Vaiśaṃpāyana sprach: Als dies zu jenem König von Vyāsa, dessen Taten wunderbar sind, gesagt worden war, ergriff darauf Vāsudeva von großem Glanz das Wort.
Wort für Wort
ity ukte
als dies gesagt war (Lok. Abs., Part. Perf. Pass.)
adbhutakarmaṇā
dessen Taten wunderbar sind (Instr. Sg., Bahuvrīhi zu Vyāsa)
mahātejāḥ
von großem Glanz (Nom. Sg., Bahuvrīhi zu Vāsudeva)
vacanam ādade
ergriff das Wort (3. Sg. Perf. Ā., ā-dā)
Szenenwechsel: Vyāsas Rahmenerzählung (offen seit Kap.5 V003) ist mit Kap.10 V035 geschlossen; wir befinden uns wieder auf der Grundebene Vaiśaṃpāyana-Janamejaya. Vāsudeva (Kṛṣṇa) beginnt nun eine neue, eigene Rede an Yudhiṣṭhira.
„Vāsudeva sprach: Alles Krumme ist der Pfad des Todes, Geradheit ist der Pfad des Brahman - so weit reicht der Bereich des Wissens. Was wird bloßes Wehklagen bewirken?
Wort für Wort
jihmam
das Krumme (Nom. Sg. Neutr., übertr.: moralisch verworfen)
mṛtyupadam
Pfad/Fußspur des Todes (Nom. Sg., Kompositum)
ārjavam
Geradheit, Aufrichtigkeit (Nom. Sg.)
brahmaṇaḥ padam
Pfad/Fußspur des Brahman (Nom. Sg. + Gen. Sg.)
jñānaviṣayaḥ
Bereich/Gegenstand des Wissens (Nom. Sg.)
pralāpaḥ
Wehklagen, sinnloses Gerede (Nom. Sg.)
Hier beginnt Vāsudevas eigene Rede an Yudhiṣṭhira (neue reale Anführung, CQ_OPEN, Tiefe 0→1) - eine neue, von Vyāsas Rede unabhängige Redeebene innerhalb derselben Vaiśaṃpāyana-Janamejaya-Grundebene. Lehrsatz: 'Krummheit' (jihma, moralische Verworfenheit) führt zum Tod, 'Geradheit' (ārjava, Aufrichtigkeit) ist der Weg zum Brahman.
naiva te niṣṭhitaṃ karma naiva te śatravo jitāḥ kathaṃ śatruṃ śarīrastham ātmānaṃ nāvabudhyase
Noch ist dein Werk nicht vollendet, noch sind deine Feinde nicht besiegt - wie erkennst du das im eigenen Körper wohnende Selbst nicht als Feind?
Wort für Wort
niṣṭhitam karma
vollendetes Werk (Nom. Sg. Part. Perf. Pass. + Nom.)
śatravo jitāḥ
die Feinde sind besiegt (Nom. Pl. + Part. Perf. Pass.)
śarīrastham
im Körper befindlich (Akk. Sg., Kompositum)
nāvabudhyase
du erkennst nicht (2. Sg. Präs. Ā. + na, ava-budh)
[?] 'śarīrastham ātmānam' als Feind: gemeint ist wohl das eigene, von Kummer/Ich-Bezogenheit beherrschte Selbst/Gemüt, nicht ein metaphysisches ātman-Konzept im technischen Sinn - Vāsudeva mahnt, statt der äußeren Feinde zunächst den inneren Feind (die eigene Verzagtheit) zu erkennen.
vṛtreṇa pṛthivī vyāptā purā kila narādhipa dṛṣṭvā sa pṛthivīṃ vyāptāṃ gandhasya viṣaye hṛte dharāharaṇadurgandho viṣayaḥ samapadyata
[?] Einst, o Herrscher der Menschen, wurde die Erde von Vṛtra ganz durchdrungen; als er (Indra) sah, dass die Erde so durchdrungen und damit das eigentliche Gebiet des Geruchs geraubt war, wurde der üble Geruch des geraubten Erdreichs selbst zum (einzig verbliebenen) Gebiet des Geruchssinns.
als das Gebiet des Geruchs geraubt war (Lok. Abs.)
dharāharaṇadurgandhaḥ
der üble Geruch des Erdraubes (Nom. Sg., Kompositum)
viṣayaḥ samapadyata
wurde zum Gebiet/Gegenstand (3. Sg. Impf. Ā., sam-pad)
[?] Zugrunde liegt die Sāṅkhya-Zuordnung der fünf groben Elemente zu je einem Sinnes-'Gebiet' (viṣaya): Erde-Geruch, Wasser-Geschmack, Feuer-Form, Wind-Berührung, Äther-Klang (s. folgende Verse). Die genaue Mechanik von 'viṣaye hṛte' (das Gebiet wurde geraubt) bleibt kompakt/elliptisch formuliert - sinngemäß: Vṛtra durchdringt/verschlingt das Element so vollständig, dass dessen eigentliche Sinnesqualität verdrängt und durch einen Ersatz (hier: der Gestank des Raubes selbst) ersetzt wird.
Von jenem Vajra dort getroffen, von unermesslicher Kraft, drang er sogleich in Śakra selbst ein und ergriff darauf dessen Gebiet.
Wort für Wort
śakram
Śakra, Indra (Akk. Sg.)
Höhepunkt der Reihe: nachdem Vṛtra durch alle fünf groben Elemente (Erde-Wasser-Feuer-Wind-Äther) getrieben wurde, dringt er zuletzt in Indra selbst ein.
Über ihn, der so von Vṛtra ergriffen war, kam eine große Verwirrung; durch das Rathaṃtara-Sāman, mein Lieber, weckte ihn Vasiṣṭha wieder auf.
Wort für Wort
vṛtragṛhītasya
der von Vṛtra ergriffen war (Gen. Sg., Kompositum)
mohaḥ samabhavan mahān
eine große Verwirrung entstand (Nom. Sg. + 3. Sg. Impf. + Adj.)
rathaṃtareṇa
durch das Rathaṃtara-Sāman (Instr. Sg.)
pratyabodhayat
weckte wieder auf (3. Sg. Impf. Kaus., prati-budh)
'Rathaṃtara' ist ein berühmtes Sāman (Melodie-Formel des Sāmaveda); 'tāta' ('Väterchen', liebevolle Anrede) - hier Vāsudevas persönliche Anrede an Yudhiṣṭhira mitten in der Erzählung.
tato vṛtraṃ śarīrasthaṃ jaghāna bharatarṣabha śatakratur adṛśyena vajreṇetīha naḥ śrutam
Da erschlug Śatakratu den in seinem eigenen Körper weilenden Vṛtra mit einem unsichtbaren Vajra, o Stier der Bharatas - so haben wir es hier vernommen.
Wort für Wort
śarīrastham
im (eigenen) Körper weilend (Akk. Sg., Kompositum)
jaghāna
erschlug (3. Sg. Perf., han)
adṛśyena vajreṇa
mit einem unsichtbaren Vajra (Instr. Sg.)
iha naḥ śrutam
so haben wir es hier vernommen (Nom. Sg. Neutr. Part. Perf. Pass.)
Auflösung des Rätsels der vorangegangenen, wirkungslosen Vajra-Würfe: erst ein UNSICHTBARER Vajra vermag Vṛtra zu töten, als dieser im eigenen Körper Indras weilt.