janamejaya uvāca sabhāyāṃ vasatos tasyāṃ nihatyārīn mahātmanoḥ keśavārjunayoḥ kā nu kathā samabhavad dvija
Janamejaya sprach: Während die beiden Großherzigen, Keśava und Arjuna, nachdem sie die Feinde erschlagen hatten, in jener Versammlungshalle weilten, welches Gespräch fand da statt, o Zweimalgeborener?
Wort für Wort
nihatya arīn
nachdem die Feinde erschlagen waren (Absolutiv + Akk. Pl.)
mahātmanoḥ
der beiden Großherzigen (Gen. Du.)
kathā samabhavat
welches Gespräch fand statt (Nom. Sg. + 3. Sg. Impf.)
Vaiśaṃpāyana sprach: Pārtha, zusammen mit Kṛṣṇa, nachdem er die alleinige Herrschaft erlangt hatte, ergötzte sich in jener lieblichen Versammlungshalle, von Freude erfüllt.
Wort für Wort
sahitaḥ
zusammen mit (Nom. Sg.)
svarājyaṃ prāpya kevalam
die alleinige eigene Herrschaft erlangend (Akk. + Absolutiv + Adj.)
Darauf, o König, gingen die beiden, erfreut, von den Ihrigen umgeben, nach Belieben zu einem Teil der Versammlungshalle, der einem himmlischen Ort glich.
Wort für Wort
sabhoddeśaṃ
einen Teil/Ort der Versammlungshalle (Akk. Sg., Kompositum)
svargoddeśasamam
einem himmlischen Ort gleich (Akk. Sg., Kompositum)
viditaṃ te mahābāho saṃgrāme samupasthite māhātmyaṃ devakīmātas tac ca te rūpam aiśvaram
„Von dir wurde, o Starkarmiger, als die Schlacht bevorstand, die Erhabenheit des Sohnes der Devakī offenbart, und jene deine herrscherlich-göttliche Gestalt.
Wort für Wort
viditaṃ te
von dir offenbart/kundgetan (Nom. Sg. Neutr. Part. Perf. Pass. + Instr.-artig)
samupasthite saṃgrāme
als die Schlacht bevorstand (Lok. Abs.)
rūpam aiśvaram
die herrscherlich-göttliche Gestalt (Akk. Sg.)
Beginn von Arjunas Rede an Kṛṣṇa (neue reale Anführung, CQ_OPEN, Tiefe 0→1). Anspielung auf die Bhagavadgītā-Offenbarung (Viśvarūpa) vor der Schlacht bei Kurukṣetra. 'devakīmātaḥ' = Kṛṣṇa, Sohn der Devakī.
yat tu tad bhavatā proktaṃ tadā keśava sauhṛdāt tat sarvaṃ puruṣavyāghra naṣṭaṃ me naṣṭacetasaḥ
Was aber damals von dir, Keśava, aus Freundschaft gesagt wurde - das alles, o Tiger unter den Männern, ist mir, meines verwirrten Sinnes wegen, wieder entschwunden.
śrāvitas tvaṃ mayā guhyaṃ jñāpitaś ca sanātanam dharmaṃ svarūpiṇaṃ pārtha sarvalokāṃś ca śāśvatān
„Du wurdest von mir das Geheimnis hören gelassen, und kundgetan wurde dir, o Pārtha, der ewige, in eigener Wesensgestalt bestehende Dharma, sowie alle ewigen Welten.
abuddhvā yan na gṛhṇīthās tan me sumahad apriyam nūnam aśraddadhāno 'si durmedhāś cāsi pāṇḍava
Dass du es nicht erfasst hast, ohne es begriffen zu haben - das ist mir sehr unlieb; gewiss bist du ohne Vertrauen und von schwachem Verstand, o Pāṇḍava.
Wort für Wort
abuddhvā
ohne begriffen zu haben (Absolutiv + na, budh)
aśraddadhānaḥ
glaubenslos, ohne Vertrauen (Nom. Sg. Part. Präs.)
durmedhāḥ
von schwachem Verstand (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
Scharfer Tadel Kṛṣṇas: Arjunas Vergessen der Gītā wird auf mangelnden Glauben und Geistesschwäche zurückgeführt.
brāhmaṇa uvāca mokṣadharmaṃ samāśritya kṛṣṇa yan mānupṛcchasi bhūtānām anukampārthaṃ yan mohacchedanaṃ prabho
'Was du mich, o Kṛṣṇa, gestützt auf die Befreiungslehre, fragst, zum Wohle der Wesen, das die Verwirrung durchtrennt, o Herr -
Wort für Wort
mokṣadharmam āśritya
gestützt auf die Befreiungslehre (Akk. + Absolutiv)
anupṛcchasi
du fragst (2. Sg. Präs., anu-pracch)
mohacchedanam
das die Verwirrung durchtrennt (Akk. Sg., Kompositum)
[?] Der zurückgekehrte Brahmane (im Folgenden als 'Kāśyapa' bezeichnet, V018) beginnt seine eigene Rede AN Kṛṣṇa - eine zweite Einbettungsebene innerhalb Kṛṣṇas bereits offener realer Anführung. Nach etablierter Konvention (Drittebene-Vermeidung, vgl. Vyāsas Marutta-Erzählung Kap.5-10) wird diese und die folgende, sehr ausgedehnte eingebettete Rede durchgehend mit in sich abgeschlossenen ASCII-Einfachanführungen pro Vers wiedergegeben, NICHT mit einer weiteren realen Anführungsebene. [?] Der genaue narrative Rahmen (dass Kṛṣṇa selbst einst unter den Fragenden war) bleibt implizit.
