śītoṣṇe caiva vāyuś ca guṇā rājañ śarīrajāḥ teṣāṃ guṇānāṃ sāmyaṃ cet tad āhuḥ svasthalakṣaṇam uṣṇena bādhyate śītaṃ śītenoṣṇaṃ ca bādhyate
Kälte, Hitze und Wind, o König, sind Eigenschaften, die dem Körper entstammen; besteht unter diesen Eigenschaften Gleichgewicht, so nennt man das ein Zeichen der Gesundheit; durch Hitze wird Kälte verdrängt, durch Kälte wiederum Hitze.
sattvaṃ rajas tamaś ceti trayas tv ātmaguṇāḥ smṛtāḥ teṣāṃ guṇānāṃ sāmyaṃ cet tad āhuḥ svasthalakṣaṇam teṣām anyatamotseke vidhānam upadiśyate
Sattva, Rajas und Tamas - diese drei gelten als die Eigenschaften des Geistes; besteht unter ihnen Gleichgewicht, so nennt man auch das ein Zeichen der Gesundheit; überwiegt eine von ihnen, wird die entsprechende Behandlung gelehrt.
Wort für Wort
ātmaguṇāḥ
Eigenschaften des Selbst/Geistes (Nom. Pl., Kompositum)
smṛtāḥ
gelten als, werden überliefert (Nom. Pl. Part. Perf. Pass., smṛ)
anyatamotseke
beim Überwiegen einer von ihnen (Lok. Sg., Kompositum)
vidhānam upadiśyate
eine Behandlung/Vorschrift wird gelehrt (Nom. Sg. + 3. Sg. Präs. Pass.)
Übertragung der körperlichen Guṇa-Lehre (V003) auf die geistigen Guṇas (Sāṅkhya-Trias Sattva/Rajas/Tamas).
Durch Freude wird Kummer verdrängt, durch Kummer wird Freude verdrängt; mancher, der im Leid weilt, wünscht sich des Glücks zu erinnern, mancher, der im Glück weilt, wünscht sich des Leids zu erinnern.
Wort für Wort
harṣeṇa bādhyate śokaḥ
durch Freude wird Kummer verdrängt (Instr. + 3. Sg. Präs. Pass. + Nom.)
duḥkhe vartamānaḥ
im Leid befindlich (Lok. Sg. + Part. Präs. Nom. Sg.)
sa tvaṃ na duḥkhī duḥkhasya na sukhī susukhasya vā smartum icchasi kaunteya diṣṭaṃ hi balavattaram
[?] Du selbst aber wünschst dich, sei es unglücklich, deines Unglücks, sei es glücklich, deines großen Glücks nicht zu erinnern, o Kaunteya - denn das Schicksal (diṣṭa) ist doch die stärkere Macht.
Wort für Wort
duḥkhī
unglücklich, leidend (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
sukhī susukhasya
glücklich, des großen Glücks (Nom. Sg. + Gen. Sg.)
diṣṭam
das Verhängte, Schicksal (Nom. Sg.)
balavattaram
stärker, mächtiger (Nom. Sg. Komp.)
[?] Die genaue logische Verknüpfung zu V005 bleibt kompakt: gemeint ist wohl, dass du (Yudhiṣṭhira), anders als gewöhnliche Menschen, keinen Trost im Erinnern des jeweils entgegengesetzten Zustands suchst, weil das Schicksal ohnehin stärker wirkt als solches Erinnern - eine rhetorische Vorbereitung auf die folgende Aufzählung früherer Leiden (V007-010), an die Yudhiṣṭhira sich (ironisch gefragt) offenbar NICHT erinnern will.
atha vā te svabhāvo 'yaṃ yena pārthāvakṛṣyase dṛṣṭvā sabhāgatāṃ kṛṣṇām ekavastrāṃ rajasvalām miṣatāṃ pāṇḍaveyānāṃ na tat saṃsmartum icchasi
Oder ist dies etwa deine Natur, Pārtha, durch die du in solche Schwermut hinabgezogen wirst - als du Kṛṣṇā, in die Versammlungshalle gebracht, einzig bekleidet, in ihrer Reinigungszeit, sahst, während die Söhne des Pāṇḍu hilflos zusahen, wünschst du dich daran nicht zu erinnern?
Wort für Wort
svabhāvaḥ
eigene Natur, Wesensart (Nom. Sg.)
avakṛṣyase
du wirst hinabgezogen (2. Sg. Präs. Pass., ava-kṛṣ)
ekavastrām rajasvalām
einzig bekleidet, in der Reinigungszeit (Akk. Sg. Fem., Bahuvrīhi)
miṣatām pāṇḍaveyānām
während die Pāṇḍava-Söhne zusahen (Gen. Pl. Part. Präs., Gen. Abs.)
