'Wer in Abgeschiedenheit verweilt, schweigend, nichts denkend, und alles Frühere nach und nach aufgegeben hat, der wird frei von jedem eigennützigen Unternehmen.'
Wort für Wort
ekāyane līnaḥ
in Abgeschiedenheit verweilend (Lok. + PPP)
tūṣṇīṃ kiṃ cid acintayan
schweigend, nichts denkend (Adv. + Ppa.)
pūrvaṃ pūrvaṃ parityajya
das eine nach dem anderen aufgegeben habend (Abs.)
nirārambhako bhavet
würde frei von Unternehmen sein (Opt.)
[Anm.] Die Sprecherangabe 'brāhmaṇa uvāca' setzt hier scheinbar die Siddha-Lehre aus Kap.17-18 fort; wie V036 unten zeigt, handelt es sich jedoch tatsächlich um Kāśyapas EIGENE damalige Lehrrede an seinen eigenen Schüler (eine weitere Verschachtelungsebene) - per Inhaltsabgleich statt Tag-Wiederholung aufgelöst, s. Anm. zu V036.
sarvamitraḥ sarvasahaḥ samarakto jitendriyaḥ vyapetabhayamanyuś ca kāmahā mucyate naraḥ
'Jedem ein Freund, alles ertragend, allem gleichmütig zugetan, mit bezwungenen Sinnen, frei von Furcht und Zorn, die Begierde getötet habend - ein solcher Mensch wird befreit.'
Wort für Wort
sarvamitraḥ sarvasahaḥ
jedem ein Freund, alles ertragend (Nom.)
samaraktaḥ jitendriyaḥ
allem gleich zugetan, mit bezwungenen Sinnen (Nom.)
'Wer sich gegenüber allen Wesen wie gegenüber sich selbst verhielte, gezügelt und rein, ohne Dünkel, ohne Selbstsucht - der ist von allem gänzlich befreit.'
Wort für Wort
ātmavat sarvabhūteṣu caret
möge sich wie gegenüber sich selbst gegenüber allen Wesen verhalten (Opt.)
jīvitaṃ maraṇaṃ cobhe sukhaduḥkhe tathaiva ca lābhālābhe priyadveṣye yaḥ samaḥ sa ca mucyate
'Wer gegenüber Leben und Tod, ebenso gegenüber Freude und Leid, gegenüber Gewinn und Verlust, gegenüber Liebem und Verhasstem gleichmütig ist, der wird befreit.'
na kasya cit spṛhayate nāvajānāti kiṃ cana nirdvaṃdvo vītarāgātmā sarvato mukta eva saḥ
'Wer nach nichts begehrt und nichts verachtet, frei von den Gegensatzpaaren, dessen Selbst frei von Leidenschaft ist - der ist von allem gänzlich befreit.'
Wort für Wort
na kasya cit spṛhayate
begehrt nach niemandem (Präs.)
na avajānāti kiṃ cana
verachtet nichts (Präs.)
nirdvaṃdvo vītarāgātmā
frei von Gegensatzpaaren, ohne Leidenschaft im Selbst (Bahuvrihis)
naiva dharmī na cādharmī pūrvopacitahā ca yaḥ dhātukṣayapraśāntātmā nirdvaṃdvaḥ sa vimucyate
'Wer weder rechtschaffen noch unrechtschaffen ist, wer das früher Angehäufte vernichtet hat, dessen Selbst durch die Erschöpfung der Körperelemente zur Ruhe gekommen ist, frei von den Gegensatzpaaren - der wird völlig befreit.'
Wort für Wort
na eva dharmī na ca adharmī
weder rechtschaffen noch unrechtschaffen (Nom.)
pūrvopacitahā
wer das früher Angehäufte vernichtet hat (Nom.)
dhātukṣayapraśāntātmā
dessen Selbst durch Elemente-Erschöpfung beruhigt ist (Bahuvrihi)
vairāgyabuddhiḥ satataṃ tāpadoṣavyapekṣakaḥ ātmabandhavinirmokṣaṃ sa karoty acirād iva
'- ein solcher, mit beständig auf Entsagung gerichteter Einsicht, der die Fehler des quälenden Daseins betrachtet, bewirkt gleichsam bald die Befreiung von der Fessel des Selbst.'
