Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 66: subhadrāvilāpaḥ kṛṣṇaṃ prati ca prārthanā Subhadras Klage und ihr Flehen zu Kṛṣṇa

vaiśaṃpāyana uvāca utthitāyāṃ pṛthāyāṃ tu subhadrā bhrātaraṃ tadā dṛṣṭvā cukrośa duḥkhārtā vacanaṃ cedam abravīt

Vaiśaṃpāyana sprach: Als Pṛthā sich erhoben hatte, da erblickte Subhadrā ihren Bruder und schrie, von Schmerz überwältigt, auf und sprach diese Worte:

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Verb 3.Sg.)
utthitāyāṃ pṛthāyāṃ
als Pṛthā sich erhoben hatte (Lokativ absolutus)
cukrośa
sie schrie auf (Perfekt)
duḥkhārtā
von Schmerz überwältigt (Adj.)

puṇḍarīkākṣa paśyasva pautraṃ pārthasya dhīmataḥ parikṣīṇeṣu kuruṣu parikṣīṇaṃ gatāyuṣam

„Lotusäugiger, sieh doch den Enkel des weisen Pārtha, unter den dahingeschwundenen Kurus dahingeschwunden, seines Lebens beraubt.

Wort für Wort
puṇḍarīkākṣa
Lotusäugiger (Vokativ, Krsna-Epitheton)
pautram
Enkel (Akk.)
parikṣīṇaṃ gatāyuṣam
dahingeschwunden, seines Lebens beraubt (Akk.)

iṣīkā droṇaputreṇa bhīmasenārtham udyatā sottarāyāṃ nipatitā vijaye mayi caiva ha

Das Pfeilrohr, das der Sohn Droṇas gegen Bhīmasena erhoben hatte, fiel auf Uttarā, auf Vijaya und ebenso auf mich.

Wort für Wort
iṣīkā
das Schilfrohr-Geschoss (Nom.)
udyatā
erhoben (Part. Perf. Pass.)
nipatitā
fiel (Part. Perf.)
vijaye
auf Vijaya [Arjuna] (Lok., hier als Epitheton gedeutet) [?]

[?] 'vijaye' ist unklar: gemeint sein könnte das Arjuna-Epitheton Vijaya oder eine adverbiale Bedeutung ('im Sieg'); hier als Epitheton Arjunas verstanden.

seyaṃ jvalantī hṛdaye mayi tiṣṭhati keśava yan na paśyāmi durdharṣa mama putrasutaṃ vibho

Dies brennt und weilt in meinem Herzen, Keśava, Unbezwingbarer, Mächtiger, dass ich den Sohn meines Sohnes nicht sehe.

Wort für Wort
jvalantī
brennend (Part. Präs.)
hṛdaye
im Herzen (Lok.)
putrasutam
den Sohn meines Sohnes, den Enkel (Akk.)

kiṃ nu vakṣyati dharmātmā dharmarājo yudhiṣṭhiraḥ bhīmasenārjunau cāpi mādravatyāḥ sutau ca tau

Was wird wohl der gerechte König Yudhiṣṭhira sagen, und Bhīmasena und Arjuna, und auch jene beiden Söhne der Mādravatī?

Wort für Wort
dharmātmā
von gerechter Seele (Adj.)
mādravatyāḥ sutau
die beiden Söhne der Mādravatī [Nakula und Sahadeva]

śrutvābhimanyos tanayaṃ jātaṃ ca mṛtam eva ca muṣitā iva vārṣṇeya droṇaputreṇa pāṇḍavāḥ

Wenn sie hören, dass Abhimanyus Sohn geboren und zugleich tot ist, o Vārṣṇeya, werden die Pāṇḍavas sich vom Sohn Droṇas wie beraubt fühlen.

Wort für Wort
jātaṃ ca mṛtam eva ca
geboren und zugleich tot
muṣitā iva
wie beraubt (Adj. mit iva)

abhimanyuḥ priyaḥ kṛṣṇa pitṝṇāṃ nātra saṃśayaḥ te śrutvā kiṃ nu vakṣyanti droṇaputrāstranirjitāḥ

Abhimanyu war seinen Vätern lieb, Kṛṣṇa, daran besteht kein Zweifel. Was werden sie wohl sagen, wenn sie dies hören, sie, die vom Geschoss des Sohnes Droṇas überwältigt wurden?

Wort für Wort
nātra saṃśayaḥ
daran besteht kein Zweifel
droṇaputrāstranirjitāḥ
vom Geschoss des Sohnes Droṇas überwältigt (Nom. Pl.)

bhavitātaḥ paraṃ duḥkhaṃ kiṃ nu manye janārdana abhimanyoḥ sutāt kṛṣṇa mṛtāj jātād ariṃdama

Größeres Leid als dies, meine ich, Janārdana, wird es kaum geben, Kṛṣṇa, Bezwinger der Feinde, durch den Sohn Abhimanyus, der tot geboren wurde.

Wort für Wort
paraṃ duḥkhaṃ
größeres Leid (Akk.)
mṛtāj jātāt
der tot geboren wurde (Ablativ)

sāhaṃ prasādaye kṛṣṇa tvām adya śirasā natā pṛtheyaṃ draupadī caiva tāḥ paśya puruṣottama

So bitte ich dich, Kṛṣṇa, heute mit gesenktem Haupt um Gnade; auch Pṛthā hier und Draupadī, sieh sie, o Bester der Männer.

