'Auch hierzu führen sie diese alte Erzählung an - vernimm, wie hier die Anordnung der zehn Hotṛ-Priester beschaffen ist.'
Wort für Wort
atra api udāharanti
auch hierzu führen sie an (Präs.)
itihāsaṃ purātanam nibodha
vernimm die alte Erzählung (Akk. + Imp.)
daśahotṝṇāṃ vidhānam
die Anordnung der zehn Hotṛ-Priester (Gen. Pl. + Akk.)
[Anm.] 'daśahotṛ' (die zehn Hotṛ-Priester) ist ein bekanntes altindisches Lehrschema, das die Teile des äußeren Opferrituals allegorisch auf innere, physiologisch-geistige Vorgänge (Atem, Sprache, Denken) überträgt - vergleichbare Lehren finden sich u.a. im Śatapatha- und im Jaiminīya-Brāhmaṇa. Der Ehemann (brāhmaṇa) setzt hier seine Lehrrede an die Ehefrau (Kap.20) mit einer weiteren eingebetteten Erzählung fort.
'Alles hier ist Gegenstand der Erkenntnis: das Denken betrachtet das Wissen; der Same ist im Leib des Körperträgers, der Erkennende aber ist der Körperträger selbst.'
Wort für Wort
sarvam evātra vijñeyaṃ
alles hier ist zu erkennen (Nom., Ger.)
cittaṃ jñānam avekṣate
das Denken betrachtet das Wissen (Nom. + Akk. + Präs.)
vijñātā tu śarīrabhṛt
der Erkennende aber ist der Körperträger (Nom.)
[?] Vers stark elliptisch/technisch (allegorische Zuordnung der Opferbestandteile zu Erkenntnisvermögen und Körper), sinngemäß wiedergegeben.
'Der Körperträger ist das häusliche Gārhapatya-Feuer; aus diesem wird ein anderes hergeleitet, und daraus das Āhavanīya-Opferfeuer, in das die Opfergabe geworfen wird.'
Wort für Wort
śarīrabhṛd gārhapatyaḥ
der Körperträger ist das Gārhapatya-Feuer (Nom.)
tasmād anyaḥ praṇīyate
daraus wird ein anderes hergeleitet (Abl. + Präs. Pass.)
tasmin saṃkṣipyate haviḥ
in dieses wird die Opfergabe geworfen (Lok. + Präs. Pass.)
'Weshalb entstand die Rede zuerst, und weshalb der Geist erst danach - wenn doch das vom Geist gedachte Wort erst dann zur Äußerung gelangt?'
Wort für Wort
kasmād vāg abhavat pūrvaṃ
weshalb entstand die Rede zuerst (Abl. + Nom. + Impf.)
kasmāt paścān mano 'bhavat
weshalb entstand der Geist danach (Abl. + Nom. + Impf.)
manasā cintitaṃ vākyaṃ samabhipadyate
das vom Geist gedachte Wort gelangt zur Äußerung (Instr. + PPP + Nom. + Präs.)
Die Ehefrau (brāhmaṇī) unterbricht mit einer Verständnisfrage; sie bleibt innerhalb derselben Einbettungsebene wie der Ehemann und wird daher ebenfalls per ASCII-Zitat markiert.
kena vijñānayogena matiś cittaṃ samāsthitā samunnītā nādhyagacchat ko vaināṃ pratiṣedhati
'Durch welche Erkenntnisverbindung gelangt der im Denken gegründete Verstand, obwohl zur Äußerung hingeführt, manchmal nicht ans Ziel - oder wer hindert die Rede daran?'
Wort für Wort
kena vijñānayogena
durch welche Erkenntnisverbindung (Instr.)
matiś cittaṃ samāsthitā
der im Denken gegründete Verstand (Nom.)
samunnītā na adhyagacchat
obwohl hingeführt, gelangte nicht ans Ziel (PPP + Impf.)
ko vā enāṃ pratiṣedhati
oder wer hindert sie (Nom. + Präs.)
[?] Vers 005-006 syntaktisch schwierig, sinngemäß als Reihe von Verständnisfragen der Ehefrau zum Verhältnis von Geist und Rede wiedergegeben.
