Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 48: sattvapuruṣaikatvaṃ dharmasaṃśayaḥ punaḥpraśnaś ca Brahmās Lehre: Sattva und Puruṣa, und die erneute Frage der Weisen über den vielfältigen Dharma

ke cid brahmamayaṃ vṛkṣaṃ ke cid brahmamayaṃ mahat ke cit puruṣam avyaktaṃ ke cit param anāmayam manyante sarvam apy etad avyaktaprabhavāvyayam

'Brahmā sprach weiter: Manche hielten es für den aus Brahman bestehenden Baum, manche für das aus Brahman bestehende Mahat, manche für den unoffenbarten Puruṣa, manche für das höchste, leidfreie Prinzip - doch all dies habe seinen Ursprung im Unoffenbarten und sei unvergänglich.'

Wort für Wort
brahmamayaṃ vṛkṣam
den aus Brahman bestehenden Baum (Akk. Sg. m.)
avyaktaprabhavāvyayam
im Unoffenbarten entsprungen und unvergänglich (Nom. Sg. n.)

ucchvāsamātram api ced yo 'ntakāle samo bhavet ātmānam upasaṃgamya so 'mṛtatvāya kalpate

'Wer auch nur für die Dauer eines Atemzugs zur Zeit des Endes gleichmütig sei, das Selbst erreicht habend, werde jener zur Unsterblichkeit fähig.'

Wort für Wort
ucchvāsamātram
für die Dauer eines Atemzugs (Akk. Sg. n.)
amṛtatvāya kalpate
er wird zur Unsterblichkeit fähig (3. Sg. Präs.)

nimeṣamātram api cet saṃyamyātmānam ātmani gacchaty ātmaprasādena viduṣāṃ prāptim avyayām

'Wer auch nur für die Dauer eines Augenblicks das Selbst im Selbst bezähmt habe, gelange durch die Gnade des Selbst zur unvergänglichen Erlangung der Wissenden.'

Wort für Wort
nimeṣamātram
für die Dauer eines Augenblicks (Akk. Sg. n.)
ātmaprasādena
durch die Gnade des Selbst (Instr. Sg. m.)

prāṇāyāmair atha prāṇān saṃyamya sa punaḥ punaḥ daśadvādaśabhir vāpi caturviṃśāt paraṃ tataḥ

'Sodann, die Lebensatem durch Atemzügelungen wieder und wieder gebändigt habend, sei es mit zehn oder zwölf, oder danach mehr als vierundzwanzig -'

Wort für Wort
prāṇāyāmaiḥ
durch Atemzügelungen (Instr. Pl. m.)
caturviṃśāt param
mehr als vierundzwanzig (Abl.)

evaṃ pūrvaṃ prasannātmā labhate yad yad icchati avyaktāt sattvam udriktam amṛtatvāya kalpate

'so erlange er, zuvor heiteren Sinnes geworden, was immer er begehre; das aus dem Unoffenbarten hervorgegangene, gesteigerte Sattva werde zur Unsterblichkeit fähig.'

Wort für Wort
prasannātmā
heiteren Sinnes (Nom. Sg. m.)
sattvam udriktam
das gesteigerte Sattva (Nom. Sg. n.)

sattvāt parataraṃ nānyat praśaṃsantīha tadvidaḥ anumānād vijānīmaḥ puruṣaṃ sattvasaṃśrayam na śakyam anyathā gantuṃ puruṣaṃ tam atho dvijāḥ

'Nichts anderes über das Sattva Hinausgehendes preisen hier die Kenner davon; durch Schlussfolgerung erkenne man den auf das Sattva gestützten Puruṣa; anders sei es nicht möglich, zu jenem Puruṣa zu gelangen, o Zweifachgeborene.'

Wort für Wort
anumānāt vijānīmaḥ
durch Schlussfolgerung erkennen wir (hier indirekt: man erkennt)
sattvasaṃśrayam
auf das Sattva gestützt (Akk. Sg. m.)

'vijānīmaḥ' (1. Pl., Brahmā von sich/den Wissenden) gemäß Konvention indirekt wiedergegeben.

kṣamā dhṛtir ahiṃsā ca samatā satyam ārjavam jñānaṃ tyāgo 'tha saṃnyāsaḥ sāttvikaṃ vṛttam iṣyate

'Geduld, Standhaftigkeit, Gewaltlosigkeit, Gleichmut, Wahrheit, Aufrichtigkeit, Wissen, Verzicht und Entsagung - dies gelte als sattvisches Wirken.'

