'Der Brahmane sprach: Auch hierzu führt man dieses uralte Itihāsa an, o Holdselige - wie hier die Einteilung der fünf Hotṛ beschaffen ist.'
Wort für Wort
pañcahotṝṇāṃ
der fünf Hotṛ (Gen. Pl., m.)
Neue, in sich abgeschlossene Erzählung innerhalb der Rede des Ehemannes: die fünf Lebenshauche (prāṇa, apāna, vyāna, udāna, samāna) als 'fünf Hotṛ', strukturell parallel zum Streit der sieben Hotṛ/des Geistes mit den Sinnen in Kap. 22. Dies entspricht dem aus vedischer Literatur bekannten Motiv des Prāṇa-Wettstreits (vgl. Chāndogya-Up. V.1, Praśna-Up. II, Kauṣītaki-Up. II-III).
brāhmaṇy uvāca svabhāvāt sapta hotāra iti te pūrvikā matiḥ yathā vai pañca hotāraḥ paro bhāvas tathocyatām
'Die Brahmanin sprach: Von Natur aus gebe es, wie zuvor erklärt, sieben Hotṛ; wie nun aber bei den fünf Hotṛ das höchste Wesen zu verstehen sei, das mögest du ebenso erklären.'
Wort für Wort
pūrvikā matiḥ
die vorherige Ansicht, Lehre (Nom. Sg., f.)
Dritte Zwischenfrage der Ehefrau; sie verknüpft ausdrücklich die vorige Lehre (Kap. 22, sieben Hotṛ) mit der neuen (fünf Hotṛ).
brahmovāca yasmin pralīne pralayaṃ vrajanti; sarve prāṇāḥ prāṇabhṛtāṃ śarīre yasmin pracīrṇe ca punaś caranti; sa vai śreṣṭho gacchata yatra kāmaḥ
'Brahmā habe erklärt: Derjenige, bei dessen Erlöschen alle Lebenshauche der beseelten Wesen im Körper zum Erlöschen kämen, und bei dessen Wirken sie wieder in Bewegung gerieten - der sei der Beste; sie sollten gehen, wohin ihr Wunsch sie führe.'
Wort für Wort
pralīne
beim Erlöschen, Vergehen (Lok. Sg., m., Partizip)
Brahmās Kriterium für den 'Besten' unter den fünf Lebenshauchen; als dritte Verschachtelungsebene direkter Rede (unterhalb der ASCII-eingebetteten Ehemann-Rede) wird auch dies indirekt wiedergegeben.
'Prāṇa habe daraufhin behauptet, bei seinem Erlöschen kämen alle Lebenshauche der beseelten Wesen im Körper zum Erlöschen, und bei seinem Wirken gerieten sie wieder in Bewegung; er sei der Beste - man solle ihn im Erlöschen betrachten.'
Wort für Wort
pralīnam
den Erloschenen, Vergangenen (Akk. Sg. m., Partizip)
Erste der fünf wortgleich wiederkehrenden Anspruchsformeln (V008, 011, 014, 017, 020), hier durch Prāṇa; im Sanskrit in der ersten Person ('mayi', 'aham'), hier gemäß der Verschachtelungsregel in die dritte Person übertragen.
brāhmaṇa uvāca prāṇaḥ pralīyata tataḥ punaś ca pracacāra ha samānaś cāpy udānaś ca vaco 'brūtāṃ tataḥ śubhe
'Der Brahmane sprach weiter: Prāṇa erlosch daraufhin und wirkte dann wieder; da sprachen Samāna und Udāna zu ihm Worte, o Holde:'
Wort für Wort
pracacāra
er wirkte, bewegte sich (3. Sg. Perf., pra-√car)
Rückkehr zur eigenen Erzählstimme des Ehemannes (Rahmenerzählung innerhalb seiner Rede), daher hier nicht indirekt, sondern als gewöhnliche ASCII-eingebettete Rede an die Ehefrau belassen.
na tvaṃ sarvam idaṃ vyāpya tiṣṭhasīha yathā vayam na tvaṃ śreṣṭho 'si naḥ prāṇa apāno hi vaśe tava pracacāra punaḥ prāṇas tam apāno 'bhyabhāṣata
'Sie hätten ihm entgegnet, er stehe hier nicht, alles durchdringend, so wie sie; er sei nicht der Beste unter ihnen, denn Apāna stehe in seiner Macht. Prāṇa wirkte darauf wieder, und Apāna wandte sich an ihn.'
mayi pralīne pralayaṃ vrajanti; sarve prāṇāḥ prāṇabhṛtāṃ śarīre mayi pracīrṇe ca punaś caranti; śreṣṭho hy ahaṃ paśyata māṃ pralīnam
'Apāna habe nun ebenso behauptet, bei seinem Erlöschen kämen alle Lebenshauche der beseelten Wesen im Körper zum Erlöschen, und bei seinem Wirken gerieten sie wieder in Bewegung; er sei der Beste - man solle ihn im Erlöschen betrachten.'
mayi pralīne pralayaṃ vrajanti; sarve prāṇāḥ prāṇabhṛtāṃ śarīre mayi pracīrṇe ca punaś caranti; śreṣṭho hy ahaṃ paśyata māṃ pralīnam
'So habe auch Vyāna behauptet, bei seinem Erlöschen kämen alle Lebenshauche der beseelten Wesen im Körper zum Erlöschen, und bei seinem Wirken gerieten sie wieder in Bewegung; er sei der Beste - man solle ihn im Erlöschen betrachten.'
prālīyata tato vyānaḥ punaś ca pracacāra ha prāṇāpānāv udānaś ca samānaś ca tam abruvan na tvaṃ śreṣṭho 'si no vyāna samāno hi vaśe tava
'Vyāna erlosch darauf und wirkte dann wieder; da sprachen Prāṇa, Apāna, Udāna und Samāna zu ihm, er sei nicht ihr Bester, o Vyāna, denn Samāna stehe in seiner Macht.'
