vāsudeva uvāca na bāhyaṃ dravyam utsṛjya siddhir bhavati bhārata śārīraṃ dravyam utsṛjya siddhir bhavati vā na vā
[?] Nicht durch das Aufgeben äußerer Habe entsteht Vollendung, o Bhārata; ob durch das Aufgeben körperlicher Substanz (des Körpers selbst) Vollendung entsteht oder nicht, sei dahingestellt.
Wort für Wort
bāhyaṃ dravyam
äußere Habe/Besitz (Akk. Sg.)
utsṛjya
nachdem aufgegeben wurde (Absolutiv, ut-sṛj)
siddhiḥ
Vollendung, Erfolg (Nom. Sg.)
śārīraṃ dravyam
körperliche Substanz, der Körper selbst (Akk. Sg.)
[?] 'śārīraṃ dravyam' unklar - vermutlich Anspielung auf körperliche Kasteiung/Selbstaufgabe des Leibes (im Gegensatz zum bloßen Verzicht auf äußeren Besitz in der ersten Vershälfte). Fortsetzung von Vāsudevas Rede (Kap.11-12, real CQ weiterhin offen, bestätigt durch gleichen Sprecher-Tag).
bāhyadravyavimuktasya śārīreṣu ca gṛdhyataḥ yo dharmo yat sukhaṃ caiva dviṣatām astu tat tathā
Wer von äußerer Habe befreit ist, doch nach körperlichen Dingen giert - welcher Verdienst und welches Glück ihm auch zuteilwürde, das sei stattdessen meinen Feinden zuteil.
Wort für Wort
bāhyadravyavimuktasya
für den von äußerer Habe Befreiten (Gen. Sg., Kompositum)
gṛdhyataḥ
der giert/begehrt (Gen. Sg. Part. Präs., gṛdh)
dviṣatām
den Hassenden/Feinden (Gen. Pl. Part. Präs., dviṣ)
Rhetorischer Fluch-Topos: der Verdienst eines nur äußerlichen, heuchlerischen Verzichts wird für wertlos erklärt.
[?] Ist die Unvergänglichkeit dieses Wesens (der Seele) gewiss, o Bhārata, so erlangt es, sobald der Körper der Geschöpfe zerstört ist, Unverletzlichkeit.
Wort für Wort
avināśaḥ
Unvergänglichkeit (Nom. Sg.)
niyataḥ
gewiss, feststehend (Nom. Sg. Part. Perf. Pass.)
bhittvā
nachdem zerbrochen/zerstört wurde (Absolutiv, bhid)
[?] Gedanke: wenn das Selbst (sattva) tatsächlich unvergänglich ist, dann ist die Zerstörung des bloßen Körpers keine wirkliche 'Verletzung' (hiṃsā) des Selbst - ein Argument, das Ahiṃsā-Bedenken hinsichtlich notwendiger äußerer Handlungen (Opfer, Krieg) relativiert.
Selbst wenn einer die ganze Erde samt allem Beweglichen und Unbeweglichen erlangt hätte - wessen Besitzdenken dabei nicht entstünde, was sollte der mit ihr anfangen?
Wort für Wort
labdhvā
nachdem erlangt wurde (Absolutiv, labh)
sahasthāvarajaṅgamām
samt Beweglichem und Unbeweglichem (Akk. Sg. Fem., Kompositum)
Oder aber, o Pārtha: wer im Wald wohnt und von Waldfrüchten lebt, doch dessen Besitzdenken an bloßen Dingen haftet - der befindet sich im Rachen des Todes.
Wort für Wort
vasataḥ vane
der im Wald wohnt (Gen. Sg. Part. Präs. + Lok. Sg.)
vanyena jīvataḥ
der von Wald(-früchten) lebt (Instr. Sg. + Gen. Sg. Part. Präs.)
bāhyāntarāṇāṃ śatrūṇāṃ svabhāvaṃ paśya bhārata yan na paśyati tad bhūtaṃ mucyate sa mahābhayāt
[?] Erkenne die wahre Natur der äußeren und inneren Feinde, o Bhārata: das Wesen, das sie in diesem Sinn nicht mehr als Bedrohung wahrnimmt, wird von der großen Furcht befreit.
Wort für Wort
bāhyāntarāṇām śatrūṇām
der äußeren und inneren Feinde (Gen. Pl.)
svabhāvam paśya
erkenne die eigene Natur/das Wesen! (Akk. + 2. Sg. Imperativ)
mucyate mahābhayāt
wird befreit von großer Furcht (3. Sg. Präs. Pass. + Abl. Sg.)
