brāhmaṇa uvāca gandhān na jighrāmi rasān na vedmi; rūpaṃ na paśyāmi na ca spṛśāmi na cāpi śabdān vividhāñ śṛṇomi; na cāpi saṃkalpam upaimi kiṃ cit
'Der Brahmane sprach: Ich rieche keine Gerüche, ich schmecke keine Geschmäcker, ich sehe keine Form, und ich berühre auch nichts, noch höre ich mannigfache Klänge; auch fasse ich keinerlei Vorstellung.'
Wort für Wort
saṃkalpam
die Vorstellung, den Willensentschluss (Akk. Sg., m.)
Fortsetzung der eigenen Rede des Ehemannes (kein neuer Sprecher); Aussage über die vom Sinnesbezug gelöste Selbst-Identität.
'Die Natur begehrt die erwünschten Dinge, die Natur hasst all das Verhasste; Begehren und Hass entstehen aus der Natur, nachdem sie Prāṇa und Apāna in die Körper der Geschöpfe eingesetzt hat.'
tebhyaś cānyāṃs teṣv anityāṃś ca bhāvān; bhūtātmānaṃ lakṣayeyaṃ śarīre tasmiṃs tiṣṭhan nāsmi śakyaḥ kathaṃ cit; kāmakrodhābhyāṃ jarayā mṛtyunā ca
'Ich unterscheide im Körper das aus den Elementen bestehende Selbst von diesen und den anderen, unbeständigen Zuständen; darin verweilend, kann ich auf keine Weise von Begierde und Zorn, vom Altern oder vom Tod erfasst werden.'
Wort für Wort
bhūtātmānam
das aus den Elementen bestehende Selbst (Akk. Sg., m.)
akāmayānasya ca sarvakāmān; avidviṣāṇasya ca sarvadoṣān na me svabhāveṣu bhavanti lepās; toyasya bindor iva puṣkareṣu
'Für mich, der ich alle Begierden nicht begehre und alle Fehler nicht hasse, haften an den Naturzuständen keine Anhaftungen - wie ein Wassertropfen auf Lotusblättern.'
'Für den, der ewig ist und die vielen Naturzustände betrachtet, haften diese zwar ewig an ihm, doch das Netz der Genüsse haftet nicht an den Werken - wie das Strahlennetz der Sonne nicht am Himmel haftet.'
'Als er das beim Opferwerk zu besprengende Opfertier sah, habe der sitzende Yati zum Adhvaryu gesagt, indem er es tadelte, dies sei Gewalttat.'
Wort für Wort
kutsayan
tadelnd (Nom. Sg., m., Partizip Präs.)
Beginn des Zwiegesprächs; als weitere Verschachtelungsebene direkter Rede wird der Disput zwischen Yati und Adhvaryu gemäß der Projektkonvention indirekt wiedergegeben.
sūryaṃ cakṣur diśaḥ śrotre prāṇo 'sya divam eva ca āgame vartamānasya na me doṣo 'sti kaś cana
'Ihr Auge gehe zur Sonne, ihre Ohren zu den Himmelsrichtungen, ihr Lebenshauch zum Himmel; da er, der Adhvaryu, sich an die Überlieferung halte, treffe ihn keinerlei Schuld.'
Wort für Wort
āgame vartamānasya
für den, der sich an die Überlieferung hält (Gen. Sg., m., Partizip)
'Der Yati habe entgegnet, wenn er, der Adhvaryu, in der Trennung der Ziege von ihren Lebenshauchen etwas Gutes erblicke, welchen Nutzen habe dann sein um der Ziege willen vollzogenes Opfer?'
anu tvā manyatāṃ mātā pitā bhrātā sakhāpi ca mantrayasvainam unnīya paravantaṃ viśeṣataḥ
'Er möge doch erst seine Mutter, seinen Vater, seinen Bruder und auch seinen Freund zustimmen lassen - er möge diesen Gedanken, insbesondere den von anderen Abhängigen, vorlegen und beraten.'
Wort für Wort
paravantam
den von anderen Abhängigen (Akk. Sg., m.)
Ironischer Einwand des Yati: wenn Sterben tatsächlich ein Vorteil wäre, müsste der Adhvaryu diese Logik auch auf seine eigenen Angehörigen anwenden.
'Diejenigen, die dem so zustimmen würden, sollte er, der Adhvaryu, befragen dürfen; erst nachdem er deren Zustimmung gehört habe, lasse sich eine Erwägung anstellen.'
prāṇā apy asya chāgasya prāpitās te svayoniṣu śarīraṃ kevalaṃ śiṣṭaṃ niśceṣṭam iti me matiḥ
'Auch die Lebenshauche dieser Ziege seien zu ihren eigenen Ursprungsorten gelangt; übrig bleibe einzig der reglose Körper - das sei seine, des Yati, Ansicht.'
indhanasya tu tulyena śarīreṇa vicetasā hiṃsā nirveṣṭukāmānām indhanaṃ paśusaṃjñitam
'Für jene, die sich ihrer Schuld entledigen wollten, sei das mit dem Brennholz gleichgesetzte, gedankenlose Töten des als Opfertier bezeichneten Brennholzes in Wahrheit Gewalttat.'