Wort für Wort
vairāgyabuddhiḥ
mit auf Entsagung gerichteter Einsicht (Bahuvrihi)
tāpadoṣavyapekṣakaḥ
der die Fehler des Brennens betrachtet (Nom.)
ātmabandhavinirmokṣaṃ karoti
bewirkt die Befreiung von der Selbstfessel (Akk. + Präs.)
'Nachdem er das Selbst geschaut hat - ohne Geruch und Geschmack, ohne Berührung, ohne Klang, ohne stoffliche Fassung, ohne Gestalt, durch die Sinne nicht erkennbar -, wird er befreit.'
Wort für Wort
agandharasam asparśam aśabdam
ohne Geruch/Geschmack, Berührung, Klang (Akk.)
aparigraham arūpam anabhijñeyaṃ
ohne Fassung, Gestalt, unerkennbar (Akk.)
dṛṣṭvā ātmānaṃ vimucyate
nachdem er das Selbst geschaut hat, wird er befreit (Abs. + Präs.)
pañcabhūtaguṇair hīnam amūrtimad alepakam aguṇaṃ guṇabhoktāraṃ yaḥ paśyati sa mucyate
'Wer das Selbst erblickt als frei von den Eigenschaften der fünf Elemente, ungestaltet, unbefleckbar, eigenschaftslos, und dennoch als den Genießer der Guṇas, der wird befreit.'
Wort für Wort
pañcabhūtaguṇair hīnam
frei von den Eigenschaften der fünf Elemente (Instr. + Akk.)
amūrtimad alepakam aguṇaṃ
ungestaltet, unbefleckbar, eigenschaftslos (Akk.)
guṇabhoktāraṃ paśyati
erblickt als den Genießer der Guṇas (Akk. + Präs.)
'Nachdem er durch die Einsicht alle körperlichen und geistigen Vorstellungen aufgegeben hat, erlangt er allmählich das Verlöschen, wie ein Feuer ohne Brennstoff.'
Wort für Wort
vihāya sarvasaṃkalpān
nachdem er alle Vorstellungen aufgegeben hat (Abs.)
śārīramānasān buddhyā
die körperlichen/geistigen, durch die Einsicht (Akk. + Instr.)
tasyopadeśaṃ paśyāmi yathāvat tan nibodha me yair dvāraiś cārayan nityaṃ paśyaty ātmānam ātmani
'Ich kenne deren Unterweisung - vernimm sie von mir der Wahrheit gemäß: durch welche Zugänge man, die Sinne beständig lenkend, das Selbst im Selbst erblickt.'
indriyāṇi tu saṃhṛtya mana ātmani dhārayet tīvraṃ taptvā tapaḥ pūrvaṃ tato yoktum upakramet
'Nachdem er die Sinne zurückgezogen hat, möge er den Geist im Selbst festhalten; nachdem er zuvor heftige Askese geübt hat, möge er dann beginnen, sich im Yoga zu vereinigen.'
'Wie ja ein Mensch, nachdem er im Traum etwas gesehen hat, erkennt: "das habe ich gesehen" - ebenso erblickt der gut Geeinte das ihm ähnlich gestaltete Selbst deutlich.'
Wort für Wort
puruṣaḥ svapne dṛṣṭvā
der Mensch, nachdem er im Traum gesehen hat (Nom. + Abs.)
paśyaty asāv iti
[denkt] 'das habe ich gesehen' (Präs.)
tathārūpam iva ātmānaṃ prapaśyati
erblickt das ebenso gestaltete Selbst (Akk. + Präs.)
