Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 27: araṇyarūpakam Das Gleichnis von der Wildnis

brāhmaṇa uvāca saṃkalpadaṃśamaśakaṃ śokaharṣahimātapam mohāndhakāratimiraṃ lobhavyālasarīsṛpam

'Der Brahmane sprach: Das mit den Bremsen und Mücken des Vorstellens, mit dem Frost und der Glut von Kummer und Freude, mit der Finsternis und Dunkelheit der Verblendung, mit den Schlangen und Kriechtieren der Gier -'

Wort für Wort
śokaharṣahimātapam
mit dem Frost und der Glut von Kummer und Freude (Akk. Sg., n., Kompositum)

Beginn des Wildnis-Gleichnisses (araṇya-rūpaka): die Leiden und Affekte werden als Landschaftselemente eines zu durchquerenden Geländes dargestellt.

viṣayaikātyayādhvānaṃ kāmakrodhavirodhakam tad atītya mahādurgaṃ praviṣṭo 'smi mahad vanam

'mit dem Pfad des einzigen Untergangs der Sinnesobjekte, mit dem Widerstand von Begierde und Zorn - all dieses schwer zu durchquerende Gelände habe ich überwunden und bin in den großen Wald eingetreten.'

Wort für Wort
mahādurgam
das schwer zu durchquerende, unwegsame Gelände (Akk. Sg., n.)

brāhmaṇy uvāca kva tad vanaṃ mahāprājña ke vṛkṣāḥ saritaś ca kāḥ girayaḥ parvatāś caiva kiyaty adhvani tad vanam

'Die Brahmanin sprach: Wo ist jener Wald, o hochweiser Herr? Was für Bäume, welche Flüsse gibt es dort, welche Hügel und Berge, und wie weit entfernt auf dem Weg liegt jener Wald?'

Wort für Wort
mahāprājña
o Hochweiser (Vok. Sg., m.)

Vierte Zwischenfrage der Ehefrau in dieser Rede.

na tad asti pṛthagbhāve kiṃ cid anyat tataḥ samam na tad asty apṛthagbhāve kiṃ cid dūrataraṃ tataḥ

'Der Brahmane sprach: Es gibt in der Welt des Getrennten nichts, was ihm gleichkäme; es gibt in der Welt des Ungetrennten nichts, was weiter von ihm entfernt wäre.'

Wort für Wort
pṛthagbhāve
in der Welt des Getrenntseins (Lok. Sg., m.)

Beginn einer Reihe paradox-apophatischer Bestimmungen (V004-006), die dem Wald jede gewöhnliche Verortung entziehen.

tasmād dhrasvataraṃ nāsti na tato 'sti bṛhattaram nāsti tasmād duḥkhataraṃ nāsty anyat tatsamaṃ sukham

'Es gibt nichts Kürzeres als ihn, und nichts Größeres als ihn; es gibt nichts Leidvolleres als ihn, und kein anderes Glück, das ihm gleichkäme.'

Wort für Wort
bṛhattaram
größer, weiter (Nom. Sg. n., Komparativ)

na tat praviśya śocanti na prahṛṣyanti ca dvijāḥ na ca bibhyati keṣāṃ cit tebhyo bibhyati ke ca na

'Nachdem sie dort eingetreten sind, trauern die Zweifachgeborenen nicht, noch freuen sie sich übermäßig; sie fürchten sich vor niemandem, und es gibt niemanden, der sich nicht vor ihnen fürchtete.'

Wort für Wort
prahṛṣyanti
sie freuen sich übermäßig, geraten in Erregung (3. Pl. Präs., pra-√hṛṣ)

tasmin vane sapta mahādrumāś ca; phalāni saptātithayaś ca sapta saptāśramāḥ sapta samādhayaś ca; dīkṣāś ca saptaitad araṇyarūpam

'In jenem Wald gibt es sieben große Bäume und sieben Früchte und sieben Gäste, sieben Einsiedeleien und sieben Vertiefungszustände und sieben Einweihungen - dies ist die Gestalt jener Wildnis.'

Wort für Wort
araṇyarūpam
die Gestalt der Wildnis (Nom. Sg., n.)

Grundlegende Siebenzahl-Struktur des gesamten Gleichnisses, in den folgenden Versen weiter entfaltet.

pañcavarṇāni divyāni puṣpāṇi ca phalāni ca sṛjantaḥ pādapās tatra vyāpya tiṣṭhanti tad vanam

'Fünffarbige, göttliche Blüten und Früchte hervorbringend, stehen dort die Bäume, jenen Wald durchdringend.'

Wort für Wort
pañcavarṇāni
fünffarbige (Akk. Pl., n.)