Wort für Wort
nirveṣṭukāmānām
für jene, die sich entledigen wollen (Gen. Pl., m.)
'Gewaltlosigkeit sei das zu gelobende Prinzip; wenn er, der Yati, darüber hinaus weiterspreche, ließe sich auf vielfache Weise ein Tadel an seinem, des Adhvaryu, Tun aussprechen.'
ahiṃsā sarvabhūtānāṃ nityam asmāsu rocate pratyakṣataḥ sādhayāmo na parokṣam upāsmahe
'Gewaltlosigkeit gegenüber allen Wesen gefalle ihnen, den Asketen wie ihm, beständig; sie erwiesen sich unmittelbar, nicht verehrten sie das Verborgene.'
'Der Adhvaryu habe erwidert, er, der Yati, genieße doch selbst die Geruchseigenschaften der Erde, trinke die aus dem Wasser bestehenden Säfte, sehe die Form der Lichter, berühre die windgeborenen Eigenschaften -'
Wort für Wort
anilajān guṇān
die windgeborenen Eigenschaften (Akk. Pl., m.)
Erwiderung des Adhvaryu, die den Vorwurf der Gewalttat auf jede Form der Wahrnehmung/des Lebens selbst ausdehnt.
'Beständig sei er, der Yati, mit der Aufnahme von Lebenshauch beschäftigt; auch er selbst befinde sich damit in Gewalttat; es gebe keine Tätigkeit ohne Gewalt - was also meine er, der Zweifachgeborene, dazu?'
yatir uvāca akṣaraṃ ca kṣaraṃ caiva dvaidhībhāvo 'yam ātmanaḥ akṣaraṃ tatra sadbhāvaḥ svabhāvaḥ kṣara ucyate
'Der Yati habe geantwortet, das Unvergängliche und das Vergängliche - dies sei die doppelte Natur des Selbst; das Unvergängliche darin heiße das wahre Sein, das Vergängliche werde Eigennatur genannt.'
Wort für Wort
dvaidhībhāvaḥ
die Zweiheit, doppelte Natur (Nom. Sg., m.)
Die metaphysische Antwort des Yati, die den Vorwurf der Gewalt durch die Unterscheidung von unvergänglichem Selbst und vergänglicher Natur unterläuft.
'Lebenshauch, Zunge, Geist, das Sattva und die mit Rajas verbundene Natur - für den, der von diesen Zuständen befreit sei, frei von Gegensatzpaaren, ohne Wünsche,'
samasya sarvabhūteṣu nirmamasya jitātmanaḥ samantāt parimuktasya na bhayaṃ vidyate kva cit
'der allen Wesen gegenüber gleichmütig sei, ohne Ich-Anhaftung, sich selbst bezwungen habend, von allen Seiten vollständig befreit - für einen solchen gebe es nirgends Furcht.'
Wort für Wort
jitātmanaḥ
für den, der sich selbst bezwungen hat (Gen. Sg., m.)
adhvaryur uvāca sadbhir eveha saṃvāsaḥ kāryo matimatāṃ vara bhavato hi mataṃ śrutvā pratibhāti matir mama
'Der Adhvaryu habe erwidert, allein mit den Guten solle man hier zusammenwohnen, o Bester der Verständigen; denn nachdem er dessen, des Yati, Ansicht gehört habe, erscheine ihm nun eine eigene Einsicht.'
Wort für Wort
saṃvāsaḥ
das Zusammenwohnen (Nom. Sg., m.)
Der Adhvaryu zeigt sich von der Antwort des Yati überzeugt.
'O Erhabener - durch die Einsicht des Erhabenen erweckt, spreche er, der Adhvaryu; weder im Denken der Ansicht noch im Vollziehen des Opfers liege bei ihm irgendein Fehler, o Zweifachgeborener.'
Wort für Wort
pratibuddhaḥ
erweckt, erwacht (Nom. Sg., m., Partizip Perfekt Passiv)
'Der Brahmane sprach weiter: Der Yati, dies mit gutem Grund anerkennend, verhielt sich fortan schweigend; auch der Adhvaryu, nun frei von Verblendung, setzte das große Opferwerk fort.'
Wort für Wort
upapattyā
aus gutem Grund, folgerichtig (Instr. Sg., f.)
Rückkehr zur eigenen Erzählstimme des Ehemannes; im Unterschied zu V007-026 daher nicht indirekt konvertiert.
'So kennen die Brahmanen diese Art von überaus feiner Befreiung; und nachdem sie sie erkannt haben, folgen sie ihr nach, geleitet von der Einsicht des Feld-Kenners.'