'Das Muñja-Gras nennen sie dabei den Körper, den Schilfhalm das im Selbst geborgene wahre Selbst - dieses unübertreffliche Gleichnis wird von den Yogakundigen verkündet.'
Wort für Wort
muñjaṃ śarīraṃ āhuḥ
das Muñja-Gras nennen sie den Körper (Akk. + Präs. Perf.)
iṣīkām ātmani śritām
den im Selbst geborgenen Schilfhalm (Akk. + PPP)
yogavidbhir anuttamam proktaṃ
von den Yogakundigen als unübertrefflich verkündet (Instr. + PPP)
'Der geeinte, selbstbeherrschte Yogin bewirkt sogar die Göttlichkeit der Götter nach Belieben, und er erlangt das unvergängliche Brahman, nachdem er den vergänglichen Körper aufgegeben hat.'
Wort für Wort
devānām api devatvaṃ kārayate
bewirkt sogar die Göttlichkeit der Götter (Gen. + Akk. + Präs.)
yuktaḥ vaśī
der Geeinte, Selbstbeherrschte (Nom.)
brahma avyayam āpnoti
erlangt das unvergängliche Brahman (Akk. + Präs.)
hitvā deham aśāśvatam
nachdem er den vergänglichen Körper aufgegeben hat (Abs.)
duḥkhaśokamayair ghoraiḥ saṅgasnehasamudbhavaiḥ na vicālyeta yuktātmā niḥspṛhaḥ śāntamānasaḥ
'Durch die schrecklichen, aus Leid und Kummer bestehenden Erschütterungen, die aus Anhaftung und Zuneigung entstehen, wird der, dessen Selbst geeint ist, wunschlos und mit befriedetem Sinn, nicht erschüttert.'
Wort für Wort
duḥkhaśokamayair ghoraiḥ
durch die schrecklichen, aus Leid/Kummer bestehenden (Instr.)
saṅgasnehasamudbhavaiḥ
die aus Anhaftung/Zuneigung entstehen (Instr.)
na vicālyeta yuktātmā
würde nicht erschüttert werden, wessen Selbst geeint ist (Opt. Pass. + Bahuvrihi)
samyag yuktvā yadātmānam ātmany eva prapaśyati tadaiva na spṛhayate sākṣād api śatakratoḥ
'Wenn er, nachdem er sich recht geeint hat, das Selbst eben im Selbst erblickt, dann begehrt er nicht einmal mehr nach der leibhaftigen Stellung Śatakratus (Indras).'
Wort für Wort
samyag yuktvā
nachdem er sich recht geeint hat (Abs.)
ātmānam ātmany eva prapaśyati
erblickt das Selbst eben im Selbst (Akk. + Präs.)
na spṛhayate sākṣād api śatakratoḥ
begehrt nicht einmal leibhaftig nach Indra (Präs. + Gen.)
nirvedas tu na gantavyo yuñjānena kathaṃ cana yogam ekāntaśīlas tu yathā yuñjīta tac chṛṇu
'Überdruss aber darf bei dem, der sich im Yoga übt, auf keine Weise aufkommen; höre nun, wie ein Mensch von zurückgezogener Wesensart den Yoga üben möge.'
Wort für Wort
nirvedas tu na gantavyaḥ
Überdruss darf nicht aufkommen (Nom. + Ger.)
yuñjānena kathaṃ cana
bei dem sich Übenden, auf keine Weise (Instr. Ppa. Med.)
ekāntaśīlas yathā yuñjīta
wie der von zurückgezogener Wesensart üben möge (Nom. + Opt.)
dṛṣṭapūrvāṃ diśaṃ cintya yasmin saṃnivaset pure purasyābhyantare tasya manaś cāryaṃ na bāhyataḥ
'Nachdem er an eine zuvor gesehene Himmelsrichtung gedacht hat, in welcher Stadt er sich niederlassen möge - im Inneren dieser Stadt soll sein Geist wandeln, nicht nach außen.'