Erster von sechs parallel aufgebauten Versen (V008-013) über die Bäume mit je unterschiedlicher Farbenzahl ihrer Blüten/Früchte.

suvarṇāni dvivarṇāni puṣpāṇi ca phalāni ca sṛjantaḥ pādapās tatra vyāpya tiṣṭhanti tad vanam

'Goldfarbene, zweifarbige Blüten und Früchte hervorbringend, stehen dort die Bäume, jenen Wald durchdringend.'

Wort für Wort
suvarṇāni
goldfarbene (Akk. Pl., n.)

caturvarṇāni divyāni puṣpāṇi ca phalāni ca sṛjantaḥ pādapās tatra vyāpya tiṣṭhanti tad vanam

'Vierfarbige, göttliche Blüten und Früchte hervorbringend, stehen dort die Bäume, jenen Wald durchdringend.'

Wort für Wort
caturvarṇāni
vierfarbige (Akk. Pl., n.)

śaṃkarāṇi trivarṇāni puṣpāṇi ca phalāni ca sṛjantaḥ pādapās tatra vyāpya tiṣṭhanti tad vanam

'Heilbringende, dreifarbige Blüten und Früchte hervorbringend, stehen dort die Bäume, jenen Wald durchdringend.'

Wort für Wort
śaṃkarāṇi
heilbringende, glückverheißende (Akk. Pl., n.)

surabhīṇy ekavarṇāni puṣpāṇi ca phalāni ca sṛjantaḥ pādapās tatra vyāpya tiṣṭhanti tad vanam

'Wohlriechende, einfarbige Blüten und Früchte hervorbringend, stehen dort die Bäume, jenen Wald durchdringend.'

Wort für Wort
surabhīṇi
wohlriechende (Akk. Pl., n.)

bahūny avyaktavarṇāni puṣpāṇi ca phalāni ca visṛjantau mahāvṛkṣau tad vanaṃ vyāpya tiṣṭhataḥ

'Viele unbestimmt gefärbte Blüten und Früchte hervorbringend, stehen dort zwei große Bäume, jenen Wald durchdringend.'

Wort für Wort
avyaktavarṇāni
unbestimmt, unmanifest gefärbte (Akk. Pl., n.)

Abschluss der Baumreihe mit zwei besonderen, unbestimmt gefärbte Blüten tragenden Bäumen (Dual).

eko hy agniḥ sumanā brāhmaṇo 'tra; pañcendriyāṇi samidhaś cātra santi tebhyo mokṣāḥ sapta bhavanti dīkṣā; guṇāḥ phalāny atithayaḥ phalāśāḥ

'Ein einziges Feuer gibt es hier - der wohlgesinnte Brahmane; die fünf Sinne sind hier das Brennholz; aus ihnen entstehen die sieben Befreiungen als Einweihungen; die Eigenschaften sind die Früchte, die nach den Früchten Verlangenden die Gäste.'

Wort für Wort
phalāśāḥ
die nach Früchten Verlangenden (Nom. Pl., m.)

Deutung der zuvor genannten Sieben- und Baum-Symbolik: das Feuer ist der Brahmane (der Ehemann) selbst.

ātithyaṃ pratigṛhṇanti tatra sapta maharṣayaḥ arciteṣu pralīneṣu teṣv anyad rocate vanam

'Dort empfangen die sieben großen Ṛṣis die Gastfreundschaft; sind diese verehrt und aufgegangen, gefällt ihnen ein anderer Wald.'

Wort für Wort
pralīneṣu
bei den Aufgegangenen, Erloschenen (Lok. Pl., m., Partizip)

pratijñāvṛkṣam aphalaṃ śānticchāyāsamanvitam jñānāśrayaṃ tṛptitoyam antaḥkṣetrajñabhāskaram

'Dieser Wald ist ein Baum des Gelübdes, fruchtlos, mit dem Schatten des Friedens versehen, die Erkenntnis als Zuflucht, die Zufriedenheit als Wasser, mit dem im Innern befindlichen Feld-Kenner als Sonne.'

Wort für Wort
antaḥkṣetrajñabhāskaram
mit dem innen befindlichen Feld-Kenner als Sonne (Akk. Sg., n., Bahuvrīhi)

ye 'dhigacchanti tat santas teṣāṃ nāsti bhayaṃ punaḥ ūrdhvaṃ cāvāk ca tiryak ca tasya nānto 'dhigamyate

'Wer immer, gut und wahrhaftig, dorthin gelangt, für den gibt es keine Furcht mehr; nach oben, nach unten und quer hindurch wird sein Ende nicht erreicht.'