Wort für Wort
kṣamā dhṛtiḥ
Geduld, Standhaftigkeit (Nom. Sg. f.)
sāttvikaṃ vṛttam
sattvisches Wirken (Nom. Sg. n.)

etenaivānumānena manyante 'tha manīṣiṇaḥ sattvaṃ ca puruṣaś caikas tatra nāsti vicāraṇā

'Eben durch diese Schlussfolgerung meinten sodann die Weisen, dass Sattva und Puruṣa eins seien; darüber gebe es keine Erörterung mehr.'

Wort für Wort
anumānena manyante
durch Schlussfolgerung meinen sie (3. Pl. Präs.)
nāsti vicāraṇā
es gibt keine Erörterung (3. Sg. Präs.)

āhur eke ca vidvāṃso ye jñāne supratiṣṭhitāḥ kṣetrajñasattvayor aikyam ity etan nopapadyate

'Und manche Gelehrte, die im Wissen wohlgegründet seien, sagten: Die Einheit von Kṣetrajña und Sattva - dies bestehe nicht zu Recht.'

Wort für Wort
supratiṣṭhitāḥ
wohlgegründet (Nom. Pl. m.)
nopapadyate
es besteht nicht zu Recht (3. Sg. Präs.)

pṛthagbhūtas tato nityam ity etad avicāritam pṛthagbhāvaś ca vijñeyaḥ sahajaś cāpi tattvataḥ

'Er sei davon stets verschieden - dies sei unbestritten; und die Verschiedenheit sei zu erkennen, wenngleich sie der Wahrheit gemäß angeboren sei.'

Wort für Wort
pṛthagbhūtaḥ
verschieden geworden (Nom. Sg. m.)
sahajaḥ
angeboren, gemeinsam entstanden (Nom. Sg. m.)

tathaivaikatvanānātvam iṣyate viduṣāṃ nayaḥ maśakodumbare tv aikyaṃ pṛthaktvam api dṛśyate

'Ebenso gelte Einheit und Vielheit als die Lehrmeinung der Wissenden; bei der Mücke und der Udumbara-Feige aber zeige sich sowohl Einheit als auch Verschiedenheit.'

Wort für Wort
viduṣāṃ nayaḥ
die Lehrmeinung der Wissenden (Nom. Sg. m.)
maśakodumbare
bei der Mücke und der Udumbara-Feige (Lok. Sg. m.)

[Anm.] Das Bild der Mücke in der Udumbara-Feige illustriert ein Enthaltensein bei gleichzeitiger Wesensverschiedenheit - ein gängiges Gleichnis für das Verhältnis von Kṣetrajña und Sattva/Prakṛti.

matsyo yathānyaḥ syād apsu saṃprayogas tathānayoḥ saṃbandhas toyabindūnāṃ parṇe kokanadasya ca

'Wie ein Fisch im Wasser ein anderes Wesen als dieses sei, obgleich mit ihm verbunden, ebenso sei die Verbindung dieser beiden; wie der Zusammenhang der Wassertropfen auf dem Blatt der roten Lotusblume.'

Wort für Wort
saṃprayogaḥ
die Verbindung (Nom. Sg. m.)
kokanadasya parṇe
auf dem Blatt der roten Lotusblume (Lok. Sg. n.)

gurur uvāca ity uktavantaṃ te viprās tadā lokapitāmaham punaḥ saṃśayam āpannāḥ papracchur dvijasattamāḥ

'Der Lehrer sprach weiter: Nachdem er so gesprochen hatte, wandten sich jene Brahmanen, die Besten der Zweifachgeborenen, damals, wiederum in Zweifel geraten, an den Urgroßvater der Welt und befragten ihn.'

Wort für Wort
lokapitāmaham
an den Urgroßvater der Welt, Brahmā (Akk. Sg. m.)
saṃśayam āpannāḥ
in Zweifel geraten (Nom. Pl. m.)

ṛṣaya ūcuḥ kiṃ svid eveha dharmāṇām anuṣṭheyatamaṃ smṛtam vyāhatām iva paśyāmo dharmasya vividhāṃ gatim

'Die Weisen sprachen zu Brahmā: Was gelte hier wohl als das vor allem zu Befolgende unter den Dharmas? Sie sähen den vielfältigen Gang des Dharma wie einander widersprechend.'