Wort für Wort
dṛṣṭapūrvāṃ diśaṃ cintya
nachdem er an die zuvor gesehene Richtung gedacht hat (Abs.)
yasmin saṃnivaset pure
in welcher Stadt er sich niederlassen möge (Lok. + Opt.)
purasyābhyantare manaś cāryaṃ
im Inneren der Stadt soll der Geist wandeln (Lok. + Ger.)
[Anm.] 'Stadt' (pura) hier bildlich für den Körper, wie in den folgenden Versen präzisiert.
'Im Inneren der Stadt weilend, in welcher Behausung er auch wohnen möge - in dieser Behausung soll der Geist gehalten werden, zunächst mit Bezug auf Außen und Innen.'
Wort für Wort
purasyābhyantare tiṣṭhan
im Inneren der Stadt weilend (Lok. + Ppa.)
yasminn āvasathe vaset
in welcher Behausung er wohnen möge (Lok. + Opt.)
sabāhyābhyantaraṃ manaḥ dhāryaṃ
der Geist, mit Außen und Innen, ist zu halten (Nom. + Ger.)
'Nachdem er die ganze Behausung bedacht hat, erkennt er: es ist der Körper, in dem er weilt - in diesem Körper soll der Geist wandeln, auf keine Weise nach außen.'
'Nachdem er die Gesamtheit der Sinne gezügelt hat, möge er in einem geräuschlosen, menschenleeren Wald, einsgerichtet, den ganzen inneren Körper betrachten.'
Wort für Wort
saṃniyamya indriyagrāmaṃ
nachdem er die Gesamtheit der Sinne gezügelt hat (Abs.)
nirghoṣe nirjane vane
in einem geräuschlosen, menschenleeren Wald (Lok.)
'So von mir angesprochen, fragte jener mein kluger Schüler, o Madhusūdana, wiederum nach dieser schwer auszudrückenden Erlösungslehre.'
Wort für Wort
ity uktaḥ sa mayā
so von mir angesprochen (PPP + Instr.)
śiṣyo medhāvī
der kluge Schüler (Nom.)
madhusūdana
o Madhusūdana (Vok., Kṛṣṇa)
papraccha punar eva
fragte wiederum (Perf.)
mokṣadharmaṃ sudurvacam
die schwer auszudrückende Erlösungslehre (Akk.)
[Anm.] Hier wird deutlich: Kāśyapa (innerhalb seiner Erzählung an Kṛṣṇa) gibt in V001-035 nicht die Worte seines eigenen Gurus (des Siddha aus Kap.17-18) wieder, sondern berichtet von einer weiteren eigenen Erinnerung - er selbst hatte dereinst, mit dem vom Siddha empfangenen Wissen, einen eigenen Schüler unterrichtet. Die Vokative 'Madhusūdana'/'Mādhava'/'Kṛṣṇa' (hier sowie V041, V048) bestätigen, dass Kāśyapa ununterbrochen weiterhin zu Kṛṣṇa spricht; die Verschachtelung wird - gemäß der etablierten Konvention - unabhängig von ihrer tatsächlichen Tiefe einheitlich per ASCII-Zitat markiert.
bhuktaṃ bhuktaṃ katham idam annaṃ koṣṭhe vipacyate kathaṃ rasatvaṃ vrajati śoṇitaṃ jāyate katham tathā māṃsaṃ ca medaś ca snāyvasthīni ca poṣati
'Wie wird diese jeweils gegessene Speise im Leib verdaut? Wie geht sie in den Nährsaft über, und wie entsteht das Blut daraus? Und wie nährt sie ebenso Fleisch, Fett, Sehnen und Knochen?'
