Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 47: saṃnyāsajñānaṃ brahmavṛkṣopamā ca Brahmās Lehre: Entsagung und Wissen, das Gleichnis vom Brahman-Baum und den zwei Vögeln

saṃnyāsaṃ tapa ity āhur vṛddhā niścitadarśinaḥ brāhmaṇā brahmayonisthā jñānaṃ brahma paraṃ viduḥ

'Brahmā sprach weiter: Entsagung sei Askese, so sagten die Alten von gewisser Einsicht; die im Ursprung des Brahman verankerten Brahmanen erkennten das Wissen als das höchste Brahman.'

Wort für Wort
niścitadarśinaḥ
von gewisser Einsicht (Nom. Pl. m.)
brahmayonisthāḥ
im Ursprung des Brahman verankert (Nom. Pl. m.)

avidūrāt paraṃ brahma vedavidyāvyapāśrayam nirdvaṃdvaṃ nirguṇaṃ nityam acintyaṃ guhyam uttamam

'Nicht fern sei das höchste Brahman, unabhängig von Vedawissen, frei von Gegensätzen, eigenschaftslos, ewig, unfassbar, geheim, das Höchste.'

Wort für Wort
vedavidyāvyapāśrayam
unabhängig von Vedawissen (Nom. Sg. n.)
nirdvaṃdvaṃ nirguṇam
frei von Gegensätzen, eigenschaftslos (Nom. Sg. n.)

jñānena tapasā caiva dhīrāḥ paśyanti tat padam nirṇiktatamasaḥ pūtā vyutkrāntarajaso 'malāḥ

'Durch Wissen und Askese erblicken die Weisen jenen Zustand, von Finsternis gereinigt, rein, über das Rajas hinausgegangen, makellos.'

Wort für Wort
nirṇiktatamasaḥ
von Finsternis gereinigt (Nom. Pl. m.)
vyutkrāntarajasaḥ
über das Rajas hinausgegangen (Nom. Pl. m.)

tapasā kṣemam adhvānaṃ gacchanti paramaiṣiṇaḥ saṃnyāsaniratā nityaṃ ye brahmaviduṣo janāḥ

'Durch Askese gelangen die nach dem Höchsten Strebenden auf den sicheren Weg, jene Menschen, die der Entsagung stets ergeben und Brahman-Kenner seien.'

Wort für Wort
paramaiṣiṇaḥ
die nach dem Höchsten Strebenden (Nom. Pl. m.)
saṃnyāsaniratāḥ
der Entsagung ergeben (Nom. Pl. m.)

tapaḥ pradīpa ity āhur ācāro dharmasādhakaḥ jñānaṃ tv eva paraṃ vidma saṃnyāsas tapa uttamam

'Askese sei die Leuchte, so sagten sie, rechtes Verhalten der Vollbringer des Dharma; das Wissen aber erkenne man als das Höchste, die Entsagung als die höchste Askese.'

Wort für Wort
tapaḥ pradīpaḥ
Askese ist die Leuchte (Nom. Sg. m.)
vidma
wir erkennen (1. Pl. Präs., hier indirekt: man erkennt)

'vidma' (1. Pl., 'wir erkennen') gemäß Konvention indirekt wiedergegeben.

yas tu veda nirābādhaṃ jñānaṃ tattvaviniścayāt sarvabhūtastham ātmānaṃ sa sarvagatir iṣyate

'Wer aber durch die Gewissheit der Wahrheit das ungestörte Wissen kenne, den in allen Wesen weilenden Ātman, jener gelte als der Alldurchdringende.'

Wort für Wort
nirābādhaṃ jñānam
das ungestörte Wissen (Akk. Sg. n.)
sarvagatiḥ
der Alldurchdringende (Nom. Sg. m.)

yo vidvān sahavāsaṃ ca vivāsaṃ caiva paśyati tathaivaikatvanānātve sa duḥkhāt parimucyate

'Wer als Wissender das Zusammenwohnen und ebenso das Getrenntwohnen erblicke, und ebenso die Einheit und Vielheit, jener werde vom Leid gänzlich befreit.'

Wort für Wort
sahavāsaṃ vivāsam
das Zusammenwohnen, das Getrenntwohnen (Akk. Sg. m.)
ekatvanānātve
Einheit und Vielheit (Akk. Du. n.)

yo na kāmayate kiṃ cin na kiṃ cid avamanyate ihalokastha evaiṣa brahmabhūyāya kalpate

'Wer nichts begehre und nichts verachte, eben dieser sei, noch in dieser Welt weilend, zum Werden-zu-Brahman fähig.'

Wort für Wort
na kāmayate
er begehrt nicht (3. Sg. Präs. Ātm.)
brahmabhūyāya kalpate
er wird fähig zum Werden-zu-Brahman (3. Sg. Präs.)

pradhānaguṇatattvajñaḥ sarvabhūtavidhānavit nirmamo nirahaṃkāro mucyate nātra saṃśayaḥ

'Der Kenner des Wesens von Pradhāna und Guṇas, der Kundige der Ordnung aller Wesen, frei von Besitzdenken und Ich-Bewusstsein, werde befreit, daran bestehe kein Zweifel.'

