Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 93: nakulopākhyānam Die Mungo-Episode (Hauptteil)

nakula uvāca hanta vo vartayiṣyāmi dānasya paramaṃ phalam nyāyalabdhasya sūkṣmasya vipradattasya yad dvijāḥ

„Wohlan, ich werde euch die höchste Frucht einer Gabe erzählen - einer geringen, rechtmäßig erworbenen, von einem Brahmanen gegebenen, ihr Zweimalgeborenen.“

Wort für Wort
dānasya paramaṃ phalam
die höchste Frucht einer Gabe (Akk.)
nyāyalabdhasya
rechtmäßig erworben (Adj., Gen.)

dharmakṣetre kurukṣetre dharmajñair bahubhir vṛte uñchavṛttir dvijaḥ kaś cit kāpotir abhavat purā

Auf dem Feld des Dharma, dem Kurukṣetra, das von vielen Dharmakundigen bewohnt war, lebte einst ein gewisser, von Ährenlese lebender Brahmane, der dem Taubengelübde folgte.

Wort für Wort
dharmakṣetre
auf dem Feld des Dharma (Lok.)
kāpotiḥ
dem Taubengelübde folgend (Adj., Nom.)

'Kāpoti' bezieht sich auf ein asketisches 'Taubengelübde' (kapota-vrata): sich, einer Taube gleich, nur von zufällig aufgelesenen, herabgefallenen Körnern zu ernähren.

sabhāryaḥ saha putreṇa sasnuṣas tapasi sthitaḥ vadhūcaturtho vṛddhaḥ sa dharmātmā niyatendriyaḥ

Zusammen mit seiner Gattin, mit seinem Sohn, mit seiner Schwiegertochter - zu viert mit der Schwiegertochter -, verharrte jener alte, rechtschaffene, sinnenbeherrschte Mann in Askese.

Wort für Wort
vadhūcaturthaḥ
zu viert mit der Schwiegertochter (Adj.)
niyatendriyaḥ
sinnenbeherrscht (Adj.)

ṣaṣṭhe kāle tadā vipro bhuṅkte taiḥ saha suvrataḥ ṣaṣṭhe kāle kadā cic ca tasyāhāro na vidyate bhuṅkte 'nyasmin kadā cit sa ṣaṣṭhe kāle dvijottamaḥ

Zur sechsten Zeit pflegte der Brahmane, wohlgelobt, dann mit ihnen zu essen; manchmal war zur sechsten Zeit keine Nahrung für ihn vorhanden; manchmal aß jener Beste der Zweimalgeborenen erst zu einer anderen sechsten Zeit.

Wort für Wort
ṣaṣṭhe kāle
zur sechsten Zeit (Lok.)
suvrataḥ
wohlgelobt (Adj.)

'Ṣaṣṭha-kāla-bhojana' ('Essen zur sechsten Zeit') bezeichnet ein strenges Fastengelübde: nur alle drei Tage einmal zu essen (bei sechs gezählten Mahlzeiten-Zeitpunkten).

kapotadharmiṇas tasya durbhikṣe sati dāruṇe nāvidyata tadā viprāḥ saṃcayas tān nibodhata kṣīṇauṣadhisamāvāyo dravyahīno 'bhavat tadā

Als über ihn, der dem Taubengelübde folgte, eine furchtbare Hungersnot hereinbrach, gab es damals keinen Vorrat mehr, ihr Brahmanen, vernehmt dies: die Fülle an Pflanzen war erschöpft, das Land ward damals ohne Ertrag.

Wort für Wort
durbhikṣe sati
als eine Hungersnot herrschte (Lok. Abs.)
kṣīṇauṣadhisamāvāyaḥ
die erschöpfte Fülle an Pflanzen (Nom.)

kāle kāle 'sya saṃprāpte naiva vidyeta bhojanam kṣudhāparigatāḥ sarve prātiṣṭhanta tadā tu te

Wenn dann jeweils seine Essenszeit gekommen war, gab es überhaupt keine Nahrung; von Hunger überwältigt, brachen sie da alle auf.

Wort für Wort
kāle kāle saṃprāpte
wenn jeweils die Zeit gekommen war (Lok. Abs.)
kṣudhāparigatāḥ
von Hunger überwältigt (Adj. Pl.)

uñchaṃs tadā śuklapakṣe madhyaṃ tapati bhāskare uṣṇārtaś ca kṣudhārtaś ca sa vipras tapasi sthitaḥ uñcham aprāptavān eva sārdhaṃ parijanena ha

Ährenlesend, an einem Tag der hellen Monatshälfte, während die Sonne zur Mittagszeit brannte, von Hitze gequält und von Hunger gequält, jener in Askese verharrende Brahmane, erlangte zusammen mit seinem Hausstand überhaupt keine Ähren.

Wort für Wort
śuklapakṣe
in der hellen Monatshälfte (Lok.)
uñcham aprāptavān
er erlangte keine Ähren (Perf.)

sa tathaiva kṣudhāviṣṭaḥ spṛṣṭvā toyaṃ yathāvidhi kṣapayām āsa taṃ kālaṃ kṛcchraprāṇo dvijottamaḥ

Er, ebenso von Hunger befallen, berührte vorschriftsmäßig Wasser und verbrachte jene Zeit, sein Lebensatem in höchster Bedrängnis, jener Beste der Zweimalgeborenen.

Wort für Wort
kṣudhāviṣṭaḥ
von Hunger befallen (Adj.)
kṛcchraprāṇaḥ
dessen Lebensatem in Bedrängnis ist (Adj.)

Das rituelle Berühren von Wasser als symbolischer Nahrungsersatz bei erzwungenem Fasten.

atha ṣaṣṭhe gate kāle yavaprastham upārjayat yavaprasthaṃ ca te saktūn akurvanta tapasvinaḥ

Als dann die sechste Zeit vergangen war, erwarb er ein Prastha-Maß Gerste; und aus diesem Prastha Gerste machten jene Asketen Mehl.

Wort für Wort
yavaprastham
ein Prastha-Maß Gerste (Akk.)
saktūn akurvanta
sie machten [daraus] Mehl (Impf.)

kṛtajapyāhvikās te tu hutvā vahniṃ yathāvidhi kuḍavaṃ kuḍavaṃ sarve vyabhajanta tapasvinaḥ

Nachdem sie ihre täglichen Rezitationen und Riten vollzogen und vorschriftsmäßig das Feuer bedient hatten, teilten alle jene Asketen es auf, je ein Kuḍava-Maß.

