Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 29: kārtavīryasamudrasaṃvādaḥ / jāmadagnyaparaśurāmākhyānam Das Zwiegespräch von Kārtavīrya und dem Ozean; die Erzählung von Paraśurāma

brāhmaṇa uvāca atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam kārtavīryasya saṃvādaṃ samudrasya ca bhāmini

'Der Brahmane sprach: Auch hierzu führt man dieses uralte Itihāsa an - das Zwiegespräch von Kārtavīrya und dem Ozean, du Strahlende.'

Wort für Wort
saṃvādam
das Zwiegespräch (Akk. Sg., m.)

Neue Erzählung innerhalb der Rede des Ehemannes: die bekannte Paraśurāma-Legende.

kārtavīryārjuno nāma rājā bāhusahasravān yena sāgaraparyantā dhanuṣā nirjitā mahī

'Es gab einen König namens Kārtavīryārjuna, mit tausend Armen versehen, durch den die bis zum Ozean reichende Erde mit dem Bogen unterworfen wurde.'

Wort für Wort
bāhusahasravān
mit tausend Armen versehen (Nom. Sg., m., Bahuvrīhi)

Reine Erzählpassage (V002-003, V008-017 durchweg), daher hier keine Indirektrede-Konvertierung nötig.

sa kadā cit samudrānte vicaran baladarpitaḥ avākirac charaśataiḥ samudram iti naḥ śrutam

'Er, einst am Rande des Ozeans wandelnd, von seiner Kraft berauscht, überschüttete den Ozean mit Hunderten von Pfeilen - so haben wir es gehört.'

Wort für Wort
baladarpitaḥ
von seiner Kraft berauscht (Nom. Sg., m.)

taṃ samudro namaskṛtya kṛtāñjalir uvāca ha mā muñca vīra nārācān brūhi kiṃ karavāṇi te

'Der Ozean, ihn grüßend, habe mit gefalteten Händen gesagt, er möge doch keine eisernen Pfeile mehr entsenden, o Held; er möge sagen, was er, der Ozean, für ihn tun solle.'

Wort für Wort
kṛtāñjaliḥ
mit gefalteten Händen (Nom. Sg., m.)

Beginn der zitierten Wechselrede zwischen Ozean und Kārtavīrya; als weitere Verschachtelungsebene wird sie gemäß der Projektkonvention indirekt wiedergegeben.

madāśrayāṇi bhūtāni tvadvisṛṣṭair maheṣubhiḥ vadhyante rājaśārdūla tebhyo dehy abhayaṃ vibho

'Die von ihm abhängigen Wesen würden durch die von ihm, dem König, entsandten großen Pfeile getötet, o Tiger unter den Königen; er möge ihnen Sicherheit gewähren, o Gebieter.'

Wort für Wort
rājaśārdūla
o Tiger unter den Königen (Vok. Sg., m.)

arjuna uvāca matsamo yadi saṃgrāme śarāsanadharaḥ kva cit vidyate taṃ mamācakṣva yaḥ samāsīta māṃ mṛdhe

'Kārtavīrya habe erwidert, wenn es irgendwo einen ihm im Kampf ebenbürtigen Bogenträger gebe, so möge man ihm diesen nennen, der sich ihm im Kampfe entgegenstellen könne.'

Wort für Wort
śarāsanadharaḥ
der Bogenträger (Nom. Sg., m.)

samudra uvāca maharṣir jamadagnis te yadi rājan pariśrutaḥ tasya putras tavātithyaṃ yathāvat kartum arhati

'Der Ozean habe geantwortet, falls er, der König, vom großen Ṛṣi Jamadagni gehört habe, so sei dessen Sohn dazu imstande, ihm die gebührende Gastfreundschaft zu erweisen.'

Wort für Wort
yathāvat
gebührend, wie es sich gehört (Adv.)

tataḥ sa rājā prayayau krodhena mahatā vṛtaḥ sa tam āśramam āgamya rāmam evānvapadyata

'Da zog jener König, von gewaltigem Zorn erfüllt, aus; zu jener Einsiedelei gelangt, suchte er eben Rāma auf.'

