Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 39: guṇasaṃbandhavarṇanam Brahmās Lehre: Das Zusammenwirken der drei Eigenschaften

brahmovāca naiva śakyā guṇā vaktuṃ pṛthaktveneha sarvaśaḥ avicchinnāni dṛśyante rajaḥ sattvaṃ tamas tathā

'Brahmā sprach weiter: Die Eigenschaften könnten hier keineswegs vollständig getrennt beschrieben werden; ungetrennt erschienen Rajas, Sattva und ebenso Tamas.'

Wort für Wort
pṛthaktvena
getrennt, gesondert (Instr. Sg. n. als Adv.)
avicchinnāni
ungetrennt, ununterbrochen (Nom. Pl. n.)

anyonyam anuṣajjante anyonyaṃ cānujīvinaḥ anyonyāpāśrayāḥ sarve tathānyonyānuvartinaḥ

'Sie hafteten aneinander und lebten wechselseitig voneinander; alle stützten sich aufeinander und folgten einander.'

Wort für Wort
anuṣajjante
sie haften an (3. Pl. Präs. Ātm., anu-√sañj)
anyonyānuvartinaḥ
einander folgend (Nom. Pl. m.)

yāvat sattvaṃ tamas tāvad vartate nātra saṃśayaḥ yāvat tamaś ca sattvaṃ ca rajas tāvad ihocyate

'Solange Sattva bestehe, bestehe auch Tamas - daran sei kein Zweifel; solange Tamas und Sattva bestünden, werde auch Rajas hier als bestehend bezeichnet.'

Wort für Wort
yāvat...tāvat
solange...so lange (Korrelativpartikeln)
saṃśayaḥ
Zweifel (Nom. Sg. m.)

saṃhatya kurvate yātrāṃ sahitāḥ saṃghacāriṇaḥ saṃghātavṛttayo hy ete vartante hetvahetubhiḥ

'Vereint verrichteten sie gemeinsam ihren Lauf, als Gruppe wandelnd; denn diese, von gemeinschaftlichem Wirken, bestünden durch Gründe und Nicht-Gründe.'

Wort für Wort
saṃhatya
vereint, zusammengefügt (Absolutiv, sam-√han)
saṃghacāriṇaḥ
als Gruppe Wandelnde (Nom. Pl. m.)

udrekavyatirekāṇāṃ teṣām anyonyavartinām vartate tad yathānyūnaṃ vyatiriktaṃ ca sarvaśaḥ

'Von diesen, die einander innewohnten, gebe es Übermaß und Minderung; es bestehe jeweils als geringer oder überwiegend, in jeder Hinsicht.'

Wort für Wort
udrekavyatirekāṇām
des Übermaßes und der Minderung (Gen. Pl. m.)
anyonyavartinām
der einander Innewohnenden (Gen. Pl. m.)

vyatiriktaṃ tamo yatra tiryagbhāvagataṃ bhavet alpaṃ tatra rajo jñeyaṃ sattvaṃ cālpataraṃ tataḥ

'Wo Tamas überwiege und ein Zustand des Tierdaseins entstehe, dort sei Rajas als gering zu erkennen, und Sattva noch geringer als dies.'

Wort für Wort
tiryagbhāvagatam
zum Tierdasein gelangt (Nom. Sg. n.)
alpataram
noch geringer (Komparativ, Nom. Sg. n.)

udriktaṃ ca rajo yatra madhyasrotogataṃ bhavet alpaṃ tatra tamo jñeyaṃ sattvaṃ cālpataraṃ tataḥ

'Wo Rajas überwiege und ein Zustand des mittleren Stromes [des Menschseins] entstehe, dort sei Tamas als gering zu erkennen, und Sattva noch geringer als dies.'

Wort für Wort
madhyasrotogatam
zum mittleren Strom gelangt, Menschsein (Nom. Sg. n., Fachbegriff)
udriktam
überwiegend (Nom. Sg. n.)

udriktaṃ ca yadā sattvam ūrdhvasrotogataṃ bhavet alpaṃ tatra rajo jñeyaṃ tamaś cālpataraṃ tataḥ

'Und wenn Sattva überwiege und ein Zustand des aufwärts gerichteten Stromes [des Götterdaseins] entstehe, dort sei Rajas als gering zu erkennen, und Tamas noch geringer als dies.'

Wort für Wort
ūrdhvasrotogatam
zum aufwärts gerichteten Strom gelangt, Götterdasein (Nom. Sg. n.)
yadā
wenn, sobald (Adv.)

sattvaṃ vaikārikaṃ yonir indriyāṇāṃ prakāśikā na hi sattvāt paro bhāvaḥ kaś cid anyo vidhīyate

'Sattva, aus der Wandlung entstanden, sei der Ursprung, der Erheller der Sinne; denn kein anderer Zustand jenseits des Sattva werde festgestellt.'