Wort für Wort
kṛtajapyāhvikāḥ
die ihre täglichen Rezitationen vollzogen haben (Adj. Pl.)
kuḍavaṃ kuḍavam
je ein Kuḍava-Maß (Adv.)

Ein Kuḍava ist ein kleines Hohlmaß, ein Viertel eines Prastha.

athāgacchad dvijaḥ kaś cid atithir bhuñjatāṃ tadā te taṃ dṛṣṭvātithiṃ tatra prahṛṣṭamanaso 'bhavan

Da kam ein gewisser Brahmane als Gast, während sie eben essen wollten; als sie jenen Gast dort erblickten, wurden sie frohen Herzens.

Wort für Wort
atithiḥ
der Gast (Nom.)
prahṛṣṭamanasaḥ
frohen Herzens (Adj. Pl.)

te 'bhivādya sukhapraśnaṃ pṛṣṭvā tam atithiṃ tadā viśuddhamanaso dāntāḥ śraddhādamasamanvitāḥ

Sie begrüßten jenen Gast ehrerbietig, erkundigten sich nach seinem Wohlergehen - reinen Sinnes, selbstbeherrscht, von Glauben und Selbstzucht erfüllt,

Wort für Wort
sukhapraśnam pṛṣṭvā
sich nach dem Wohlergehen erkundigt habend (Abs.)
śraddhādamasamanvitāḥ
von Glauben und Selbstzucht erfüllt (Adj. Pl.)

anasūyavo gatakrodhāḥ sādhavo gatamatsarāḥ tyaktamānā jitakrodhā dharmajñā dvijasattamāḥ

frei von Missgunst, frei von Zorn, gut, frei von Eifersucht, ohne Stolz, den Zorn bezwungen, dharmakundig, jene Besten der Zweimalgeborenen -

Wort für Wort
anasūyavaḥ
frei von Missgunst (Adj. Pl.)
jitakrodhāḥ
die den Zorn bezwungen haben (Adj. Pl.)

sabrahmacaryaṃ svaṃ gotraṃ samākhyāya parasparam kuṭīṃ praveśayām āsuḥ kṣudhārtam atithiṃ tadā

nachdem sie einander ihre vedische Schülerschaft und ihr eigenes Gotra genannt hatten, führten sie den hungergeplagten Gast dann in ihre Hütte.

Wort für Wort
sabrahmacaryam
die vedische Schülerschaft betreffend (Akk.)
kuṭīṃ praveśayām āsuḥ
sie führten in die Hütte (Perf. Caus.)

idam arghyaṃ ca pādyaṃ ca bṛsī ceyaṃ tavānagha śucayaḥ saktavaś ceme niyamopārjitāḥ prabho pratigṛhṇīṣva bhadraṃ te mayā dattā dvijottama

„Hier ist das Willkommenswasser, und das Fußwasser, und dies hier ist eine Grasmatte für dich, o Makelloser; und dies hier ist reines Mehl, durch unser Gelübde erworben, o Mächtiger; nimm es an, Heil sei dir, von mir gegeben, o Bester der Zweimalgeborenen.“

Wort für Wort
arghyam pādyam
Willkommenswasser, Fußwasser (Nom.)
niyamopārjitāḥ
durch das Gelübde erworben (Adj. Pl.)

ity uktaḥ pratigṛhyātha saktūnāṃ kuḍavaṃ dvijaḥ bhakṣayām āsa rājendra na ca tuṣṭiṃ jagāma saḥ

So angesprochen, nahm der Brahmane das Kuḍava-Maß Mehl an und verzehrte es, o Indra der Könige, doch wurde er nicht satt.

Wort für Wort
pratigṛhya
angenommen habend (Abs.)
tuṣṭiṃ na jagāma
er wurde nicht satt (Aor.)

sa uñchavṛttiḥ taṃ prekṣya kṣudhāparigataṃ dvijam āhāraṃ cintayām āsa kathaṃ tuṣṭo bhaved iti

Der von Ährenlese Lebende, als er jenen noch immer von Hunger befallenen Brahmanen erblickte, sann über Nahrung nach: wie könnte er satt werden?

Wort für Wort
taṃ prekṣya
ihn erblickt habend (Abs.)
cintayām āsa
er sann nach (Perf.)

tasya bhāryābravīd rājan madbhāgo dīyatām iti gacchatv eṣa yathākāmaṃ saṃtuṣṭo dvijasattamaḥ

Seine Gattin sagte, o König: „Mein Anteil soll gegeben werden; dieser Beste der Zweimalgeborenen soll gehen, wie es ihm beliebt, zufriedengestellt.“

Wort für Wort
madbhāgaḥ dīyatām
mein Anteil soll gegeben werden (Imp. Pass.)
saṃtuṣṭaḥ
zufriedengestellt (Adj.)

iti bruvantīṃ tāṃ sādhvīṃ dharmātmā sa dvijarṣabhaḥ kṣudhāparigatāṃ jñātvā saktūṃs tān nābhyanandata

Als jene rechtschaffene, tugendhafte Frau so sprach, erkannte jener rechtschaffene Stier unter den Brahmanen, dass sie selbst von Hunger befallen war, und hieß jenes Mehl nicht gut.

Wort für Wort
bruvantīm
die sprechende (Ptz., Akk.)
nābhyanandata
er hieß nicht gut (Impf.)

jānan vṛddhāṃ kṣudhārtāṃ ca śrāntāṃ glānāṃ tapasvinīm tvagasthibhūtāṃ vepantīṃ tato bhāryām uvāca tām

Da er wusste, dass sie alt war, hungergeplagt, erschöpft, geschwächt, zu Haut und Knochen abgemagert, zitternd, sprach er darauf zu jener Gattin:

Wort für Wort
tvagasthibhūtām
zu Haut und Knochen abgemagert (Adj.)
vepantīm
zitternd (Ptz.)

api kīṭapataṃgānāṃ mṛgāṇāṃ caiva śobhane striyo rakṣyāś ca poṣyāś ca naivaṃ tvaṃ vaktum arhasi

„Sogar bei Insekten und Motten und wilden Tieren, du Liebliche, sind die Weibchen zu beschützen und zu ernähren; so solltest du nicht sprechen.