Wort für Wort
prasādaye
ich bitte um Gnade (1.Sg. Kausativ)
śirasā natā
mit gesenktem Haupt (Instr.)

yadā droṇasuto garbhān pāṇḍūnāṃ hanti mādhava tadā kila tvayā drauṇiḥ kruddhenokto 'rimardana

Als der Sohn Droṇas die Leibesfrüchte der Pāṇḍus zu töten suchte, Mādhava, da, so heißt es, sprachst du, Bezwinger der Feinde, zornentbrannt zum Sohn Droṇas,

Wort für Wort
garbhān
die Leibesfrüchte, die ungeborenen Kinder (Akk. Pl.)
kila
so heißt es (Partikel des Hörensagens)
kruddhena
zornentbrannt (Instr., auf 'tvayā' bezogen)

akāmaṃ tvā kariṣyāmi brahmabandho narādhama ahaṃ saṃjīvayiṣyāmi kirīṭitanayātmajam

du werdest ihn, den nichtswürdigen Brahmanenabkömmling, den niedrigsten der Männer, wider seinen Willen zwingen, und du werdest den Sohn von Kirīṭins Sohn wieder zum Leben erwecken.

Wort für Wort
akāmam ... kariṣyāmi
ich werde [ihn] wider seinen Willen zwingen
brahmabandho
nichtswürdiger Brahmanenabkömmling (Vokativ, Schimpfwort)
saṃjīvayiṣyāmi
ich werde wieder zum Leben erwecken (Fut. Kausativ)

Eingebettetes Zitat (Krsnas frühere Worte an Ashvatthaman) indirekt wiedergegeben: Krsna als aktueller Adressat bleibt in der 2.Person, Ashvatthaman als Drittperson, ohne erneute Anführungszeichen.

ity etad vacanaṃ śrutvā jānamānā balaṃ tava prasādaye tvā durdharṣa jīvatām abhimanyujaḥ

Da ich dies Wort gehört und deine Macht kenne, bitte ich dich, Unbezwingbarer, um Gnade: Es lebe der Sohn Abhimanyus.

Wort für Wort
jānamānā balaṃ tava
da ich deine Macht kenne
jīvatām
er lebe (Imperativ 3.Sg.)

yady evaṃ tvaṃ pratiśrutya na karoṣi vacaḥ śubham saphalaṃ vṛṣṇiśārdūla mṛtāṃ mām upadhāraya

Wenn du, nachdem du so versprochen hast, dein gutes Wort nicht erfüllst, Tiger der Vṛṣṇis, so betrachte mich als tot.

Wort für Wort
pratiśrutya
nachdem [du] versprochen hast (Absolutiv)
vacaḥ śubham saphalam
das gute Wort erfüllt/fruchtbar
upadhāraya
betrachte! (Imperativ)

abhimanyoḥ suto vīra na saṃjīvati yady ayam jīvati tvayi durdharṣa kiṃ kariṣyāmy ahaṃ tvayā

Wenn dieser Sohn Abhimanyus nicht wieder auflebt, Held, während du, Unbezwingbarer, lebst, was soll ich dann mit dir anfangen?

Wort für Wort
na saṃjīvati
er lebt nicht wieder auf
kiṃ kariṣyāmy ahaṃ tvayā
was soll ich mit dir anfangen

saṃjīvayainaṃ durdharṣa mṛtaṃ tvam abhimanyujam sadṛśākṣasutaṃ vīra sasyaṃ varṣann ivāmbudaḥ

Belebe ihn, den toten Sohn Abhimanyus, wieder, Unbezwingbarer, den Sohn mit den gleichenden Augen, Held, wie die Wolke die Saat durch Regen.

Wort für Wort
saṃjīvaya
belebe wieder! (Imperativ Kausativ)
sadṛśākṣasutam
der Sohn mit den [dem Vater] gleichenden Augen
sasyaṃ varṣann ivāmbudaḥ
wie die regnende Wolke die Saat [belebt] (Gleichnis)

tvaṃ hi keśava dharmātmā satyavān satyavikramaḥ sa tāṃ vācam ṛtāṃ kartum arhasi tvam ariṃdama

Denn du, Keśava, bist von gerechter Seele, wahrhaftig und von wahrhaftiger Kraft; du, Bezwinger der Feinde, solltest jenes Wort wahr machen.

Wort für Wort
satyavikramaḥ
von wahrhaftiger Kraft (Adj.)
vācam ṛtāṃ kartum
das Wort wahr zu machen

icchann api hi lokāṃs trīñ jīvayethā mṛtān imān kiṃ punar dayitaṃ jātaṃ svasrīyasyātmajaṃ mṛtam

Wolltest du es, so könntest du sogar die drei Welten, wären sie tot, wieder beleben - wie viel mehr diesen geliebten, tot geborenen Sohn des Sohnes deiner Schwester!

Wort für Wort
icchann api
wolltest du auch nur (Konzessiv)
jīvayethā
du könntest beleben (Optativ Kausativ)
svasrīyasyātmajam
den Sohn des Sohnes deiner Schwester [Enkel]

prabhāvajñāsmi te kṛṣṇa tasmād etad bravīmi te kuruṣva pāṇḍuputrāṇām imaṃ param anugraham

Ich kenne deine Macht, Kṛṣṇa; darum sage ich dir dies: Erweise den Söhnen des Pāṇḍu diese höchste Gnade.

Wort für Wort
prabhāvajñāsmi
ich kenne [deine] Macht (1.Sg.)
param anugraham
die höchste Gnade (Akk.)

svaseti vā mahābāho hataputreti vā punaḥ prapannā mām iyaṃ veti dayāṃ kartum ihārhasi

Sei es als deine Schwester, sei es als eine, deren Sohn getötet wurde, sei es als eine, die sich dir ergeben hat - du solltest mit mir Mitleid haben, o Starkarmiger.“

Wort für Wort
svaseti vā
sei es als [deine] Schwester
hataputreti vā
sei es als eine, deren Sohn getötet wurde
prapannā
sich ergeben habend (Part. Perf.)
dayāṃ kartum
Mitleid zu üben

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