[?] Kompakt formuliert; Sinn vermutlich: Gleichmut/Nicht-Identifikation mit den 'Feinden' (äußeren wie inneren, etwa den eigenen Leidenschaften) führt zur Freiheit von Furcht, nicht deren tatsächliche Vernichtung.
kāmātmānaṃ na praśaṃsanti loke; na cākāmāt kā cid asti pravṛttiḥ dānaṃ hi vedādhyayanaṃ tapaś ca; kāmena karmāṇi ca vaidikāni
Einen von Begierde beherrschten Menschen loben die Leute nicht in der Welt; und doch gibt es ohne Begierde keinerlei Antrieb zum Handeln - denn Freigebigkeit, Vedastudium und Askese, ja die vedischen Riten selbst, geschehen durch Begierde.
Wort für Wort
kāmātmānam
den von Begierde beherrschten (Akk. Sg., Kompositum)
praśaṃsanti
sie loben (3. Pl. Präs., praśaṃs)
akāmāt pravṛttiḥ
Antrieb/Tätigkeit ohne Begierde (Abl. Sg. + Nom. Sg.)
vaidikāni karmāṇi
vedische Handlungen/Riten (Nom. Pl.)
Triṣṭubh-Metrum ab hier (bis V010). Beginn eines Lehrstücks über das Verhältnis von Kāma (Begierde/Wunsch) und Dharma, das in die Kāma-Gītā (V012-017) mündet.
vrataṃ yajñān niyamān dhyānayogān; kāmena yo nārabhate viditvā yad yad dhy ayaṃ kāmayate sa dharmo; na yo dharmo niyamas tasya mūlam
[?] Wer Gelübde, Opfer, Zuchtregeln und Meditations-Yoga nicht aus eigennütziger Begierde, sondern aus Erkenntnis unternimmt - für ihn ist, was immer er begehrt, eben Dharma; nicht die äußere Pflichtregel ist dann die Wurzel seines Dharma.
er unternimmt nicht (3. Sg. Präs. Ā. + na, ā-rabh)
viditvā
nachdem erkannt wurde (Absolutiv, vid)
kāmayate
er begehrt/wünscht (3. Sg. Präs. Ā.)
niyamas tasya mūlam
die Regel ist seine Wurzel (Nom. Sg. + Gen. Sg. + Nom. Sg.)
[?] Feinsinniger Gedanke: für den aus rechter Erkenntnis Handelnden wird sein eigener (geläuterter) Wille selbst zum Maßstab des Dharma, nicht die äußerlich auferlegte Regel (niyama).
atra gāthāḥ kāmagītāḥ kīrtayanti purāvidaḥ śṛṇu saṃkīrtyamānās tā nikhilena yudhiṣṭhira
Hierzu verkünden die Kenner der Vorzeit die Kāma-Gītās (die Lieder von der Begierde) - höre sie, wie sie hier vollständig vorgetragen werden, o Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
gāthāḥ kāmagītāḥ
Verse/Lieder von der Begierde (Akk. Pl., Kompositum)
kīrtayanti
sie verkünden (3. Pl. Präs., kīrt)
purāvidaḥ
die Kenner der Vorzeit (Nom. Pl., Kompositum)
saṃkīrtyamānāḥ
die vorgetragen werden (Nom. Pl. Fem. Part. Präs. Pass.)
Ankündigung der folgenden 'Kāmagītā' (V012-017): eine formelhafte, in der Ich-Form gehaltene Rede der personifizierten Begierde (Kāma) selbst, überliefert von den 'Kennern der Vorzeit' (purāvidaḥ). Nach Konvention formelhafter Zitat-Litaneien werden die folgenden Verse einzeln, in sich abgeschlossen, mit ASCII-Anführung wiedergegeben (Drittebene-Vermeidung).
'Ich bin durch kein Wesen ohne das rechte Mittel zu töten; wer sich bemüht, mich zu töten, nachdem er die Kraft im Angriff erkannt hat - in eben jenem Angriff erscheine ich für ihn aufs Neue.'
Wort für Wort
śakyaḥ
möglich, zu bewältigen (Nom. Sg. Verbaladj.)
anupāyena
ohne (rechtes) Mittel (Instr. Sg.)
prayatate
er bemüht sich (3. Sg. Präs. Ā., pra-yat)
prādurbhavāmi
ich erscheine (1. Sg. Präs., pradur-bhū)
Erster Vers der Kāmagītā: Kāma (Begierde) spricht in der Ich-Form.
'Wer sich bemüht, mich durch Opfer mit mannigfachen Priestergaben zu töten - wie in den beweglichen Wesen, als aus Werken bestehendes Wesen, erscheine ich ihm aufs Neue.'