Wort für Wort
kīṭapataṃgānām
von Insekten und Motten (Gen. Pl.)
rakṣyāḥ poṣyāḥ ca
zu beschützen und zu ernähren (Ger. Pl.)

anukampito naro nāryā puṣṭo rakṣita eva ca prapated yaśaso dīptān na ca lokān avāpnuyāt

Ein Mann, der von einer Frau bemitleidet, genährt und beschützt wird, fiele aus seinem strahlenden Ruhm und würde die leuchtenden Welten nicht erlangen.“

Wort für Wort
anukampitaḥ
bemitleidet (Ptz.)
yaśasaḥ dīptāt prapatet
er fiele aus dem strahlenden Ruhm (Opt.)

ity uktā sā tataḥ prāha dharmārthau nau samau dvija saktuprasthacaturbhāgaṃ gṛhāṇemaṃ prasīda me

So angesprochen, entgegnete sie darauf: „Dharma und unser Wohl sind für uns beide gleich, o Brahmane; nimm dieses Viertel des Gersten-Prastha, sei mir gnädig.

Wort für Wort
dharmārthau samau
Dharma und Wohl gleich (Nom. Dual)
prasīda me
sei mir gnädig (Imp.)

satyaṃ ratiś ca dharmaś ca svargaś ca guṇanirjitaḥ strīṇāṃ patisamādhīnaṃ kāṅkṣitaṃ ca dvijottama

Wahrheit, Liebesfreude und Dharma, und der durch Tugend errungene Himmel - für Frauen ist das, was sie ersehnen, an die Hingabe an den Gatten gebunden, o Bester der Zweimalgeborenen.

Wort für Wort
guṇanirjitaḥ svargaḥ
der durch Tugend errungene Himmel (Nom.)
patisamādhīnam
an den Gatten gebunden (Adj.)

ṛtur mātuḥ pitur bījaṃ daivataṃ paramaṃ patiḥ bhartuḥ prasādāt strīṇāṃ vai ratiḥ putraphalaṃ tathā

Die fruchtbare Zeit gehört der Mutter, der Same dem Vater; der höchste Gott ist der Gatte; durch die Gunst des Gatten kommt den Frauen die Liebesfreude, ebenso die Frucht eines Sohnes.

Wort für Wort
ṛtuḥ
die fruchtbare Zeit (Nom.)
bhartuḥ prasādāt
durch die Gunst des Gatten (Abl.)

pālanād dhi patis tvaṃ me bhartāsi bharaṇān mama putrapradānād varadas tasmāt saktūn gṛhāṇa me

Durch Beschützen bist du mir Pati, der Beschützer, durch Ernähren bist du mir Bhartṛ, der Erhalter; durch die Gabe eines Sohnes bist du Wunscherfüller; darum nimm mein Mehl.

Wort für Wort
patiḥ
Beschützer, Gatte (Nom.)
bhartā
Erhalter, Gatte (Nom.)

Wortspiel mit den Ehemann-Titeln: 'pati' von der Wurzel 'schützen' (√pā), 'bhartṛ' von der Wurzel 'erhalten, tragen' (√bhṛ).

jarāparigato vṛddhaḥ kṣudhārto durbalo bhṛśam upavāsapariśrānto yadā tvam api karśitaḥ

Du bist vom Alter erfasst, ein Greis, hungergeplagt, überaus schwach, vom Fasten erschöpft, da auch du selbst abgemagert bist...“

Wort für Wort
jarāparigataḥ
vom Alter erfasst (Adj.)
upavāsapariśrāntaḥ
vom Fasten erschöpft (Adj.)

ity uktaḥ sa tayā saktūn pragṛhyedaṃ vaco 'bravīt dvija saktūn imān bhūyaḥ pratigṛhṇīṣva sattama

So von ihr angesprochen, nahm er das Mehl und sprach dieses Wort: „O Brahmane, nimm dieses Mehl noch weiter an, du Bester.“

Wort für Wort
pragṛhya
genommen habend (Abs.)
bhūyaḥ pratigṛhṇīṣva
nimm es noch weiter an (Imp.)

sa tān pragṛhya bhuktvā ca na tuṣṭim agamad dvijaḥ tam uñchavṛttir ālakṣya tataś cintāparo 'bhavat

Er, nachdem er es angenommen und gegessen hatte, wurde dennoch nicht satt; der von Ährenlese Lebende, dies bemerkend, geriet daraufhin in Sorge.

Wort für Wort
tuṣṭim na agamat
er wurde nicht satt (Aor.)
cintāparaḥ
in Sorge versunken (Adj.)

putra uvāca saktūn imān pragṛhya tvaṃ dehi viprāya sattama ity evaṃ sukṛtaṃ manye tasmād etat karomy aham

Der Sohn sprach: „Nimm dieses mein Mehl und gib es dem Brahmanen, du Bester; so halte ich es für ein gutes Werk, darum tue ich dies.

Wort für Wort
sukṛtam manye
ich halte es für ein gutes Werk (Präs.)
etat karomi
dies tue ich (Präs.)

bhavān hi paripālyo me sarvayatnair dvijottama sādhūnāṃ kāṅkṣitaṃ hy etat pitur vṛddhasya poṣaṇam

Denn du bist von mir mit allem Eifer zu beschützen, o Bester der Zweimalgeborenen; dies ist es, was die Guten sich wünschen - die Ernährung des alten Vaters.

Wort für Wort
paripālyaḥ
zu beschützen (Ger.)
pituḥ vṛddhasya poṣaṇam
die Ernährung des alten Vaters (Nom.)

putrārtho vihito hy eṣa sthāvirye paripālanam śrutir eṣā hi viprarṣe triṣu lokeṣu viśrutā

Dies ist ja der Zweck eines Sohnes bestimmt - die Fürsorge im Greisenalter; diese Lehre, o Brahmanenseher, ist in den drei Welten wohlbekannt.

Wort für Wort
putrārthaḥ
der Zweck eines Sohnes (Nom.)
triṣu lokeṣu viśrutā
in den drei Welten wohlbekannt (Adj.)

prāṇadhāraṇamātreṇa śakyaṃ kartuṃ tapas tvayā prāṇo hi paramo dharmaḥ sthito deheṣu dehinām

Durch das bloße Aufrechterhalten deines Lebensatems vermagst du die Askese zu vollbringen; denn der Lebensatem ist das höchste Dharma, das in den Körpern der verkörperten Wesen wohnt.“

Wort für Wort
prāṇadhāraṇamātreṇa
durch das bloße Aufrechterhalten des Lebensatems (Instr.)
deheṣu dehinām
in den Körpern der verkörperten Wesen (Lok.)

pitovāca api varṣasahasrī tvaṃ bāla eva mato mama utpādya putraṃ hi pitā kṛtakṛtyo bhavaty uta

Der Vater sprach: „Selbst wärst du tausend Jahre alt, giltest du mir doch nur als Kind; denn nachdem er einen Sohn gezeugt hat, wird ein Vater zum Vollender seiner Aufgabe.

