Kapitel 48: sattvapuruṣaikatvaṃ dharmasaṃśayaḥ punaḥpraśnaś ca
Brahmās Lehre: Sattva und Puruṣa, und die erneute Frage der Weisen über den vielfältigen Dharma
ke cid brahmamayaṃ vṛkṣaṃ ke cid brahmamayaṃ mahat ke cit puruṣam avyaktaṃ ke cit param anāmayam manyante sarvam apy etad avyaktaprabhavāvyayam
'Brahmā sprach weiter: Manche hielten es für den aus Brahman bestehenden Baum, manche für das aus Brahman bestehende Mahat, manche für den unoffenbarten Puruṣa, manche für das höchste, leidfreie Prinzip - doch all dies habe seinen Ursprung im Unoffenbarten und sei unvergänglich.'
Wort für Wort
brahmamayaṃ vṛkṣam
den aus Brahman bestehenden Baum (Akk. Sg. m.)
avyaktaprabhavāvyayam
im Unoffenbarten entsprungen und unvergänglich (Nom. Sg. n.)
nimeṣamātram api cet saṃyamyātmānam ātmani gacchaty ātmaprasādena viduṣāṃ prāptim avyayām
'Wer auch nur für die Dauer eines Augenblicks das Selbst im Selbst bezähmt habe, gelange durch die Gnade des Selbst zur unvergänglichen Erlangung der Wissenden.'
evaṃ pūrvaṃ prasannātmā labhate yad yad icchati avyaktāt sattvam udriktam amṛtatvāya kalpate
'so erlange er, zuvor heiteren Sinnes geworden, was immer er begehre; das aus dem Unoffenbarten hervorgegangene, gesteigerte Sattva werde zur Unsterblichkeit fähig.'
sattvāt parataraṃ nānyat praśaṃsantīha tadvidaḥ anumānād vijānīmaḥ puruṣaṃ sattvasaṃśrayam na śakyam anyathā gantuṃ puruṣaṃ tam atho dvijāḥ
'Nichts anderes über das Sattva Hinausgehendes preisen hier die Kenner davon; durch Schlussfolgerung erkenne man den auf das Sattva gestützten Puruṣa; anders sei es nicht möglich, zu jenem Puruṣa zu gelangen, o Zweifachgeborene.'
Wort für Wort
anumānāt vijānīmaḥ
durch Schlussfolgerung erkennen wir (hier indirekt: man erkennt)
tathaivaikatvanānātvam iṣyate viduṣāṃ nayaḥ maśakodumbare tv aikyaṃ pṛthaktvam api dṛśyate
'Ebenso gelte Einheit und Vielheit als die Lehrmeinung der Wissenden; bei der Mücke und der Udumbara-Feige aber zeige sich sowohl Einheit als auch Verschiedenheit.'
Wort für Wort
viduṣāṃ nayaḥ
die Lehrmeinung der Wissenden (Nom. Sg. m.)
maśakodumbare
bei der Mücke und der Udumbara-Feige (Lok. Sg. m.)
[Anm.] Das Bild der Mücke in der Udumbara-Feige illustriert ein Enthaltensein bei gleichzeitiger Wesensverschiedenheit - ein gängiges Gleichnis für das Verhältnis von Kṣetrajña und Sattva/Prakṛti.
'Wie ein Fisch im Wasser ein anderes Wesen als dieses sei, obgleich mit ihm verbunden, ebenso sei die Verbindung dieser beiden; wie der Zusammenhang der Wassertropfen auf dem Blatt der roten Lotusblume.'
'Der Lehrer sprach weiter: Nachdem er so gesprochen hatte, wandten sich jene Brahmanen, die Besten der Zweifachgeborenen, damals, wiederum in Zweifel geraten, an den Urgroßvater der Welt und befragten ihn.'
'Die Weisen sprachen zu Brahmā: Was gelte hier wohl als das vor allem zu Befolgende unter den Dharmas? Sie sähen den vielfältigen Gang des Dharma wie einander widersprechend.'
Wort für Wort
anuṣṭheyatamam
das vor allem zu Befolgende (Nom. Sg. n.)
paśyāmaḥ
wir sehen (1. Pl. Präs., hier indirekt: sie sähen)
'paśyāmaḥ' (1. Pl., die Weisen von sich) gemäß Konvention indirekt wiedergegeben.
'Manche sagten, es gebe ein Leben jenseits des Körpers, andere aber, dies gebe es nicht; manche hielten alles für zweifelhaft, andere wiederum für zweifelsfrei.'
'Manche sagten, es sei vergänglich, andere ewig; manche, es sei nicht, andere, es sei; manche, es habe eine Gestalt, andere zwei; manche, es sei vermischt; manche, es sei eins, andere, getrennt, und wieder andere, es sei vielfältig.'
karma ke cit praśaṃsanti praśāntim api cāpare deśakālāv ubhau ke cin naitad astīti cāpare ke cin mokṣaṃ praśaṃsanti ke cid bhogān pṛthagvidhān
'Manche priesen das Handeln, andere aber die Friedfertigkeit; manche priesen beides, Ort und Zeit, andere aber sagten, dies gebe es nicht; manche priesen die Befreiung, manche die vielfältigen Genüsse.'
dhanāni ke cid icchanti nirdhanatvaṃ tathāpare upāsyasādhanaṃ tv eke naitad astīti cāpare
'Manche begehrten Reichtümer, andere ebenso die Besitzlosigkeit; manche hielten das Verehrungsmittel für wesentlich, andere aber sagten, dies gebe es nicht.'
'Und andere seien der Gewaltlosigkeit zugetan, manche der Gewalt ergeben; manche meinten, durch Verdienst komme der Ruhm, andere aber sagten, dies gebe es nicht.'
sadbhāvaniratāś cānye ke cit saṃśayite sthitāḥ duḥkhād anye sukhād anye dhyānam ity apare sthitāḥ
'Und andere seien der Rechtschaffenheit zugetan, manche verharrten im Zweifel; manche gelangten durch Leid, andere durch Glück, wieder andere verharrten bei der Meditation.'
tapas tv anye praśaṃsanti svādhyāyam apare janāḥ jñānaṃ saṃnyāsam ity eke svabhāvaṃ bhūtacintakāḥ
'Andere aber priesen die Askese, wieder andere Menschen das Selbststudium; manche priesen das Wissen, manche die Entsagung, manche als Naturbetrachter des Wesens die Eigennatur.'
idaṃ śreya idaṃ śreya ity evaṃ prasthito janaḥ yo hi yasmin rato dharme sa taṃ pūjayate sadā
'Dies sei das Bessere, dies sei das Bessere - so ausgerichtet sei der Mensch; denn wer immer welchem Dharma zugetan sei, der verehre stets eben diesen.'
tatra no vihatā prajñā manaś ca bahulīkṛtam etad ākhyātum icchāmaḥ śreyaḥ kim iti sattama
'Dabei sei ihre Einsicht zerschlagen und ihr Geist vervielfältigt worden; dies möchten sie erklärt bekommen - was das eigentlich Bessere sei, o Bester.'
Wort für Wort
vihatā prajñā
die zerschlagene Einsicht (Nom. Sg. f.)
icchāmaḥ
wir wünschen (1. Pl. Präs., hier indirekt: sie möchten)
'no'/'icchāmaḥ' (1. Pl., die Weisen von sich) gemäß Konvention indirekt wiedergegeben.