Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 11: vāsudevavākyam Vāsudevas Rede: die Erzählung von Indra und Vṛtra

vaiśaṃpāyana uvāca ity ukte nṛpatau tasmin vyāsenādbhutakarmaṇā vāsudevo mahātejās tato vacanam ādade

Vaiśaṃpāyana sprach: Als dies zu jenem König von Vyāsa, dessen Taten wunderbar sind, gesagt worden war, ergriff darauf Vāsudeva von großem Glanz das Wort.

Wort für Wort
ity ukte
als dies gesagt war (Lok. Abs., Part. Perf. Pass.)
adbhutakarmaṇā
dessen Taten wunderbar sind (Instr. Sg., Bahuvrīhi zu Vyāsa)
mahātejāḥ
von großem Glanz (Nom. Sg., Bahuvrīhi zu Vāsudeva)
vacanam ādade
ergriff das Wort (3. Sg. Perf. Ā., ā-dā)

Szenenwechsel: Vyāsas Rahmenerzählung (offen seit Kap.5 V003) ist mit Kap.10 V035 geschlossen; wir befinden uns wieder auf der Grundebene Vaiśaṃpāyana-Janamejaya. Vāsudeva (Kṛṣṇa) beginnt nun eine neue, eigene Rede an Yudhiṣṭhira.

taṃ nṛpaṃ dīnamanasaṃ nihatajñātibāndhavam upaplutam ivādityaṃ sadhūmam iva pāvakam

Jenen König, niedergeschlagenen Gemüts, dessen Verwandte und Freunde erschlagen waren, wie eine verfinsterte Sonne, wie ein verrauchtes Feuer -

Wort für Wort
dīnamanasam
niedergeschlagenen Gemüts (Akk. Sg., Bahuvrīhi)
nihatajñātibāndhavam
dessen Verwandte und Freunde erschlagen sind (Akk. Sg., Bahuvrīhi)
upaplutam ivādityam
wie eine verfinsterte/verdeckte Sonne (Akk. Sg. + iva)
sadhūmam iva pāvakam
wie ein verrauchtes Feuer (Akk. Sg. + iva)

Beschreibung Yudhiṣṭhiras (Akk.-Objekt), Satz setzt sich in V003 fort.

nirviṇṇamanasaṃ pārthaṃ jñātvā vṛṣṇikulodvahaḥ āśvāsayan dharmasutaṃ pravaktum upacakrame

- den verzagten Pārtha solcherart erkennend, begann der Erste des Vṛṣṇi-Geschlechts, den Sohn des Dharma tröstend, zu sprechen:

Wort für Wort
nirviṇṇamanasam
verzagten/verzweifelten Sinnes (Akk. Sg.)
vṛṣṇikulodvahaḥ
der Erste (Träger) des Vṛṣṇi-Geschlechts (Nom. Sg., Epitheton Kṛṣṇas)
āśvāsayan
tröstend (Part. Präs. Kaus. Nom. Sg.)
pravaktum upacakrame
begann zu sprechen (Inf. + 3. Sg. Perf. Ā., upa-kram)

vāsudeva uvāca sarvaṃ jihmaṃ mṛtyupadam ārjavaṃ brahmaṇaḥ padam etāvāñ jñānaviṣayaḥ kiṃ pralāpaḥ kariṣyati

„Vāsudeva sprach: Alles Krumme ist der Pfad des Todes, Geradheit ist der Pfad des Brahman - so weit reicht der Bereich des Wissens. Was wird bloßes Wehklagen bewirken?

Wort für Wort
jihmam
das Krumme (Nom. Sg. Neutr., übertr.: moralisch verworfen)
mṛtyupadam
Pfad/Fußspur des Todes (Nom. Sg., Kompositum)
ārjavam
Geradheit, Aufrichtigkeit (Nom. Sg.)
brahmaṇaḥ padam
Pfad/Fußspur des Brahman (Nom. Sg. + Gen. Sg.)
jñānaviṣayaḥ
Bereich/Gegenstand des Wissens (Nom. Sg.)
pralāpaḥ
Wehklagen, sinnloses Gerede (Nom. Sg.)