Wort für Wort
varṣasahasrī
tausend Jahre alt (Adj.)
kṛtakṛtyaḥ
der seine Aufgabe vollendet hat (Adj.)

bālānāṃ kṣud balavatī jānāmy etad ahaṃ vibho vṛddho 'haṃ dhārayiṣyāmi tvaṃ balī bhava putraka

Die Kinder haben starken Hunger, das weiß ich, o Mächtiger; ich bin alt, ich werde ihn ertragen; sei du stark, mein Söhnchen.

Wort für Wort
kṣud balavatī
starker Hunger (Nom.)
dhārayiṣyāmi
ich werde ertragen (Fut.)

jīrṇena vayasā putra na mā kṣud bādhate 'pi ca dīrghakālaṃ tapas taptaṃ na me maraṇato bhayam

Durch mein vorgerücktes Alter, mein Sohn, bedrängt mich der Hunger nicht so sehr; und da ich lange Zeit Askese geübt habe, fürchte ich den Tod nicht.“

Wort für Wort
jīrṇena vayasā
durch vorgerücktes Alter (Instr.)
maraṇataḥ bhayam
die Furcht vor dem Tod (Nom.)

putra uvāca apatyam asmi te putras trāṇāt putro hi viśrutaḥ ātmā putraḥ smṛtas tasmāt trāhy ātmānam ihātmanā

Der Sohn sprach: „Ich bin dein Kind, dein Sohn - denn Putra, der Sohn, ist bekannt, von Trāṇa, der Rettung, hergeleitet zu sein; der Sohn gilt als das eigene Selbst; darum rette dein eigenes Selbst hier durch dein Selbst.“

Wort für Wort
trāṇāt viśrutaḥ
von 'Rettung' her benannt (Adj.)
ātmā putraḥ smṛtaḥ
der Sohn gilt als das eigene Selbst (Ptz.)

Volksetymologisches Wortspiel: 'putra' (Sohn) wird hier von 'trāṇa' (Rettung, Schutz) hergeleitet.

pitovāca rūpeṇa sadṛśas tvaṃ me śīlena ca damena ca parīkṣitaś ca bahudhā saktūn ādadmi te tataḥ

Der Vater sprach: „Du gleichst mir an Gestalt, an Charakter und an Selbstzucht, und du bist auf mancherlei Weise erprobt; darum nehme ich das Mehl von dir an.“

Wort für Wort
rūpeṇa sadṛśaḥ
an Gestalt gleichend (Adj.)
parīkṣitaḥ
erprobt (Ptz.)

ity uktvādāya tān saktūn prītātmā dvijasattamaḥ prahasann iva viprāya sa tasmai pradadau tadā

Nach diesen Worten, das Mehl nehmend, gab es der freudige Beste der Zweimalgeborenen, gleichsam lächelnd, dann jenem Brahmanen.

Wort für Wort
prītātmā
freudigen Herzens (Adj.)
prahasann iva
gleichsam lächelnd (Ptz.)

bhuktvā tān api saktūn sa naiva tuṣṭo babhūva ha uñchavṛttis tu savrīḍo babhūva dvijasattamaḥ

Nachdem er auch dieses Mehl gegessen hatte, wurde er dennoch nicht satt; der von Ährenlese Lebende aber, der Beste der Zweimalgeborenen, geriet in Verlegenheit.

Wort für Wort
tuṣṭaḥ na babhūva
er wurde nicht satt (Perf.)
savrīḍaḥ
beschämt, in Verlegenheit (Adj.)

taṃ vai vadhūḥ sthitā sādhvī brāhmaṇapriyakāmyayā saktūn ādāya saṃhṛṣṭā guruṃ taṃ vākyam abravīt

Da stand die tugendhafte Schwiegertochter, aus Wunsch, dem Brahmanen zu gefallen, nahm ihr Mehl und sprach freudig dieses Wort zu ihrem Schwiegervater:

Wort für Wort
brāhmaṇapriyakāmyayā
aus Wunsch, dem Brahmanen zu gefallen (Instr.)
saṃhṛṣṭā
freudig (Adj.)

saṃtānāt tava saṃtānaṃ mama vipra bhaviṣyati saktūn imān atithaye gṛhītvā tvaṃ prayaccha me

„Von deiner Nachkommenschaft wird meine Nachkommenschaft sein, o Brahmane; nimm dieses Mehl und gib es dem Gast, für mich.

Wort für Wort
saṃtānāt saṃtānam
von der Nachkommenschaft die Nachkommenschaft (Nom./Abl.)
gṛhītvā prayaccha
nimm und gib (Abs. + Imp.)

tava prasavanirvṛtyā mama lokāḥ kilākṣayāḥ pautreṇa tān avāpnoti yatra gatvā na śocati

Durch die Vollendung deiner Nachkommenschaft sind meine Welten, so heißt es, unvergänglich; durch den Enkel erlangt man jene Welten, wohin gegangen man nicht trauert.

Wort für Wort
prasavanirvṛtyā
durch die Vollendung der Nachkommenschaft (Instr.)
lokāḥ akṣayāḥ
unvergängliche Welten (Nom. Pl.)

dharmādyā hi yathā tretā vahnitretā tathaiva ca tathaiva putrapautrāṇāṃ svarge tretā kilākṣayā

Wie es die mit Dharma beginnende Dreiheit gibt, und ebenso die Feuer-Dreiheit, so gibt es ebenso, für Sohn und Enkel, im Himmel eine unvergängliche Dreiheit.

Wort für Wort
vahnitretā
die Feuer-Dreiheit (Nom.)
tretā akṣayā
die unvergängliche Dreiheit (Nom.)

[?] Dichtes, schwer eindeutig auflösbares Gleichnis: eine 'Tretā' (Dreiheit) aus Dharma, eine der drei heiligen Feuer, und eine der Generationenfolge (Sohn-Enkel) werden hier einander als gleichermaßen unvergänglich zugeordnet.

pitṝṃs trāṇāt tārayati putra ity anuśuśruma putrapautraiś ca niyataṃ sādhulokān upāśnute

So haben wir vernommen, dass der Sohn die Ahnen durch Schutz rettet; und durch Sohn und Enkel gelangt man gewiss beständig in die Welten der Guten.“

Wort für Wort
pitṝn tārayati
er rettet die Ahnen (Präs.)
sādhulokān upāśnute
er gelangt in die Welten der Guten (Präs.)

