Auch hierzu führen sie, o Pārtha, diese alte Erzählung an, den Dialog eines Ehepaars, der mit Namen "Abhaya" (Furchtlosigkeit) benannt ist.
Wort für Wort
atra api udāharanti
auch hierzu führen sie an (Präs.)
itihāsaṃ purātanam
die alte Erzählung (Akk.)
daṃpatyoḥ saṃvādam
den Dialog eines Ehepaars (Gen. Dual + Akk.)
abhayaṃ nāma nāmataḥ
mit Namen 'Abhaya' benannt (Akk. + Adv.)
Kṛṣṇas eigene Erzählerstimme (Grundebene seiner seit Kap.16 V009 offenen Rede an Arjuna) leitet ein neues Itihāsa ein; unmarkiert, da noch keine Figurenrede zitiert wird.
Eine Brahmanin, die ihren Gatten, einen gewissen Brahmanen, der ans Ende von Wissen und Erkenntnis gelangt war, einsam sitzend erblickte, sprach als Gattin zu ihrem Gatten:
Wort für Wort
brāhmaṇī brāhmaṇaṃ kaṃ cit
eine Brahmanin, einen gewissen Brahmanen (Nom. + Akk.)
jñānavijñānapāragam
der ans Ende von Wissen/Erkenntnis gelangt war (Akk., Bahuvrihi)
dṛṣṭvā vivikta āsīnaṃ
nachdem sie ihn einsam sitzend gesehen hatte (Abs. + Akk.)
bhāryā bhartāram abravīt
die Gattin sprach zum Gatten (Nom. + Akk. + Impf.)
'Zu welcher Welt werde ich wohl gelangen, ich, die ich mich auf dich als Gatten stütze, der du die rituellen Werke abgelegt hast und nur dasitzt, ein unkluger Habenichts?'
Wort für Wort
kaṃ nu lokaṃ gamiṣyāmi
zu welcher Welt werde ich wohl gelangen (Akk. + Fut.)
tvām patim āśritā
mich auf dich als Gatten stützend (Akk., Bahuvrihi)
nyastakarmāṇam āsīnaṃ
der die Werke abgelegt hat und dasitzt (Akk., Bahuvrihi + Ppa.)
kīnāśam avicakṣaṇam
einen unklugen Habenichts (Akk.)
[Anm.] 'kīnāśa' wörtlich 'Ackerbauer/armer Landmann', hier abwertend im Sinne von 'Habenichts/Nichtstuer' gebraucht - die Frau wirft ihrem Mann vor, durch Untätigkeit weder rituellen Verdienst noch Unterhalt zu erwerben.
'Ehefrauen erlangen, so haben wir gehört, die von ihrem Gatten erworbenen Welten - zu welchem Ziel werde ich wohl gelangen, da ich dich zum Gatten habe?'
Wort für Wort
bhāryāḥ patikṛtāṃl lokān āpnuvanti
Ehefrauen erlangen die vom Gatten erworbenen Welten (Nom. + Akk. + Präs.)
naḥ śrutam
von uns ist gehört worden (PPP)
tvām patim āsādya
nachdem ich dich zum Gatten erlangt habe (Akk. + Abs.)
evam uktaḥ sa śāntātmā tām uvāca hasann iva subhage nābhyasūyāmi vākyasyāsya tavānaghe
So angesprochen, sprach jener Friedvolle, gleichsam lächelnd, zu ihr: 'Ich nehme dir diese deine Rede nicht übel, o Holde, o Makellose.'
Wort für Wort
evam uktaḥ sa śāntātmā
so angesprochen, jener Friedvolle (PPP + Nom.)
tām uvāca hasann iva
sprach zu ihr, gleichsam lächelnd (Impf. + Ppa.)
na abhyasūyāmi vākyasyāsya
ich nehme diese Rede nicht übel (Präs. + Gen.)
subhage anaghe
o Holde, o Makellose (Vok.)
Narrative Überleitung (unmarkiert) mit unmittelbar anschließendem Redebeginn des Ehemanns (ASCII) im selben Vers, analog zum Muster realer CQ-Öffnungen mitten im Vers.
moham eva niyacchanti karmaṇā jñānavarjitāḥ naiṣkarmyaṃ na ca loke 'smin maurtam ity upalabhyate
'Durch bloße äußere Tat, der Erkenntnis beraubt, geraten sie geradewegs in Verblendung; denn Tatenlosigkeit wird in dieser verkörperten, stofflichen Welt nicht als wirklich wahrgenommen.'
Wort für Wort
moham niyacchanti
sie geraten in Verblendung (Akk. + Präs.)
karmaṇā jñānavarjitāḥ
durch die Tat, der Erkenntnis beraubt (Instr. + Bahuvrihi)
naiṣkarmyaṃ na upalabhyate
Tatenlosigkeit wird nicht wahrgenommen (Nom. + Präs. Pass.)