Wort für Wort
bhuktaṃ bhuktaṃ annaṃ koṣṭhe vipacyate
die jeweils gegessene Speise wird im Leib verdaut (Akk. + Präs. Pass.)
katham etāni sarvāṇi śarīrāṇi śarīriṇām vardhante vardhamānasya vardhate ca kathaṃ balam nirojasāṃ niṣkramaṇaṃ malānāṃ ca pṛthak pṛthak
'Wie wachsen all diese Körperteile der Verkörperten, und wie wächst bei dem Heranwachsenden die Kraft? Und wie geschieht das gesonderte Ausscheiden der kraftlosen Abfallstoffe und der Unreinheiten?'
Wort für Wort
śarīrāṇi śarīriṇām vardhante
die Körperteile der Verkörperten wachsen (Nom. + Präs.)
vardhamānasya balam vardhate
bei dem Heranwachsenden wächst die Kraft (Gen. + Präs.)
nirojasāṃ niṣkramaṇaṃ malānāṃ pṛthak pṛthak
das gesonderte Ausscheiden der kraftlosen Stoffe/Unreinheiten (Gen. + Nom.)
jīvaḥ kāyaṃ vahati cec ceṣṭayānaḥ kalevaram kiṃvarṇaṃ kīdṛśaṃ caiva niveśayati vai manaḥ yāthātathyena bhagavan vaktum arhasi me 'nagha
'Wenn der Lebenshauch den Körper trägt, während er den Leib in Bewegung setzt - von welcher Farbe und Beschaffenheit ist wohl der Geist, den er dabei einsetzt? Das solltest du mir, o Herr, o Makelloser, der Wahrheit gemäß sagen.'
Wort für Wort
jīvaḥ kāyaṃ vahati
der Lebenshauch trägt den Körper (Nom. + Präs.)
ceṣṭayānaḥ kalevaram
den Leib in Bewegung setzend (Ppa. Med. + Akk.)
kiṃvarṇaṃ kīdṛśaṃ manaḥ niveśayati
von welcher Farbe/Art setzt er den Geist ein (Akk. + Präs.)
bhagavan vaktum arhasi
o Herr, du solltest sagen (Vok. + Inf. + Präs.)
[Anm.] Innerhalb dieser Verschachtelungsebene richtet nun Kāśyapas EIGENER Schüler diese Fragen an Kāśyapa selbst (angeredet als 'bhagavan'/'anagha') - eine weitere, tiefere Ebene innerhalb von Kṛṣṇas Erzählung, ebenfalls einheitlich per ASCII markiert.
iti saṃparipṛṣṭo 'haṃ tena vipreṇa mādhava pratyabruvaṃ mahābāho yathāśrutam ariṃdama
'So von jenem Brahmanen ausführlich befragt, o Mādhava, antwortete ich, o Starkarmiger, o Feindebezwinger, so wie ich es selbst zuvor gehört hatte.'
Wort für Wort
saṃparipṛṣṭo 'ham tena vipreṇa
ich, von jenem Brahmanen befragt (PPP + Instr.)
mādhava mahābāho ariṃdama
o Mādhava, Starkarmiger, Feindebezwinger (Vok., alle Kṛṣṇa)
pratyabruvaṃ yathāśrutam
ich antwortete, wie gehört (Impf. + Adv.)
[Anm.] 'yathāśrutam' (wie gehört) bestätigt: Kāśyapas Antwort an seinen eigenen Schüler gibt wiederum die Lehre des Siddha wieder, die er selbst in Kap.17-18 empfangen hatte - ein Kreis, der die Weitergabe der Lehre in der guru-śiṣya-Kette veranschaulicht.
yathā svakoṣṭhe prakṣipya koṣṭhaṃ bhāṇḍamanā bhavet tathā svakāye prakṣipya mano dvārair aniścalaiḥ ātmānaṃ tatra mārgeta pramādaṃ parivarjayet
'Wie man, nachdem man etwas in seine eigene Kammer gelegt hat, mit dem Sinn auf dieses Behältnis gerichtet wäre, so möge man, nachdem man den Geist in den eigenen Körper gelegt hat, durch die fest verschlossenen Tore der Sinne dort das Selbst suchen und Unachtsamkeit meiden.'