śvaśura uvāca vātātapaviśīrṇāṅgīṃ tvāṃ vivarṇāṃ nirīkṣya vai karśitāṃ suvratācāre kṣudhāvihvalacetasam

Der Schwiegervater sprach: „Wenn ich dich sehe, mit von Wind und Sonne zerzausten Gliedern, bleich, abgemagert, du Treuergebene, deinen Sinn vom Hunger verwirrt,

Wort für Wort
vātātapaviśīrṇāṅgīm
mit von Wind und Sonne zerzausten Gliedern (Adj.)
kṣudhāvihvalacetasam
deren Sinn vom Hunger verwirrt ist (Adj.)

kathaṃ saktūn grahīṣyāmi bhūtvā dharmopaghātakaḥ kalyāṇavṛtte kalyāṇi naivaṃ tvaṃ vaktum arhasi

wie könnte ich das Mehl nehmen und zum Verletzer des Dharma werden? O Heilvolle von heilvollem Wandel, so solltest du nicht sprechen.

Wort für Wort
dharmopaghātakaḥ
der Verletzer des Dharma (Nom.)
kalyāṇavṛtte
o du von heilvollem Wandel (Vok.)

ṣaṣṭhe kāle vratavatīṃ śīlaśaucasamanvitām kṛcchravṛttiṃ nirāhārāṃ drakṣyāmi tvāṃ kathaṃ nv aham

wie könnte ich es ertragen, dich, die du dem Gelübde der sechsten Zeit treu bist, von Charakter und Reinheit erfüllt, ein mühevolles Leben ohne Nahrung führend, zu sehen?

Wort für Wort
vratavatīm
die dem Gelübde treu ist (Adj.)
kṛcchravṛttim nirāhārām
ein mühevolles Leben ohne Nahrung führend (Adj.)

bālā kṣudhārtā nārī ca rakṣyā tvaṃ satataṃ mayā upavāsapariśrāntā tvaṃ hi bāndhavanandinī

Du bist jung, hungergeplagt, eine Frau, von mir stets zu beschützen; du, vom Fasten erschöpft, bist die Freude deiner Verwandten.“

Wort für Wort
rakṣyā
zu beschützen (Ger.)
bāndhavanandinī
die Freude der Verwandten (Nom.)

snuṣovāca guror mama gurus tvaṃ vai yato daivatadaivatam devātidevas tasmāt tvaṃ saktūn ādatsva me vibho

Die Schwiegertochter sprach: „Du bist der Lehrer meines Lehrers; darum bist du eine Gottheit über den Gottheiten, ein Gott über den Göttern; darum nimm mein Mehl, o Mächtiger.

Wort für Wort
guroḥ mama guruḥ
der Lehrer meines Lehrers (Nom.)
devātidevaḥ
ein Gott über den Göttern (Nom.)

dehaḥ prāṇaś ca dharmaś ca śuśrūṣārtham idaṃ guroḥ tava vipra prasādena lokān prāpsyāmy abhīpsitān

Mein Leib, mein Lebensatem und mein Dharma sind alle zum Dienst an meinem Lehrer bestimmt; durch deine Gnade, o Brahmane, werde ich die ersehnten Welten erlangen.

Wort für Wort
śuśrūṣārtham
zum Zweck des Dienstes (Adv.)
lokān abhīpsitān
die ersehnten Welten (Akk.)

avekṣyā iti kṛtvā tvaṃ dṛḍhabhaktyeti vā dvija cintyā mameyam iti vā saktūn ādātum arhasi

Sei es, weil du mich als zu Betreuende ansiehst, oder wegen meiner festen Hingabe, o Brahmane, oder weil du dieses Mehl als das Meinige betrachtest - du solltest es annehmen.“

Wort für Wort
dṛḍhabhaktyā
wegen fester Hingabe (Instr.)
ādātum arhasi
du solltest annehmen (Inf. + Präs.)

śvaśura uvāca anena nityaṃ sādhvī tvaṃ śīlavṛttena śobhase yā tvaṃ dharmavratopetā guruvṛttim avekṣase

Der Schwiegervater sprach: „Durch dieses beständige, tugendhafte Verhalten erstrahlst du, die du, den Gelübden des Dharma treu, auf den Dienst an den Älteren bedacht bist.

Wort für Wort
śīlavṛttena śobhase
durch dieses Verhalten erstrahlst du (Präs.)
guruvṛttim avekṣase
du bist auf den Dienst an den Älteren bedacht (Präs.)

tasmāt saktūn grahīṣyāmi vadhūr nārhasi vañcanām gaṇayitvā mahābhāge tvaṃ hi dharmabhṛtāṃ varā

Darum werde ich das Mehl nehmen; du, Schwiegertochter, verdienst keine Enttäuschung; bedenke dies wohl, du Hochbeglückte, denn du bist die Beste der Dharma-Trägerinnen.“

Wort für Wort
vañcanām nārhasi
du verdienst keine Enttäuschung (Präs.)
dharmabhṛtāṃ varā
die Beste der Dharma-Trägerinnen (Nom.)

ity uktvā tān upādāya saktūn prādād dvijātaye tatas tuṣṭo 'bhavad vipras tasya sādhor mahātmanaḥ

Nach diesen Worten nahm er das Mehl und gab es dem Gast-Brahmanen; da ward jener Brahmane zufrieden mit jenem großherzigen Rechtschaffenen.

Wort für Wort
upādāya
genommen habend (Abs.)
tuṣṭaḥ abhavat
er ward zufrieden (Aor.)

prītātmā sa tu taṃ vākyam idam āha dvijarṣabham vāgmī tadā dvijaśreṣṭho dharmaḥ puruṣavigrahaḥ

Frohen Herzens sprach jener beredte, damals beste der Zweimalgeborenen dieses Wort zu jenem Stier unter den Brahmanen - er war Dharma selbst in menschlicher Gestalt.

Wort für Wort
dharmaḥ puruṣavigrahaḥ
Dharma in menschlicher Gestalt (Nom.)
vāgmī
beredt (Adj.)

śuddhena tava dānena nyāyopāttena yatnataḥ yathāśakti vimuktena prīto 'smi dvijasattama

„Durch deine reine Gabe, mit Mühe rechtmäßig erworben, nach Vermögen freigebig gegeben, bin ich erfreut, o Bester der Zweimalgeborenen.

Wort für Wort
nyāyopāttena
rechtmäßig erworben (Adj.)
yathāśakti vimuktena
nach Vermögen freigebig gegeben (Adj.)

aho dānaṃ ghuṣyate te svarge svarganivāsibhiḥ gaganāt puṣpavarṣaṃ ca paśyasva patitaṃ bhuvi

Siehe, deine Gabe wird im Himmel von den Himmelsbewohnern gerühmt, und schau den Blumenregen, der vom Himmel auf die Erde niederfällt.