'Nachdem Apāna ihr, der Rede, Herr geworden ist, entsendet er sie deshalb in die Apāna-Beschaffenheit; jenen Verstand nennen sie den Verstand des Geistes, und der Geist betrachtet daher alles.'
Wort für Wort
apānaḥ patir bhūtvā
nachdem Apāna Herr geworden ist (Nom. + Abs.)
tasmāt preṣyaty apānatām
deshalb entsendet er in die Apāna-Beschaffenheit (Präs. + Akk.)
manas tasmād avekṣate
der Geist betrachtet daher (Nom. + Präs.)
[?] Vers bleibt technisch dunkel (Zuordnung von Rede/Verstand zu den Atemarten); sinngemäß, ohne Lesart zu erzwingen, wiedergegeben.
'Die beiden, Rede und Geist, gingen zu Prajāpati und fragten ihn, wer von ihnen beiden der Bessere sei, und baten ihn, o Herr, ihren Zweifel zu zerschneiden.'
Wort für Wort
ubhe vāṅmanasī gatvā
die beiden, Rede und Geist, gegangen (Nom. Dual + Abs.)
bhūtātmānam apṛcchatām
sie fragten den Ur-Seienden [Prajāpati] (Akk. + Impf. Dual)
āvayoḥ śreṣṭham
wer von uns beiden der Bessere (Gen. Dual + Akk.)
chindhi nau saṃśayaṃ vibho
zerschneide unseren Zweifel, o Herr (Imp. + Akk. + Vok.)
Beginn der eingebetteten Manas-Vāc-Streitgeschichte (weitere Einbettungsebene innerhalb der Lehrrede des Ehemanns). Ab hier wird das direkte, wörtliche Zitat der Streitenden durchgehend als INDIREKTE Rede wiedergegeben (statt einer vierten Anführungsebene), gemäß der Regel, dass eine dritte/vierte Zitatebene stets in indirekte Rede aufzulösen ist.
sthāvaraṃ jaṅgamaṃ caiva viddhy ubhe manasī mama sthāvaraṃ matsakāśe vai jaṅgamaṃ viṣaye tava
'Vāc erklärte Manas, dass sowohl das Unbewegliche als auch das Bewegliche beider Wesensart entsprächen: das Unbewegliche falle in ihre eigene Nähe, das Bewegliche aber in seinen, des Manas, Bereich.'
Wort für Wort
sthāvaraṃ jaṅgamaṃ ca eva
das Unbewegliche und das Bewegliche (Akk.)
ubhe manasī mama
beide meiner Art (Akk. Dual, an Manas gerichtet)
sthāvaraṃ matsakāśe
das Unbewegliche in meiner Nähe (Akk. + Lok.)
jaṅgamaṃ viṣaye tava
das Bewegliche in deinem Bereich (Akk. + Lok. + Gen.)
yasmād asi ca mā vocaḥ svayam abhyetya śobhane tasmād ucchvāsam āsādya na vakṣyasi sarasvati
'Weil sie, die Schöne, von sich aus zu ihm herangetreten sei und so zu ihm gesprochen habe, werde sie, Sarasvatī, deshalb fortan nur zusammen mit dem Atemzug zu sprechen vermögen - so erklärte ihr der Geist zur Antwort.'
Wort für Wort
yasmād asi ca mā vocaḥ
weil du zu mir gesprochen hast (Abl. + Impf.)
svayam abhyetya śobhane
von selbst herangetreten, o Schöne (Abs. + Vok.)
ucchvāsam āsādya na vakṣyasi
wirst du, den Atemzug erreicht habend, nicht sprechen (Abs. + Fut.)
[Anm.] Mythologische Begründung dafür, dass die Rede (Vāc) nicht unabhängig vom Atem sprechen kann - eine Art Gegenzug/Einschränkung, die der Geist (Manas) der Rede in der Erzählung auferlegt.
prāṇāpānāntare devī vāg vai nityaṃ sma tiṣṭhati preryamāṇā mahābhāge vinā prāṇam apānatī prajāpatim upādhāvat prasīda bhagavann iti
'Zwischen Prāṇa und Apāna weilte die Göttin Rede nun beständig, angetrieben, o Hochbeglückte, doch ohne den Prāṇa dem Apāna verhaftet; da eilte sie zu Prajāpati und flehte um seine Gnade.'