Wort für Wort
prālīyata
er erlosch (3. Sg. Impf. Med., archaisch für pra-√lī)
mayi pralīne pralayaṃ vrajanti; sarve prāṇāḥ prāṇabhṛtāṃ śarīre mayi pracīrṇe ca punaś caranti; śreṣṭho hy ahaṃ paśyata māṃ pralīnam
'So habe auch Samāna behauptet, bei seinem Erlöschen kämen alle Lebenshauche der beseelten Wesen im Körper zum Erlöschen, und bei seinem Wirken gerieten sie wieder in Bewegung; er sei der Beste - man solle ihn im Erlöschen betrachten.'
Wort für Wort
prāṇabhṛtām
der lebenshauchtragenden, beseelten Wesen (Gen. Pl., m.)
tataḥ samānaḥ prālilye punaś ca pracacāra ha prāṇāpānāv udānaś ca vyānaś caiva tam abruvan samāna na tvaṃ śreṣṭho 'si vyāna eva vaśe tava
'Samāna erlosch darauf und wirkte dann wieder; da sprachen Prāṇa, Apāna, Udāna und Vyāna zu ihm, Samāna sei nicht der Beste, denn Vyāna stehe in seiner Macht.'
Wort für Wort
prālilye
er erlosch, ist vergangen (3. Sg. Perf. Med., archaisch für pra-√lī)
mayi pralīne pralayaṃ vrajanti; sarve prāṇāḥ prāṇabhṛtāṃ śarīre mayi pracīrṇe ca punaś caranti; śreṣṭho hy ahaṃ paśyata māṃ pralīnam
'So habe schließlich auch Udāna behauptet, bei seinem Erlöschen kämen alle Lebenshauche der beseelten Wesen im Körper zum Erlöschen, und bei seinem Wirken gerieten sie wieder in Bewegung; er sei der Beste - man solle ihn im Erlöschen betrachten.'
Wort für Wort
mayi pracīrṇe
bei seinem Wirken (Lok. Sg., n., Partizip; hier indirekt übertragen)
Fünfte und letzte Anspruchsformel, nun durch Udāna - damit haben alle fünf Lebenshauche nacheinander denselben Anspruch erhoben.
tataḥ prālīyatodānaḥ punaś ca pracacāra ha prāṇāpānau samānaś ca vyānaś caiva tam abruvan udāna na tvaṃ śreṣṭho 'si vyāna eva vaśe tava
'Udāna erlosch darauf und wirkte dann wieder; da sprachen Prāṇa, Apāna, Samāna und Vyāna zu ihm, Udāna sei nicht der Beste, denn Vyāna stehe in seiner Macht.'
Wort für Wort
abruvan
sie sprachen (3. Pl. Impf., √brū)
Der Streit endet damit in einem Zirkel, ohne dass sich ein einzelner Lebenshauch endgültig als überlegen erweist - dies bereitet Brahmās abschließende Schlichtung vor.
'Da sprach Brahmā, Prajāpati, zu ihnen, den Versammelten, alle seien die Besten, oder keiner sei es; alle seien aufeinander in ihrer Aufgabe angewiesen, alle seien in ihrem eigenen Bereich die Besten, und alle schützten einander wechselseitig.'
Wort für Wort
anyonyadharmiṇaḥ
aufeinander angewiesen, wechselseitig in ihrer Funktion verbunden (Nom. Pl., m.)
Brahmās abschließende Schlichtung: keiner der fünf Lebenshauche ist absolut überlegen, sondern jeder ist in seinem eigenen Wirkungsbereich unentbehrlich - dieselbe Lehre wechselseitiger Angewiesenheit wie am Ende des Streits der Sinne (Kap. 22, V029).
ekaḥ sthiraś cāsthiraś ca viśeṣāt pañca vāyavaḥ eka eva mamaivātmā bahudhāpy upacīyate
'Einer, der Beständige, und einer, der Unbeständige seien sie ihrer Besonderheit nach, die fünf Winde - ein und dasselbe aber sei sein, Brahmās, eigenes Selbst, mag es sich auch vielfach vermehren.'
Wort für Wort
upacīyate
es wird vermehrt, angehäuft (3. Sg. Präs. Passiv, upa-√ci)
Brahmās Aussage über sein eigenes Selbst (mama ātmā) erscheint im Sanskrit in der ersten Person; da auch dies innerhalb der eingebetteten Rede eine dritte Verschachtelungsebene direkter Rede darstellt, wird sie hier - wie das Übrige dieses Kapitels - konsequent in die dritte Person übertragen.
parasparasya suhṛdo bhāvayantaḥ parasparam svasti vrajata bhadraṃ vo dhārayadhvaṃ parasparam
'Er entließ sie mit dem Segensspruch, sie sollten als einander wohlgesinnte Freunde, einander fördernd, dahingehen in Heil, gesegnet, und einander aufrechterhalten.'
Wort für Wort
parasparam
einander, wechselseitig (Adv./Akk.)
Abschluss des Itihāsa über den Streit der fünf Lebenshauche; Brahmās Segensspruch (im Sanskrit als direkte Anrede im Imperativ) wird hier ebenfalls indirekt als berichtete Rede wiedergegeben.