Wort für Wort
dānaṃ ghuṣyate
die Gabe wird gerühmt (Präs. Pass.)
puṣpavarṣam
der Blumenregen (Akk.)

surarṣidevagandharvā ye ca devapuraḥsarāḥ stuvanto devadūtāś ca sthitā dānena vismitāḥ

Die göttlichen Seher, Götter und Gandharvas, und die den Göttern Vorausgehenden, preisend, und die Götterboten stehen, von deiner Gabe erstaunt.

Wort für Wort
devapuraḥsarāḥ
die den Göttern Vorausgehenden (Nom. Pl.)
dānena vismitāḥ
von der Gabe erstaunt (Adj. Pl.)

brahmarṣayo vimānasthā brahmalokagatāś ca ye kāṅkṣante darśanaṃ tubhyaṃ divaṃ gaccha dvijarṣabha

Die auf Himmelswagen weilenden Brahmanenseher, und jene, die zur Brahma-Welt gegangen sind, ersehnen den Anblick von dir; geh zum Himmel, o Stier der Brahmanen.

Wort für Wort
vimānasthāḥ
auf Himmelswagen weilend (Adj. Pl.)
darśanaṃ kāṅkṣante
sie ersehnen den Anblick (Präs.)

pitṛlokagatāḥ sarve tāritāḥ pitaras tvayā anāgatāś ca bahavaḥ subahūni yugāni ca

Alle in die Ahnenwelt gegangenen Väter sind von dir gerettet worden, und viele noch nicht Geborene, für gar viele Zeitalter.

Wort für Wort
pitṛlokagatāḥ
in die Ahnenwelt gegangen (Adj. Pl.)
tāritāḥ
gerettet (Ptz. Pl.)

brahmacaryeṇa yajñena dānena tapasā tathā agahvareṇa dharmeṇa tasmād gaccha divaṃ dvija

Durch vedisches Schülerleben, durch Opfer, durch Gabe, und ebenso durch Askese, und durch arglosen Dharma - darum geh zum Himmel, o Brahmane.

Wort für Wort
brahmacaryeṇa
durch vedisches Schülerleben (Instr.)
agahvareṇa dharmeṇa
durch arglosen Dharma (Instr.)

śraddhayā parayā yas tvaṃ tapaś carasi suvrata tasmād devās tavānena prītā dvijavarottama

Weil du mit höchstem Glauben Askese übst, du Wohlgelobter, darum sind die Götter durch dies dir zugetan, o Bester der vortrefflichen Brahmanen.

Wort für Wort
śraddhayā parayā
mit höchstem Glauben (Instr.)
devāḥ prītāḥ
die zugetanen Götter (Nom. Pl.)

sarvasvam etad yasmāt te tyaktaṃ śuddhena cetasā kṛcchrakāle tataḥ svargo jito 'yaṃ tava karmaṇā

Weil dieser dein ganzer Besitz von dir mit reinem Sinn in einer Zeit der Not aufgegeben wurde, darum ist der Himmel durch diese deine Tat errungen.

Wort für Wort
sarvasvam
der ganze Besitz (Nom.)
kṛcchrakāle
in einer Zeit der Not (Lok.)

kṣudhā nirṇudati prajñāṃ dharmyāṃ buddhiṃ vyapohati kṣudhāparigatajñāno dhṛtiṃ tyajati caiva ha

Hunger vertreibt die Weisheit, er verdrängt die dharmagemäße Einsicht; wessen Erkenntnis vom Hunger überwältigt ist, der gibt auch die Standhaftigkeit auf.

Wort für Wort
prajñāṃ nirṇudati
er vertreibt die Weisheit (Präs.)
dhṛtiṃ tyajati
er gibt die Standhaftigkeit auf (Präs.)

bubhukṣāṃ jayate yas tu sa svargaṃ jayate dhruvam yadā dānarucir bhavati tadā dharmo na sīdati

Wer aber den Hunger besiegt, der besiegt gewiss den Himmel; wenn die Freude am Geben entsteht, dann sinkt der Dharma nicht.

Wort für Wort
bubhukṣāṃ jayate
er besiegt den Hunger/Esswunsch (Präs.)
dānaruciḥ
die Freude am Geben (Nom.)

anavekṣya sutasnehaṃ kalatrasneham eva ca dharmam eva guruṃ jñātvā tṛṣṇā na gaṇitā tvayā

Ohne Rücksicht auf die Liebe zum Sohn und die Liebe zur Gattin, das Dharma allein als höchsten Führer erkennend, hast du das eigene Verlangen nicht in Betracht gezogen.

Wort für Wort
sutasneham
die Liebe zum Sohn (Akk.)
tṛṣṇā na gaṇitā
das Verlangen wurde nicht in Betracht gezogen (Ptz.)

dravyāgamo nṛṇāṃ sūkṣmaḥ pātre dānaṃ tataḥ param kālaḥ parataro dānāc chraddhā cāpi tataḥ parā

Selten ist für Menschen der Erwerb von Gut; höher als dies ist die Gabe an einen Würdigen; noch höher als die Gabe ist der rechte Zeitpunkt; und höher noch als dieser ist der Glaube.

Wort für Wort
dravyāgamaḥ sūkṣmaḥ
der seltene Erwerb von Gut (Nom.)
pātre dānam
die Gabe an einen Würdigen (Nom.)

svargadvāraṃ susūkṣmaṃ hi narair mohān na dṛśyate svargārgalaṃ lobhabījaṃ rāgaguptaṃ durāsadam

Denn die Tür des Himmels ist überaus fein; durch Verblendung sehen die Menschen sie nicht; der Riegel des Himmels ist der Same der Gier, von Leidenschaft bewacht, schwer erreichbar.

Wort für Wort
svargadvāram susūkṣmam
die überaus feine Tür des Himmels (Nom.)
svargārgalam
der Riegel des Himmels (Nom.)

tat tu paśyanti puruṣā jitakrodhā jitendriyāḥ brāhmaṇās tapasā yuktā yathāśaktipradāyinaḥ

Doch jene Männer sehen sie, die den Zorn bezwungen, die Sinne bezwungen haben - Brahmanen, der Askese ergeben, die nach ihrem Vermögen geben.