'Ein gewisser Brahmane, der Askese übte, ein Kāśyapa, bester Kenner des Dharma, näherte sich einem gewissen Zweifachgeborenen, der zu den Überlieferungen der Dharma-Lehren gelangt war.'
Wort für Wort
tapoyuktaḥ
der Askese übte (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
dharmavittamaḥ
bester Kenner des Dharma (Nom. Sg., Superlativ-Kompositum)
āsasāda
er näherte sich (3. Sg. Perf., ā-sad)
āgatāgamam
der zu den Überlieferungen gelangt war (Akk. Sg., Kompositum)
Der Brahmane (unser Sprecher) beginnt, in der dritten Person von sich selbst als 'Kāśyapa' zu erzählen - eine gängige Stilfigur der Selbst-Erzählung.
'Er war im Kommen und Gehen des Daseins vielfach erfahren, ans Ende von Wissen und Erkenntnis gelangt, kundig des wahren Wesens der Welt und ein Kenner von Glück und Leid.'
Wort für Wort
gatāgate
im Kommen und Gehen, im Saṃsāra (Lok. Sg., Kompositum)
jñānavijñānapāragam
ans Ende von Wissen und Erkenntnis gelangt (Akk. Sg., Kompositum)
lokatattvārthakuśalam
kundig des wahren Wesens der Welt (Akk. Sg., Kompositum)
'Er kannte das wahre Wesen von Geburt und Tod, war kundig von Verdienst und Sünde, ein Seher des Schicksals der verkörperten Wesen, hoch und niedrig, wie es durch ihre Taten bestimmt wird.'
Wort für Wort
jātīmaraṇatattvajñam
der das Wesen von Geburt und Tod kennt (Akk. Sg., Kompositum)
'Er wandelte wie ein Befreiter, vollendet, befriedet, mit gezügelten Sinnen, erstrahlend von brahmischer Herrlichkeit, und er bewegte sich überallhin frei.'
antardhānagatijñaṃ ca śrutvā tattvena kāśyapaḥ tathaivāntarhitaiḥ siddhair yāntaṃ cakradharaiḥ saha
'Und er kannte die Kunst, unsichtbar dahinzuziehen - dies vernahm Kāśyapa der Wahrheit gemäß von jenem, der ebenso mit unsichtbaren Siddhas, den Diskusträgern, dahinzog.'
Wort für Wort
antardhānagatijñam
der die Kunst des unsichtbaren Wandels kennt (Akk. Sg., Kompositum)
śrutvā tattvena
nachdem der Wahrheit gemäß vernommen wurde (Absolutiv + Instr.)
antarhitaiḥ siddhaiḥ
mit unsichtbar gewordenen Siddhas (Instr. Pl.)
[?] 'cakradharaiḥ' ('Diskusträger') als Bezeichnung für eine Klasse von Siddhas nicht eindeutig identifizierbar.
taṃ samāsādya medhāvī sa tadā dvijasattamaḥ caraṇau dharmakāmo vai tapasvī susamāhitaḥ pratipede yathānyāyaṃ bhaktyā paramayā yutaḥ
'Zu ihm hintretend, ergriff jener kluge, beste der Zweimalgeborenen, nach Dharma verlangend, der Asket, wohlgesammelt, wie es sich gebührt, mit höchster Hingabe erfüllt, dessen beide Füße.'
Wort für Wort
samāsādya
nachdem hingetreten wurde (Absolutiv, sam-ā-sad)
caraṇau pratipede
er ergriff die beiden Füße (Akk. Du. + 3. Sg. Perf. Ā.)
'Und erstaunt, nachdem er das Wunderbare gesehen hatte, erfreute Kāśyapa jenen besten der Zweimalgeborenen, den Lehrer, den Kundigen, durch großen Dienst.'
prītātmā copapannaś ca śrutacāritrasaṃyutaḥ bhāvena toṣayac cainaṃ guruvṛttyā paraṃtapaḥ
'Froh gestimmt, wohlgeeignet, von gelehrtem Wandel, erfreute ihn der Bezwinger der Feinde (Kāśyapa) durch seine innere Gesinnung, mit dem Betragen eines Schülers gegenüber dem Lehrer.'