Wort für Wort
pradhānaguṇatattvajñaḥ
der Kenner des Wesens von Pradhāna und Guṇas (Nom. Sg. m.)
sarvabhūtavidhānavit
der Kundige der Ordnung aller Wesen (Nom. Sg. m.)

nirdvaṃdvo nirnamaskāro niḥsvadhākāra eva ca nirguṇaṃ nityam advaṃdvaṃ praśamenaiva gacchati

'Frei von Gegensätzen, frei von Verehrungsformeln, frei vom Svadhā-Ruf, gelange er allein durch Friedfertigkeit zum ewigen, eigenschaftslosen, gegensatzlosen Brahman.'

Wort für Wort
niḥsvadhākāraḥ
frei vom Svadhā-Ruf (Nom. Sg. m.)
praśamena gacchati
er gelangt durch Friedfertigkeit (3. Sg. Präs.)

hitvā guṇamayaṃ sarvaṃ karma jantuḥ śubhāśubham ubhe satyānṛte hitvā mucyate nātra saṃśayaḥ

'Nachdem das Geschöpf alles aus Eigenschaften bestehende Handeln, gutes wie schlechtes, aufgegeben habe, und beides, Wahrheit und Unwahrheit, aufgegeben habe, werde es befreit, daran bestehe kein Zweifel.'

Wort für Wort
guṇamayaṃ karma
aus Eigenschaften bestehendes Handeln (Akk. Sg. n.)
satyānṛte hitvā
Wahrheit und Unwahrheit aufgegeben habend (Absolutiv)

avyaktabījaprabhavo buddhiskandhamayo mahān mahāhaṃkāraviṭapa indriyāntarakoṭaraḥ

'Aus dem unoffenbarten Samen entsprungen, aus dem Stamm der Erkenntniskraft bestehend, groß, mit dem großen Ich-Bewusstsein als Ast, mit den Sinnen als innerer Höhlung -'

Wort für Wort
avyaktabījaprabhavaḥ
aus dem unoffenbarten Samen entsprungen (Nom. Sg. m.)
mahāhaṃkāraviṭapaḥ
mit dem großen Ich-Bewusstsein als Ast (Nom. Sg. m.)

mahābhūtaviśākhaś ca viśeṣapratiśākhavān sadāparṇaḥ sadāpuṣpaḥ śubhāśubhaphalodayaḥ ājīvaḥ sarvabhūtānāṃ brahmavṛkṣaḥ sanātanaḥ

'mit den großen Elementen als Hauptzweigen, mit den Sinnesobjekten als Nebenzweigen versehen, stets belaubt, stets blühend, mit dem Aufgehen guter und schlechter Früchte - der Lebensunterhalt aller Wesen, der ewige Brahman-Baum.'

Wort für Wort
mahābhūtaviśākhaḥ
mit den großen Elementen als Hauptzweigen (Nom. Sg. m.)
brahmavṛkṣaḥ sanātanaḥ
der ewige Brahman-Baum (Nom. Sg. m.)

etac chittvā ca bhittvā ca jñānena paramāsinā hitvā cāmaratāṃ prāpya jahyād vai mṛtyujanmanī nirmamo nirahaṃkāro mucyate nātra saṃśayaḥ

'Diesen Baum mit dem höchsten Schwert des Wissens gefällt und durchbohrt, ihn aufgegeben und die Unsterblichkeit erlangt habend, gebe er wahrlich Tod und Geburt auf; frei von Besitzdenken und Ich-Bewusstsein werde er befreit, daran bestehe kein Zweifel.'

Wort für Wort
jñānena paramāsinā
mit dem höchsten Schwert des Wissens (Instr. Sg. m.)
jahyād mṛtyujanmanī
er gebe Tod und Geburt auf (3. Sg. Optativ)

dvāv etau pakṣiṇau nityau sakhāyau cāpy acetanau etābhyāṃ tu paro yasya cetanāvān iti smṛtaḥ

'Diese zwei ewigen Vögel, Gefährten, seien selbst unbewusst; wer aber jenseits dieser beiden sei, gelte als der Bewusste.'

Wort für Wort
pakṣiṇau ... sakhāyau
die zwei Vögel, Gefährten (Nom. Du. m.)
cetanāvān
der Bewusste, Beseelte (Nom. Sg. m.)

[?] Ungewöhnliche Variante des bekannten Zwei-Vögel-Gleichnisses (vgl. Muṇḍaka-/Śvetāśvatara-Upaniṣad): hier werden BEIDE Vögel als 'acetana' (unbewusst) bezeichnet, während das eigentlich Bewusste jenseits von beiden stehe - eine vom geläufigeren Bild (ein Vogel isst, der andere schaut bewusst zu) abweichende Lesart.

acetanaḥ sattvasaṃghātayuktaḥ sattvāt paraṃ cetayate 'ntarātmā sa kṣetrajñaḥ sattvasaṃghātabuddhir guṇātigo mucyate mṛtyupāśāt

'Das Unbewusste sei mit der Ansammlung des Daseins verbunden; jenseits dieser Ansammlung nehme das innere Selbst wahr - dieses sei der Kṣetrajña, dessen Erkenntnis über die Ansammlung des Daseins hinausgehe; über die Eigenschaften hinausgegangen, werde er von der Schlinge des Todes befreit.'

Wort für Wort
sattvasaṃghātayuktaḥ
mit der Ansammlung des Daseins verbunden (Nom. Sg. m.)
guṇātigo mucyate
über die Eigenschaften hinausgegangen wird er befreit (Nom. Sg. m., 3. Sg. Präs. Pass.)

[?] 'sattvasaṃghāta' (Ansammlung des Daseins/der Existenz) unsicher übersetzt - könnte auch spezifischer 'Ansammlung des Sattva-Prinzips' meinen.

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