Wort für Wort
anuṣṭheyatamam
das vor allem zu Befolgende (Nom. Sg. n.)
paśyāmaḥ
wir sehen (1. Pl. Präs., hier indirekt: sie sähen)

'paśyāmaḥ' (1. Pl., die Weisen von sich) gemäß Konvention indirekt wiedergegeben.

ūrdhvaṃ dehād vadanty eke naitad astīti cāpare ke cit saṃśayitaṃ sarvaṃ niḥsaṃśayam athāpare

'Manche sagten, es gebe ein Leben jenseits des Körpers, andere aber, dies gebe es nicht; manche hielten alles für zweifelhaft, andere wiederum für zweifelsfrei.'

Wort für Wort
ūrdhvaṃ dehāt
jenseits, oberhalb des Körpers (Abl.)
niḥsaṃśayam
zweifelsfrei (Akk. Sg. n.)

anityaṃ nityam ity eke nāsty astīti cāpare ekarūpaṃ dvidhety eke vyāmiśram iti cāpare ekam eke pṛthak cānye bahutvam iti cāpare

'Manche sagten, es sei vergänglich, andere ewig; manche, es sei nicht, andere, es sei; manche, es habe eine Gestalt, andere zwei; manche, es sei vermischt; manche, es sei eins, andere, getrennt, und wieder andere, es sei vielfältig.'

Wort für Wort
anityaṃ nityam
vergänglich, ewig (Akk. Sg. n.)
bahutvam
Vielfältigkeit (Akk. Sg. n.)

manyante brāhmaṇā evaṃ prājñās tattvārthadarśinaḥ jaṭājinadharāś cānye muṇḍāḥ ke cid asaṃvṛtāḥ

'So meinten die Brahmanen, die Weisen, Seher des wahren Sinns; manche trügen geflochtenes Haar und Fell, manche seien geschoren, manche unbedeckt.'

Wort für Wort
tattvārthadarśinaḥ
Seher des wahren Sinns (Nom. Pl. m.)
jaṭājinadharāḥ
geflochtenes Haar und Fell tragend (Nom. Pl. m.)

asnānaṃ ke cid icchanti snānam ity api cāpare āhāraṃ ke cid icchanti ke cic cānaśane ratāḥ

'Manche zögen das Nicht-Baden vor, andere aber das Baden; manche zögen Nahrung vor, und manche seien dem Fasten zugetan.'

Wort für Wort
asnānam
das Nicht-Baden (Akk. Sg. n.)
anaśane ratāḥ
dem Fasten zugetan (Nom. Pl. m.)

karma ke cit praśaṃsanti praśāntim api cāpare deśakālāv ubhau ke cin naitad astīti cāpare ke cin mokṣaṃ praśaṃsanti ke cid bhogān pṛthagvidhān

'Manche priesen das Handeln, andere aber die Friedfertigkeit; manche priesen beides, Ort und Zeit, andere aber sagten, dies gebe es nicht; manche priesen die Befreiung, manche die vielfältigen Genüsse.'

Wort für Wort
praśāntim
die Friedfertigkeit (Akk. Sg. f.)
bhogān pṛthagvidhān
die vielfältigen Genüsse (Akk. Pl. m.)

dhanāni ke cid icchanti nirdhanatvaṃ tathāpare upāsyasādhanaṃ tv eke naitad astīti cāpare

'Manche begehrten Reichtümer, andere ebenso die Besitzlosigkeit; manche hielten das Verehrungsmittel für wesentlich, andere aber sagten, dies gebe es nicht.'

Wort für Wort
nirdhanatvam
Besitzlosigkeit (Akk. Sg. n.)
upāsyasādhanam
das Verehrungsmittel (Akk. Sg. n.)

ahiṃsāniratāś cānye ke cid dhiṃsāparāyaṇāḥ puṇyena yaśasety eke naitad astīti cāpare

'Und andere seien der Gewaltlosigkeit zugetan, manche der Gewalt ergeben; manche meinten, durch Verdienst komme der Ruhm, andere aber sagten, dies gebe es nicht.'

Wort für Wort
ahiṃsāniratāḥ
der Gewaltlosigkeit zugetan (Nom. Pl. m.)
hiṃsāparāyaṇāḥ
der Gewalt ergeben (Nom. Pl. m.)

sadbhāvaniratāś cānye ke cit saṃśayite sthitāḥ duḥkhād anye sukhād anye dhyānam ity apare sthitāḥ

'Und andere seien der Rechtschaffenheit zugetan, manche verharrten im Zweifel; manche gelangten durch Leid, andere durch Glück, wieder andere verharrten bei der Meditation.'

