Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 32: janakabrāhmaṇasaṃvādaḥ Der Dialog zwischen Janaka und dem Brahmanen (Dharma)

brāhmaṇa uvāca atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam brāhmaṇasya ca saṃvādaṃ janakasya ca bhāmini

'Der Brahmane sprach: Auch hierzu, o Strahlende, erzählt man diese alte Geschichte (itihāsa) - den Dialog zwischen einem Brahmanen und König Janaka.'

Wort für Wort
itihāsam purātanam
die alte Geschichte (Akk. Sg. m.)
bhāmini
o Strahlende (Vok. Sg. f., Anrede an die Ehefrau)

brāhmaṇaṃ janako rājā sannaṃ kasmiṃś cid āgame viṣaye me na vastavyam iti śiṣyārtham abravīt

'König Janaka sprach einst zur Belehrung zu einem erschöpften Brahmanen, der zufällig in sein Gebiet gekommen war: In meinem Gebiet dürfe man nicht wohnen.'

Wort für Wort
sannam
erschöpft, ermattet (Akk. Sg. m., Part. Perf. Pass. √sad)
śiṣyārtham
zum Zweck der Belehrung (Akk. als Adv.)

ity uktaḥ pratyuvācātha brāhmaṇo rājasattamam ācakṣva viṣayaṃ rājan yāvāṃs tava vaśe sthitaḥ

'So angesprochen, erwiderte der Brahmane dem besten der Könige: er möge ihm sagen, wie groß das Gebiet sei, das unter seiner Herrschaft stehe.'

Wort für Wort
rājasattamam
dem besten der Könige (Akk. Sg. m.)
ācakṣva
sage!/erkläre! (2. Sg. Imperativ, ā-√cakṣ)

so 'nyasya viṣaye rājño vastum icchāmy ahaṃ vibho vacas te kartum icchāmi yathāśāstraṃ mahīpate

'Er wolle, so der Brahmane, im Gebiet eines anderen Königs wohnen, und er wolle dessen Wort gemäß der Lehre (śāstra) befolgen.'

Wort für Wort
vastum
zu wohnen (Infinitiv, √vas)
yathāśāstram
gemäß der Lehre/Schrift (Adv.)

ity uktaḥ sa tadā rājā brāhmaṇena yaśasvinā muhur uṣṇaṃ ca niḥśvasya na sa taṃ pratyabhāṣata

'So angesprochen, seufzte der König damals, vom ruhmreichen Brahmanen befragt, wiederholt heiß und erwiderte ihm nichts.'

Wort für Wort
niḥśvasya
geseufzt habend (Absolutiv, niḥ-√śvas)
pratyabhāṣata
erwiderte (3. Sg. Impf. Ātm., prati-√bhāṣ)

tam āsīnaṃ dhyāyamānaṃ rājānam amitaujasam kaśmalaṃ sahasāgacchad bhānumantam iva grahaḥ

'Über den dasitzenden, nachsinnenden König von unermesslicher Kraft kam plötzlich Verwirrung, wie eine Verfinsterung über die Sonne.'

Wort für Wort
dhyāyamānam
nachsinnend (Part. Präs. Med., √dhyai)
kaśmalam
Verwirrung, Bestürzung (Nom. Sg. n.)

samāśvāsya tato rājā vyapete kaśmale tadā tato muhūrtād iva taṃ brāhmaṇaṃ vākyam abravīt

'Nachdem der König sich gefasst hatte und die Verwirrung gewichen war, sprach er nach einem Augenblick dieses Wort zu dem Brahmanen.'

Wort für Wort
samāśvāsya
sich gefasst habend (Absolutiv, sam-ā-√śvas)
vyapete
gewichen (Lok. Sg. n. absolutus, vi-apa-√i)

pitṛpaitāmahe rājye vaśye janapade sati viṣayaṃ nādhigacchāmi vicinvan pṛthivīm imām

'Obwohl das Reich seiner Väter und Großväter mit seinem gehorsamen Volk in seiner Gewalt sei, finde er, so Janaka, selbst beim Durchsuchen dieser ganzen Erde, kein [eigentliches] Gebiet.'

Wort für Wort
pitṛpaitāmahe
väterlich-großväterlich (Lok. Sg. n.)
vicinvan
durchsuchend (Part. Präs., vi-√ci)

nādhyagacchaṃ yadā pṛthvyāṃ mithilā mārgitā mayā nādhyagacchaṃ yadā tasyāṃ svaprajā mārgitā mayā

'Als er es auf der Erde nicht gefunden habe, sei Mithilā von ihm durchsucht worden; als er es dort nicht gefunden habe, sei sein eigenes Volk von ihm durchsucht worden.'