Wort für Wort
jitendriyāḥ
die die Sinne bezwungen haben (Adj. Pl.)
yathāśaktipradāyinaḥ
die nach ihrem Vermögen geben (Adj. Pl.)

sahasraśaktiś ca śataṃ śataśaktir daśāpi ca dadyād apaś ca yaḥ śaktyā sarve tulyaphalāḥ smṛtāḥ

Wer mit tausendfacher Kraft hundert gibt, wer mit hundertfacher Kraft zehn, und wer nach seiner Kraft nur Wasser geben kann - alle gelten als von gleicher Frucht.

Wort für Wort
sahasraśaktiḥ
der von tausendfacher Kraft ist (Nom.)
tulyaphalāḥ
von gleicher Frucht (Adj. Pl.)

Grundprinzip: das Verdienst einer Gabe bemisst sich nach dem Vermögen des Gebers, nicht nach der absoluten Menge.

rantidevo hi nṛpatir apaḥ prādād akiṃcanaḥ śuddhena manasā vipra nākapṛṣṭhaṃ tato gataḥ

Denn König Rantideva, mittellos geworden, gab Wasser, mit reinem Sinn, o Brahmane, und gelangte dadurch zum Gipfel des Himmels.

Wort für Wort
akiṃcanaḥ
mittellos (Adj.)
nākapṛṣṭham
der Gipfel des Himmels (Akk.)

Rantideva ist ein legendärer König, dessen Freigebigkeit trotz eigener Mittellosigkeit sprichwörtlich ist.

na dharmaḥ prīyate tāta dānair dattair mahāphalaiḥ nyāyalabdhair yathā sūkṣmaiḥ śraddhāpūtaiḥ sa tuṣyati

Der Dharma erfreut sich nicht so sehr, mein Sohn, an gegebenen Gaben von großem Wert, wie er sich an rechtmäßig erworbenen, geringen, vom Glauben geläuterten Gaben zufriedengibt.

Wort für Wort
dānaiḥ mahāphalaiḥ
durch Gaben von großem Wert (Instr.)
śraddhāpūtaiḥ
vom Glauben geläutert (Adj. Pl.)

gopradānasahasrāṇi dvijebhyo 'dān nṛgo nṛpaḥ ekāṃ dattvā sa pārakyāṃ narakaṃ samavāptavān

Tausende von Kuh-Gaben schenkte König Nṛga den Brahmanen; doch weil er eine einzige, einem anderen gehörige, verschenkt hatte, gelangte er in die Hölle.

Wort für Wort
gopradānasahasrāṇi
Tausende von Kuh-Gaben (Akk. Pl.)
narakam samavāptavān
er gelangte in die Hölle (Perf.)

Bezieht sich auf die bekannte Erzählung von König Nṛga, der trotz unzähliger rechtmäßiger Kuh-Spenden verflucht wurde, weil er unwissentlich eine bereits verschenkte, also nicht ihm gehörende Kuh weiterverschenkte.

ātmamāṃsapradānena śibir auśīnaro nṛpaḥ prāpya puṇyakṛtāṃl lokān modate divi suvrataḥ

Durch die Gabe seines eigenen Fleisches gelangte König Śibi, der Sohn des Uśīnara, zu den Welten der Verdienstvollen und erfreut sich im Himmel, jener Wohlgelobte.

Wort für Wort
ātmamāṃsapradānena
durch die Gabe des eigenen Fleisches (Instr.)
puṇyakṛtām lokān
die Welten der Verdienstvollen (Akk.)

Bezieht sich auf die bekannte Erzählung von König Śibi, der sein eigenes Fleisch anbot, um eine von einem Habicht verfolgte Taube zu retten.

vibhave na nṛṇāṃ puṇyaṃ svaśaktyā svarjitaṃ satām na yajñair vividhair vipra yathānyāyena saṃcitaiḥ

Nicht im Reichtum liegt das Verdienst der Menschen; durch eigene Kraft wird der Himmel von den Guten errungen, nicht durch mancherlei Opfer, o Brahmane, mögen sie auch rechtmäßig angehäuft sein.

Wort für Wort
vibhave
im Reichtum (Lok.)
svaśaktyā svarjitam
durch eigene Kraft der Himmel errungen (Adj.)

krodho dānaphalaṃ hanti lobhāt svargaṃ na gacchati nyāyavṛttir hi tapasā dānavit svargam aśnute

Zorn zerstört die Frucht einer Gabe; durch Gier gelangt man nicht zum Himmel; wer aber rechtschaffen wandelt, durch Askese das Geben versteht, erlangt den Himmel.

Wort für Wort
dānaphalaṃ hanti
er zerstört die Frucht der Gabe (Präs.)
dānavit
der das Geben versteht (Nom.)

na rājasūyair bahubhir iṣṭvā vipuladakṣiṇaiḥ na cāśvamedhair bahubhiḥ phalaṃ samam idaṃ tava

Nicht durch viele Rājasūya-Opfer, mit reichlichen Opfergaben vollzogen, und nicht durch viele Pferdeopfer, ist eine Frucht gleich dieser, der deinen.

Wort für Wort
rājasūyaiḥ vipuladakṣiṇaiḥ
durch Rājasūya-Opfer mit reichlichen Opfergaben (Instr.)
phalaṃ samam
eine gleiche Frucht (Nom.)

saktuprasthena hi jito brahmalokas tvayānagha virajo brahmabhavanaṃ gaccha vipra yathecchakam

Denn durch ein Prastha-Maß Mehl hast du die Welt Brahmās gewonnen, o Sündloser; geh, o Brahmane, zur staubfreien Wohnstätte Brahmās, wie es dir beliebt.

Wort für Wort
brahmalokaḥ jitaḥ
die gewonnene Welt Brahmās (Nom.)
virajaḥ brahmabhavanam
die staubfreie Wohnstätte Brahmās (Akk.)

sarveṣāṃ vo dvijaśreṣṭha divyaṃ yānam upasthitam ārohata yathākāmaṃ dharmo 'smi dvija paśya mām

Für euch alle, o Bester der Zweimalgeborenen, steht ein himmlischer Wagen bereit; besteigt ihn, wie es euch beliebt; ich bin Dharma, o Brahmane - sieh mich.

Wort für Wort
divyaṃ yānam
der himmlische Wagen (Nom.)
dharmaḥ asmi
ich bin Dharma (Präs.)

pāvito hi tvayā deho loke kīrtiḥ sthirā ca te sabhāryaḥ sahaputraś ca sasnuṣaś ca divaṃ vraja

Denn dein Leib ist von dir geläutert worden, und dein Ruhm ist beständig in der Welt; geh zusammen mit Gattin, Sohn und Schwiegertochter zum Himmel.“

Wort für Wort
pāvitaḥ
geläutert (Ptz.)
kīrtiḥ sthirā
beständiger Ruhm (Nom.)

ity uktavākyo dharmeṇa yānam āruhya sa dvijaḥ sabhāryaḥ sasutaś cāpi sasnuṣaś ca divaṃ yayau

Nach diesen Worten des Dharma bestieg jener Brahmane den Wagen und fuhr, zusammen mit Gattin, mit Sohn und mit Schwiegertochter, zum Himmel.