Wort für Wort
sadbhāvaniratāḥ
der Rechtschaffenheit zugetan (Nom. Pl. m.)
saṃśayite sthitāḥ
im Zweifel verharrend (Nom. Pl. m.)

yajñam ity apare dhīrāḥ pradānam iti cāpare sarvam eke praśaṃsanti na sarvam iti cāpare

'Manche Weise priesen das Opfer, andere das Geben; manche priesen alles, andere aber sagten, nicht alles sei zu preisen.'

Wort für Wort
yajñam
das Opfer (Akk. Sg. m.)
pradānam
das Geben (Akk. Sg. n.)

tapas tv anye praśaṃsanti svādhyāyam apare janāḥ jñānaṃ saṃnyāsam ity eke svabhāvaṃ bhūtacintakāḥ

'Andere aber priesen die Askese, wieder andere Menschen das Selbststudium; manche priesen das Wissen, manche die Entsagung, manche als Naturbetrachter des Wesens die Eigennatur.'

Wort für Wort
svādhyāyam
das Selbststudium (Akk. Sg. m.)
bhūtacintakāḥ
die Naturbetrachter des Wesens (Nom. Pl. m.)

evaṃ vyutthāpite dharme bahudhā vipradhāvati niścayaṃ nādhigacchāmaḥ saṃmūḍhāḥ surasattama

'So, da der Dharma vielfach aufgeworfen werde und auseinanderlaufe, gelangten sie, verwirrt, zu keiner Gewissheit, o Bester der Götter.'

Wort für Wort
vipradhāvati
es läuft auseinander (3. Sg. Präs.)
nādhigacchāmaḥ
wir gelangen nicht (1. Pl. Präs., hier indirekt: sie gelangten nicht)

'nādhigacchāmaḥ' (1. Pl., die Weisen von sich) gemäß Konvention indirekt wiedergegeben.

idaṃ śreya idaṃ śreya ity evaṃ prasthito janaḥ yo hi yasmin rato dharme sa taṃ pūjayate sadā

'Dies sei das Bessere, dies sei das Bessere - so ausgerichtet sei der Mensch; denn wer immer welchem Dharma zugetan sei, der verehre stets eben diesen.'

Wort für Wort
prasthitaḥ janaḥ
der ausgerichtete Mensch (Nom. Sg. m.)
pūjayate sadā
er verehrt stets (3. Sg. Präs.)

tatra no vihatā prajñā manaś ca bahulīkṛtam etad ākhyātum icchāmaḥ śreyaḥ kim iti sattama

'Dabei sei ihre Einsicht zerschlagen und ihr Geist vervielfältigt worden; dies möchten sie erklärt bekommen - was das eigentlich Bessere sei, o Bester.'

Wort für Wort
vihatā prajñā
die zerschlagene Einsicht (Nom. Sg. f.)
icchāmaḥ
wir wünschen (1. Pl. Präs., hier indirekt: sie möchten)

'no'/'icchāmaḥ' (1. Pl., die Weisen von sich) gemäß Konvention indirekt wiedergegeben.

ataḥ paraṃ ca yad guhyaṃ tad bhavān vaktum arhati sattvakṣetrajñayoś caiva saṃbandhaḥ kena hetunā

'Und was darüber hinaus geheim sei, das möge er verkünden; und aus welchem Grund die Verbindung von Sattva und Kṣetrajña bestehe -'

Wort für Wort
bhavān vaktum arhati
er möge verkünden (hier indirekt für die höfliche Anrede 'du mögest')
kena hetunā
aus welchem Grund (Instr. Sg. m.)

'bhavān' (2. Sg. höfliche Anrede an Brahmā) gemäß Konvention indirekt wiedergegeben.

evam uktaḥ sa tair viprair bhagavāṃl lokabhāvanaḥ tebhyaḥ śaśaṃsa dharmātmā yāthātathyena buddhimān

'So von jenen Brahmanen angesprochen, verkündete ihnen der erhabene Weltschöpfer, der Dharma-Seelige, der Weise, die Wahrheit, wie sie wirklich sei.'

Wort für Wort
lokabhāvanaḥ
der Weltschöpfer (Nom. Sg. m.)
yāthātathyena
wie es wirklich ist, der Wahrheit gemäß (Instr. Sg. n.)

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