Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 96: krodhamokṣaḥ Die Erlösung des Krodha (Ende der Mungo-Episode)

janamejaya uvāca ko 'sau nakularūpeṇa śirasā kāñcanena vai prāha mānuṣavad vācam etat pṛṣṭo vadasva me

„Janamejaya sprach: Wer ist jenes Wesen in Mungogestalt mit goldenem Haupt, das wie ein Mensch redete? Danach gefragt, sage es mir.“

Wort für Wort
nakularūpeṇa śirasā kāñcanena
in Mungogestalt, mit goldenem Haupt (Instr.)
mānuṣavad vācam
menschliche Rede (Akk.)

vaiśaṃpāyana uvāca etat pūrvaṃ na pṛṣṭo 'haṃ na cāsmābhiḥ prabhāṣitam śrūyatāṃ nakulo yo 'sau yathā vāg asya mānuṣī

„Vaiśaṃpāyana sprach: Danach wurde ich zuvor nicht gefragt, und auch von uns wurde es nicht ausgesprochen; so höre, wer jener Mungo ist und wie seine Rede menschlich wurde.“

Wort für Wort
śrūyatām
es sei gehört, höre (Imp. Pass.)
vāg asya mānuṣī
seine menschliche Rede (Nom.)

śrāddhaṃ saṃkalpayām āsa jamadagniḥ purā kila homadhenus tam āgāc ca svayaṃ cāpi dudoha tām

Einst, so heißt es, beschloss Jamadagni ein Totenopfer; die Opferkuh kam zu ihm, und er selbst melkte sie.

Wort für Wort
śrāddhaṃ saṃkalpayām āsa
er beschloss ein Totenopfer (periphr. Perf.)
homadhenuḥ
die Opferkuh (Nom.)

śrāddha: das Totenopfer für die Ahnen (Pitṛs). Jamadagni: der Vater Paraśurāmas, einer der großen vedischen Seher aus dem Geschlecht der Bhṛgus.

tat kṣīraṃ sthāpayām āsa nave bhāṇḍe dṛḍhe śucau tac ca krodhaḥ svarūpeṇa piṭharaṃ paryavartayat

Diese Milch stellte er in einem neuen, festen, reinen Gefäß ab; da stürzte Krodha in eigener Gestalt den Topf um.

Wort für Wort
nave bhāṇḍe dṛḍhe śucau
in einem neuen, festen, reinen Gefäß (Lok.)
krodhaḥ svarūpeṇa
Krodha in eigener Gestalt (Nom. + Instr.)

Krodha (‚der Zorn‘) tritt hier als personifiziertes Wesen auf, wie in der epischen Dichtung häufig Leidenschaften und Kräfte als eigenständige Gestalten handeln.

jijñāsus tam ṛṣiśreṣṭhaṃ kiṃ kuryād vipriye kṛte iti saṃcintya durmedhā dharṣayām āsa tat payaḥ

In der Absicht zu erproben, was wohl der beste der Seher täte, wenn ihm ein Unrecht widerführe, verunreinigte der Unweise, dies bedenkend, jene Milch.

Wort für Wort
jijñāsuḥ
der zu erfahren wünschte (Desiderativ-Nom.)
durmedhāḥ
der Unweise (Nom., Krodha selbst)

tam ājñāya muniḥ krodhaṃ naivāsya cukupe tataḥ sa tu krodhas tam āhedaṃ prāñjalir mūrtimān sthitaḥ

Als der Weise diesen Krodha erkannte, wurde er dennoch nicht zornig auf ihn; da sprach jener Krodha, in verkörperter Gestalt vor ihm stehend, mit gefalteten Händen zu ihm dies:

Wort für Wort
naivāsya cukupe
er wurde nicht zornig auf ihn (Perf.)
mūrtimān prāñjaliḥ sthitaḥ
in verkörperter Gestalt, mit gefalteten Händen dastehend (Ptz.)

jito 'smīti bhṛguśreṣṭha bhṛgavo hy atiroṣaṇāḥ loke mithyāpravādo 'yaṃ yat tvayāsmi parājitaḥ

„Besiegt bin ich, o bester der Bhṛgus – denn die Bhṛgus gelten in der Welt als überaus jähzornig; eine Lüge ist es, dass ich von dir besiegt worden sei.

Wort für Wort
bhṛguśreṣṭha
bester der Bhṛgus (Vok., Anrede an Jamadagni)
atiroṣaṇāḥ
überaus jähzornig (Adj. Pl.)

Krodha spielt darauf an, dass er als personifizierter Zorn erwartet hätte, den ebenfalls dem Bhṛgu-Geschlecht entstammenden, für Jähzorn bekannten Jamadagni zu erzürnen – was dieser aber gerade nicht zulässt.

so 'haṃ tvayi sthito hy adya kṣamāvati mahātmani bibhemi tapasaḥ sādho prasādaṃ kuru me vibho

So stehe ich heute vor dir, dem geduldigen Hochgesinnten; ich fürchte deine Askesekraft, o Guter; erweise mir Gnade, o Mächtiger.“

Wort für Wort
kṣamāvati mahātmani
vor dem geduldigen Hochgesinnten (Lok.)
bibhemi tapasaḥ
ich fürchte die Askesekraft (Gen. nach bhī)

janamejaya uvāca sākṣād dṛṣṭo 'si me krodha gaccha tvaṃ vigatajvaraḥ na mamāpakṛtaṃ te 'dya na manyur vidyate mama

„Sichtbar leibhaftig bist du mir erschienen, Krodha; geh nun, frei von Unruhe; du hast mir heute kein Unrecht getan, kein Zorn ist in mir.