'Kṛṣṇā' = Draupadī; Anspielung auf ihre Erniedrigung in der Würfelspiel-Szene (Sabhāparva).
Wiederum, während des Jahres des unerkannten Wandels, die Misshandlung der Yājñasenī durch Kīcakas Fußtritt damals - Pārtha, daran wünschst du dich nicht zu erinnern?
Wort für Wort
ajñātacaryāyām
während des unerkannten Wandels (Lok. Sg.)
padā vadhaḥ
die Misshandlung mit dem Fuß (Instr. Sg. + Nom. Sg.)
yājñasenyāḥ
der Yājñasenī, Draupadīs (Gen. Sg.)
'ajñātacaryā' = das Inkognito-Jahr im Virāṭaparva; 'Yājñasenī' = Draupadī (Tochter des Drupada/Yajñasena); Kīcaka trat sie im Beisein der Versammlung.
yac ca te droṇabhīṣmābhyāṃ yuddham āsīd ariṃdama manasaikena yoddhavyaṃ tat te yuddham upasthitam tasmād abhyupagantavyaṃ yuddhāya bharatarṣabha
Und der Kampf, den du mit Droṇa und Bhīṣma hattest, o Bezwinger der Feinde - mit dem Geist allein zu kämpfen, das ist der Kampf, der dir jetzt bevorsteht; darum musst du dich diesem Kampf stellen, o Stier der Bharatas.
Wort für Wort
ariṃdama
Bezwinger der Feinde (Vok. Sg., Epitheton)
manasā ekena yoddhavyam
mit dem Geist allein zu kämpfen (Instr. Sg. + Ger.)
upasthitam
bevorstehend, sich einstellend (Nom. Sg. Part. Perf. Pass.)
abhyupagantavyam
man muss sich stellen/hinzutreten (Ger., abhi-upa-gam)
Wendepunkt der Rede: die äußeren Kriege sind vorbei, es folgt nun die Ankündigung eines 'inneren Kampfes' (mit dem Geist allein, ohne Waffen/Gefolgsleute), näher ausgeführt in V012.
param avyaktarūpasya paraṃ muktvā svakarmabhiḥ yatra naiva śaraiḥ kāryaṃ na bhṛtyair na ca bandhubhiḥ ātmanaikena yoddhavyaṃ tat te yuddham upasthitam
[?] Das Höchste des Unmanifesten (Brahman) ist, außer durch die eigenen Taten, nicht zu erreichen; darin bedarf es weder der Pfeile, noch der Diener, noch der Verwandten - mit dem Selbst allein zu kämpfen, das ist der Kampf, der dir nun bevorsteht.
Wort für Wort
avyaktarūpasya
des Unmanifest-Gestaltigen (Gen. Sg., Bahuvrīhi, Brahman-Epitheton)
muktvā
außer, abgesehen von (Absolutiv, hier präpositional gebraucht)
svakarmabhiḥ
durch die eigenen Taten (Instr. Pl.)
ātmanaikena yoddhavyam
mit dem Selbst allein zu kämpfen (Instr. Sg. + Ger.)
[?] 'muktvā' hier im Sinne von 'außer, abgesehen von' (nicht 'nachdem losgelassen'); 'avyaktarūpa' = 'von unmanifester Gestalt', Epitheton des Brahman/Höchsten. Der Vers führt V011s Bild vom 'inneren Kampf' weiter: das höchste Ziel ist allein durch eigenes Tun (svakarman), nicht durch äußere Mittel, zu erreichen.
[?] Nachdem du zu dieser Einsicht über das Kommen und Gehen der Wesen gelangt bist, herrsche - da nun das Reich deines Vaters und Großvaters an dich gefallen ist - wie es sich gebührt.
Wort für Wort
viniścitya
nachdem entschieden/erkannt worden ist (Absolutiv, vi-ni-ści)
[?] 'pitṛpaitāmahe vṛtte' knapp/elliptisch formuliert (wtl. etwa 'da [das Reich] von Vater und Großvater sich ereignet/eingestellt hat') - sinngemäß als Verweis auf das ererbte Königreich wiedergegeben. Abschluss von Vāsudevas Lehrrede: Yudhiṣṭhira soll die Vergänglichkeitseinsicht (bhūtānām āgatiṃ gatim) annehmen und die Herrschaft antreten.