śubhānām aśubhānāṃ ca neha nāśo 'sti karmaṇām prāpya prāpya tu pacyante kṣetraṃ kṣetraṃ tathā tathā
'Von guten und schlechten Taten gibt es hier keine Vernichtung: Feld um Feld erlangend, reifen sie jeweils entsprechend heran.'
Wort für Wort
śubhānām aśubhānāṃ karmaṇām
von guten und schlechten Taten (Gen. Pl.)
na iha nāśo 'sti
es gibt hier keine Vernichtung (Präs.)
prāpya prāpya
Feld um Feld erlangend (Abs., wiederholt)
pacyante kṣetraṃ kṣetraṃ
sie reifen Feld für Feld (Präs. Pass.)
[Anm.] Die Sprecherkennzeichnung 'brāhmaṇa uvāca' knüpft inhaltlich nahtlos an die vom Siddha in Kap.17 V039 angekündigte Embryologie-Lehre an; da sowohl der zurückgekehrte Kāśyapa als auch sein Guru als 'brāhmaṇa' (gelehrter Brahmane) bezeichnet werden können, wird die Sprecherzuordnung hier per Inhaltsabgleich statt durch die bloße Tag-Wiederholung aufgelöst: es ist der Siddha, der seine in Kap.17 begonnene Lehrrede fortsetzt.
'Wie ein fruchttragender Baum, wenn er Frucht ansetzt, viele Früchte gibt, so wird das mit reinem Sinn getane Werk reichliches Verdienst hervorbringen.'
'Und ebenso wird auch Böses entstehen, das mit bösem Sinn getan ist - denn hier schreitet das Selbst erst, nachdem es den Sinn vorangestellt hat, zur Tat fort.'
'Der mit dem Blut der Frau vermischte, in den Mutterschoß gelangte Same - darin erlangt er das aus der Tat entstandene Feld, sei es ein gutes oder ein böses.'
Wort für Wort
śukraṃ śoṇitasaṃsṛṣṭaṃ
der mit Blut vermischte Same (Nom.)
striyā garbhāśayaṃ gatam
in den Mutterschoß-Behälter der Frau gelangt (Gen. + PPP)
saukṣmyād avyaktabhāvāc ca na sa kva cana sajjate saṃprāpya brahmaṇaḥ kāyaṃ tasmāt tad brahma śāśvatam tad bījaṃ sarvabhūtānāṃ tena jīvanti jantavaḥ
'Wegen seiner Feinheit und seiner unmanifesten Beschaffenheit haftet er nirgends an, wenn er den Leib des Brahman erlangt hat; deshalb ist jenes Brahman ewig - es ist der Same aller Wesen, durch den die Geschöpfe leben.'
Wort für Wort
saukṣmyād avyaktabhāvāt
wegen der Feinheit, der unmanifesten Beschaffenheit (Abl.)
na kva cana sajjate
haftet nirgends an (Präs.)
saṃprāpya brahmaṇaḥ kāyam
nachdem er den Leib des Brahman erlangt hat (Abs.)
sa jīvaḥ sarvagātrāṇi garbhasyāviśya bhāgaśaḥ dadhāti cetasā sadyaḥ prāṇasthāneṣv avasthitaḥ tataḥ spandayate 'ṅgāni sa garbhaś cetanānvitaḥ
'Jener Lebenshauch, nachdem er anteilig in alle Glieder des Embryos eingedrungen ist, erhält sie sogleich mit Bewusstsein, in den Sitzen des Lebenshauchs weilend; dann bringt der nun mit Bewusstsein versehene Embryo seine Glieder zum Zucken.'
Wort für Wort
garbhasya sarvagātrāṇi āviśya bhāgaśaḥ
nachdem er anteilig in alle Glieder des Embryos eingedrungen ist (Abs.)
tatas tat kṣīyate caiva punaś cānyat pracīyate yāvat tan mokṣayogasthaṃ dharmaṃ naivāvabudhyate
'Dann erschöpft sich dieses Karma, und wiederum wird anderes angehäuft, solange jenes im Erlösungs-Yoga gegründete Gesetz überhaupt nicht erkannt wird.'
'Freigebigkeit, Gelübde, enthaltsames Studentenleben, das Einhalten der vorgeschriebenen Gelübde, Selbstbeherrschung, Friedfertigkeit und Mitleid mit den Geschöpfen -'
evaṃ satsu sadā paśyet tatra hy eṣā dhruvā sthitiḥ ācāro dharmam ācaṣṭe yasmin santo vyavasthitāḥ
'So möge man es stets bei den Guten sehen, denn dort ist dies der feststehende Zustand: der rechte Wandel verkündet das Dharma, worin die Guten fest gegründet sind.'
teṣu tad dharmanikṣiptaṃ yaḥ sa dharmaḥ sanātanaḥ yas taṃ samabhipadyeta na sa durgatim āpnuyāt
'In ihnen ist jenes im Dharma Niedergelegte enthalten, welches das ewige Dharma ist; wer sich diesem zuwendet, der würde keinen schlechten Daseinszustand erlangen.'
