Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 79: citrangadavilapah Citrāṅgadās Klage und ihr Fastenentschluss

vaiśaṃpāyana uvāca tato bahuvidhaṃ bhīrur vilapya kamalekṣaṇā mumoha duḥkhād durdharṣā nipapāta ca bhūtale

Vaiśaṃpāyana sprach: Da klagte die Furchtsame, Lotusäugige auf vielfache Weise, verfiel vor Schmerz der Ohnmacht, die Unbezwingbare, und sank zu Boden.

Wort für Wort
kamalekṣaṇā
die Lotusäugige (Nom. Fem., Citrāṅgadā)
nipapāta bhūtale
sie sank zu Boden (Perf.)

pratilabhya ca sā saṃjñāṃ devī divyavapurdharā ulūpīṃ pannagasutāṃ dṛṣṭvedaṃ vākyam abravīt

Als sie, die Göttliche mit dem himmlischen Körper, wieder zur Besinnung gekommen war, sprach sie, Ulūpī, die Schlangentochter, erblickend, dieses Wort:

Wort für Wort
divyavapurdharā
mit himmlischem Körper (Adj. Fem.)
saṃjñāṃ pratilabhya
die Besinnung wiedererlangend (Abs.)

ulūpi paśya bhartāraṃ śayānaṃ nihataṃ raṇe tvatkṛte mama putreṇa bālena samitiṃjayam

„Ulūpī, sieh unseren Gatten, den Kampfbezwinger, daliegen, erschlagen in der Schlacht, deinetwegen von meinem kindlichen Sohn.

Wort für Wort
samitiṃjayam
den Kampfbezwinger (Akk., Beiname Arjunas)
tvatkṛte
deinetwegen (Adv.)

nanu tvam ārye dharmajñā nanu cāsi pativratā yat tvatkṛte 'yaṃ patitaḥ patis te nihato raṇe

Bist du, Edle, nicht rechtskundig, bist du nicht dem Gatten treu ergeben – dass deinetwegen dieser Gatte gefallen, in der Schlacht erschlagen ist?

Wort für Wort
pativratā
dem Gatten treu ergeben (Adj. Fem.)
patitaḥ
gefallen (Ptz.)

kiṃ tu sarvāparādho 'yaṃ yadi te 'dya dhanaṃjayaḥ kṣamasva yācyamānā me saṃjīvaya dhanaṃjayam

Doch wenn dies heute die Schuld dessen ist, der Dhanaṃjaya dir gehört, so verzeih; von mir angefleht, belebe Dhanaṃjaya wieder.

Wort für Wort
kṣamasva
verzeih (Imp.)
saṃjīvaya
belebe wieder (Kaus. Imp.)

nanu tvam ārye dharmajñā trailokyaviditā śubhe yad ghātayitvā bhartāraṃ putreṇeha na śocasi

Bist du, Edle, nicht rechtskundig, in den drei Welten bekannt, Schöne – dass du, nachdem der Gatte durch unseren Sohn getötet wurde, hier nicht trauerst?

Wort für Wort
trailokyaviditā
in den drei Welten bekannt (Adj. Fem.)
na śocasi
du trauerst nicht (Präs.)

nāhaṃ śocāmi tanayaṃ nihataṃ pannagātmaje patim eva tu śocāmi yasyātithyam idaṃ kṛtam

Ich trauere nicht um den erschlagenen Sohn, o Schlangentochter; ich trauere vielmehr um den Gatten, dem diese Gastfreundschaft hier erwiesen wurde.“

Wort für Wort
nāhaṃ śocāmi
ich trauere nicht (Präs.)
yasya ātithyam idaṃ kṛtam
dem diese Gastfreundschaft erwiesen wurde

Rhetorische Übertreibung Citrāṅgadās: selbst um den eigenen Sohn würde sie nicht so trauern wie um den Gatten – 'Gastfreundschaft' meint hier bitter-ironisch den Tod, den Arjuna in Ulūpīs/Citrāṅgadās Reich fand.

ity uktvā sā tadā devīm ulūpīṃ pannagātmajām bhartāram abhigamyedam ity uvāca yaśasvinī

So gesprochen habend zu der Göttin Ulūpī, der Schlangentochter, trat da die Ruhmreiche zu ihrem Gatten und sprach dieses:

Wort für Wort
abhigamya
hinzutretend (Abs.)
yaśasvinī
die Ruhmreiche (Nom. Fem., Citrāṅgadā)

uttiṣṭha kurumukhyasya priyakāma mama priya ayam aśvo mahābāho mayā te parimokṣitaḥ

„Steh auf, du dem Ersten der Kurus zugeneigter, mein Liebster; dieses Pferd, Großarmiger, ist von mir für dich freigelassen worden.

