Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 12: vyādhiguṇavicāraḥ Über Krankheit und Guṇas: Vāsudevas Mahnung

vāsudeva uvāca dvividho jāyate vyādhiḥ śārīro mānasas tathā parasparaṃ tayor janma nirdvaṃdvaṃ nopalabhyate

Zweifach entsteht die Krankheit: körperlich und ebenso geistig; dass die Entstehung der beiden voneinander unabhängig sei, wird nicht beobachtet.

Wort für Wort
dvividhaḥ
zweifach (Nom. Sg.)
vyādhiḥ
Krankheit (Nom. Sg.)
śārīraḥ mānasaḥ
körperlich, geistig (Nom. Sg. Adj.)
nirdvaṃdvam
unabhängig/ohne Gegensatzpaar-Bezug (Adv./Akk. Sg. Neutr.)
nopalabhyate
wird nicht wahrgenommen/beobachtet (3. Sg. Präs. Pass. + na, upa-labh)

Fortsetzung von Vāsudevas Rede (Kap.11, real CQ weiterhin offen). Neues Lehrstück: körperliche und geistige Krankheit bedingen einander.

śarīre jāyate vyādhiḥ śārīro nātra saṃśayaḥ mānaso jāyate vyādhir manasy eveti niścayaḥ

Im Körper entsteht die körperliche Krankheit, daran ist kein Zweifel; die geistige Krankheit entsteht eben im Geist - das steht fest.

Wort für Wort
śarīre jāyate
im Körper entsteht (Lok. Sg. + 3. Sg. Präs. Ā.)
nātra saṃśayaḥ
daran ist kein Zweifel (Nom. Sg. + na + atra)
manasy eva
eben im Geist (Lok. Sg. + eva)
niścayaḥ
Gewissheit, Feststellung (Nom. Sg.)

śītoṣṇe caiva vāyuś ca guṇā rājañ śarīrajāḥ teṣāṃ guṇānāṃ sāmyaṃ cet tad āhuḥ svasthalakṣaṇam uṣṇena bādhyate śītaṃ śītenoṣṇaṃ ca bādhyate

Kälte, Hitze und Wind, o König, sind Eigenschaften, die dem Körper entstammen; besteht unter diesen Eigenschaften Gleichgewicht, so nennt man das ein Zeichen der Gesundheit; durch Hitze wird Kälte verdrängt, durch Kälte wiederum Hitze.

Wort für Wort
śītoṣṇe
Kälte und Hitze (Nom. Du.)
guṇāḥ śarīrajāḥ
körperentstammende Eigenschaften (Nom. Pl., Kompositum)
sāmyam
Gleichheit, Gleichgewicht (Nom./Akk. Sg.)
svasthalakṣaṇam
Zeichen der Gesundheit (Akk. Sg., Kompositum)
bādhyate
wird verdrängt/beeinträchtigt (3. Sg. Präs. Pass., bādh)

sattvaṃ rajas tamaś ceti trayas tv ātmaguṇāḥ smṛtāḥ teṣāṃ guṇānāṃ sāmyaṃ cet tad āhuḥ svasthalakṣaṇam teṣām anyatamotseke vidhānam upadiśyate

Sattva, Rajas und Tamas - diese drei gelten als die Eigenschaften des Geistes; besteht unter ihnen Gleichgewicht, so nennt man auch das ein Zeichen der Gesundheit; überwiegt eine von ihnen, wird die entsprechende Behandlung gelehrt.

Wort für Wort
ātmaguṇāḥ
Eigenschaften des Selbst/Geistes (Nom. Pl., Kompositum)
smṛtāḥ
gelten als, werden überliefert (Nom. Pl. Part. Perf. Pass., smṛ)
anyatamotseke
beim Überwiegen einer von ihnen (Lok. Sg., Kompositum)
vidhānam upadiśyate
eine Behandlung/Vorschrift wird gelehrt (Nom. Sg. + 3. Sg. Präs. Pass.)

Übertragung der körperlichen Guṇa-Lehre (V003) auf die geistigen Guṇas (Sāṅkhya-Trias Sattva/Rajas/Tamas).

harṣeṇa bādhyate śoko harṣaḥ śokena bādhyate kaś cid duḥkhe vartamānaḥ sukhasya smartum icchati kaś cit sukhe vartamāno duḥkhasya smartum icchati

Durch Freude wird Kummer verdrängt, durch Kummer wird Freude verdrängt; mancher, der im Leid weilt, wünscht sich des Glücks zu erinnern, mancher, der im Glück weilt, wünscht sich des Leids zu erinnern.