Wort für Wort
mārgitā
durchsucht (Nom. Sg. f., Part. Perf. Pass., √mārg)
svaprajā
das eigene Volk/die eigenen Untertanen (Nom. Sg. f.)

nādhyagacchaṃ yadā tāsu tadā me kaśmalo 'bhavat tato me kaśmalasyānte matiḥ punar upasthitā

'Als er es auch unter ihnen nicht gefunden habe, sei Verwirrung in ihm entstanden; am Ende dieser Verwirrung sei ihm die Einsicht wieder aufgegangen.'

Wort für Wort
kaśmalasyānte
am Ende der Verwirrung (Lok. Sg. m.)
upasthitā
aufgegangen, sich eingestellt habend (Nom. Sg. f., Part. Perf. Pass.)

tayā na viṣayaṃ manye sarvo vā viṣayo mama ātmāpi cāyaṃ na mama sarvā vā pṛthivī mama uṣyatāṃ yāvad utsāho bhujyatāṃ yāvad iṣyate

'Durch diese Einsicht, so Janaka, gebe es für ihn kein [eigenes] Gebiet - oder vielmehr sei die ganze Erde sein Gebiet; auch dieses Selbst sei nicht sein, oder vielmehr sei die ganze Erde sein; man solle wohnen, solange Tatkraft vorhanden sei, und genießen, solange man es wünsche.'

Wort für Wort
utsāhaḥ
Tatkraft, Eifer (Nom. Sg. m.)
bhujyatām
man genieße! (3. Sg. Imperativ Pass., √bhuj)

pitṛpaitāmahe rājye vaśye janapade sati brūhi kāṃ buddhim āsthāya mamatvaṃ varjitaṃ tvayā

'Der Brahmane fragte darauf: obwohl das Reich seiner Väter und Großväter mit seinem Volk in seiner Gewalt sei, welche Einsicht er zugrunde gelegt habe, um das Gefühl des Mein-Seins (mamatva) abzulegen.'

Wort für Wort
mamatvam
das Gefühl des Mein-Seins, Besitzdenken (Akk. Sg. n.)
āsthāya
zugrunde gelegt/eingenommen habend (Absolutiv, ā-√sthā)

kāṃ vā buddhiṃ viniścitya sarvo vai viṣayas tava nāvaiṣi viṣayaṃ yena sarvo vā viṣayas tava

'Oder mit welcher Einsicht er festgestellt habe, dass das Ganze sein Gebiet sei - kenne er denn nicht das Gebiet, wodurch das Ganze sein Gebiet sei, fragte der Brahmane weiter.'

Wort für Wort
viniścitya
festgestellt habend (Absolutiv, vi-ni-√ci)
nāvaiṣi
du weißt/erkennst nicht (2. Sg. Präs., ava-√i, hier rhetorisch verallgemeinert)

janaka uvāca antavanta ihārambhā viditāḥ sarvakarmasu nādhyagaccham ahaṃ yasmān mamedam iti yad bhavet

'Janaka erwiderte: alle Unternehmungen seien, wie bekannt, in jedem Werk endlich; er habe nichts gefunden, wovon er hätte sagen können, dies sei sein.'

Wort für Wort
antavantaḥ
endbehaftet, endlich (Nom. Pl. m.)
ārambhāḥ
Unternehmungen, Anfänge (Nom. Pl. m.)

kasyedam iti kasya svam iti vedavacas tathā nādhyagaccham ahaṃ buddhyā mamedam iti yad bhavet

'Wessen ist dies, wessen Eigentum ist dies - so laute auch das Wort der Veden; durch seinen Verstand habe er, so Janaka, nichts gefunden, wovon er sagen könnte, dies sei sein.'

Wort für Wort
vedavacaḥ
das Wort der Veden (Nom. Sg. n.)
svam
Eigentum, das Eigene (Nom. Sg. n.)

etāṃ buddhiṃ viniścitya mamatvaṃ varjitaṃ mayā śṛṇu buddhiṃ tu yāṃ jñātvā sarvatra viṣayo mama

'Nachdem er zu dieser Einsicht gelangt sei, habe er das Gefühl des Mein-Seins abgelegt; er forderte den Brahmanen auf zu hören, durch welche Einsicht ihm überall das Gebiet gehöre.'

Wort für Wort
varjitam
abgelegt, gemieden (Nom. Sg. n., Part. Perf. Pass.)
jñātvā
erkannt habend (Absolutiv, √jñā)

nāham ātmārtham icchāmi gandhān ghrāṇagatān api tasmān me nirjitā bhūmir vaśe tiṣṭhati nityadā

'Er begehre nicht, so Janaka, um seiner selbst willen die Düfte, die zur Nase gelangen; deshalb stehe die von ihm bezwungene Erde stets in seiner Gewalt.'