'Durch Tat, Geist und Wort, sei es gut oder böse - die Tat der nach Geburt und anderem verschieden gestalteten Wesen wirkt beständig in den Geschöpfen.'
Wort für Wort
karmaṇā manasā vācā
durch Tat, Geist, Wort (Instr.)
śubhaṃ vā yadi vāśubham
sei es gut oder böse (Akk.)
janmādimūrtibhedānāṃ karma
die Tat der nach Geburt verschieden Gestalteten (Gen. Pl. + Nom.)
rakṣobhir vadhyamāneṣu dṛśyadravyeṣu karmasu ātmastham ātmanā tena dṛṣṭam āyatanaṃ mayā
'Während die Unwissenden, befangen in Werken, die nur sichtbare Dinge betreffen, gleichsam von dämonischen Mächten vernichtet werden [?], habe ich durch das Selbst das im Selbst befindliche wahre Heiligtum erblickt.'
Wort für Wort
rakṣobhir vadhyamāneṣu
während von Rākṣasas vernichtet werdend (Instr. + Lok. abs.)
dṛśyadravyeṣu karmasu
bei Werken, die sichtbare Dinge betreffen (Lok.)
ātmastham ātmanā dṛṣṭam āyatanaṃ
das im Selbst befindliche, durch das Selbst erblickte Heiligtum (Akk. + Instr. + PPP)
[?] 'rakṣobhiḥ vadhyamāneṣu' (von Rākṣasas/dämonischen Mächten vernichtet werdend) bleibt in der Bezugslogik unklar - möglicherweise bildlich für die zerstörerische, verblendende Wirkung bloß äußerlicher Ritualwerke gemeint; sinngemäß, ohne Lesart zu erzwingen, wiedergegeben.
'Jenes Heiligtum, wo jenes Brahman frei von den Gegensatzpaaren ist, wo Soma zusammen mit Agni beständig die Vereinigung vollzieht, als der Weise, der die Geschöpfe trägt -'
Wort für Wort
yatra tad brahma nirdvaṃdvaṃ
wo jenes Brahman frei von Gegensatzpaaren ist (Lok. + Nom.)
somaḥ sahāgninā vyavāyaṃ kurute
Soma vollzieht mit Agni die Vereinigung (Nom. + Instr. + Präs.)
dhīro bhūtāni dhārayan
der Weise, die Wesen tragend (Nom. + Ppa.)
[Anm.] 'Soma zusammen mit Agni' hier wohl kosmologisch-physiologisch für das Zusammenwirken der Mond-/Feuerprinzipien (Kühle/Hitze, Apāna/Prāṇa) im Träger allen Seins gemeint - die Bildsprache wird in den folgenden Versen (Atemlehre) fortgeführt.
'- wo Brahmā und die anderen Götter, geeint, jenes Unvergängliche verehren, wo die Wissenden von guten Gelübden, die Friedvollen, mit bezwungenen Sinnen, gleichfalls verehren -'
Wort für Wort
brahmādayo yuktāḥ upāsate
Brahmā und andere, geeint, verehren (Nom. + Präs.)
tad akṣaram
jenes Unvergängliche (Akk.)
vidvāṃsaḥ suvratā śāntātmāno jitendriyāḥ
die Wissenden, von guten Gelübden, Friedvollen, mit bezwungenen Sinnen (Nom.)
ghrāṇena na tad āghreyaṃ na tad ādyaṃ ca jihvayā sparśena ca na tat spṛśyaṃ manasā tv eva gamyate
'- mit der Nase ist jenes nicht zu riechen, mit der Zunge nicht zu schmecken, mit der Berührung nicht zu berühren; einzig mit dem Geist wird es erreicht.'
Wort für Wort
ghrāṇena na āghreyaṃ
mit der Nase nicht zu riechen (Instr. + Ger.)
jihvayā na ādyaṃ
mit der Zunge nicht zu schmecken (Instr. + Ger.)
manasā gamyate
mit dem Geist wird es erreicht (Instr. + Präs. Pass.)
yataḥ pravartate tantraṃ yatra ca pratitiṣṭhati prāṇo 'pānaḥ samānaś ca vyānaś codāna eva ca
'Von wo aus das körperliche Gewebe seinen Ausgang nimmt und worin es gegründet ist - das sind Prāṇa, Apāna, Samāna, Vyāna und Udāna, die fünf Lebenshauche.'
Wort für Wort
yataḥ pravartate tantraṃ
von wo das Gewebe ausgeht (Abl. + Präs. + Nom.)
yatra pratitiṣṭhati
worin es gegründet ist (Lok. + Präs.)
prāṇo 'pānaḥ samānaś vyānaś udānaḥ
Prāṇa, Apāna, Samāna, Vyāna, Udāna (Nom., die fünf Lebenshauche)
tasmin supte pralīyete samāno vyāna eva ca apānaprāṇayor madhye udāno vyāpya tiṣṭhati tasmāc chayānaṃ puruṣaṃ prāṇāpānau na muñcataḥ
'Wenn dieser Mensch schläft, lösen sich Samāna und Vyāna auf; zwischen Apāna und Prāṇa steht, den Zwischenraum durchdringend, Udāna - deshalb verlassen Prāṇa und Apāna den schlafenden Menschen nicht.'