Wort für Wort
svakoṣṭhe prakṣipya bhāṇḍamanā bhavet
nachdem man in die Kammer gelegt hat, wäre man mit dem Sinn darauf gerichtet (Abs. + Opt.)
svakāye prakṣipya manaḥ
nachdem man den Geist in den Körper gelegt hat (Abs.)
dvārair aniścalaiḥ ātmānaṃ mārgeta
durch die festen Tore möge man das Selbst suchen (Instr. + Opt.)
na tv asau cakṣuṣā grāhyo na ca sarvair apīndriyaiḥ manasaiva pradīpena mahān ātmani dṛśyate
'Jenes ist aber weder mit dem Auge erfassbar noch mit irgendeinem der übrigen Sinne - einzig mit dem Geist als Lampe wird das Große Selbst im Selbst erblickt.'
Wort für Wort
na cakṣuṣā grāhyaḥ
nicht mit dem Auge erfassbar (Instr. + Ger.)
na sarvair api indriyaiḥ
auch nicht mit allen Sinnen (Instr.)
manasaiva pradīpena mahān ātmani dṛśyate
einzig mit dem Geist als Lampe wird das Große im Selbst erblickt (Instr. + Nom. + Präs. Pass.)
'Der Lebenshauch erblickt deutlich jenes aus dem Körper ausgetretene Selbst, das nach allen Seiten Hände und Füße, nach allen Seiten Augen, Köpfe und Gesichter hat.'
Wort für Wort
sarvataḥpāṇipādaṃ sarvatokṣiśiromukham
mit Händen/Füßen, Augen/Köpfen/Gesichtern nach allen Seiten (Akk., Bahuvrihis)
jīvo niṣkrāntam ātmānaṃ śarīrāt saṃprapaśyati
der Lebenshauch erblickt das aus dem Körper ausgetretene Selbst (Nom. + Akk. + Abl. + Präs.)
idaṃ sarvarahasyaṃ te mayoktaṃ dvijasattama āpṛcche sādhayiṣyāmi gaccha śiṣya yathāsukham
'Dieses ganze Geheimnis ist dir nun von mir mitgeteilt worden, o bester der Zweifachgeborenen; ich nehme Abschied, ich werde nun gehen - geh auch du, Schüler, wie es dir beliebt.'
Wort für Wort
sarvarahasyaṃ te mayoktaṃ
dieses Geheimnis ist dir von mir gesagt worden (Nom. + PPP)
āpṛcche sādhayiṣyāmi
ich nehme Abschied, ich werde gehen (Präs. + Fut.)
'So von mir angesprochen, ging damals, o Kṛṣṇa, jener mein Schüler von großer Askesekraft, der Brahmane, dessen Zweifel nun zerschnitten waren, nach seinem Belieben davon.'
Wort für Wort
ity uktaḥ sa tadā kṛṣṇa
so angesprochen, damals, o Kṛṣṇa (Vok.)
mayā śiṣyo mahātapāḥ
mein Schüler von großer Askesekraft (Instr. + Nom.)
agacchata yathākāmaṃ
ging nach Belieben davon (Impf. + Adv.)
brāhmaṇaś chinnasaṃśayaḥ
der Brahmane, dessen Zweifel zerschnitten waren (Nom., Bahuvrihi)
Ende von Kāśyapas gesamter, seit Kap.16 V016 eingebetteter Erzählung - bestätigt durch V049 ('vāsudeva uvāca'), wo Kṛṣṇa unmittelbar zu Arjuna ('pārtha') zurückkehrt.
Nachdem er so dieses Wort zu mir gesprochen hatte, o Pārtha, verschwand jener Stier der Zweifachgeborenen, der sich recht der Erlösungslehre zugewandt hatte, eben dort.