Wort für Wort
yānam āruhya
den Wagen bestiegen habend (Abs.)
divaṃ yayau
er fuhr zum Himmel (Perf.)

tasmin vipre gate svargaṃ sasute sasnuṣe tadā bhāryācaturthe dharmajñe tato 'haṃ niḥsṛto bilāt

Als jener Brahmane zum Himmel gegangen war, mit Sohn und Schwiegertochter, und die Gattin als vierte, der Dharmakundige, da kam ich aus meiner Höhle hervor.

Wort für Wort
gate svargam
als er zum Himmel gegangen war (Lok. Abs.)
niḥsṛto bilāt
ich kam aus der Höhle hervor (Perf.)

tatas tu saktugandhena kledena salilasya ca divyapuṣpāvamardāc ca sādhor dānalavaiś ca taiḥ viprasya tapasā tasya śiro me kāñcanīkṛtam

Da wurde durch den Mehlduft und die Feuchtigkeit des Wassers und die Zerreibung der himmlischen Blumen und durch jene Gabenreste des Rechtschaffenen, durch die Askese jenes Brahmanen, mein Kopf golden.

Wort für Wort
saktugandhena
durch den Mehlduft (Instr.)
kāñcanīkṛtam
golden gemacht (Ptz.)

tasya satyābhisaṃdhasya sūkṣmadānena caiva ha śarīrārdhaṃ ca me viprāḥ śātakumbhamayaṃ kṛtam paśyatedaṃ suvipulaṃ tapasā tasya dhīmataḥ

Von jenem Wahrheitsgebundenen, durch seine geringe Gabe, wurde mir die Hälfte des Leibes, ihr Brahmanen, aus Gold gemacht - seht dies, wie überaus gewaltig war die Askese jenes Klugen!

Wort für Wort
satyābhisaṃdhasya
des Wahrheitsgebundenen (Gen.)
śarīrārdham śātakumbhamayaṃ kṛtam
die zu Gold gemachte Körperhälfte (Nom.)

katham evaṃvidhaṃ me syād anyat pārśvam iti dvijāḥ tapovanāni yajñāṃś ca hṛṣṭo 'bhyemi punaḥ punaḥ

Wie könnte mir wohl die andere Seite ebenso werden, ihr Zweimalgeborenen - so gehe ich freudig immer wieder zu Bußwäldern und Opfern.

Wort für Wort
anyat pārśvam
die andere Seite (Nom.)
tapovanāni abhyemi
ich gehe zu den Bußwäldern (Präs.)

yajñaṃ tv aham imaṃ śrutvā kururājasya dhīmataḥ āśayā parayā prāpto na cāhaṃ kāñcanīkṛtaḥ

Diesen Opfer nun, des klugen Kuru-Königs, hörend, kam ich mit höchster Hoffnung her, und doch wurde ich nicht golden.

Wort für Wort
āśayā parayā
mit höchster Hoffnung (Instr.)
kāñcanīkṛtaḥ
golden gemacht (Ptz.)

tato mayoktaṃ tad vākyaṃ prahasya dvijasattamāḥ saktuprasthena yajño 'yaṃ saṃmito neti sarvathā

Da sprach ich jenes Wort, das ich gesprochen habe, lachend, ihr Besten der Zweimalgeborenen: Mit einem Prastha-Maß Mehl ist dieses Opfer keineswegs gleichwertig.

Wort für Wort
prahasya
gelacht habend (Abs.)
saṃmitaḥ na
nicht gleichwertig (Adj.)

saktuprasthalavais tair hi tadāhaṃ kāñcanīkṛtaḥ na hi yajño mahān eṣa sadṛśas tair mato mama

Durch jene geringen Reste eines Prastha-Maßes Mehl bin ich damals golden geworden; nicht gilt mir dieses gewaltige Opfer als ihnen gleichwertig.

Wort für Wort
saktuprasthalavaiḥ
durch die geringen Reste des Prastha-Mehls (Instr.)
sadṛśaḥ mataḥ mama
als mir gleichwertig geltend (Adj.)

vaiśaṃpāyana uvāca ity uktvā nakulaḥ sarvān yajñe dvijavarāṃs tadā jagāmādarśanaṃ rājan viprās te ca yayur gṛhān

Vaiśaṃpāyana sprach: Nach diesen Worten verschwand der Mungo vor den Augen aller Besten der Zweimalgeborenen bei dem Opfer, o König, und jene Brahmanen gingen zu ihren Häusern.

Wort für Wort
ādarśanaṃ jagāma
er verschwand vor den Augen (Perf.)
yayur gṛhān
sie gingen zu den Häusern (Aor.)

etat te sarvam ākhyātaṃ mayā parapuraṃjaya yad āścaryam abhūt tasmin vājimedhe mahākratau

„All dies habe ich dir erzählt, o Bezwinger feindlicher Städte, das Wunderbare, das sich bei jenem großen Pferdeopferritual zutrug.

Wort für Wort
ākhyātam
erzählt (Ptz.)
vājimedhe mahākratau
bei dem großen Pferdeopferritual (Lok.)

na vismayas te nṛpate yajñe kāryaḥ kathaṃ cana ṛṣikoṭisahasrāṇi tapobhir ye divaṃ gatāḥ

Du solltest, o König, dich über dieses Opfer keineswegs wundern; Tausende von Koṭi Sehern sind durch ihre Askese zum Himmel gegangen.

Wort für Wort
vismayaḥ na kāryaḥ
es sollte kein Erstaunen erregt werden (Ger.)
ṛṣikoṭisahasrāṇi
Tausende von Koṭi Sehern (Nom. Pl.)

adrohaḥ sarvabhūteṣu saṃtoṣaḥ śīlam ārjavam tapo damaś ca satyaṃ ca dānaṃ ceti samaṃ matam

Arglosigkeit gegenüber allen Wesen, Zufriedenheit, guter Charakter, Aufrichtigkeit, Askese, Selbstbeherrschung, Wahrhaftigkeit und Geben - dies gilt als gleichwertig.“

Wort für Wort
adrohaḥ sarvabhūteṣu
Arglosigkeit gegenüber allen Wesen (Nom.)
samaṃ matam
als gleichwertig geltend (Adj.)

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