Wort für Wort
āśramam
die Einsiedelei (Akk. Sg., m.)

sa rāmapratikūlāni cakāra saha bandhubhiḥ āyāsaṃ janayām āsa rāmasya ca mahātmanaḥ

'Er tat, zusammen mit seinen Verwandten, Rāma feindselige Dinge an und bereitete dem großherzigen Rāma Mühsal.'

Wort für Wort
rāmapratikūlāni
Rāma feindselige Dinge (Akk. Pl., n.)

tatas tejaḥ prajajvāla rāmasyāmitatejasaḥ pradahad ripusainyāni tadā kamalalocane

'Da entbrannte die Glut Rāmas, dessen Glut unermesslich war, und verbrannte damals die Heere der Feinde, du Lotusäugige.'

Wort für Wort
amitatejasaḥ
von unermesslicher Glut (Gen. Sg., m.)

tataḥ paraśum ādāya sa taṃ bāhusahasriṇam ciccheda sahasā rāmo bāhuśākham iva drumam

'Dann ergriff Rāma seine Axt und zerteilte jenen Tausendarmigen jäh, wie einen Baum mit seinen Ast-Armen.'

Wort für Wort
bāhuśākham
mit Arm-Ästen versehen, wie ein Baum mit Zweigen (Akk. Sg., m.)

taṃ hataṃ patitaṃ dṛṣṭvā sametāḥ sarvabāndhavāḥ asīn ādāya śaktīś ca bhārgavaṃ paryavārayan

'Als sie ihn erschlagen und gefallen sahen, versammelten sich alle seine Verwandten und umringten, Schwerter und Speere ergreifend, den Bhārgava.'

Wort für Wort
paryavārayan
sie umringten (3. Pl. Impf., pari-ā-√vṛ)

'Bhārgava' - Beiname Rāmas als Nachkomme Bhṛgus.

rāmo 'pi dhanur ādāya ratham āruhya satvaraḥ visṛjañ śaravarṣāṇi vyadhamat pārthivaṃ balam

'Auch Rāma, seinen Bogen ergreifend, bestieg eilends seinen Wagen und vernichtete, Pfeilregen entsendend, die königliche Streitmacht.'

Wort für Wort
śaravarṣāṇi
die Pfeilregen (Akk. Pl., n.)

tatas tu kṣatriyāḥ ke cij jamadagniṃ nihatya ca viviśur giridurgāṇi mṛgāḥ siṃhārditā iva

'Manche Kṣatriyas aber töteten daraufhin Jamadagni und zogen sich in Bergfestungen zurück, wie von Löwen gequälte Rehe.'

Wort für Wort
giridurgāṇi
die Bergfestungen (Akk. Pl., n.)

Wendepunkt der Erzählung: die Tötung Jamadagnis durch überlebende Kṣatriyas löst Rāmas spätere Vernichtungsfeldzüge aus.

teṣāṃ svavihitaṃ karma tadbhayān nānutiṣṭhatām prajā vṛṣalatāṃ prāptā brāhmaṇānām adarśanāt

'Da sie aus Furcht vor jenen ihre eigens vorgeschriebene Pflicht nicht mehr erfüllten und keine Brahmanen mehr aufsuchten, gerieten diese Leute in den Stand des Vṛṣala.'

Wort für Wort
vṛṣalatām
den Stand des Vṛṣala, Kastenlosen (Akk. Sg., f.)

Traditionelle, legendäre Genealogie: der 'Vṛṣala'-Stand bezeichnet einen aus der Kṣatriya-Ordnung Herabgesunkenen, hier gleichbedeutend mit dem Verlust des Kastenstatus.

ta ete dramiḍāḥ kāśāḥ puṇḍrāś ca śabaraiḥ saha vṛṣalatvaṃ parigatā vyutthānāt kṣatradharmataḥ

'Eben diese - die Draviḍas, Kāśas und Puṇḍras zusammen mit den Śabaras - gelangten durch ihren Abfall vom Kṣatriya-Dharma in den Stand des Vṛṣala.'

Wort für Wort
vyutthānāt
durch den Abfall, das Sich-Erheben-gegen (Abl. Sg., n.)

