.
Wort für Wort
taponityam
ständig in Askese verharrend (Akk. Sg.)
jñāpayām āsa
er unterrichtete, ließ wissen (periphrastisches Perfekt Kaus.)
Marutta sprach: 'Dieses Geschoss, aus der Ferne herbeischwebend - deshalb ist der Weg heute nicht mehr zu sehen; ich nehme Zuflucht bei dir, Bester der Brahmanen, zu meinem Schutz - gewähre mir davor Furchtlosigkeit, du Erster der Brahmanen.'
Wort für Wort
aśmānam
das Geschoss, wtl. den Stein (Akk. Sg.)
prapadye
ich nehme Zuflucht (Präs. 1.Sg. Med.)
[?] 'aśmānam' (wtl. 'Stein') bezeichnet hier wohl bildlich den herannahenden Vajra-Blitz/Meteor; die genaue Bildlichkeit bleibt unsicher.
ayam āyāti vai vajrī diśo vidyotayan daśa amānuṣeṇa ghoreṇa sadasyās trāsitā hi naḥ
'Dieser Vajra-Träger kommt heran, die zehn Himmelsrichtungen mit übermenschlichem, furchtbarem Licht erleuchtend - unsere Opferversammlung ist ja erschreckt.'
Saṃvarta sprach: 'Die Furcht vor Śakra möge von dir weichen, o Löwe unter den Königen; ich werde diese überaus furchtbare Furcht sogleich mit einer lähmenden Zauberkraft vertreiben - fürchte dich nicht davor, und sei zuversichtlich.'
'Der Vajra möge [nur] in die Himmelsrichtungen wandern, der Wind möge kommen; zu Regen geworden möge er in den Wäldern niederfallen; die Wasser mögen im Luftraum nutzlos schweben, und der Blitz möge [nur] sichtbar werden - fürchte dich nicht.'
'Und das Feuer möge dich von allen Seiten schützen; nach Belieben möge Vāsava Regen regnen lassen; ebenso möge der Wind den überaus furchtbaren, herbeischwebenden Vajra mit Wasserfluten aufhalten.'
marutta uvāca ghoraḥ śabdaḥ śrūyate vai mahāsvano; vajrasyaiṣa sahito mārutena ātmā hi me pravyathate muhur muhur; na me svāsthyaṃ jāyate cādya vipra
Marutta sprach: 'Ein furchtbares Geräusch ist zu hören, ein gewaltiger Klang; dies ist der Vajra, begleitet vom Sturmwind; mein Selbst erzittert ja immer wieder - keine Ruhe kommt heute über mich, o Brahmane.'
Saṃvarta sprach: 'Die Furcht vor dem furchtbaren Vajra möge heute von dir weichen; zu Wind geworden schlage ich den Vajra nieder, o Herrscher der Menschen. Lass die Furcht fahren, wähle einen anderen Wunsch - welchen Wunsch soll ich dir durch meine Askese erfüllen?'
Marutta sprach: 'Indra selbst möge sogleich herbeikommen, o Brahmane, und die Opfergabe im Opfer annehmen; die Götter mögen ihren jeweils eigenen Altarsitz einnehmen und den gepressten Soma annehmen.'
Saṃvarta sprach: 'Dieser Indra kommt mit seinen Falben, o König, zusammen mit allen Göttern, der Soma-Trinker; durch Mantra von mir heute zu diesem Opfer herbeigerufen - sieh ihn an, seinen Körper durch den Mantra gelöst [?].'
Wort für Wort
haribhiḥ
mit den Falben, Rossen (Instr. Pl.)
mantrāhūtaḥ
durch Mantra herbeigerufen (PPP Nom. Sg.)
[?] 'mantravisrastakāyam' (wtl. 'dessen Körper durch den Mantra gelöst/entspannt ist') bleibt im genauen Sinn unsicher.
Vyāsa sprach: Da kam der Götterkönig, begleitet von den Göttern, nachdem er jene vorzüglichen Rosse an den Wagen gespannt hatte, zum Opfer des Königs, dürstend nach dem Soma des unermesslichen Sohnes Avikṣits.