Wort für Wort
vividhadakṣiṇaiḥ
mit mannigfachen Priestergaben (Instr. Pl., Kompositum)
jaṅgameṣu
in den beweglichen (Wesen) (Lok. Pl.)
karmātmā
aus Werken bestehendes Wesen (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
yo māṃ prayatate hantuṃ dhṛtyā satyaparākramaḥ bhāvo bhavāmi tasyāhaṃ sa ca māṃ nāvabudhyate
'Wer sich bemüht, mich durch Standhaftigkeit, von wahrhafter Tapferkeit, zu töten - dem werde ich zum bloßen inneren Zustand, und er erkennt mich darin nicht.'
yo māṃ prayatate hantuṃ mokṣam āsthāya paṇḍitaḥ tasya mokṣaratisthasya nṛtyāmi ca hasāmi ca avadhyaḥ sarvabhūtānām aham ekaḥ sanātanaḥ
'Wer, ein Weiser, sich bemüht, mich zu töten, gestützt auf die Befreiung - für ihn, der in der Freude an der Befreiung verweilt, tanze ich und lache ich; unerschlagbar von allen Wesen bin ich, der Eine, der Ewige.'
Wort für Wort
mokṣam āsthāya
gestützt auf die Befreiung (Akk. + Absolutiv)
mokṣaratisthasya
der in der Freude an der Befreiung weilt (Gen. Sg., Kompositum)
avadhyaḥ
unerschlagbar (Nom. Sg. Verbaladj.)
sanātanaḥ
ewig, uralt (Nom. Sg.)
Abschlussvers der Kāmagītā - Höhepunkt: selbst der auf mokṣa gestützte Weise entkommt Kāma nicht wirklich, solange er sich noch an dessen Überwindung 'erfreut' (mokṣarati). Hier endet die eingeschobene Litanei (ASCII-Anführung), Vāsudevas eigene Rede (reale CQ) läuft in V018 unmittelbar weiter.
tasmāt tvam api taṃ kāmaṃ yajñair vividhadakṣiṇaiḥ dharmaṃ kuru mahārāja tatra te sa bhaviṣyati
Darum, auch du: übe, jenem Verlangen folgend, die fromme Pflicht durch Opfer mit mannigfachen Priestergaben aus, o Großkönig - darin wird es dir zuteilwerden.
Wort für Wort
tasmāt
deshalb (Adv.)
dharmaṃ kuru
übe die (fromme) Pflicht aus! (Akk. + 2. Sg. Imperativ)
Rückkehr zu Vāsudevas eigener, unmittelbarer Rede an Yudhiṣṭhira (kein ASCII-Zitat mehr).
yajasva vājimedhena vidhivad dakṣiṇāvatā anyaiś ca vividhair yajñaiḥ samṛddhair āptadakṣiṇaiḥ
Opfere mit dem Rossopfer, vorschriftsgemäß, versehen mit Priestergaben, und mit anderen mannigfachen, prächtigen Opfern, bei denen die gebührenden Priestergaben entrichtet sind.
Wort für Wort
yajasva
opfere! (2. Sg. Imperativ Ā., yaj)
vājimedhena
mit dem Rossopfer (Instr. Sg.)
dakṣiṇāvatā
versehen mit Priestergaben (Instr. Sg., Bahuvrīhi)
āptadakṣiṇaiḥ
denen die Priestergaben zuteilwurden (Instr. Pl., Kompositum)
Erste ausdrückliche Ankündigung des Aśvamedha (Rossopfers), das dem gesamten Parva den Namen gibt.
mā te vyathāstu nihatān bandhūn vīkṣya punaḥ punaḥ na śakyās te punar draṣṭuṃ ye hatāsmin raṇājire
Nicht sei dir Schmerz, wenn du die erschlagenen Verwandten immer wieder betrachtest - sie sind nicht mehr wiederzusehen, die auf diesem Schlachtfeld getötet wurden.
So wirst du, nachdem du mit großen, prächtigen Opfern, deren Priestergaben entrichtet sind, geopfert hast, in der Welt höchsten Ruhm erlangen und zum höchsten Ziel gelangen.“
Wort für Wort
iṣṭvā
nachdem geopfert wurde (Absolutiv, yaj)
kīrtiṃ parām prāpya
höchsten Ruhm erlangend (Akk. + Absolutiv)
gatim agryām
das höchste Ziel (Akk. Sg.)
Hier endet Vāsudevas gesamte Rede (offen seit Kap.11 V004) - bestätigt durch Kap.14, das mit reiner Vaiśaṃpāyana-Erzählung ohne Redeanschluss beginnt (Yudhiṣṭhira wird von den versammelten Weisen getröstet).