Wort für Wort
priyakāma
zugeneigt, Wohlwollen begehrend (Adj. Vok.)
parimokṣitaḥ
freigelassen (Ptz.)

nanu nāma tvayā vīra dharmarājasya yajñiyaḥ ayam aśvo 'nusartavyaḥ sa śeṣe kiṃ mahītale

Ist es nicht so, Held, dass du dem Opferross des Dharmarāja folgen musst? Warum liegst du auf dem Erdboden?

Wort für Wort
anusartavyaḥ
zu verfolgen, zu begleiten (Ger.)
śeṣe
du liegst (Präs. Med.)

tvayi prāṇāḥ samāyattāḥ kurūṇāṃ kurunandana sa kasmāt prāṇado 'nyeṣāṃ prāṇān saṃtyaktavān asi

An dir hängt das Leben der Kurus, Freude der Kurus; warum hast du, der du anderen das Leben schenkst, dein eigenes Leben aufgegeben?

Wort für Wort
prāṇāḥ samāyattāḥ
das Leben hängt ab (Adj. Pl.)
prāṇadaḥ
der Lebenschenkende (Nom.)

ulūpi sādhu saṃpaśya bhartāraṃ nihataṃ raṇe putraṃ cainaṃ samutsāhya ghātayitvā na śocasi

Ulūpī, sieh wohl unseren im Kampf erschlagenen Gatten; nachdem du unseren Sohn angespornt und ihn hast töten lassen, trauerst du nicht.

Wort für Wort
samutsāhya
anspornend (Abs.)
ghātayitvā
töten lassend (Abs. Kaus.)

kāmaṃ svapitu bālo 'yaṃ bhūmau pretagatiṃ gataḥ lohitākṣo guḍākeśo vijayaḥ sādhu jīvatu

Mag dieses Kind, das in einen totenähnlichen Zustand geraten ist, auf dem Boden schlafen – der Rotäugige, der Dichthaarige, der Siegreiche möge wohl leben.

Wort für Wort
pretagatiṃ gataḥ
in einen totenähnlichen Zustand geraten (Ptz.)
lohitākṣaḥ guḍākeśaḥ vijayaḥ
Beinamen Arjunas: der Rotäugige, der Dichthaarige, der Siegreiche

Lohitākṣa, Guḍākeśa und Vijaya sind Beinamen Arjunas.

nāparādho 'sti subhage narāṇāṃ bahubhāryatā nārīṇāṃ tu bhavaty etan mā te bhūd buddhir īdṛśī

Es ist keine Verfehlung, Glückliche, dass Männer viele Ehefrauen haben; doch bei Frauen geschieht dies – möge dir nicht solch ein Gedanke kommen.

Wort für Wort
bahubhāryatā
das Vielehefrauenhaben (Nom.)
mā te bhūt
möge dir nicht widerfahren (Inj.)

sakhyaṃ hy etat kṛtaṃ dhātrā śāśvataṃ cāvyayaṃ ca ha sakhyaṃ samabhijānīhi satyaṃ saṃgatam astu te

Diese Freundschaft nämlich ist vom Schöpfer gestiftet, ewig und unvergänglich; erkenne diese Freundschaft an – wahrhaftig soll die Verbindung mit dir bestehen.

Wort für Wort
dhātrā kṛtam
vom Schöpfer gestiftet (Ptz.)
samabhijānīhi
erkenne an (Imp.)

putreṇa ghātayitvemaṃ patiṃ yadi na me 'dya vai jīvantaṃ darśayasy adya parityakṣyāmi jīvitam

Wenn du mir heute diesen durch unseren Sohn getöteten Gatten nicht lebend zeigst, werde ich heute noch mein Leben aufgeben.

Wort für Wort
jīvantaṃ darśayasi
du zeigst ihn lebend (Präs.)
parityakṣyāmi jīvitam
ich werde das Leben aufgeben (Fut.)

sāhaṃ duḥkhānvitā bhīru patiputravinākṛtā ihaiva prāyam āśiṣye prekṣantyās te na saṃśayaḥ

Ich, vom Schmerz erfüllte, Furchtsame, von Gatte und Sohn Getrennte, werde hier ebendort den Hungertod suchen, während du zusiehst – daran ist kein Zweifel.“

Wort für Wort
patiputravinākṛtā
von Gatte und Sohn getrennt (Adj. Fem.)
prāyam āśiṣye
ich werde den Hungertod suchen (Fut. Med.)

ity uktvā pannagasutāṃ sapatnīṃ caitravāhinī tataḥ prāyam upāsīnā tūṣṇīm āsīj janādhipa

So zu der Schlangentochter, ihrer Mitfrau, gesprochen habend, setzte sich die Tochter Citravāhanas zum Fastentod nieder und verharrte da schweigend, o Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
sapatnīm
die Mitfrau (Akk.)
prāyam upāsīnā
sich zum Fastentod niedersetzend (Ptz. Fem.)

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