Kapitel 56: uttaṅkasya saudāsena saṃvādaḥ madayantyāś ca kuṇḍalābhijñānayācanam
Uttaṅkas Verhandlung mit dem Menschenfresser-König Saudāsa und Madayantīs Forderung eines Erkennungszeichens
uttaṅka uvāca rājan gurvarthinaṃ viddhi carantaṃ mām ihāgatam na ca gurvartham udyuktaṃ hiṃsyam āhur manīṣiṇaḥ
Uttaṅka sprach: „O König, wisse, dass ich, auf der Suche nach einer Gabe für meinen Lehrer wandernd, hierher gekommen bin; und wer für seinen Lehrer bemüht ist, den, sagen die Weisen, dürfe man nicht töten.“
Wort für Wort
gurvarthinaṃ
auf der Suche nach einer Gabe für den Lehrer (Akk. Sg. m.)
na hiṃsyam āhuḥ
sie sagen, er dürfe nicht getötet werden (Nom. Sg. m. Gerundivum)
rājovāca ṣaṣṭhe kāle mamāhāro vihito dvijasattama na ca śakyaḥ samutsraṣṭuṃ kṣudhitena mayādya vai
Der König sprach: „Zur sechsten Zeit ist meine Mahlzeit festgesetzt, o Bester der Zweifachgeborenen; und sie kann von mir, der ich hungrig bin, heute nicht aufgegeben werden.“
Wort für Wort
āhāro vihitaḥ
die Mahlzeit ist festgesetzt (Nom. Sg. m.)
na śakyaḥ samutsraṣṭum
sie kann nicht aufgegeben werden (Nom. Sg. m. + Infinitiv)
uttaṅka uvāca evam astu mahārāja samayaḥ kriyatāṃ tu me gurvartham abhinirvartya punar eṣyāmi te vaśam
Uttaṅka sprach: „So sei es, großer König; doch möge mit mir eine Abmachung getroffen werden: nachdem ich die Angelegenheit meines Lehrers erledigt habe, werde ich wieder in deine Gewalt kommen.
Wort für Wort
samayaḥ kriyatām
eine Abmachung werde getroffen (Nom. Sg. m., 3. Sg. Imperativ Pass.)
punar eṣyāmi te vaśam
ich werde wieder in deine Gewalt kommen (1. Sg. Fut.)
saṃśrutaś ca mayā yo 'rtho gurave rājasattama tvadadhīnaḥ sa rājendra taṃ tvā bhikṣe nareśvara
Und die Sache, die von mir meinem Lehrer versprochen wurde, o Bester der Könige, sie hängt von dir ab, o Herrscher der Könige; sie erbitte ich von dir, o Herr der Menschen.
dadāsi vipramukhyebhyas tvaṃ hi ratnāni sarvaśaḥ dātā tvaṃ ca naravyāghra pātrabhūtaḥ kṣitāv iha pātraṃ pratigrahe cāpi viddhi māṃ nṛpasattama
Du gibst ja den vornehmsten Brahmanen Juwelen jeder Art; du bist ein Geber, o Tiger unter den Männern, ein würdiges Gefäß hier auf Erden; und wisse mich auch als würdiges Gefäß für den Empfang, o Bester der Könige.
Nachdem ich die von dir abhängige Sache meines Lehrers beschafft habe, o Bezwinger der Feinde, werde ich durch diese Abmachung, o Herrscher der Könige, wieder in deine Gewalt kommen.
Wort für Wort
tvadāyattam arthaṃ upākṛtya
die von dir abhängige Sache beschafft habend (Absolutiv)
satyaṃ te pratijānāmi nātra mithyāsti kiṃ cana anṛtaṃ noktapūrvaṃ me svaireṣv api kuto 'nyathā
Wahrhaft verspreche ich dir dies; hierin ist nichts Falsches; Unwahres wurde von mir noch nie zuvor gesprochen, selbst nicht im Scherz - wie also anders hier?“
saudāsa uvāca yadi mattas tvadāyatto gurvarthaḥ kṛta eva saḥ yadi cāsmi pratigrāhyaḥ sāṃprataṃ tad bravīhi me
Saudāsa sprach: „Wenn die von mir abhängige Sache deines Lehrers dadurch tatsächlich erledigt wird, und wenn ich als [Quelle der Gabe] annehmbar bin, so sage mir dies jetzt.“
Wort für Wort
gurvarthaḥ kṛta eva
die Sache des Lehrers ist tatsächlich erledigt (Nom. Sg. m.)