Wort für Wort
prītātmā
froh gestimmt (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
śrutacāritrasaṃyutaḥ
verbunden mit gelehrtem Wandel (Nom. Sg., Kompositum)
guruvṛttyā
mit dem Betragen gegenüber dem Lehrer (Instr. Sg., Kompositum)
tasmai tuṣṭaḥ sa śiṣyāya prasanno 'thābravīd guruḥ siddhiṃ parām abhiprekṣya śṛṇu tan me janārdana
'Zufrieden mit jenem Schüler, sprach da der gnädig gestimmte Lehrer, auf die höchste Vollendung blickend: höre dies nun von mir, Janārdana.'
Wort für Wort
tuṣṭaḥ prasannaḥ
zufrieden, gnädig gestimmt (Nom. Sg.)
siddhiṃ parām abhiprekṣya
auf die höchste Vollendung blickend (Akk. + Absolutiv)
[?] Ab hier berichtet Kāśyapa (weiterhin in seiner eigenen, an Kṛṣṇa gerichteten Rede) die Worte SEINES Lehrers - eine dritte Einbettungsebene. Die Anrede 'Janārdana' gehört nicht zur Rede des Lehrers an seinen Schüler Kāśyapa, sondern ist ein für die Sanskrit-Epik typischer Einschub: Kāśyapa wendet sich, mitten in der Wiedergabe, kurz direkt an seinen eigentlichen Zuhörer Kṛṣṇa zurück. Aus pragmatischen Gründen (Vermeidung einer vierten Anführungsebene) wird auch die Rede des Lehrers weiterhin einheitlich mit ASCII-Anführung pro Vers wiedergegeben.
vividhaiḥ karmabhis tāta puṇyayogaiś ca kevalaiḥ gacchantīha gatiṃ martyā devaloke 'pi ca sthitim
'Durch mannigfache Taten, mein Lieber, und durch bloße Verdienstverbindungen gelangen die Sterblichen hier zu ihrem Los, sogar zu einem Aufenthalt in der Götterwelt;
Wort für Wort
vividhaiḥ karmabhiḥ
durch mannigfache Taten (Instr. Pl.)
puṇyayogaiḥ kevalaiḥ
durch bloße Verdienstverbindungen (Instr. Pl.)
gatim
Los, Schicksal, Daseinsform (Akk. Sg.)
Beginn der Lehrrede des Gurus an Kāśyapa ('tāta' = liebevolle Anrede an den Schüler).
jarā rogāś ca satataṃ vāsanāni ca bhūriśaḥ loke 'sminn anubhūtāni dvaṃdvajāni bhṛśaṃ mayā
'Beständiges Alter und Krankheiten, und Wohnstätten in großer Zahl - all dies, aus den Gegensatzpaaren entstanden, habe ich in dieser Welt überaus zahlreich erfahren.'
Wort für Wort
jarā rogāḥ
Alter, Krankheiten (Nom. Sg./Pl.)
vāsanāni bhūriśaḥ
Wohnstätten in großer Zahl (Akk. Pl. + Adv.)
dvaṃdvajāni
aus den Gegensatzpaaren entstanden (Nom./Akk. Pl., Kompositum)
'Dann irgendwann, aus Überdruss, wegen der erlittenen Kränkungen und Betrügereien, gab ich, von Leid überaus gequält, das weltliche Getriebe auf; daraufhin erlangte ich diese Vollendung durch die Gnade des eigenen Selbst.'
Wort für Wort
nirvedāt
aus Überdruss (Abl. Sg.)
lokatantraṃ parityaktam
das weltliche Getriebe wurde aufgegeben (Nom. Sg. + Part. Perf. Pass.)
'Ich werde nicht wieder hierher zurückkehren; ich überschaue die Welten; von dieser Vollendung an bis zur nächsten Weltentstehung ist mein Pfad heilvoll gesichert.'
'So wurde, o Bester der Zweimalgeborenen, diese höchste Vollendung erlangt; von hier werde ich weitergehen, und dann noch weiter, zum ungetrübten Zustand des Brahman - hierüber sei dir kein Zweifel.'
nāhaṃ punar ihāgantā martyalokaṃ paraṃtapa prīto 'smi te mahāprājña brūhi kiṃ karavāṇi te
'Ich werde nicht wieder in diese sterbliche Welt zurückkehren, o Bezwinger der Feinde; ich bin dir zugetan, o Hochweiser - sag, was soll ich für dich tun?'
yadīpsur upapannas tvaṃ tasya kālo 'yam āgataḥ abhijāne ca tad ahaṃ yadarthaṃ mā tvam āgataḥ acirāt tu gamiṣyāmi yenāhaṃ tvām acūcudam
'Wonach verlangend du zu mir gekommen bist, für das ist nun die Zeit gekommen; und ich weiß wohl, weshalb du zu mir gekommen bist - doch bald werde ich fortgehen, darum habe ich dich zum Fragen angetrieben.'