Wort für Wort
vaikārikam
aus der Wandlung entstanden (Nom. Sg. n.)
prakāśikā
die Erhellerin (Nom. Sg. f.)

ūrdhvaṃ gacchanti sattvasthā madhye tiṣṭhanti rājasāḥ jaghanyaguṇasaṃyuktā yānty adhas tāmasā janāḥ

'Die in Sattva Gefestigten gingen aufwärts; die Rajasischen verblieben in der Mitte; die mit der niedrigsten Eigenschaft verbundenen, die tamasischen Menschen, gingen abwärts.'

Wort für Wort
sattvasthāḥ
in Sattva Befindliche (Nom. Pl. m.)
jaghanyaguṇasaṃyuktāḥ
mit der niedrigsten Eigenschaft verbunden (Nom. Pl. m.)

tamaḥ śūdre rajaḥ kṣatre brāhmaṇe sattvam uttamam ity evaṃ triṣu varṇeṣu vivartante guṇās trayaḥ

'Tamas beim Śūdra, Rajas beim Kṣatriya, beim Brahmanen das höchste Sattva - so entfalteten sich in den drei Ständen die drei Eigenschaften.'

Wort für Wort
kṣatre
beim Kṣatriya (Lok. Sg. n.)
vivartante
sie entfalten sich (3. Pl. Präs. Ātm., vi-√vṛt)

dūrād api hi dṛśyante sahitāḥ saṃghacāriṇaḥ tamaḥ sattvaṃ rajaś caiva pṛthaktvaṃ nānuśuśruma

'Selbst aus der Ferne erschienen sie vereint, gemeinsam wandelnd - Tamas, Sattva und Rajas; von ihrer Trennung habe man nichts vernommen.'

Wort für Wort
dūrāt
aus der Ferne (Abl. Sg. n. als Adv.)
nānuśuśruma
man hat nicht vernommen/überliefert bekommen (1. Pl. Perf. negiert, anu-√śru, hier unpersönlich wiedergegeben)

dṛṣṭvā cādityam udyantaṃ kucorāṇāṃ bhayaṃ bhavet adhvagāḥ paritapyeraṃs tṛṣṇārtā duḥkhabhāginaḥ

'Beim Anblick der aufgehenden Sonne entstehe Furcht bei bösen Dieben; Wanderer, von Durst geplagt, dem Leid verfallen, würden von ihrer Hitze gequält.'

Wort für Wort
kucorāṇām
der bösen Diebe (Gen. Pl. m.)
adhvagāḥ
Wanderer, Wegegänger (Nom. Pl. m.)

ādityaḥ sattvam uddiṣṭaṃ kucorās tu yathā tamaḥ paritāpo 'dhvagānāṃ ca rājaso guṇa ucyate

'Die Sonne werde als Sattva bezeichnet; die bösen Diebe seien wie Tamas; und die Qual der Wanderer werde als die rajasische Eigenschaft bezeichnet.'

Wort für Wort
uddiṣṭam
bezeichnet, angegeben (Nom. Sg. n.)
paritāpaḥ
Qual, Hitze (Nom. Sg. m.)

prākāśyaṃ sattvam āditye saṃtāpo rājaso guṇaḥ upaplavas tu vijñeyas tāmasas tasya parvasu

'Der Glanz in der Sonne sei Sattva, die Hitze die rajasische Eigenschaft; die Verfinsterung aber zu ihren Wendepunkten sei als tamasisch zu erkennen.'

Wort für Wort
prākāśyam
Glanz, Leuchten (Nom. Sg. n.)
upaplavaḥ
Verfinsterung, Eklipse (Nom. Sg. m.)

evaṃ jyotiṣu sarveṣu vivartante guṇās trayaḥ paryāyeṇa ca vartante tatra tatra tathā tathā

'So entfalteten sich in allen Gestirnen die drei Eigenschaften; und sie bestünden abwechselnd, hier so und dort anders.'

Wort für Wort
jyotiṣu
in den Gestirnen (Lok. Pl. n.)
paryāyeṇa
abwechselnd, der Reihe nach (Instr. Sg. m. als Adv.)

sthāvareṣu ca bhūteṣu tiryagbhāvagataṃ tamaḥ rājasās tu vivartante snehabhāvas tu sāttvikaḥ

'Bei den unbeweglichen Wesen herrsche das zum Tierhaften geneigte Tamas vor; bei anderen entfalteten sich die rajasischen Eigenschaften; der Zustand der Zuneigung aber sei sattvisch [?].'

Wort für Wort
sthāvareṣu bhūteṣu
bei den unbeweglichen Wesen, Pflanzen (Lok. Pl. n.)
snehabhāvaḥ
der Zustand der Zuneigung (Nom. Sg. m.)