Wort für Wort
tasmin supte
wenn dieser schläft (Lok. abs.)
pralīyete samāno vyāna
lösen sich Samāna und Vyāna auf (Präs. Dual)
udāno vyāpya tiṣṭhati
Udāna steht, durchdringend (Nom. + Ppa. + Präs.)
śayānaṃ puruṣaṃ prāṇāpānau na muñcataḥ
Prāṇa/Apāna verlassen den schlafenden Menschen nicht (Akk. + Präs. Dual)
ghreyaṃ peyaṃ ca dṛśyaṃ ca spṛśyaṃ śravyaṃ tathaiva ca mantavyam atha boddhavyaṃ tāḥ sapta samidho mama
'Das zu Riechende, zu Trinkende, zu Sehende, das zu Berührende, ebenso das zu Hörende, das zu Bedenkende und das zu Erkennende - diese sieben sind meine Brennhölzer.'
Wort für Wort
ghreyaṃ peyaṃ dṛśyaṃ spṛśyaṃ śravyaṃ
das zu Riechende, Trinkende, Sehende, Berührende, Hörende (Nom.)
mantavyam boddhavyaṃ
das zu Bedenkende, zu Erkennende (Nom., Ger.)
tāḥ sapta samidho mama
diese sieben sind meine Brennhölzer (Nom.)
[Anm.] Ab hier spricht - stilistisch markiert durch das Possessivum 'mama' (meine) - offenbar das Feuer Vaiśvānara selbst in der ersten Person innerhalb der Lehrrede des Ehemanns; ein für diese Textgattung typischer unmarkierter Rollenwechsel, hier transparent vermerkt statt in eine weitere Anführungsebene gefasst.
ghrātā bhakṣayitā draṣṭā spraṣṭā śrotā ca pañcamaḥ mantā boddhā ca saptaite bhavanti paramartvijaḥ
'Der Riechende, der Verzehrende, der Sehende, der Berührende und als fünfter der Hörende, der Bedenkende und der Erkennende - diese sieben sind die höchsten Opferpriester.'
Wort für Wort
ghrātā bhakṣayitā draṣṭā spraṣṭā śrotā
der Riechende, Verzehrende, Sehende, Berührende, Hörende (Nom.)
mantā boddhā
der Bedenkende, Erkennende (Nom.)
saptaite paramartvijaḥ bhavanti
diese sieben sind die höchsten Opferpriester (Nom. + Präs.)
ghreye peye ca dṛśye ca spṛśye śravye tathaiva ca havīṃṣy agniṣu hotāraḥ saptadhā sapta saptasu samyak prakṣipya vidvāṃso janayanti svayoniṣu
'Nachdem die sieben Hotṛ-Priester die Opfergaben siebenfach recht in die sieben Feuer - das zu Riechende, Trinkende, Sehende, Berührende und ebenso Hörende - hineingeworfen haben, erzeugen die Wissenden Frucht in ihren eigenen Ursprungsstätten.'
Wort für Wort
havīṃṣy agniṣu prakṣipya
nachdem sie die Opfergaben in die Feuer geworfen haben (Akk. + Lok. + Abs.)
hotāraḥ saptadhā sapta saptasu
die sieben Hotṛ-Priester siebenfach in die sieben (Nom. + Adv.)
vidvāṃso janayanti svayoniṣu
die Wissenden erzeugen in ihren Ursprungsstätten (Nom. + Präs. + Lok.)
havirbhūtā guṇāḥ sarve praviśanty agnijaṃ mukham antarvāsam uṣitvā ca jāyante svāsu yoniṣu tatraiva ca nirudhyante pralaye bhūtabhāvane
'Alle zu Opfergaben gewordenen Guṇas gehen in den aus Feuer entstandenen Mund ein und werden, nachdem sie einen inneren Aufenthalt verweilt haben, in ihren eigenen Ursprungsstätten wiedergeboren; und eben dort werden sie bei der Auflösung, im wesenhervorbringenden Urgrund, zurückgehalten.'
Wort für Wort
havirbhūtā guṇāḥ praviśanty
die zu Opfergaben gewordenen Guṇas gehen ein (Nom. + Präs.)
agnijaṃ mukham antarvāsam uṣitvā
nachdem sie im aus Feuer entstandenen Mund innerlich verweilt haben (Akk. + Abs.)
svāsu yoniṣu jāyante
werden in ihren eigenen Ursprungsstätten geboren (Lok. + Präs.)
pralaye bhūtabhāvane nirudhyante
werden bei der Auflösung im Wesenhervorbringenden zurückgehalten (Lok. + Präs. Pass.)