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Mahābhārata · Āśvamedhikaparva

Kapitel 26: antaryāmiguruvādaḥ / prajāpatipannagasaṃvādaḥ Die Lehre vom inneren Lehrmeister; die Zusammenkunft bei Prajāpati

brāhmaṇa uvāca ekaḥ śāstā na dvitīyo 'sti śāstā; yathā niyukto 'smi tathā carāmi hṛdy eṣa tiṣṭhan puruṣaḥ śāsti śāstā; tenaiva yuktaḥ pravaṇād ivodakam

'Der Brahmane sprach: Einer ist der Lehrmeister, kein zweiter Lehrmeister gibt es; wie ich angewiesen bin, so handle ich - dieser im Herzen weilende Puruṣa gebietet als Lehrmeister; mit ihm allein vereint, fließe ich wie Wasser den Abhang hinab.'

Wort für Wort
pravaṇāt
vom Abhang, Gefälle (Abl. Sg., m.)

Neuer Lehrabschnitt innerhalb der Rede des Ehemannes: die Lehre vom einen inneren Lehrmeister (Puruṣa im Herzen), in den folgenden vier Versen auf Guru, Verwandten, Hörenden und Hassenden ausgeweitet.

eko gurur nāsti tato dvitīyo; yo hṛcchayas tam aham anubravīmi tenānuśiṣṭā guruṇā sadaiva; parābhūtā dānavāḥ sarva eva

'Einer ist der Guru, kein zweiter existiert außer ihm; ihn, der im Herzen liegt, verkünde ich; von diesem Guru stets zurechtgewiesen, wurden alle Dānavas überwunden.'

Wort für Wort
hṛcchayaḥ
im Herzen liegend (Nom. Sg., m., Kompositum)

eko bandhur nāsti tato dvitīyo; yo hṛcchayas tam aham anubravīmi tenānuśiṣṭā bāndhavā bandhumantaḥ; saptarṣayaḥ sapta divi prabhānti

'Einer ist der Verwandte, kein zweiter existiert außer ihm; ihn, der im Herzen liegt, verkünde ich; von ihm zurechtgewiesen, sind die verwandtschaftlich Verbundenen wahrhaft verwandt - so leuchten die sieben Ṛṣis am Himmel.'

Wort für Wort
bandhumantaḥ
wahrhaft verwandt, mit Verwandtschaft versehen (Nom. Pl., m.)

ekaḥ śrotā nāsti tato dvitīyo; yo hṛcchayas tam aham anubravīmi tasmin gurau guruvāsaṃ niruṣya; śakro gataḥ sarvalokāmaratvam

'Einer ist der Hörende, kein zweiter existiert außer ihm; ihn, der im Herzen liegt, verkünde ich; nachdem er bei diesem Guru den Schüleraufenthalt vollzogen hatte, erlangte Śakra die Unsterblichkeit in allen Welten.'

Wort für Wort
guruvāsam
den Schüleraufenthalt beim Lehrer (Akk. Sg., m.)

eko dveṣṭā nāsti tato dvitīyo; yo hṛcchayas tam aham anubravīmi tenānuśiṣṭā guruṇā sadaiva; lokadviṣṭāḥ pannagāḥ sarva eva

'Einer ist der Hassende, kein zweiter existiert außer ihm; ihn, der im Herzen liegt, verkünde ich; von diesem Guru stets zurechtgewiesen, sind dennoch alle Schlangen der Welt verhasst.'

Wort für Wort
lokadviṣṭāḥ
der Welt verhasst (Nom. Pl., m., Kompositum)

Im Unterschied zu V002-004 (positive Beispiele gelungener innerer Führung) bildet dieser Vers ein negatives Gegenbeispiel: trotz derselben inneren Führung bleiben die Schlangen, ihrer hassenden Natur wegen, der Welt verhasst - eine Vorausdeutung auf die folgende Itihāsa (V006-018), in der die Schlangen ebenfalls die problematische der vier Reaktionen zeigen.

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam prajāpatau pannagānāṃ devarṣīṇāṃ ca saṃvidam

'Auch hierzu führt man dieses uralte Itihāsa an - die Zusammenkunft der Schlangen und der Götterweisen bei Prajāpati.'

Wort für Wort
saṃvidam
die Zusammenkunft, Übereinkunft (Akk. Sg., f.)

devarṣayaś ca nāgāś ca asurāś ca prajāpatim paryapṛcchann upāsīnāḥ śreyo naḥ procyatām iti

'Die Götterweisen, die Schlangen und die Asuras umsaßen Prajāpati und fragten ihn: Unser Heil möge uns verkündet werden.'

Wort für Wort
upāsīnāḥ
dasitzend, umsitzend (Nom. Pl., m., Partizip Präs. Med.)

teṣāṃ provāca bhagavāñ śreyaḥ samanupṛcchatām om ity ekākṣaraṃ brahma te śrutvā prādravan diśaḥ

'Ihnen, die nach ihrem Heil fragten, antwortete der Erhabene: OM - die einsilbige Brahman-Silbe. Als sie dies gehört hatten, liefen sie in die Himmelsrichtungen davon.'

Wort für Wort
prādravan
sie liefen davon (3. Pl. Impf., pra-√dru)

Diese Szene erinnert strukturell an die berühmte Prajāpati-Parabel der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (5.2.1-3), wo Götter, Menschen und Asuras je die Silbe 'da' hören und verschieden deuten (damyata/datta/dayadhvam); hier tritt an ihre Stelle die Silbe OM, während die vier resultierenden Verhaltensweisen (V009-010: daṃśa 'Biss', dambha 'Trug', dāna 'Geben', dama 'Selbstbeherrschung') auffälligerweise sämtlich mit der Lautfolge 'da-' beginnen - ein möglicher Nachklang der ursprünglichen Lautspielerei.

teṣāṃ prādravamāṇānām upadeśārtham ātmanaḥ sarpāṇāṃ daśane bhāvaḥ pravṛttaḥ pūrvam eva tu

'Bei ihnen, die davonliefen, entstand, um sich selbst zu belehren, bei den Schlangen von vornherein die Neigung zum Beißen.'