[?] genaue Zuordnung der drei Eigenschaften zu den Wesensklassen in diesem Vers nicht ganz eindeutig

ahas tridhā tu vijñeyaṃ tridhā rātrir vidhīyate māsārdhamāsavarṣāṇi ṛtavaḥ saṃdhayas tathā

'Der Tag sei als dreifach zu erkennen, ebenso werde die Nacht als dreifach bestimmt; Monate, Halbmonate, Jahre, Jahreszeiten und Übergangszeiten ebenso.'

Wort für Wort
tridhā
dreifach (Adv.)
saṃdhayaḥ
Übergangszeiten, Dämmerungen (Nom. Pl. m.)

tridhā dānāni dīyante tridhā yajñaḥ pravartate tridhā lokās tridhā vedās tridhā vidyās tridhā gatiḥ

'Dreifach würden Gaben gegeben, dreifach vollziehe sich das Opfer; dreifach seien die Welten, dreifach die Veden, dreifach die Wissenszweige, dreifach der Daseinsweg.'

Wort für Wort
dīyante
sie werden gegeben (3. Pl. Präs. Pass., √dā)
gatiḥ
Daseinsweg, Gang (Nom. Sg. f.)

bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyac ca dharmo 'rthaḥ kāma ity api prāṇāpānāv udānaś cāpy eta eva trayo guṇāḥ

'Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; ebenso Dharma, Artha und Kāma; Prāṇa, Apāna und Udāna - auch diese entsprächen eben jenen drei Eigenschaften.'

Wort für Wort
bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyat
Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges (Nom. Sg. n.)
prāṇāpānau udānaḥ
Prāṇa, Apāna und Udāna, drei Lebenshauche (Nom. Sg./Du. m.)

yat kiṃ cid iha vai loke sarvam eṣv eva tat triṣu trayo guṇāḥ pravartante avyaktā nityam eva tu sattvaṃ rajas tamaś caiva guṇasargaḥ sanātanaḥ

'Was immer es hier in dieser Welt gebe, all dies sei eben in diesen drei enthalten; die drei Eigenschaften wirkten, stets unoffenbar; Sattva, Rajas und Tamas - dies sei die ewige Schöpfung der Eigenschaften.'

Wort für Wort
guṇasargaḥ
die Schöpfung der Eigenschaften (Nom. Sg. m.)
avyaktāḥ
unoffenbar (Nom. Pl. m.)

tamo 'vyaktaṃ śivaṃ nityam ajaṃ yoniḥ sanātanaḥ prakṛtir vikāraḥ pralayaḥ pradhānaṃ prabhavāpyayau

'Jenes Tamas [als Urzustand] sei unoffenbar, heilvoll, ewig, ungeboren, der ewige Ursprung; es sei Prakṛti, Vikāra, Pralaya, Pradhāna, Entstehen und Vergehen zugleich [?].'

Wort für Wort
yoniḥ sanātanaḥ
der ewige Ursprung (Nom. Sg. m.)
pradhānam
Pradhāna, die Urmaterie (Nom. Sg. n., Sāṃkhya-Terminus)

[?] hier bezeichnet 'tamas' offenbar nicht mehr die Eigenschaft, sondern wird mit dem unoffenbaren Urgrund (avyakta/pradhāna) der Sāṃkhya-Kosmogonie gleichgesetzt - Bedeutungswechsel im Vers selbst nicht ganz eindeutig markiert

anudriktam anūnaṃ ca hy akampam acalaṃ dhruvam sad asac caiva tat sarvam avyaktaṃ triguṇaṃ smṛtam jñeyāni nāmadheyāni narair adhyātmacintakaiḥ

'Nicht im Übermaß und nicht im Mangel, unerschütterlich, unbeweglich, fest; Sein und Nichtsein zugleich - all dies werde als das dreifache Unoffenbarte bezeichnet; diese Bezeichnungen seien von den über das Adhyātma Nachsinnenden zu erkennen.'

Wort für Wort
sad asat
Sein und Nichtsein (Nom. Sg. n.)
adhyātmacintakaiḥ
von den über das Adhyātma Nachsinnenden (Instr. Pl. m.)

avyaktanāmāni guṇāṃś ca tattvato yo veda sarvāṇi gatīś ca kevalāḥ vimuktadehaḥ pravibhāgatattvavit sa mucyate sarvaguṇair nirāmayaḥ

'Wer die Namen des Unoffenbarten und die Eigenschaften der Wahrheit gemäß kennt, sowie die reinen Daseinswege, der ist, vom Körper befreit, ein Kenner der wahren Unterscheidung; er, frei von Leiden, wird von allen Eigenschaften erlöst.'

Wort für Wort
vimuktadehaḥ
vom Körper befreit (Nom. Sg. m.)
pravibhāgatattvavit
Kenner der wahren Unterscheidung (Nom. Sg. m.)

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