Marutta, mit seinem Hauspriester, zog ihm, wie er da kam, umgeben von den Götterscharen, entgegen und erwies dem Götterkönig vorzüglichste Verehrung, den Schriften gemäß, vorschriftsmäßig, hocherfreut.
Saṃvarta sprach: 'Willkommen hier, du Vielgerufener, Wissender; dieses Opfer erstrahlt heute aufs Neue, da du, Indra, gegenwärtig bist, o Bezwinger Balas und Vṛtras - trinke den von mir dargebotenen, gepressten Soma.'
marutta uvāca śivena māṃ paśya namaś ca te 'stu; prāpto yajñaḥ saphalaṃ jīvitaṃ me ayaṃ yajñaṃ kurute me surendra; bṛhaspater avaro janmanā yaḥ
Marutta sprach: 'Blicke mich mit Wohlwollen an, und Verehrung sei dir; das Opfer ist vollendet, mein Leben hat Frucht getragen; dieses Opfer vollzieht für mich, o Herr der Götter, der, welcher der Geburt nach jünger ist als Bṛhaspati.'
indra uvāca jānāmi te gurum enaṃ tapodhanaṃ; bṛhaspater anujaṃ tigmatejasam yasyāhvānād āgato 'haṃ narendra; prītir me 'dya tvayi manuḥ pranaṣṭaḥ
Indra sprach: 'Ich kenne diesen deinen Lehrer, den Reichen an Askese, den jüngeren Bruder Bṛhaspatis, von scharfer Glut, auf dessen Ruf hin ich gekommen bin, o Herrscher der Menschen; meine Zuneigung gilt dir heute - mein Groll ist geschwunden.'
saṃvarta uvāca yadi prītas tvam asi vai devarāja; tasmāt svayaṃ śādhi yajñe vidhānam svayaṃ sarvān kuru mārgān surendra; jānātv ayaṃ sarvalokaś ca deva
Saṃvarta sprach: 'Wenn du zufrieden bist, o Götterkönig, dann ordne selbst die Ordnung des Opfers an; mache du selbst alle Vorkehrungen, o Herr der Götter - diese ganze Welt möge es wissen, o Gott.'
vyāsa uvāca evam uktas tv āṅgirasena śakraḥ; samādideśa svayam eva devān sabhāḥ kriyantām āvasathāś ca mukhyāḥ; sahasraśaś citrabhaumāḥ samṛddhāḥ
Vyāsa sprach: So vom Sohn des Aṅgiras angesprochen, befahl Śakra selbst den Göttern: 'Es sollen Versammlungshallen und vorzügliche Wohnstätten errichtet werden, zu Tausenden, mit wunderbaren Böden, prächtig -'
'mit aufgerichteten Pfosten - macht rasch Aufgänge für die Gandharvas und Apsaras, auf denen die Apsaras zu Tausenden tanzen mögen; das Opfergehege soll nach dem Vorbild des Himmels gestaltet werden.'
ity uktās te cakrur āśu pratītā; divaukasaḥ śakravākyān narendra tato vākyaṃ prāha rājānam indraḥ; prīto rājan pūjayāno maruttam
So angesprochen, taten die Himmelsbewohner rasch und zuversichtlich, was Śakras Worte besagten, o Herrscher der Menschen; darauf sprach Indra zum König ein Wort, erfreut, Marutta ehrend:
eṣa tvayāham iha rājan sametya; ye cāpy anye tava pūrve narendrāḥ sarvāś cānyā devatāḥ prīyamāṇā; havis tubhyaṃ pratigṛhṇantu rājan
Indra sprach: 'Ich hier, mit dir zusammengetroffen, o König, und auch die anderen Herrscher der Menschen vor dir, und alle anderen Gottheiten - erfreut mögen sie deine Opfergabe annehmen, o König.'
'Das rote [Opfertier] für Agni sollen sie darbringen, das vielgestaltige, glänzende für die Viśvedevas; den reinen blauen Stier sollen sie darbringen, den von mir bezeichneten, du Bester der Zweifachgeborenen.'
