Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 25: cāturhotravidhānam / nārāyaṇavidyā Die vierfache Hotṛ-Ordnung; die Lehre von Nārāyaṇa

brāhmaṇa uvāca atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam cāturhotravidhānasya vidhānam iha yādṛśam

'Der Brahmane sprach: Auch hierzu führt man dieses uralte Itihāsa an - wie hier die Einteilung der vierfachen Hotṛ-Ordnung beschaffen ist.'

Wort für Wort
cāturhotravidhānasya
der vierfachen Hotṛ-Ordnung (Gen. Sg., n.)

Neue Erzählung innerhalb der Rede des Ehemannes; anders als in Kap. 21-24 wird sie nicht als Dialog benannter Figuren, sondern durchgehend in der eigenen Stimme des Ehemannes vorgetragen (vgl. V002: 'höre mir zu'), weshalb hier keine Umwandlung in indirekte Rede erforderlich ist.

tasya sarvasya vidhivad vidhānam upadekṣyate śṛṇu me gadato bhadre rahasyam idam uttamam

'Die vorschriftsmäßige Einteilung all dessen will ich lehren; höre, du Gute, mir zu, während ich dieses höchste Geheimnis verkünde.'

Wort für Wort
upadekṣyate
es wird gelehrt werden (3. Sg. Fut. Passiv, upa-√diś; hier freier als 'ich will lehren')

karaṇaṃ karma kartā ca mokṣa ity eva bhāmini catvāra ete hotāro yair idaṃ jagad āvṛtam

'Werkzeug, Werk, Handelnder und Befreiung, so, o Strahlende, sind diese vier Hotṛ, durch die diese ganze Welt umfasst wird.'

Wort für Wort
āvṛtam
umfasst, umhüllt (Nom. Sg. n., Partizip Perfekt Passiv)

hotṝṇāṃ sādhanaṃ caiva śṛṇu sarvam aśeṣataḥ ghrāṇaṃ jihvā ca cakṣuś ca tvak ca śrotraṃ ca pañcamam mano buddhiś ca saptaite vijñeyā guṇahetavaḥ

'Höre nun auch das Mittel dieser Hotṛ vollständig: Geruchssinn, Geschmackssinn, Gesichtssinn, Tastsinn und als fünfter der Gehörsinn, dazu Geist und Verstand - diese sieben sind als die Ursachen der Eigenschaften zu erkennen.'

Wort für Wort
guṇahetavaḥ
die Ursachen der Eigenschaften (Nom. Pl., m.)

'Karaṇa' (Werkzeug) wird hier mit den sieben Sinnesorganen/-vermögen gleichgesetzt.

gandho rasaś ca rūpaṃ ca śabdaḥ sparśaś ca pañcamaḥ mantavyam atha boddhavyaṃ saptaite karmahetavaḥ

'Geruch, Geschmack, Form, Klang und als fünfter die Berührung, dazu das zu Bedenkende und das zu Erkennende - diese sieben sind die Ursachen des Werks.'

Wort für Wort
mantavyam
das zu Bedenkende (Nom. Sg. n., Gerundivum)

'Karman' (Werk) wird mit den sieben Sinnesgegenständen (den fünf Objekten plus den Objekten von Geist und Verstand) gleichgesetzt.

ghrātā bhakṣayitā draṣṭā spraṣṭā śrotā ca pañcamaḥ mantā boddhā ca saptaite vijñeyāḥ kartṛhetavaḥ

'Der Riechende, der Genießende, der Sehende, der Berührende und als fünfter der Hörende, dazu der Denkende und der Erkennende - diese sieben sind als die Ursachen des Handelnden zu erkennen.'

Wort für Wort
kartṛhetavaḥ
die Ursachen des Handelnden (Nom. Pl., m.)

'Kartṛ' (Handelnder) wird mit den sieben Wahrnehmenden (als Nomina Agentis) gleichgesetzt.

svaguṇaṃ bhakṣayanty ete guṇavantaḥ śubhāśubham ahaṃ ca nirguṇo 'treti saptaite mokṣahetavaḥ

'Diese, mit Eigenschaften behaftet, genießen ihre eigene Eigenschaft, sei sie heilvoll oder unheilvoll; wo aber erkannt wird: Ich bin hierin ohne Eigenschaft - da sind eben diese sieben die Ursachen der Befreiung.'

Wort für Wort
nirguṇaḥ
eigenschaftslos (Nom. Sg., m.)

'Mokṣa' (Befreiung) tritt ein, sobald dieselben sieben als eigenschaftslos erkannt werden - die vierte Gleichsetzung schließt den Kreis der vier Hotṛ.

viduṣāṃ budhyamānānāṃ svaṃ svaṃ sthānaṃ yathāvidhi guṇās te devatābhūtāḥ satataṃ bhuñjate haviḥ

'Bei den Wissenden, die ihre je eigene Stellung vorschriftsgemäß erkennen, genießen diese Eigenschaften, zu Gottheiten geworden, beständig die Opferspende.'

Wort für Wort
devatābhūtāḥ
zu Gottheiten geworden (Nom. Pl., m.)

adan hy avidvān annāni mamatvenopapadyate ātmārthaṃ pācayan nityaṃ mamatvenopahanyate

'Denn der Unwissende, der Speisen isst, verfällt dabei dem Ich-Gefühl des Meinigen; wer stets nur für sich selbst kocht, wird durch dieses Ich-Gefühl des Meinigen zugrunde gerichtet.'

Wort für Wort
mamatvena
durch das Ich-Gefühl des Meinigen (Instr. Sg., n.)