Wort für Wort
ity uktvā sa tadā vākyaṃ māṃ
nachdem er so dieses Wort zu mir gesprochen hatte (Abs. + Akk.)
pārtha
o Pārtha (Vok., Arjuna)
dvijapuṃgavaḥ mokṣadharmāśritaḥ
der Stier der Zweifachgeborenen, der Erlösungslehre zugewandt (Nom., Bahuvrihi)
tatraivāntaradhīyata
verschwand eben dort (Impf. Med.)
Kṛṣṇas eigene Erzählerstimme setzt hier - nach Kāśyapas Verschwinden - unmittelbar wieder ein, direkt an Arjuna gerichtet ('pārtha'); daher bleibt dieser und die folgenden Verse UNMARKIERT (kein ASCII-Zitat mehr), analog zu Kap.16 V009-015. Kṛṣṇas reale CQ-Rede (offen seit Kap.16 V009) bleibt strukturell unverändert offen, nur die tief eingebettete Kāśyapa-Erzählung endet hier - GROSSER STRUKTUR-MEILENSTEIN.
naitat pārtha suvijñeyaṃ vyāmiśreṇeti me matiḥ nareṇākṛtasaṃjñena vidagdhenākṛtātmanā
Dies ist, o Pārtha, nicht leicht zu verstehen - so ist meine Meinung - durch einen Menschen mit zerstreutem Geist, ohne rechte Erkenntnis, nur gerissen, aber im Selbst ungeübt.
Wort für Wort
na etat suvijñeyaṃ
dies ist nicht leicht zu verstehen (Nom. + Ger.)
vyāmiśreṇa iti me matiḥ
durch einen Zerstreuten, so meine Meinung (Instr. + Nom.)
nareṇākṛtasaṃjñena vidagdhena akṛtātmanā
durch einen Menschen ohne Erkenntnis, gerissen, ungeübt im Selbst (Instr.)
na hy etac chrotum arho 'nyo manuṣyas tvām ṛte 'nagha naitad adya suvijñeyaṃ vyāmiśreṇāntarātmanā
Denn kein anderer Mensch außer dir, o Makelloser, ist würdig, dies zu hören; es ist heute nicht leicht zu verstehen mit einem zerstreuten inneren Geist.
Wort für Wort
na etac chrotum arhaḥ anyo manuṣyaḥ
kein anderer Mensch ist würdig dies zu hören (Ger. + Nom.)
kriyāvadbhir hi kaunteya devalokaḥ samāvṛtaḥ na caitad iṣṭaṃ devānāṃ martyai rūpanivartanam
Denn durch die ritual-handelnden Menschen, o Kaunteya, ist die Götterwelt bevölkert; und den Göttern ist dies nicht erwünscht - dass Sterbliche sich von ihrer irdischen Gestalt abwenden.
Wort für Wort
kriyāvadbhir devalokaḥ samāvṛtaḥ
durch die Handelnden ist die Götterwelt bevölkert (Instr. + Nom. + PPP)
na etad iṣṭaṃ devānāṃ
dies ist den Göttern nicht erwünscht (Nom. + Gen.)
martyai rūpanivartanam
das Abwenden der Gestalt durch Sterbliche (Instr. + Nom.)
[Anm.] Vers spielt auf die traditionelle Vorstellung an, dass die Götter von den Ritualverdiensten der Menschen profitieren und daher an einer allgemeinen Erlösungssuche - statt bloßer Himmelfahrt durch Opferwerk - kein Interesse hätten, ein bekanntes Motiv der Mokṣa-Literatur.
parā hi sā gatiḥ pārtha yat tad brahma sanātanam yatrāmṛtatvaṃ prāpnoti tyaktvā duḥkhaṃ sadā sukhī
Das ist ja der höchste Zustand, o Pārtha, welcher jenes ewige Brahman ist, wo man, nachdem man das Leid aufgegeben hat, Unsterblichkeit erlangt und immerdar glücklich ist.