Hier beginnt Vāsudevas eigene Rede an Yudhiṣṭhira (neue reale Anführung, CQ_OPEN, Tiefe 0→1) - eine neue, von Vyāsas Rede unabhängige Redeebene innerhalb derselben Vaiśaṃpāyana-Janamejaya-Grundebene. Lehrsatz: 'Krummheit' (jihma, moralische Verworfenheit) führt zum Tod, 'Geradheit' (ārjava, Aufrichtigkeit) ist der Weg zum Brahman.

naiva te niṣṭhitaṃ karma naiva te śatravo jitāḥ kathaṃ śatruṃ śarīrastham ātmānaṃ nāvabudhyase

Noch ist dein Werk nicht vollendet, noch sind deine Feinde nicht besiegt - wie erkennst du das im eigenen Körper wohnende Selbst nicht als Feind?

Wort für Wort
niṣṭhitam karma
vollendetes Werk (Nom. Sg. Part. Perf. Pass. + Nom.)
śatravo jitāḥ
die Feinde sind besiegt (Nom. Pl. + Part. Perf. Pass.)
śarīrastham
im Körper befindlich (Akk. Sg., Kompositum)
nāvabudhyase
du erkennst nicht (2. Sg. Präs. Ā. + na, ava-budh)

[?] 'śarīrastham ātmānam' als Feind: gemeint ist wohl das eigene, von Kummer/Ich-Bezogenheit beherrschte Selbst/Gemüt, nicht ein metaphysisches ātman-Konzept im technischen Sinn - Vāsudeva mahnt, statt der äußeren Feinde zunächst den inneren Feind (die eigene Verzagtheit) zu erkennen.

atra te vartayiṣyāmi yathādharmaṃ yathāśrutam indrasya saha vṛtreṇa yathā yuddham avartata

Hierzu will ich dir berichten, der Lehre gemäß, wie es überliefert ist, wie einst der Kampf Indras mit Vṛtra vor sich ging.

Wort für Wort
vartayiṣyāmi
ich werde berichten/erzählen (1. Sg. Fut. Kaus., vṛt)
yathādharmam
der Lehre/dem Dharma gemäß (Adv.)
yathāśrutam
wie überliefert/gehört (Adv.)
yuddham avartata
der Kampf fand statt (Nom. Sg. + 3. Sg. Impf. Ā., vṛt)

vṛtreṇa pṛthivī vyāptā purā kila narādhipa dṛṣṭvā sa pṛthivīṃ vyāptāṃ gandhasya viṣaye hṛte dharāharaṇadurgandho viṣayaḥ samapadyata

[?] Einst, o Herrscher der Menschen, wurde die Erde von Vṛtra ganz durchdrungen; als er (Indra) sah, dass die Erde so durchdrungen und damit das eigentliche Gebiet des Geruchs geraubt war, wurde der üble Geruch des geraubten Erdreichs selbst zum (einzig verbliebenen) Gebiet des Geruchssinns.

Wort für Wort
vyāptā
durchdrungen/erfüllt (Nom. Sg. Fem. Part. Perf. Pass., vyāp)
gandhasya viṣaye hṛte
als das Gebiet des Geruchs geraubt war (Lok. Abs.)
dharāharaṇadurgandhaḥ
der üble Geruch des Erdraubes (Nom. Sg., Kompositum)
viṣayaḥ samapadyata
wurde zum Gebiet/Gegenstand (3. Sg. Impf. Ā., sam-pad)

[?] Zugrunde liegt die Sāṅkhya-Zuordnung der fünf groben Elemente zu je einem Sinnes-'Gebiet' (viṣaya): Erde-Geruch, Wasser-Geschmack, Feuer-Form, Wind-Berührung, Äther-Klang (s. folgende Verse). Die genaue Mechanik von 'viṣaye hṛte' (das Gebiet wurde geraubt) bleibt kompakt/elliptisch formuliert - sinngemäß: Vṛtra durchdringt/verschlingt das Element so vollständig, dass dessen eigentliche Sinnesqualität verdrängt und durch einen Ersatz (hier: der Gestank des Raubes selbst) ersetzt wird.

śatakratuś cukopātha gandhasya viṣaye hṛte vṛtrasya sa tataḥ kruddho vajraṃ ghoram avāsṛjat

Da entbrannte Śatakratu (Indra) in Zorn, weil ihm das Gebiet des Geruchs geraubt war; zornig auf Vṛtra schleuderte er darauf den furchtbaren Vajra.