Traditionelle mythische Herkunftserzählung mehrerer historischer Völker/Regionen (Draviḍas/Tamilen, Kāśas/Kāśī-Gegend, Puṇḍras/Bengalen, Śabaras/Stammesvolk) als angeblich 'gefallene' Kṣatriyas - eine im Epos verbreitete, historisch nicht zu verifizierende Legitimationserzählung, hier wortgetreu wiedergegeben.

tatas tu hatavīrāsu kṣatriyāsu punaḥ punaḥ dvijair utpāditaṃ kṣatraṃ jāmadagnyo nyakṛntata

'Als aber den Kṣatriya-Frauen wieder und wieder ihre Helden erschlagen worden waren, vernichtete der Sohn Jamadagnis das von den Zweifachgeborenen immer aufs Neue gezeugte Kṣatriya-Geschlecht.'

Wort für Wort
nyakṛntata
er vernichtete, schnitt ab (3. Sg. Impf. Med., ni-√kṛt)

Anspielung auf die Sitte des Niyoga (Zeugung durch einen anderen Mann zur Fortführung der Linie), hier mit Brahmanen als Erzeugern; Vorbereitung auf die folgende Zählung der 21 Vernichtungsfeldzüge.

ekaviṃśatimedhānte rāmaṃ vāg aśarīriṇī divyā provāca madhurā sarvalokapariśrutā

'Am Ende des einundzwanzigsten Vernichtungswerks sprach eine körperlose, göttliche, süße Stimme, die von der ganzen Welt vernommen wurde, zu Rāma:'

Wort für Wort
aśarīriṇī
körperlos (Nom. Sg., f.)

Die berühmten '21 Vernichtungsfeldzüge' (ekaviṃśatikṛtvaḥ) Paraśurāmas gegen die Kṣatriyas, ein Standardmotiv des Epos.

rāma rāma nivartasva kaṃ guṇaṃ tāta paśyasi kṣatrabandhūn imān prāṇair viprayojya punaḥ punaḥ

'Rāma solle, so rief sie ihm zweimal zu, doch innehalten - welchen Vorzug er, der Liebe, wohl darin sehe, diese Verwandten der Kṣatriyas immer wieder ihrer Lebenshauche zu berauben.'

Wort für Wort
viprayojya
beraubend, trennend von (Absolutiv, vi-pra-√yuj)

Die himmlische Stimme (vāg aśarīriṇī) als weitere zitierte Sprecherin, ebenfalls indirekt wiedergegeben; die Verdopplung 'Rāma Rāma' im Sanskrit wird hier durch 'zweimal' umschrieben.

tathaiva taṃ mahātmānam ṛcīkapramukhās tadā pitāmahā mahābhāga nivartasvety athābruvan

'Ebenso hätten damals die von Ṛcīka angeführten Ahnen zu jenem Großherzigen gesagt, o Hochgesegneter, er möge doch innehalten.'

Wort für Wort
ṛcīkapramukhāḥ
mit Ṛcīka an der Spitze (Nom. Pl., m.)

pitur vadham amṛṣyaṃs tu rāmaḥ provāca tān ṛṣīn nārhantīha bhavanto māṃ nivārayitum ity uta

'Rāma aber, die Tötung seines Vaters nicht verwindend, habe jenen Ṛṣis erwidert, sie seien nicht dazu berechtigt, ihn hierin zurückzuhalten.'

Wort für Wort
amṛṣyan
nicht ertragend, nicht verwindend (Nom. Sg., m., Partizip Präs.)

pitara ūcuḥ nārhase kṣatrabandhūṃs tvaṃ nihantuṃ jayatāṃ vara na hi yuktaṃ tvayā hantuṃ brāhmaṇena satā nṛpān

'Die Ahnen hätten erwidert, er dürfe die Verwandten der Kṣatriyas nicht länger töten, o Bester der Sieger; es zieme sich nicht, dass er, ein wahrer Brahmane, Könige töte.'

Wort für Wort
jayatāṃ vara
o Bester der Siegreichen (Vok. Sg., m.)

Das Kapitel endet mitten in dieser Ermahnung der Ahnen; ob und wie Rāma darauf antwortet, ist erst durch die Fortsetzung zu klären.

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