Wort für Wort
adhigamyate
es wird erreicht (3. Sg. Präs. Passiv, adhi-√gam)

sapta striyas tatra vasanti sadyo; avāṅmukhā bhānumatyo janitryaḥ ūrdhvaṃ rasānāṃ dadate prajābhyaḥ; sarvān yathā sarvam anityatāṃ ca

'Sieben Frauen wohnen dort sogleich, mit abwärts gewandtem Antlitz, strahlend, Gebärerinnen; nach oben hin schenken sie den Geschöpfen die Säfte alles Seienden, ebenso wie alle Vergänglichkeit.'

Wort für Wort
janitryaḥ
die Gebärerinnen (Nom. Pl., f.)

Vermutlich eine Anspielung auf sieben mythische Mutter- bzw. Fluss-Gestalten (vgl. die 'sieben Ströme' vedischer Kosmologie) als nährende, zugleich Vergänglichkeit vermittelnde Kräfte; die genaue mythologische Identifikation bleibt in der Forschung unsicher.

tatraiva pratitiṣṭhanti punas tatrodayanti ca sapta saptarṣayaḥ siddhā vasiṣṭhapramukhāḥ saha

'Ebendort stehen sie fest gegründet, und dort gehen sie auch wieder auf - die sieben, die sieben vollendeten Ṛṣis, mit Vasiṣṭha als dem Ersten unter ihnen.'

Wort für Wort
vasiṣṭhapramukhāḥ
mit Vasiṣṭha als dem Ersten, Vasiṣṭha voran (Nom. Pl., m.)

yaśo varco bhagaś caiva vijayaḥ siddhitejasī evam evānuvartante sapta jyotīṃṣi bhāskaram

'Ruhm, Glanz, Glück, Sieg, Vollendung und Leuchtkraft - ebenso folgen diese sieben Lichter der Sonne nach.'

Wort für Wort
anuvartante
sie folgen nach (3. Pl. Präs. Med., anu-√vṛt)

girayaḥ parvatāś caiva santi tatra samāsataḥ nadyaś ca sarito vāri vahantyo brahmasaṃbhavam

'Auch Hügel und Berge gibt es dort, in Kürze gesagt; und Flüsse und Ströme, die aus Brahman entstandenes Wasser tragen.'

Wort für Wort
brahmasaṃbhavam
aus Brahman entstanden (Akk. Sg., n.)

nadīnāṃ saṃgamas tatra vaitānaḥ samupahvare svātmatṛptā yato yānti sākṣād dāntāḥ pitāmaham

'Der Zusammenfluss der Flüsse liegt dort, Vaitāna genannt, an der Flussbiegung, von wo aus die in sich selbst Zufriedenen, Gebändigten unmittelbar zum Großvater gelangen.'

Wort für Wort
saṃgamaḥ
der Zusammenfluss (Nom. Sg., m.)

'Pitāmaha' ('der Großvater') ist ein gängiger Beiname Brahmās.

kṛśāśāḥ suvratāśāś ca tapasā dagdhakilbiṣāḥ ātmany ātmānam āveśya brahmāṇaṃ samupāsate

'Mit schwach gewordenen Wünschen und guten Gelübden, ihre Verfehlungen durch Askese verbrannt, versenken sie das Selbst in das Selbst und verehren so Brahmā.'

Wort für Wort
dagdhakilbiṣāḥ
deren Verfehlungen verbrannt sind (Nom. Pl., m., Bahuvrīhi)

ṛcam apy atra śaṃsanti vidyāraṇyavido janāḥ tad araṇyam abhipretya yathādhīram ajāyata

'Auch einen Ṛc-Vers rezitieren hierbei die Menschen, die die Wildnis des Wissens kennen: Im Hinblick auf jene Wildnis entstand die Welt, wie es dem Standhaften entsprach [?].'

Wort für Wort
vidyāraṇyavidaḥ
die die Wildnis des Wissens kennen (Nom. Pl., m.)

'Yathādhīram ajāyata' bleibt in seinem genauen Bezug unsicher [?] - 'dhīra' ('der Standhafte, Weise') könnte sich auf Brahmā, den Kṣetrajña oder einen feststehenden vedischen Beinamen beziehen; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten wörtlichen Deutung, ohne die genaue Anspielung sicher aufzulösen.

etad etādṛśaṃ divyam araṇyaṃ brāhmaṇā viduḥ viditvā cānvatiṣṭhanta kṣetrajñenānudarśitam

'Solch eine göttliche Wildnis kennen die Brahmanen; und nachdem sie sie erkannt hatten, folgten sie ihr nach, geleitet von der Einsicht des Feld-Kenners.'

Wort für Wort
anvatiṣṭhanta
sie folgten nach, befolgten (3. Pl. Impf. Med., anu-√sthā)

Abschlussformel, die fast wortgleich die Schlussformel von Kap. 26 (V018) wiederholt - offenbar eine wiederkehrende Schlusswendung für die einzelnen Lehrabschnitte der Rede des Ehemannes.

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