Wort für Wort
teṣu tad dharmanikṣiptaṃ
in ihnen das im Dharma Niedergelegte (Lok. + Nom.)
ato niyamyate lokaḥ pramuhya dharmavartmasu yas tu yogī ca muktaś ca sa etebhyo viśiṣyate
'Daher wird die Welt gebändigt, indem sie sich auf den Pfaden des Dharma verwirrt; wer aber ein Yogin und befreit ist, der zeichnet sich vor diesen übrigen aus.'
Wort für Wort
niyamyate lokaḥ
die Welt wird gebändigt (Präs. Pass.)
pramuhya dharmavartmasu
sich verwirrend auf den Pfaden des Dharma (Abs. + Lok.)
vartamānasya dharmeṇa puruṣasya yathā tathā saṃsāratāraṇaṃ hy asya kālena mahatā bhavet
'Für einen Menschen, der sich - wie auch immer - gemäß dem Dharma verhält, geschieht dessen Überquerung des Daseinskreislaufs fürwahr nur nach langer Zeit.'
Wort für Wort
vartamānasya dharmeṇa puruṣasya
eines sich gemäß dem Dharma verhaltenden Menschen (Gen.)
'Nachdem er sich selbst einen Körper geschaffen hatte, schuf Brahmā, der Großvater aller Wesen, die drei Welten, die gesamte Schöpfung mit Beweglichem und Unbeweglichem.'
Wort für Wort
śarīram ātmanaḥ kṛtvā
nachdem er sich einen Körper geschaffen hatte (Abs.)
iha tat kṣaram ity uktaṃ paraṃ tv amṛtam akṣaram trayāṇāṃ mithunaṃ sarvam ekaikasya pṛthak pṛthak
'Hier wird jenes Pradhāna "das Vergängliche" genannt, das Höhere aber ist das unsterbliche Unvergängliche; beides bildet das Paar-Ganze der drei Prinzipien, jedes für sich gesondert.'
Wort für Wort
tat kṣaram ity uktaṃ
jenes wird 'das Vergängliche' genannt (PPP)
param amṛtam akṣaram
das Höhere, unsterblich Unvergängliche (Nom.)
trayāṇāṃ mithunaṃ
das Paar der drei [Prinzipien] (Gen. Pl. + Nom.)
ekaikasya pṛthak pṛthak
für jedes einzelne gesondert (Gen. + Adv.)
[?] Unklar bleibt, welches dritte Prinzip neben kṣara (dem Vergänglichen) und akṣara (dem Unvergänglichen) hier mitgemeint ist (vgl. den späteren puruṣottama-Gedanken der Bhagavadgītā 15.16-18, wo explizit von drei Größen die Rede ist) - der vorliegende Vers selbst nennt kein drittes Element namentlich; sinngemäß, ohne Lesart zu erzwingen, wiedergegeben.
'Wie hier ein gewisser Weiser, der sein eigenes Selbst schon im früheren Leben erkannt hatte, bezeugen kann - alles, was ich verkünden werde, trifft der Wahrheit gemäß zu.'
Wort für Wort
kaś cin medhāvī
ein gewisser Weiser (Nom.)
dṛṣṭātmā pūrvajanmani
dessen Selbst im früheren Leben geschaut ist (Bahuvrihi + Lok.)
yat pravakṣyāmi tat sarvaṃ
alles, was ich verkünden werde (Fut.)
yathāvad upapadyate
trifft der Wahrheit gemäß zu (Präs.)
[?] Satzbau elliptisch; sinngemäß ergänzt (Bezugnahme auf einen namentlich nicht genannten Weisen mit Erinnerung an ein früheres Leben).
'Wer Freude und Leid stets richtig als unbeständig erblickt, und den Körper als eine Anhäufung von Unreinem, als vergänglich und mit Karma verbunden -'
Wort für Wort
sukhaduḥkhe anitye prapaśyati
erblickt Freude und Leid als unbeständig (Akk. Dual + Präs.)
yac ca kiṃ cit sukhaṃ tac ca sarvaṃ duḥkham iti smaran saṃsārasāgaraṃ ghoraṃ tariṣyati sudustaram
'- und der sich erinnert, dass alles, was Freude ist, in Wahrheit Leid ist, der wird das schreckliche, überaus schwer zu überquerende Meer des Daseinskreislaufs überqueren.'
Wort für Wort
yac ca kiṃ cit sukhaṃ
was auch immer an Freude [es gibt] (Nom.)
sarvaṃ duḥkham iti smaran
sich erinnernd, dass alles Leid ist (Ppa.)
saṃsārasāgaraṃ ghoraṃ tariṣyati
wird das schreckliche Meer des Daseinskreislaufs überqueren (Fut.)
'Vernimm nun, o Weiser, vollständig das höchste Wissen um den ewigen, unvergänglichen Zustand, wie es von mir dargelegt wird.'
Wort für Wort
śāśvatasya avyayasya padasya
des ewigen, unvergänglichen Zustands (Gen.)
jñānam uttamam
das höchste Wissen (Akk.)
procyamānaṃ mayā
das von mir dargelegt wird (Ppp. Med. + Instr.)
vipra nibodha idam aśeṣataḥ
o Weiser, vernimm dies vollständig (Vok. + Imp.)
Übergangsvers zur nächsten Lehreinheit (höchstes Wissen um den unvergänglichen Zustand); die Rede des Siddha bleibt über das Kapitelende hinaus offen, Fortsetzung in Kap.19 zu erwarten.