Wort für Wort
ghrāṇagatān
zur Nase gelangte (Akk. Pl. m.)
nirjitā
bezwungen (Nom. Sg. f., Part. Perf. Pass., nir-√ji)

nāham ātmārtham icchāmi rasān āsye 'pi vartataḥ āpo me nirjitās tasmād vaśe tiṣṭhanti nityadā

'Er begehre nicht um seiner selbst willen die Geschmäcke, die im Mund entstehen; deshalb stehe das von ihm bezwungene Wasser stets in seiner Gewalt.'

Wort für Wort
āsye vartataḥ
im Mund befindliche (Akk. Pl. m.)
āpaḥ
Wasser (Nom. Pl. f.)

nāham ātmārtham icchāmi rūpaṃ jyotiś ca cakṣuṣā tasmān me nirjitaṃ jyotir vaśe tiṣṭhati nityadā

'Er begehre nicht um seiner selbst willen Form und Licht durch das Auge; deshalb stehe das von ihm bezwungene Licht stets in seiner Gewalt.'

Wort für Wort
cakṣuṣā
durch das Auge (Instr. Sg. n.)
jyotiḥ
Licht (Nom. Sg. n.)

nāham ātmārtham icchāmi sparśāṃs tvaci gatāś ca ye tasmān me nirjito vāyur vaśe tiṣṭhati nityadā

'Er begehre nicht um seiner selbst willen die Berührungen, die zur Haut gelangen; deshalb stehe der von ihm bezwungene Wind stets in seiner Gewalt.'

Wort für Wort
tvaci gatān
zur Haut gelangte (Akk. Pl. m.)
vāyuḥ
Wind (Nom. Sg. m.)

nāham ātmārtham icchāmi śabdāñ śrotragatān api tasmān me nirjitāḥ śabdā vaśe tiṣṭhanti nityadā

'Er begehre nicht um seiner selbst willen die Töne, die zum Ohr gelangen; deshalb stünden die von ihm bezwungenen Töne stets in seiner Gewalt.'

Wort für Wort
śrotragatān
zum Ohr gelangte (Akk. Pl. m.)
śabdāḥ
Töne (Nom. Pl. m.)

nāham ātmārtham icchāmi mano nityaṃ manontare mano me nirjitaṃ tasmād vaśe tiṣṭhati nityadā

'Er begehre nicht um seiner selbst willen, dass sein Geist sich stets in fremden Dingen verliere; deshalb stehe sein bezwungener Geist stets in seiner Gewalt.'

Wort für Wort
manontare
in einem anderen/fremden Sinn (Lok. Sg. n.)
nirjitam
bezwungen (Nom. Sg. n.)

devebhyaś ca pitṛbhyaś ca bhūtebhyo 'tithibhiḥ saha ityarthaṃ sarva eveme samārambhā bhavanti vai

'Für die Götter, die Ahnen und die Wesen, zusammen mit den Gästen - zu diesem Zweck allein geschähen alle diese Unternehmungen, so schloss Janaka.'

Wort für Wort
bhūtebhyaḥ
für die Wesen (Dat. Pl. n.)
samārambhāḥ
Unternehmungen (Nom. Pl. m.)

tataḥ prahasya janakaṃ brāhmaṇaḥ punar abravīt tvajjijñāsārtham adyeha viddhi māṃ dharmam āgatam

'Da lächelte der Brahmane und sprach abermals zu Janaka: er solle wissen, dass er, um ihn heute hier zu prüfen, als Dharma selbst gekommen sei.'

Wort für Wort
prahasya
gelächelt habend (Absolutiv, pra-√has)
tvajjijñāsārtham
zum Zweck der Prüfung/Erkundung über dich (Akk. als Adv.)

tvam asya brahmanābhasya buddhyārasyānivartinaḥ sattvaneminiruddhasya cakrasyaikaḥ pravartakaḥ

'Janaka allein, so sprach der Brahmane weiter, sei es, der jenes Rad in Bewegung setze, dessen Nabe das Brahman, dessen unweichende Speichen die Einsicht und dessen Felge das Sattva sei.'

Wort für Wort
brahmanābhasya
dessen Nabe das Brahman ist (Gen. Sg. n., Bahuvrīhi)
pravartakaḥ
der in Bewegung Setzende (Nom. Sg. m.)

[Rad-Metapher: Nabe=Brahman, Speichen=nicht zurückweichende buddhi, Felge=sattva - kosmologisches Bild für Janakas gefestigten Geist]

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