Wort für Wort
ālabhantām
sie sollen darbringen/berühren (Imperativ 3.Pl. Med.)
medhyam
das reine, opfertaugliche [Tier] (Akk. Sg.)
[?] 'calac chiśnam' (wtl. 'mit beweglichem Glied') bleibt im genauen Bezug auf das Opfertier unsicher.
Da gedieh das Opfer jenes Königs, bei dem die Götter selbst die Speisen herbeitrugen, bei dem Śakra, von den Brahmanen geehrt, der reiche Götterkönig, als Beisitzer-Priester fungierte.
Da bestieg der hochgesinnte Saṃvarta den Opferaltar, wie ein zweites, entflammtes Feuer, und opferte, laut die Götterscharen anrufend, die Opfergaben mantragemäß ins Feuer, voller Zuversicht.
tataḥ pītvā balabhit somam agryaṃ; ye cāpy anye somapā vai divaukasaḥ sarve 'nujñātāḥ prayayuḥ pārthivena; yathājoṣaṃ tarpitāḥ prītimantaḥ
Dann, nachdem der Bala-Bezwinger den vorzüglichen Soma getrunken hatte, und auch die anderen somatrinkenden Himmelsbewohner, zogen alle, vom Fürsten entlassen, nach Belieben davon, gesättigt und erfreut.
Da ließ der König, hocherfreut, an jedem Schritt Haufen von Gold aufhäufen, wobei er reichlichen Reichtum an die Zweifachgeborenen austeilte; er erstrahlte wie der Herr des Reichtums [Kubera], der Feindevernichter.
Wort für Wort
rāśīn kārayām āsa
er ließ Haufen aufhäufen (periphrastisches Perfekt Kaus.)
tato vittaṃ vividhaṃ saṃnidhāya; yathotsāhaṃ kārayitvā ca kośam anujñāto guruṇā saṃnivṛtya; śaśāsa gām akhilāṃ sāgarāntām
Dann, nachdem er den mannigfachen Reichtum niedergelegt und nach Kräften einen Schatz hatte anlegen lassen, kehrte er, von seinem Lehrer entlassen, zurück und beherrschte die ganze, bis zum Ozean reichende Erde.
evaṃguṇaḥ saṃbabhūveha rājā; yasya kratau tat suvarṇaṃ prabhūtam tat tvaṃ samādāya narendra vittaṃ; yajasva devāṃs tarpayāno vidhānaiḥ
'Von solchen Eigenschaften war hier dieser König, in dessen Opfer jenes Gold in Fülle war - nimm auch du, Herrscher der Menschen, diesen Reichtum, und opfere den Göttern, sie mit den vorschriftsmäßigen Riten zufriedenstellend.'“
Wort für Wort
evaṃguṇaḥ
von solchen Eigenschaften (Nom. Sg.)
tarpayāno
zufriedenstellend (Part. Präs. Nom. Sg.)
Vyāsas abschließende, direkte Anwendung der Erzählung an Yudhiṣṭhira - hier schließt die seit Kap.5 V003 offene reale Anführung (Vyāsas Rahmenerzählung endet).
vaiśaṃpāyana uvāca tato rājā pāṇḍavo hṛṣṭarūpaḥ; śrutvā vākyaṃ satyavatyāḥ sutasya manaś cakre tena vittena yaṣṭuṃ; tato 'mātyair mantrayām āsa bhūyaḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Da fasste der Pāṇḍava-König, hocherfreut, nachdem er das Wort des Sohnes Satyavatīs [Vyāsa] gehört hatte, den Entschluss, mit jenem Reichtum zu opfern; darauf beriet er sich abermals mit seinen Ministern.
Wort für Wort
hṛṣṭarūpaḥ
hocherfreut (Nom. Sg.)
mantrayām āsa
er beriet sich (periphrastisches Perfekt Med.)
Rückkehr zur unmarkierten Vaiśaṃpāyana-Grundebene - Vyāsas seit Kap.5 laufende Rahmenerzählung ist damit beendet (bestätigt durch Kap.11: neue Szene, Vāsudeva/Kṛṣṇa spricht zu Yudhiṣṭhira).