Wort für Wort
śatakratuḥ
der Hundert-Opfer-habende (Nom. Sg., Epitheton Indras)
cukopa
entbrannte in Zorn (3. Sg. Perf., kup)
vajraṃ ghoram avāsṛjat
schleuderte den furchtbaren Vajra (Akk. + 3. Sg. Impf., ava-sṛj)

sa vadhyamāno vajreṇa pṛthivyāṃ bhūritejasā viveśa sahasaivāpo jagrāha viṣayaṃ tataḥ

Von jenem Vajra großer Kraft auf der Erde getroffen, drang er (Vṛtra) sogleich in die Gewässer ein und ergriff darauf deren Gebiet [den Geschmack].

Wort für Wort
vadhyamānaḥ
getroffen/geschlagen werdend (Part. Präs. Pass. Nom. Sg.)
bhūritejasā
von großer Kraft/Glanz (Instr. Sg., Bahuvrīhi zum Vajra)
viveśa
drang ein (3. Sg. Perf., viś)
jagrāha viṣayam
ergriff das Gebiet (3. Sg. Perf. + Akk., grah)

vyāptāsv athāpsu vṛtreṇa rase ca viṣaye hṛte śatakratur abhikruddhas tāsu vajram avāsṛjat

Als die Gewässer so von Vṛtra durchdrungen und das Gebiet des Geschmacks geraubt war, schleuderte der zornentbrannte Śatakratu den Vajra auf sie.

Wort für Wort
vyāptāsu apsu
als die Gewässer durchdrungen waren (Lok. Pl.)
rase viṣaye hṛte
als das Gebiet des Geschmacks geraubt war (Lok. Abs.)
abhikruddhaḥ
zornentbrannt (Part. Perf. Pass. Nom. Sg.)

sa vadhyamāno vajreṇa salile bhūritejasā viveśa sahasā jyotir jagrāha viṣayaṃ tataḥ

Von jenem Vajra großer Kraft im Wasser getroffen, drang er sogleich in das Feuer(-licht) ein und ergriff darauf dessen Gebiet [die Form].

Wort für Wort
salile
im Wasser (Lok. Sg.)
jyotiḥ
Licht, Feuer(-glanz) (Akk. Sg., hier für das Element Feuer)

vyāpte jyotiṣi vṛtreṇa rūpe 'tha viṣaye hṛte śatakratur abhikruddhas tatra vajram avāsṛjat

Als das Feuer so von Vṛtra durchdrungen und das Gebiet der Form geraubt war, schleuderte der zornentbrannte Śatakratu den Vajra dorthin.

Wort für Wort
vyāpte jyotiṣi
als das Licht/Feuer durchdrungen war (Lok. Abs.)
rūpe viṣaye hṛte
als das Gebiet der Form geraubt war (Lok. Abs.)

sa vadhyamāno vajreṇa subhṛśaṃ bhūritejasā viveśa sahasā vāyuṃ jagrāha viṣayaṃ tataḥ

Von jenem Vajra großer Kraft überaus heftig getroffen, drang er sogleich in den Wind ein und ergriff darauf dessen Gebiet [die Berührung].

Wort für Wort
subhṛśam
überaus heftig (Adv.)
vāyum
den Wind (Akk. Sg.)

vyāpte vāyau tu vṛtreṇa sparśe 'tha viṣaye hṛte śatakratur abhikruddhas tatra vajram avāsṛjat

Als der Wind so von Vṛtra durchdrungen und das Gebiet der Berührung geraubt war, schleuderte der zornentbrannte Śatakratu den Vajra dorthin.

Wort für Wort
vyāpte vāyau
als der Wind durchdrungen war (Lok. Abs.)
sparśe viṣaye hṛte
als das Gebiet der Berührung geraubt war (Lok. Abs.)

sa vadhyamāno vajreṇa tasminn amitatejasā ākāśam abhidudrāva jagrāha viṣayaṃ tataḥ

Von jenem Vajra dort getroffen, von unermesslicher Kraft, floh er in den Äther/Raum und ergriff darauf dessen Gebiet [den Klang].