uttaṅka uvāca pratigrāhyo mato me tvaṃ sadaiva puruṣarṣabha so 'haṃ tvām anusaṃprāpto bhikṣituṃ maṇikuṇḍale
Uttaṅka sprach: „Du giltst mir stets als annehmbar, o Stier unter den Männern; eben deshalb bin ich zu dir gekommen, um die Juwelenohrringe zu erbitten.“
Wort für Wort
pratigrāhyo mato me
du giltst mir als annehmbar (Nom. Sg. m.)
bhikṣituṃ anusaṃprāptaḥ
gekommen, um zu erbitten (Nom. Sg. m. + Infinitiv)
saudāsa uvāca patnyās te mama viprarṣe rucire maṇikuṇḍale varayārthaṃ tvam anyaṃ vai taṃ te dāsyāmi suvrata
Saudāsa sprach: „Die schönen Juwelenohrringe, o Brahmanen-Weiser, gehören meiner Frau; erwähle stattdessen etwas anderes, das werde ich dir geben, o du von gutem Gelübde.“
vaiśaṃpāyana uvāca ity uktas tv abravīd rājā tam uttaṅkaṃ punar vacaḥ gaccha madvacanād devīṃ brūhi dehīti sattama
Vaiśaṃpāyana sprach: So angesprochen, sagte der König zu Uttaṅka abermals dieses Wort: „Geh, und sage der Königin in meinem Namen, sie möge sie geben, o Bester.
ime hi divye maṇikuṇḍale me devāś ca yakṣāś ca mahoragāś ca tais tair upāyaiḥ parihartukāmāś chidreṣu nityaṃ paritarkayanti
Denn diese meine göttlichen Juwelenohrringe - Götter, Yakṣas und große Schlangen, die sie mit jeweils diesen und jenen Mitteln fortzunehmen begehren, spähen stets nach günstigen Gelegenheiten.
nikṣiptam etad bhuvi pannagās tu ratnaṃ samāsādya parāmṛṣeyuḥ yakṣās tathocchiṣṭadhṛtaṃ surāś ca nidrāvaśaṃ tvā paridharṣayeyuḥ
Auf den Boden gelegt, könnten die Schlangen dieses Juwel ergreifen und rauben; die Yakṣas ebenso, wenn es achtlos gehalten wird; und die Götter könnten dich, dem Schlaf verfallen, überwältigen.
Wort für Wort
nikṣiptam bhuvi
auf den Boden gelegt (Nom. Sg. n.)
nidrāvaśaṃ paridharṣayeyuḥ
sie könnten den dem Schlaf Verfallenen überwältigen (Optativ 3. Pl.)
chidreṣv eteṣu hi sadā hy adhṛṣyeṣu dvijarṣabha devarākṣasanāgānām apramattena dhāryate
Denn in diesen Momenten der Verwundbarkeit, o Stier der Zweifachgeborenen, müssen sie, obgleich sonst unangreifbar, wachsam gegen Götter, Rākṣasas und Nāgas bewahrt werden.
Wort für Wort
chidreṣv adhṛṣyeṣu
in den [sonst] unangreifbaren Verwundbarkeitsmomenten (Lok. Pl. n.)
apramattena dhāryate
es wird vom Unachtsamen bewahrt (Instr. Sg. m., 3. Sg. Präs. Pass., hier: muss wachsam bewahrt werden)
ete hy āmucya bhagavan kṣutpipāsābhayaṃ kutaḥ viṣāgniśvāpadebhyaś ca bhayaṃ jātu na vidyate
Denn hat man diese angelegt, o Erhabener, woher [käme dann noch] Furcht vor Hunger und Durst? Und vor Gift, Feuer und wilden Tieren gibt es niemals Furcht.
Wort für Wort
āmucya
angelegt habend (Absolutiv)
viṣāgniśvāpadebhyaḥ
vor Gift, Feuer und wilden Tieren (Abl. Pl. m./n.)