Wort für Wort
harṣeṇa bādhyate śokaḥ
durch Freude wird Kummer verdrängt (Instr. + 3. Sg. Präs. Pass. + Nom.)
duḥkhe vartamānaḥ
im Leid befindlich (Lok. Sg. + Part. Präs. Nom. Sg.)
smartum icchati
wünscht sich zu erinnern (Inf. + 3. Sg. Präs.)

sa tvaṃ na duḥkhī duḥkhasya na sukhī susukhasya vā smartum icchasi kaunteya diṣṭaṃ hi balavattaram

[?] Du selbst aber wünschst dich, sei es unglücklich, deines Unglücks, sei es glücklich, deines großen Glücks nicht zu erinnern, o Kaunteya - denn das Schicksal (diṣṭa) ist doch die stärkere Macht.

Wort für Wort
duḥkhī
unglücklich, leidend (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
sukhī susukhasya
glücklich, des großen Glücks (Nom. Sg. + Gen. Sg.)
diṣṭam
das Verhängte, Schicksal (Nom. Sg.)
balavattaram
stärker, mächtiger (Nom. Sg. Komp.)

[?] Die genaue logische Verknüpfung zu V005 bleibt kompakt: gemeint ist wohl, dass du (Yudhiṣṭhira), anders als gewöhnliche Menschen, keinen Trost im Erinnern des jeweils entgegengesetzten Zustands suchst, weil das Schicksal ohnehin stärker wirkt als solches Erinnern - eine rhetorische Vorbereitung auf die folgende Aufzählung früherer Leiden (V007-010), an die Yudhiṣṭhira sich (ironisch gefragt) offenbar NICHT erinnern will.

atha vā te svabhāvo 'yaṃ yena pārthāvakṛṣyase dṛṣṭvā sabhāgatāṃ kṛṣṇām ekavastrāṃ rajasvalām miṣatāṃ pāṇḍaveyānāṃ na tat saṃsmartum icchasi

Oder ist dies etwa deine Natur, Pārtha, durch die du in solche Schwermut hinabgezogen wirst - als du Kṛṣṇā, in die Versammlungshalle gebracht, einzig bekleidet, in ihrer Reinigungszeit, sahst, während die Söhne des Pāṇḍu hilflos zusahen, wünschst du dich daran nicht zu erinnern?

Wort für Wort
svabhāvaḥ
eigene Natur, Wesensart (Nom. Sg.)
avakṛṣyase
du wirst hinabgezogen (2. Sg. Präs. Pass., ava-kṛṣ)
ekavastrām rajasvalām
einzig bekleidet, in der Reinigungszeit (Akk. Sg. Fem., Bahuvrīhi)
miṣatām pāṇḍaveyānām
während die Pāṇḍava-Söhne zusahen (Gen. Pl. Part. Präs., Gen. Abs.)

'Kṛṣṇā' = Draupadī; Anspielung auf ihre Erniedrigung in der Würfelspiel-Szene (Sabhāparva).

pravrājanaṃ ca nagarād ajinaiś ca vivāsanam mahāraṇyanivāsaś ca na tasya smartum icchasi

Die Vertreibung aus der Stadt, die Verbannung in Fellgewändern, das Wohnen im großen Wald - daran wünschst du dich nicht zu erinnern?

Wort für Wort
pravrājanam nagarāt
die Vertreibung aus der Stadt (Nom. Sg. + Abl. Sg.)
ajinaiḥ vivāsanam
die Verbannung in Fellgewändern (Instr. Pl. + Nom. Sg.)
mahāraṇyanivāsaḥ
das Wohnen im großen Wald (Nom. Sg., Kompositum)

jaṭāsurāt parikleśaś citrasenena cāhavaḥ saindhavāc ca parikleśo na tasya smartum icchasi

Die Bedrängnis durch Jaṭāsura, den Kampf mit Citrasena, die Bedrängnis durch den Herrscher von Sindhu - daran wünschst du dich nicht zu erinnern?

Wort für Wort
parikleśaḥ
Bedrängnis, Qual (Nom. Sg.)
āhavaḥ
Kampf (Nom. Sg.)
saindhavāt
durch/von dem Herrscher von Sindhu (Abl. Sg.)

'Saindhava' = Jayadratha, König von Sindhu (Entführer Draupadīs im Vanaparva).

punar ajñātacaryāyāṃ kīcakena padā vadhaḥ yājñasenyās tadā pārtha na tasya smartum icchasi

Wiederum, während des Jahres des unerkannten Wandels, die Misshandlung der Yājñasenī durch Kīcakas Fußtritt damals - Pārtha, daran wünschst du dich nicht zu erinnern?

Wort für Wort
ajñātacaryāyām
während des unerkannten Wandels (Lok. Sg.)
padā vadhaḥ
die Misshandlung mit dem Fuß (Instr. Sg. + Nom. Sg.)
yājñasenyāḥ
der Yājñasenī, Draupadīs (Gen. Sg.)