Wort für Wort
vigatajvaraḥ
frei von Fieber/Unruhe (Adj., Vok.)
na manyur vidyate mama
kein Zorn ist in mir vorhanden

[?] Die Quelle weist diese Rede fälschlich mit der Sprecherformel ‚janamejaya uvāca‘ aus; nach dem Sinn des Textes kann hier aber nur Jamadagni sprechen, der den vor ihm stehenden Krodha anredet – Janamejaya befindet sich außerhalb dieser eingebetteten Erzählung. Es handelt sich offenbar um eine Verwechslung der Sprecherformel in der Textüberlieferung; die Übersetzung folgt daher der erzählerisch zwingenden Zuordnung an Jamadagni.

yān uddiśya tu saṃkalpaḥ payaso 'sya kṛto mayā pitaras te mahābhāgās tebhyo budhyasva gamyatām

Diejenigen, für die ich die Widmung dieser Milch vollzogen habe, meine hochgesegneten Vorfahren – von ihnen sollst du Verständnis erlangen; geh zu ihnen.“

Wort für Wort
saṃkalpaḥ kṛtaḥ
die Widmung wurde vollzogen (Nom. + Ptz.)
pitaraḥ mahābhāgāḥ
die hochgesegneten Vorfahren, Pitṛs (Nom. Pl.)

ity ukto jātasaṃtrāsaḥ sa tatrāntaradhīyata pitṝṇām abhiṣaṅgāt tu nakulatvam upāgataḥ

Als so gesprochen war, von Schrecken ergriffen, verschwand er dort; doch durch die Berührung/den Fluch der Ahnen gelangte er in den Zustand eines Mungos.

Wort für Wort
jātasaṃtrāsaḥ
von Schrecken ergriffen (Ptz. Nom.)
nakulatvam upāgataḥ
er gelangte in den Zustand eines Mungos (Ptz. + Akk.)

abhiṣaṅga: hier im Sinne eines durch Berührung mit der verunreinigten Opfermilch der Ahnen wirksam gewordenen Fluches.

sa tān prasādayām āsa śāpasyānto bhaved iti taiś cāpy ukto yadā dharmaṃ kṣepsyase mokṣyase tadā

Er versuchte, die Ahnen zu besänftigen, damit das Ende des Fluches komme; und von ihnen wurde ihm gesagt: „Wenn du Dharma berührst, dann wirst du erlöst sein.“

Wort für Wort
śāpasyānto bhaved
damit das Ende des Fluches komme (Opt.)
dharmaṃ kṣepsyase
du wirst Dharma berühren (Fut. Med.)

Ein Wortspiel kündigt sich hier an: ‚Dharma‘ meint zugleich die rechte Ordnung und – wie sich in Vers 14 zeigt – konkret Yudhiṣṭhira, den ‚Sohn des Dharma‘ (Dharmaputra).

taiś cokto yajñiyān deśān dharmāraṇyāni caiva ha jugupsan paridhāvan sa yajñaṃ taṃ samupāsadat

Von ihnen so belehrt, mied er, während er umherlief, die Opferstätten und die Dharma-Wälder, bis er sich schließlich jenem Opfer näherte.

Wort für Wort
jugupsan
meidend/verabscheuend (Ptz.)
yajñaṃ taṃ samupāsadat
er näherte sich jenem Opfer

dharmaputram athākṣipya saktuprasthena tena saḥ muktaḥ śāpāt tataḥ krodho dharmo hy āsīd yudhiṣṭhiraḥ

Da berührte er den Sohn des Dharma mit jenem Prastha an Mehlbrei, und so wurde jener Krodha vom Fluch befreit – denn Yudhiṣṭhira war ja Dharma selbst.

Wort für Wort
dharmaputram akṣipya
nachdem er den Sohn des Dharma berührt hatte (Absol.)
saktuprasthena
mit dem Prastha [Hohlmaß] an Mehlbrei (Instr.)

Dharmaputra: Yudhiṣṭhira, ‚Sohn des Dharma‘ – hier wird die Weissagung aus Vers 12 erfüllt.

evam etat tadā vṛttaṃ tasya yajñe mahātmanaḥ paśyatāṃ cāpi nas tatra nakulo 'ntarhitas tadā

So geschah dies damals bei dem Opfer jenes Hochgesinnten; und vor unseren eigenen Augen verschwand der Mungo dort.

Wort für Wort
tasya yajñe mahātmanaḥ
bei dem Opfer jenes Hochgesinnten (Lok.)
paśyatāṃ naḥ
vor unseren Augen (Gen. abs.)

Mit diesem Vers schließt Vaiśaṃpāyanas Erzählung der Mungo-Episode und zugleich das gesamte Aśvamedhikaparva.

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