Anknüpfung an das aus vedantischer Literatur bekannte Motiv von Speise (anna) und Speisendem (attṛ) als wechselseitigem Verzehrungskreislauf (vgl. Bṛhadāraṇyaka-Up. I.4.6, Taittirīya-Up. II-III).

abhakṣyabhakṣaṇaṃ caiva madyapānaṃ ca hanti tam sa cānnaṃ hanti tac cānnaṃ sa hatvā hanyate budhaḥ

'Das Essen von Unerlaubtem sowie das Trinken von Rauschtrank vernichten ihn; er vernichtet die Speise, und diese Speise vernichtet ihn wiederum - so wird, was den Weisen betrifft, durch Vernichten selbst vernichtet.'

Wort für Wort
abhakṣyabhakṣaṇam
das Essen von Unerlaubtem, Ungenießbarem (Nom. Sg., n.)

attā hy annam idaṃ vidvān punar janayatīśvaraḥ sa cānnāj jāyate tasmin sūkṣmo nāma vyatikramaḥ

'Der Wissende hingegen, der diese Speise isst, bringt sie als Herr wieder von neuem hervor; und er selbst wird wiederum aus der Speise geboren - darin liegt ein feiner, kaum merklicher Umschlag.'

Wort für Wort
vyatikramaḥ
der Umschlag, die Umkehrung (Nom. Sg., m.)

Der 'feine Umschlag' (sūkṣmo vyatikramaḥ) bezeichnet das paradoxe Wechselverhältnis von Essendem und Speise, das sich beim Wissenden gegenüber dem Unwissenden gerade umkehrt.

manasā gamyate yac ca yac ca vācā nirudyate śrotreṇa śrūyate yac ca cakṣuṣā yac ca dṛśyate

'Was durch den Geist erfasst wird, was durch die Rede ausgedrückt wird, was durch das Ohr gehört wird und was durch das Auge gesehen wird,'

Wort für Wort
nirudyate
es wird ausgesprochen, hervorgebracht (3. Sg. Präs. Passiv, nis-√vad)

Übergang zu einer abschließenden Gleichsetzung aller Sinnestätigkeiten mit Opferspenden (havis) eines inneren Feueropfers.

sparśena spṛśyate yac ca ghrāṇena ghrāyate ca yat manaḥṣaṣṭhāni saṃyamya havīṃṣy etāni sarvaśaḥ

'was durch die Berührung ertastet wird und was durch den Geruchssinn gerochen wird - all dies, mit dem Geist als sechstem gebändigt, sind insgesamt die Opferspenden.'

Wort für Wort
manaḥṣaṣṭhāni
mit dem Geist als sechstem (Nom. Pl. n., Bahuvrīhi)

guṇavatpāvako mahyaṃ dīpyate havyavāhanaḥ yogayajñaḥ pravṛtto me jñānabrahmamanodbhavaḥ prāṇastotro 'pānaśastraḥ sarvatyāgasudakṣiṇaḥ

'Für mich entbrennt das mit Eigenschaften begabte, die Opfergabe tragende Feuer; mein Yoga-Opfer ist in Gang gesetzt, aus Erkenntnis, Brahman und Geist entstanden - mit Prāṇa als Lobgesang, Apāna als Rezitation, mit gänzlicher Entsagung als vortrefflicher Opfergabe.'

Wort für Wort
havyavāhanaḥ
der Opfergabe-Träger (Nom. Sg., m., Beiname des Feuers)

Der Ehemann beschreibt nun sein eigenes, innerlich vollzogenes Yoga-Opfer in der ersten Person ('mahyam', 'me') - ohne einen weiteren, gesondert benannten Sprecher.

karmānumantā brahmā me kartādhvaryuḥ kṛtastutiḥ kṛtapraśāstā tac chāstram apavargo 'sya dakṣiṇā

'Brahmā ist mir der Gewährende des Werks, der Handelnde der Adhvaryu-Priester, das Lob ist vollbracht, der Praśāstṛ-Priester ist bestellt; jene Lehre selbst ist die Befreiung, sein Opferlohn.'

Wort für Wort
dakṣiṇā
die Priestergabe, der Opferlohn (Nom. Sg., f.)

'Adhvaryu' und 'Praśāstṛ' sind Bezeichnungen zweier der vier vedischen Haupt-Opferpriester; 'dakṣiṇā' die dem Priester zustehende Opfergabe - hier metaphorisch auf die Befreiung (apavarga) übertragen.

ṛcaś cāpy atra śaṃsanti nārāyaṇavido janāḥ nārāyaṇāya devāya yad abadhnan paśūn purā

'Auch Ṛc-Verse rezitieren hierbei die Menschen, die Nārāyaṇa kennen - jene, die einst dem Gott Nārāyaṇa Opfertiere banden.'

Wort für Wort
abadhnan
sie banden (3. Pl. Impf., √bandh)

Übergang zur abschließenden Nārāyaṇa-Lehre, mit der die Rede des Ehemannes ihren Höhepunkt erreicht.

tatra sāmāni gāyanti tāni cāhur nidarśanam devaṃ nārāyaṇaṃ bhīru sarvātmānaṃ nibodha me

'Dort singen sie Sāman-Gesänge, und diese nennen sie ein Sinnbild - erkenne, du Furchtsame, durch mich den Gott Nārāyaṇa, das Selbst von allem.'

Wort für Wort
nibodha
erkenne! (Imperativ 2. Sg., ni-√budh)

Schlussvers des Kapitels: der Ehemann fordert seine Frau unmittelbar auf, durch seine Lehre Nārāyaṇa als das Selbst von allem zu erkennen.

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