'ajñātacaryā' = das Inkognito-Jahr im Virāṭaparva; 'Yājñasenī' = Draupadī (Tochter des Drupada/Yajñasena); Kīcaka trat sie im Beisein der Versammlung.

yac ca te droṇabhīṣmābhyāṃ yuddham āsīd ariṃdama manasaikena yoddhavyaṃ tat te yuddham upasthitam tasmād abhyupagantavyaṃ yuddhāya bharatarṣabha

Und der Kampf, den du mit Droṇa und Bhīṣma hattest, o Bezwinger der Feinde - mit dem Geist allein zu kämpfen, das ist der Kampf, der dir jetzt bevorsteht; darum musst du dich diesem Kampf stellen, o Stier der Bharatas.

Wort für Wort
ariṃdama
Bezwinger der Feinde (Vok. Sg., Epitheton)
manasā ekena yoddhavyam
mit dem Geist allein zu kämpfen (Instr. Sg. + Ger.)
upasthitam
bevorstehend, sich einstellend (Nom. Sg. Part. Perf. Pass.)
abhyupagantavyam
man muss sich stellen/hinzutreten (Ger., abhi-upa-gam)

Wendepunkt der Rede: die äußeren Kriege sind vorbei, es folgt nun die Ankündigung eines 'inneren Kampfes' (mit dem Geist allein, ohne Waffen/Gefolgsleute), näher ausgeführt in V012.

param avyaktarūpasya paraṃ muktvā svakarmabhiḥ yatra naiva śaraiḥ kāryaṃ na bhṛtyair na ca bandhubhiḥ ātmanaikena yoddhavyaṃ tat te yuddham upasthitam

[?] Das Höchste des Unmanifesten (Brahman) ist, außer durch die eigenen Taten, nicht zu erreichen; darin bedarf es weder der Pfeile, noch der Diener, noch der Verwandten - mit dem Selbst allein zu kämpfen, das ist der Kampf, der dir nun bevorsteht.

Wort für Wort
avyaktarūpasya
des Unmanifest-Gestaltigen (Gen. Sg., Bahuvrīhi, Brahman-Epitheton)
muktvā
außer, abgesehen von (Absolutiv, hier präpositional gebraucht)
svakarmabhiḥ
durch die eigenen Taten (Instr. Pl.)
ātmanaikena yoddhavyam
mit dem Selbst allein zu kämpfen (Instr. Sg. + Ger.)

[?] 'muktvā' hier im Sinne von 'außer, abgesehen von' (nicht 'nachdem losgelassen'); 'avyaktarūpa' = 'von unmanifester Gestalt', Epitheton des Brahman/Höchsten. Der Vers führt V011s Bild vom 'inneren Kampf' weiter: das höchste Ziel ist allein durch eigenes Tun (svakarman), nicht durch äußere Mittel, zu erreichen.

tasminn anirjite yuddhe kām avasthāṃ gamiṣyasi etaj jñātvā tu kaunteya kṛtakṛtyo bhaviṣyasi

Bleibt jener Kampf unbesiegt, in welchen Zustand wirst du geraten? Doch erkennst du dies, Kaunteya, wirst du dein Werk vollbracht haben.

Wort für Wort
anirjite yuddhe
im unbesiegten/ungewonnenen Kampf (Lok. Sg. Abs.)
avasthām gamiṣyasi
du wirst in den Zustand geraten (Akk. Sg. + 2. Sg. Fut.)
kṛtakṛtyaḥ
der sein Werk vollbracht hat (Nom. Sg., Kompositum)

etāṃ buddhiṃ viniścitya bhūtānām āgatiṃ gatim pitṛpaitāmahe vṛtte śādhi rājyaṃ yathocitam

[?] Nachdem du zu dieser Einsicht über das Kommen und Gehen der Wesen gelangt bist, herrsche - da nun das Reich deines Vaters und Großvaters an dich gefallen ist - wie es sich gebührt.

Wort für Wort
viniścitya
nachdem entschieden/erkannt worden ist (Absolutiv, vi-ni-ści)
āgatiṃ gatim
das Kommen und Gehen (Akk. Sg. Dvandva-artig)
pitṛpaitāmahe
väterlich-großväterlich, ererbt (Lok. Sg., Kompositum)
śādhi
herrsche! (2. Sg. Imperativ, śās)
yathocitam
wie es sich gebührt (Adv.)

[?] 'pitṛpaitāmahe vṛtte' knapp/elliptisch formuliert (wtl. etwa 'da [das Reich] von Vater und Großvater sich ereignet/eingestellt hat') - sinngemäß als Verweis auf das ererbte Königreich wiedergegeben. Abschluss von Vāsudevas Lehrrede: Yudhiṣṭhira soll die Vergänglichkeitseinsicht (bhūtānām āgatiṃ gatim) annehmen und die Herrschaft antreten.

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