Wort für Wort
daśane
im Beißen, Biss (Lok. Sg., n.)

asurāṇāṃ pravṛttas tu dambhabhāvaḥ svabhāvajaḥ dānaṃ devā vyavasitā damam eva maharṣayaḥ

'Bei den Asuras aber entstand die ihrer Natur entspringende Neigung zum Trug; die Götter entschieden sich für das Geben, die großen Ṛṣis eben für die Selbstbeherrschung.'

Wort für Wort
svabhāvajaḥ
der eigenen Natur entsprungen (Nom. Sg., m.)

ekaṃ śāstāram āsādya śabdenaikena saṃskṛtāḥ nānā vyavasitāḥ sarve sarpadevarṣidānavāḥ

'Obwohl sie sich an einen einzigen Lehrmeister gewandt hatten und durch einen einzigen Laut geprägt worden waren, entschieden sich Schlangen, Götter, Ṛṣis und Dānavas alle auf verschiedene Weise.'

Wort für Wort
saṃskṛtāḥ
geprägt, geformt (Nom. Pl., m., Partizip Perfekt Passiv)

Hier zeigt sich die Nähe zur Bṛhadāraṇyaka-Parabel am deutlichsten: eine einzige Lehrsilbe, vierfach unterschiedlich verstanden.

śṛṇoty ayaṃ procyamānaṃ gṛhṇāti ca yathātatham pṛcchatas tāvato bhūyo gurur anyo 'numanyate

'Dieser innere Puruṣa hört, was gesprochen wird, und erfasst es der Wahrheit gemäß; wenn so viele fragen, wird dennoch immer wieder ein anderer, äußerer Lehrer anerkannt.'

Wort für Wort
yathātatham
der Wahrheit gemäß, wie es wirklich ist (Adv.)

Rückkehr zur allgemeinen Lehre vom inneren Lehrmeister (Anknüpfung an V001-005) nach Abschluss der Itihāsa.

tasya cānumate karma tataḥ paścāt pravartate gurur boddhā ca śatruś ca dveṣṭā ca hṛdi saṃśritaḥ

'Erst mit dessen Zustimmung setzt sich danach das Handeln in Gang; Lehrmeister, Erkennender, Feind und Hassender - alle sind sie im Herzen angesiedelt.'

Wort für Wort
saṃśritaḥ
angesiedelt, ansässig (Nom. Sg., m., Partizip Perfekt)

pāpena vicaraṃl loke pāpacārī bhavaty ayam śubhena vicaraṃl loke śubhacārī bhavaty uta

'Wer sich in der Welt in Übel bewegt, wird zum Übeltäter; wer sich hingegen in der Welt im Guten bewegt, wird zum Guttäter.'

Wort für Wort
pāpacārī
der Übeltäter (Nom. Sg., m.)

kāmacārī tu kāmena ya indriyasukhe rataḥ vratavārī sadaivaiṣa ya indriyajaye rataḥ

'Wer am Sinnesgenuss Gefallen findet, ist durch sein Begehren ein dem Begehren Folgender; wer hingegen an der Bezwingung der Sinne Gefallen findet, ist stets ein Gelübdehalter.'

Wort für Wort
indriyajaye
an der Bezwingung der Sinne (Lok. Sg., m.)

apetavratakarmā tu kevalaṃ brahmaṇi śritaḥ brahmabhūtaś caraṃl loke brahmacārī bhavaty ayam

'Wer aber, aller Gelübde und Werke ledig, sich einzig im Brahman aufhält, zum Brahman geworden in der Welt wandelt - dieser wird zum wahrhaften Brahmacārin.'

Wort für Wort
apetavratakarmā
aller Gelübde und Werke ledig (Nom. Sg., m., Bahuvrīhi)

Zentrale Umdeutung: wahres 'Brahmacarya' (wörtl. 'Keuschheits-/Schülerwandel') wird hier nicht als Regelbefolgung, sondern als vollständiges Aufgehen im Brahman verstanden.

brahmaiva samidhas tasya brahmāgnir brahmasaṃstaraḥ āpo brahma gurur brahma sa brahmaṇi samāhitaḥ

'Brahman selbst ist ihm das Brennholz, Brahman das Feuer, Brahman die Opferstreu, Brahman die Wasser, Brahman der Lehrmeister - er ist im Brahman gesammelt.'

Wort für Wort
samāhitaḥ
gesammelt, vertieft (Nom. Sg., m., Partizip Perfekt Passiv)

Sämtliche Requisiten des äußeren vedischen Opfers (Brennholz, Feuer, Opferstreu, Weihwasser, Lehrmeister) werden hier durchweg mit Brahman gleichgesetzt.

etad etādṛśaṃ sūkṣmaṃ brahmacaryaṃ vidur budhāḥ viditvā cānvapadyanta kṣetrajñenānudarśinaḥ

'Dieses derartig feine Brahmacarya kennen die Weisen; und nachdem sie es erkannt hatten, folgten sie ihm nach, durchdrungen von der Einsicht des Feld-Kenners.'

Wort für Wort
kṣetrajñena
durch den Feld-Kenner (Instr. Sg., m., Sāṃkhya-Terminus)

Abschluss des Kapitels; 'kṣetrajña' ('Feld-Kenner', der die Materie als 'Feld' erkennende Geist/das Selbst) ist ein Standardbegriff der Sāṃkhya-Terminologie.

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