Wort für Wort
prāṇāpānāntare tiṣṭhati
sie weilt zwischen Prāṇa und Apāna (Lok. + Präs.)
preryamāṇā vinā prāṇam apānatī
angetrieben, ohne Prāṇa dem Apāna verhaftet (Ppa. Pass. + Ppa.)
prajāpatim upādhāvat
sie eilte zu Prajāpati (Akk. + Impf.)
[Anm.] 'mahābhāge' (o Hochbeglückte) ist eine eingeschobene Anrede des Erzählers (des Ehemanns) an seine Frau, nicht Teil der Mythenhandlung selbst - eine für diese Textgattung typische direkte Publikumsansprache mitten im Erzählfluss.
'Durch ihre göttlich-ungöttliche Wirkmacht ist die Bhāratī, die Rede, wie eine Kuh, o Reinlächelnde - sieh den Unterschied zwischen diesen beiden feinen, beständig fließenden Kräften.'
Wort für Wort
divyādivyaprabhāvena
durch göttlich-ungöttliche Wirkmacht (Instr.)
bhāratī gauḥ
die Bhāratī [Rede], eine Kuh (Nom.)
etayor antaraṃ paśya
sieh den Unterschied zwischen diesen beiden (Gen. Dual + Imp.)
[Anm.] 'śucismite' (o Reinlächelnde) - erneut eine Anrede des Ehemanns an seine Frau innerhalb der Erzählung, s. Anm. zu V014.
anutpanneṣu vākyeṣu codyamānā sisṛkṣayā kiṃ nu pūrvaṃ tato devī vyājahāra sarasvatī
'Während die Worte noch nicht entstanden waren, fragte man sich, angetrieben vom Schöpfungsdrang, was wohl zuerst da war - da sprach die Göttin Sarasvatī ihr abschließendes Urteil.'
Wort für Wort
anutpanneṣu vākyeṣu
während die Worte nicht entstanden waren (Lok. abs.)
codyamānā sisṛkṣayā
angetrieben vom Schöpfungsdrang (Ppa. Pass. + Instr.)
devī vyājahāra sarasvatī
die Göttin Sarasvatī sprach (Nom. + Perf.)
[?] Vers elliptisch, Bezug der Frage ('kiṃ nu pūrvaṃ') unklar zugeordnet; sinngemäß ergänzt.
prāṇena yā saṃbhavate śarīre prāṇād apānaṃ pratipadyate ca udānabhūtā ca visṛjya dehaṃ vyānena sarvaṃ divam āvṛṇoti
'Sie, die Rede, die durch Prāṇa im Körper entsteht und vom Prāṇa zum Apāna übergeht, durchdringt, zu Udāna geworden und den Körper verlassend, durch Vyāna den ganzen Himmel.'
Wort für Wort
prāṇena saṃbhavate śarīre
entsteht durch Prāṇa im Körper (Instr. + Präs. + Lok.)
prāṇād apānaṃ pratipadyate
geht vom Prāṇa zum Apāna über (Abl. + Akk. + Präs.)
udānabhūtā visṛjya deham
zu Udāna geworden, den Körper verlassend (Nom. + Abs.)
vyānena sarvaṃ divam āvṛṇoti
durchdringt durch Vyāna den ganzen Himmel (Instr. + Akk. + Präs.)
'Dann gründet sie sich hier im Samāna - so verkündete sie es einst; deshalb ist der Geist durch seine Unbeweglichkeit ausgezeichnet, und ebenso ist die Göttin, die Rede, durch ihre Beweglichkeit ausgezeichnet.'
Wort für Wort
samāne pratitiṣṭhati
sie gründet sich im Samāna (Lok. + Präs.)
manaḥ sthāvaratvād viśiṣṭaṃ
der Geist ist durch Unbeweglichkeit ausgezeichnet (Nom. + Abl. + PPP)
devī jaṅgamatvād viśiṣṭā
die Göttin ist durch Beweglichkeit ausgezeichnet (Nom. + Abl. + PPP)
Abschluss der eingebetteten Manas-Vāc-Streitgeschichte mit einer versöhnlichen Pointe (beide sind je auf ihre Weise ausgezeichnet); Kapitelende innerhalb der fortlaufenden Lehrrede des Ehemanns - Fortsetzung/Abschlusszustand per Kap.22-Extraktion zu verifizieren.