Wort für Wort
parā sā gatiḥ
das ist der höchste Zustand (Nom.)
tad brahma sanātanam
jenes ewige Brahman (Nom.)
amṛtatvaṃ prāpnoti tyaktvā duḥkhaṃ
erlangt Unsterblichkeit, nachdem er das Leid aufgegeben hat (Akk. + Präs. + Abs.)
evaṃ hi dharmam āsthāya ye 'pi syuḥ pāpayonayaḥ striyo vaiśyās tathā śūdrās te 'pi yānti parāṃ gatim
Denn indem sie sich so auf dieses Dharma gründen, gelangen auch die, welche von niedriger Geburt sein mögen - Frauen, Vaiśyas und ebenso Śūdras - auch sie zum höchsten Ziel.
Wort für Wort
dharmam āsthāya
indem sie sich auf das Dharma gründen (Abs.)
pāpayonayaḥ
von niedriger/sündiger Geburt (Nom. Pl.)
striyo vaiśyās śūdrās parāṃ gatim yānti
Frauen, Vaiśyas, Śūdras gelangen zum höchsten Ziel (Nom. + Akk. + Präs.)
Wie viel mehr gilt dies, o Pārtha, für Brahmanen oder vielgelehrte Kṣatriyas, die beständig an ihrem eigenen Dharma Freude haben und auf die Welt des Brahman als höchstes Ziel ausgerichtet sind.
Wort für Wort
kiṃ punar brāhmaṇāḥ kṣatriyā bahuśrutāḥ
wie viel mehr Brahmanen, vielgelehrte Kṣatriyas (Nom.)
hetumac caitad uddiṣṭam upāyāś cāsya sādhane siddheḥ phalaṃ ca mokṣaś ca duḥkhasya ca vinirṇayaḥ ataḥ paraṃ sukhaṃ tv anyat kiṃ nu syād bharatarṣabha
Und dies ist dir mit Begründung dargelegt worden: die Mittel zu dessen Erreichung, die Frucht der Vollendung, die Erlösung, und die endgültige Beseitigung des Leids - was für ein anderes Glück könnte es wohl darüber hinaus geben, o Stier der Bharatas?
Wort für Wort
hetumac caitad uddiṣṭam
dies ist mit Begründung dargelegt worden (Nom. + PPP)
upāyāś sādhane siddheḥ phalaṃ mokṣaś
die Mittel zur Erreichung, die Frucht der Vollendung, die Erlösung (Nom.)
śrutavāñ śraddadhānaś ca parākrāntaś ca pāṇḍava yaḥ parityajate martyo lokatantram asāravat etair upāyaiḥ sa kṣipraṃ parāṃ gatim avāpnuyāt
Ein Sterblicher, der dies gehört hat, gläubig und tatkräftig ist, o Pāṇḍava, und der das weltliche Getriebe als wesenlos aufgibt - er würde durch diese Mittel rasch das höchste Ziel erlangen.
Wort für Wort
śrutavāñ śraddadhānaś parākrāntaś
der gehört hat, gläubig, tatkräftig ist (Nom.)
lokatantram asāravat parityajate
gibt das weltliche Getriebe als wesenlos auf (Akk. + Präs.)
Nur so viel war zu sagen, mehr als dies gibt es nicht; für den, der sechs Monate beständig im Yoga verharrt, kommt der Yoga zur Vollendung, o Pārtha.
Wort für Wort
etāvad eva vaktavyaṃ
nur so viel war zu sagen (Nom. + Ger.)
na ataḥ bhūyo 'sti kiṃ cana
mehr als dies gibt es nicht (Präs.)
ṣaṇmāsān nityayuktasya yogaḥ pravartate
für den sechs Monate beständig Geeinten kommt der Yoga zustande (Akk. + Gen. + Nom. + Präs.)
Abschluss des gesamten, seit Kap.11 (Vāsudevas erster Rede) bzw. enger seit Kap.16 (Anugītā-Beginn) laufenden Lehrblocks der Brāhmaṇagītā; Kṛṣṇas Rede an Arjuna bleibt strukturell weiterhin offen (per Kap.20-Extraktion zu bestätigen).