Wort für Wort
amitatejasā
von unermesslicher Kraft (Instr. Sg., Bahuvrīhi)
ākāśam abhidudrāva
floh in den Äther/Raum (Akk. + 3. Sg. Perf., abhi-dru)

ākāśe vṛtrabhūte ca śabde ca viṣaye hṛte śatakratur abhikruddhas tatra vajram avāsṛjat

Als der Äther so zu Vṛtra geworden war und das Gebiet des Klangs geraubt war, schleuderte der zornentbrannte Śatakratu den Vajra dorthin.

Wort für Wort
ākāśe vṛtrabhūte
als der Äther zu Vṛtra geworden war (Lok. Abs.)
śabde viṣaye hṛte
als das Gebiet des Klangs geraubt war (Lok. Abs.)

sa vadhyamāno vajreṇa tasminn amitatejasā viveśa sahasā śakraṃ jagrāha viṣayaṃ tataḥ

Von jenem Vajra dort getroffen, von unermesslicher Kraft, drang er sogleich in Śakra selbst ein und ergriff darauf dessen Gebiet.

Wort für Wort
śakram
Śakra, Indra (Akk. Sg.)

Höhepunkt der Reihe: nachdem Vṛtra durch alle fünf groben Elemente (Erde-Wasser-Feuer-Wind-Äther) getrieben wurde, dringt er zuletzt in Indra selbst ein.

tasya vṛtragṛhītasya mohaḥ samabhavan mahān rathaṃtareṇa taṃ tāta vasiṣṭhaḥ pratyabodhayat

Über ihn, der so von Vṛtra ergriffen war, kam eine große Verwirrung; durch das Rathaṃtara-Sāman, mein Lieber, weckte ihn Vasiṣṭha wieder auf.

Wort für Wort
vṛtragṛhītasya
der von Vṛtra ergriffen war (Gen. Sg., Kompositum)
mohaḥ samabhavan mahān
eine große Verwirrung entstand (Nom. Sg. + 3. Sg. Impf. + Adj.)
rathaṃtareṇa
durch das Rathaṃtara-Sāman (Instr. Sg.)
pratyabodhayat
weckte wieder auf (3. Sg. Impf. Kaus., prati-budh)

'Rathaṃtara' ist ein berühmtes Sāman (Melodie-Formel des Sāmaveda); 'tāta' ('Väterchen', liebevolle Anrede) - hier Vāsudevas persönliche Anrede an Yudhiṣṭhira mitten in der Erzählung.

tato vṛtraṃ śarīrasthaṃ jaghāna bharatarṣabha śatakratur adṛśyena vajreṇetīha naḥ śrutam

Da erschlug Śatakratu den in seinem eigenen Körper weilenden Vṛtra mit einem unsichtbaren Vajra, o Stier der Bharatas - so haben wir es hier vernommen.

Wort für Wort
śarīrastham
im (eigenen) Körper weilend (Akk. Sg., Kompositum)
jaghāna
erschlug (3. Sg. Perf., han)
adṛśyena vajreṇa
mit einem unsichtbaren Vajra (Instr. Sg.)
iha naḥ śrutam
so haben wir es hier vernommen (Nom. Sg. Neutr. Part. Perf. Pass.)

Auflösung des Rätsels der vorangegangenen, wirkungslosen Vajra-Würfe: erst ein UNSICHTBARER Vajra vermag Vṛtra zu töten, als dieser im eigenen Körper Indras weilt.

idaṃ dharmarahasyaṃ ca śakreṇoktaṃ maharṣiṣu ṛṣibhiś ca mama proktaṃ tan nibodha narādhipa

Dieses Geheimnis der Lehre wurde von Śakra unter den großen Ṛṣis verkündet, und von den Ṛṣis mir mitgeteilt - vernimm dies, o Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
dharmarahasyam
das Geheimnis der Lehre (Nom./Akk. Sg., Kompositum)
śakreṇoktam
von Śakra verkündet (Nom. Sg. Part. Perf. Pass. + Instr.)
ṛṣibhiḥ proktam
von den Ṛṣis mitgeteilt (Instr. Pl. + Part. Perf. Pass.)
nibodha
vernimm! (2. Sg. Imperativ, ni-budh)

'dharma-rahasya' = das 'Geheimnis des Dharma'; Überlieferungskette: Śakra (Indra) → die großen Ṛṣis → Vāsudeva → Yudhiṣṭhira.

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